Alla Hopp - Stadtkommune

Die KommunardInnen von ALLA HOPP in der Bauphase
Die KommunardInnen von ALLA HOPP in der Bauphase

1992. Irgendwo in Süddeutschland. Eine Gruppe von FreundInnen debattiert über kritische Theoriebildung bis hin zu großen Lebens-Entwürfen und startet das Projekt „Alla Hopp“ mit dem Ziel, eine Stadtkommune zu gründen. Fast alle haben am Anfang in Heidelberg studiert oder eine Ausbildung gemacht. 9 FrauenLesben, 7 Männer und 2 Kinder, die überwiegend aus feministisch-autonomen, autonomen, antipatriarchalen sowie Graswurzelzusammenhängen stammen.

„Wir hatten keinen Bock, auseinander zu gehen“ berichtet Petra „und wollten unsere Freundschaft erhalten. Später sind Leute gegangen und andere dazu gekommen; wir haben dann viele Jahre über mehrere Städte verstreut gewohnt: Berlin, Mainz, Marburg, Hamburg, Heidelberg, Köln und Bremen.“
Die Gruppe hat sich ein Wochenende im Monat getroffen, Inhalte geplant, festgelegt und entschieden, in die Stadt zu ziehen, um alltägliches Wohnen und Leben kollektiv, gleichberechtigt, solidarisch und ökologisch zu gestalten.
„Ursprünglich hatten wir vor, ins Umland von Bremen zu ziehen, weil es dort eher große bezahlbare Häuser gibt. Doch dann wurde uns klar, dass dies bei dem von uns intensiv gelebten politischen, persönlichen und auch sonstigen Bezug auf Leute und Gruppen in Bremen bedeuten würde, dass das Haus auf dem Land ziemlich oft leer stünde. Und so haben wir uns dann entschieden, in der Stadt nach einem Haus zu suchen.“

Inspiriert von unter anderem dem „Projekt A“(1)werden Ideen von gegenseitiger Hilfe, Selbstorganisation, alternativem Leben und Wohnen aufgegriffen und weiter entwickelt, um kapitalistischen, patriarchalen, rassistischen und anderen Gewaltverhältnissen Widerstand entgegenzusetzen. 1998 wurde eine ehemalige Bonbonfabrik in der Bremer Neustadt gekauft und in vierjähriger Bauzeit gemäß bauökologischer Richtlinien aus- und umgebaut. Hier stehen den KommunardInnen 22 Zimmer, mehrere Küchen und Bäder, ein großer Gemeinschaftsraum (inklusive großer Küche), Veranstaltungs- und Treffensräumlichkeiten sowie ein großer Garten zur Verfügung. Später wurde in der unmittelbaren Nachbarschaft ein weiteres Objekt gekauft. Die KommunardInnen lehnen Privateigentum an Immobilien ab, die Objekte gehören der von ihnen gegründeten Genossenschaft WiSe e.G. (Wohnen in Selbstverwaltung).
Nach anfänglich regem Personenwechsel ist die Projektgruppe dann relativ stabil und arbeitet kontinuierlich daran, ihre Perspektiven tatsächlich zu verwirklichen und ein Lebensmodell zu erschaffen, das anarchistische, politische Ideen und Philosophien ebenso wie politischen Aktivismus in den Alltag einbindet.
Ich unterhielt mich mit den beiden Kommunardinnen Petra und Franzis in einer der vielen Etagenküchen über die Alla Hopp-Historie, politisches-solidarisches Denken und Handeln und genoss die gemütliche Alla Hopp-Atmosphäre.

Bei meinen Recherchen habe ich einen Artikel gelesen, in dem euch eine Frau besucht hat und nicht ganz vorurteilsfrei berichtet : „Sie sind jung, links, unordentlich, radikal und wirklich schlau, dazu noch nett!“ Hast du als Kommunardin mit Vorurteilen zu kämpfen?
    Franzis: Wenn ich den Artikel richtig in Erinnerung habe, dann glaube ich nicht, dass das Vorurteile waren, das war eher ihr Resümee. Denn wir sind links, unordentlich...und auch nett! Sie ist davon ausgegangen, wir sind dogmatische Leute und war dann erstaunt, wie wir tatsächlich sind. Sie hat in dem Artikel ihr eigenes Leben und ihren Alltag reflektiert und mit unserem verglichen.
Zu den Vorurteilen: Ich denke, gerade weil wir als Gruppe schon lange und kontinuierlich zusammen leben und viele uns seit Jahren kennen, bieten wir nach Außen wenig Projektionsflächen; außerdem haben sich die Bilder und Vorurteile über Kommunen und Kommunard*innen über die Jahre gesellschaftlich verändert.

Wie ist das KommunardInnenleben im Alltag und was unterscheidet es von dem einer klassischen WG?
    Petra: Nun, ein zentraler Unterschied ist, dass wir unser Geld teilen und unsere Leben dadurch ganz anders miteinander verwoben sind, als wenn wir alle individuell wirtschaften würden. Dazu kommt, dass unsere Lebensform sehr langfristig angelegt ist, weshalb wir uns auch mit einer anderen Verbindlichkeit begegnen als dies in den meisten WGs der Fall ist. Ansonsten sieht das alltägliche Leben so aus, dass wir in kleineren Einheiten wohnen und alle ein eigenes Zimmer haben; alle Einheiten haben eigene Küchen, wobei es sehr unterschiedlich ist, wie diese genutzt werden. Fast jeden Abend gibt es unten in der Gemeinschaftsküche Essen für alle; unsere Gruppentreffen sind alle 2 – 3 Wochen, aber natürlich kommunizieren wir auch zwischendurch miteinander. Ich habe das Gefühl, das hier ist mein Zuhause, auch wenn sich die Gruppe immer mal wieder verändert, größer und kleiner wird.

«Das war auch ein wichtiges Qualitätsmerkmal, dass wir auch ohne Haus als Gruppe insgesamt 4 Jahre lang Ideen entwickelt und diskutiert haben»; Franzis

Was hat dich denn politisiert? Was hat dich dazu bewegt, eine Kommune zu gründen?
    Petra: Ich war als Schülerin Klassensprecherin, habe mich für Demos in unserer Kleinstadt interessiert. Aber es gibt nicht etwas Eindeutiges, wo ich festmachen kann, dieses oder jenes hat mich jetzt politisiert. Die Entscheidung, zusammen zu leben und zu arbeiten, kam aus dem Zusammenhang heraus, als FreundInnen nicht auseinander gehen zu wollen.
    Franzis: Ich habe mit einigen Menschen, mit denen ich dann 1994 zu der von Petra mitgegründeten Kommunegruppe dazu gestoßen bin, schon vorher beschlossen, dass wir später kollektiv zusammen leben möchten. Und dann habe ich Petra kennengelernt. Wir waren in einer Finanz-Coop, in der wir unser Geld geteilt haben, um Ungleichheiten auszugleichen, und in einer FrauenLesben-Gruppe. Petra hat öfter von der Kommunegründungsgruppe erzählt, und dann sind wir zu dem offenen Treffen gekommen, fanden die anderen und ihr Herangehen sympathisch und sind dabei geblieben. Wir haben auf den Treffen viel diskutiert und uns auch persönlich immer besser kennen gelernt. Das war auch ein wichtiges Qualitätsmerkmal, dass wir auch ohne Haus als Gruppe insgesamt 4 Jahre lang Ideen entwickelt und diskutiert haben.

Für den Hauskauf der alten Bonbonfabrik habt ihr eine Genossenschaft gegründet. Bedeutet das, ihr seid Mitglieder in einer Solidargemeinschaft?
    Petra: Wir waren auf der Suche nach einer Rechtsform, die gemeinsamen Besitz an Wohneigentum ermöglicht und haben deshalb vor dem Hauskauf die Genossenschaft gegründet. Wir wollten auf keinen Fall, dass eine Person mit ihrem Namen das Haus kauft und diese es offiziell auf dem Papier besitzt. Wir wollen aber nicht darauf hinaus, dass ALLA HOPP als eine Genossenschaft definiert wird. Damit haben wir uns nicht identifiziert. ALLA HOPP ist unsere Kommune jenseits der Rechtsform Genossenschaft. Wir haben uns in dieser Gründungsphase viel mit anderen Gruppen beraten, z.B. Kommunen und dem Mietshäuser-Syndikat.

Ihr habt ja eine gemeinsame Kasse, in die alle reintun, was sie haben und rausnehmen, was sie brauchen. Vermögen bzw. Schulden werden ebenfalls kollektiviert. Das klingt nach einem großen Verwaltungsaufwand. Wie wird das Finanzwesen im ALLA HOPP geregelt?
    Petra: Fast alle haben ihr eigenes Konto behalten, weil es in unserem Wirtschaftssystem einfacher ist, wenn mensch ein solches hat, z.B. für Überweisungen von Lohn, Kindergeld, Versicherungsbeiträgen etc.
Alles, was nicht direkt vom Konto abgezogen wird, heben wir bar ab und liefern es bei den zwei VerwalterInnen der gemeinsamen Kasse ab. Dann landet es auf unserem gemeinsamen Konto oder nach und nach in der Barkasse. Aus der Barkasse nehmen wir uns das Geld raus, das wir im Alltag brauchen.

Und das funktioniert reibungslos?
    Franzis: Das hat sich bei uns mit der Zeit so eingespielt, weil wir als konstante Gruppe diese finanzielle Kollektivität und Solidarität schon lange praktizieren.
    Petra: Es gab deswegen schon den ein oder anderen Konflikt, aber es ist bei uns kein großes Thema.
    Franzis: Die Intention dahinter ist: Ich wirtschafte nicht für mich, ich wirtschafte mit den anderen. Ob ich mir jetzt eine neue Hose kaufe, ob ich in Urlaub fahre oder einer Freundin was schenke, mache ich nicht davon abhängig, wie viel Geld ich selbst erwirtschafte, sondern davon, wieviel Geld wir als Gruppe haben.

Bibliothek
Bibliothek

Gibt es denn außer dem Finanzwesen weitere Aufgabenfelder, die verteilt werden?
    Petra: Wir haben keine festen Pläne, aber Leute, die Verantwortung für bestimmte Bereiche übernehmen. Zum Beispiel bin ich zusammen mit einem weiteren Kommunarden die Motten-Beauftragte. Wir haben einen großen Dachboden, wo Leute ihre Winterpullis hinlegen und da flattern die Motten besonders gerne.
    Franzis: Die beiden haben das gut im Griff.
    Petra: Des Weiteren habe ich jahrelang zusammen mit einer Kommunardin die privaten Darlehen verwaltet.
    Franzis: Ich bin die Auto-Beauftragte und kümmere mich um Wartung, anstehende Reparaturen etc. Wir haben Leute, die kümmern sich um Altpapier, dann Leute, die regelmäßig den Grundeinkauf machen, ein Team, die sich um die Fenster und Heizung kümmern, Menschen die die Genossenschaft verwalten...Du kannst aber auch jeder Zeit sagen, dass du dein Amt nicht mehr ausführen möchtest.

«Wir sind eine stabile Gruppe, das ist gut und entspannend»; Petra


Motten und Autos führen mich zum nächsten Punkt. Wie gestaltet ihr denn ökologisches Handeln im Alltag?
    Franzis: Wir nutzen öffentliche Verkehrsmittel, das Rad oder gehen zu Fuß. Die Gemeinschaftsautos nutzen wir meist nur zum Transport von Dingen oder um an Orte zu kommen, wo mensch ansonsten nicht hinkommt; oft sind sie auch bei Aktionen und überregionalen Camps im Einsatz. In erster Linie sind wir eine Radfahrkommune. Das war auch der Grund, warum wir nicht aufs Land wollten, wo wir ständig das Auto hätten benutzen müssen. Wir haben den Beschluss, innerhalb von Europa nur in gut begründeten Ausnahmefällen das Flugzeug zu benutzen. Darüber hinaus kaufen wir ökologisch erzeugte Produkte, verzichten so gut es geht auf Verpackungen...
Das Haus ist ökologisch gebaut. Wir haben eine gute Dämmung...
    Petra: ...und ein innovatives Heizungssystem. Ein Kommunarde ist auf diesem Gebiet ein Experte.
    Franzis: Viele von uns gucken erst mal, ob sie das, was sie brauchen, gebraucht bekommen, ehe sie was Neues anschaffen.

Alla Hopp ist eine vergleichsweise stabile Kommune. Was sind denn die Vor- und Nachteile dieser Kontinuität?
    Petra: Wir sind eine stabile Gruppe, das ist gut und entspannend. Es ist bestimmt nicht immer leicht für Neue dazuzukommen, und so ist es vielleicht auch kein Zufall, dass diejenigen, die  hier zuletzt eingezogen sind, auch nach 2, 4 oder 6 Jahren wieder ausgezogen sind, während von denen,  die von Anfang an dabei waren fast alle immer noch hier sind.
Was waren denn die Gründe für den Ausstieg?
    Franzis: Es gab z.B. welche, die wollten sich nicht auf Bremen als Wohn- und Lebensort festlegen, welche, die mit ihrer Liebesbeziehung leben wollten, andere, denen war es zu anstrengend, mit so vielen Leute zusammen zu leben. Es gab welche, die gemerkt haben, dass sie lieber versuchen möchten, selber mit anderen Leuten ein Projekt zu gründen als in einer Gruppe zu leben, in der sich vieles über die Jahre schon eingespielt hat.

Die Küche
Die Küche

Seid ihr dennoch eine eingeschworene Gruppe, bei der es Außenstehenden schwer fällt, reinzukommen?
    Petra: Das empfinde ich nicht so. Im Gegenteil: Wir sind kein abgeschlossener Zirkel und niemand von Außen darf hier rein. Wir alle – groß und klein – haben FreundInnen und Bekannte, die hier regelmäßig herkommen und sich hier wohl fühlen. Und auch sonst nehmen Menschen auf verschiedene Weise an unserm Alltag teil, sei es, dass sie unsere Infrastruktur nutzen oder dass wir uns mit unseren politischen Gruppen und Zusammenhängen hier treffen. Wir waren zu Anfang eine Gruppe mit sehr engen Bezügen untereinander. Wie in allen Beziehungen verändert sich so was in den Jahren. Ich bin mit einigen KommunardInnen ganz eng befreundet, das hat etwas sehr wertvolles für mich. Gleichzeitig hat sich mein Verhältnis zu anderen KommunardInnen von früher etwas entfernt...
Franzis und ich  z.B.  haben früher im Alltag viel mehr Zeit miteinander verbracht.
Franzis: Und obwohl wir uns weniger treffen, trägt uns natürlich die lange gemeinsame Geschichte.

Findet ihr Euer Leben manchmal auch anstrengend, würdet ihr manchmal lieber mit weniger Menschen wohnen?
    Franzis: An manchen Tagen freue ich mich, wenn wenig Leute da sind. Aber eigentlich wohne ich gerne mit vielen Menschen zusammen und finde es auch schön, in einem Haus zu leben, in dem ich immer wieder – auch unerwartet – auf Gäste und BesucherInnen treffe. Und wenn ich meine Ruhe haben möchte, kann ich auf mein Zimmer gehen. Und wenn es mir auf meiner Etage zu trubelig ist oder ich z.B. Musik machen möchte, ohne von vielen gehört zu werden, dann suche ich mir irgendwo im Haus einen Raum, wo das möglich ist. Ich stelle mir immer mal die Frage: Bin ich hier glücklich oder will ich etwas anderes? Und bislang habe ich sie immer positiv beantwortet!

Wollt ihr denn noch als Gruppe wachsen und potentielle Kommunard*innen aufnehmen?
    Franzis: Wir suchen momentan nicht explizit nach neuen KommunardInnen. Es gibt immer wieder Interessensbekundungen und wir sind auch mit zwei Personen in einem sogenannten Interessiertenprozess.

Was sind denn die Aufnahme-Kriterien für potentielle Neu-KommunardInnen?
    Franzis: Grundsätzlich gilt, dass die Leute verbindlich langfristig hier leben wollen und mit der gemeinsamen Ökonomie was anfangen können, bereit sind Konflikte konstruktiv zu lösen und eben auch mit vielen Menschen zusammen zu leben. Und dann muss das Zwischenmenschliche passen, die Einstellung und die politische Grundhaltung.
    Petra: Ja, und dann gucken wir natürlich, ob das Zusammenleben im Alltag funktioniert. Um das herauszufinden wohnen die Interessierten vor der Entscheidung eine Weile in der Kommune, wobei es keine klaren Regeln gibt, wie lange dieses Probewohnen dauert.

Und was erwartet die potentiellen Neu-KommunardInnen hier?
    Franzis: Nun, das, was wir alles schon erzählt haben, also eine Gruppe von Menschen, die verbindlich und langfristig miteinander ihr Leben und ihren Alltag verbringen und für die der Kampf für andere Verhältnisse weiterhin ein zentrales Standbein ist. Es erwartet sie ein Alltag, in dem vieles schon geklärt ist, in dem aber auch immer wieder Neues entstehen kann.

Wie konfliktfähig bist du und wie werden Konflikte gelöst?
    Franzis: Wenn du mit Menschen zusammen lebst bleiben Konflikte nicht aus, und wenn dir etwas daran liegt, mit diesen Menschen in Kontakt zu bleiben und nicht gleich zu gehen, wenn es schwierig wird, dann muss mensch lernen, mit Konflikten umzugehen und – hier habe ich mit den Jahren einiges dazu gelernt - abzuschätzen, wo sich ein Konflikt lohnt und wo es besser ist, bestimmte Dinge einfach durchzuwinken. Nützlich ist außerdem, sich selbst relativ gut zu kennen und sich mit eigenen Macken, Verletzungen und Abgründen auseinandergesetzt haben – z.B. im Rahmen von Therapie, was relativ viele von uns getan haben. Hierdurch entstehen nicht nur innere Freiräume, vielmehr ist das auch eine gute Basis, um in Konflikten bei sich zu bleiben und die eigenen Handlungs- und Veränderungsmöglichkeiten zu reflektieren. Durch die Tatsache, dass uns allen viel daran liegt, in der Kommune leben zu bleiben, sind wir in gewisser Weise gezwungen zu versuchen, bei Konflikten Lösungen zu finden. Hier hat es sich in der Vergangenheit z.B. bewährt, wenn sich diejenigen, die den Konflikt haben, andere KommunardInnen als UnterstützerInnen dazu holen. Mit der Zeit haben sich bestimmte Formen für diese Unterstützung als besonders gut geeignet herausgestellt.

Im Clubraum
Im Clubraum

Was sind das für Konflikte?
    Franzis: Meist sind es persönliche Konflikte zwischen zwei – oder auch mehreren – Personen; der Grund können z.B. Beziehungstrennungen, Konflikte in nahen FreundInschaften oder unterschiedliche Interesse im Zusammenleben sein. Es ist auch schon passiert, dass Menschen gegenüber anderen aus der Gruppe mehr oder weniger große Bedürfnisse nach Abstand hatten. Hier unterstützt dann die Gruppe dabei, Wege zu finden, wie die 'Konfliktpartner' beide trotzdem gut in der Gruppe sein können und sucht nach Wegen, wie sich dieser Zustand perspektivisch wieder verändern kann.
 
Führt das Leben in einer großen Gemeinschaft dazu, den politischen Blick zu verwässern, Widerstand und Abgrenzung zur Gesellschaft aufzugeben und sich friedlich in einer Nische einzunisten?
    Franzis: Das kann ich klar mit Nein beantworten. Ich würde im Gegenteil sogar sagen, dass das Leben hier eher dazu führt, sich widerständig zu verhalten und politisch in Aktion zu bleiben. Zum Einen wegen der Infrastruktur hier im Haus, die es erlaubt, sich hier mit Gruppen zu treffen, Aktionsmaterial herzustellen und im Alltag einfach Absprachen treffen zu können. Wir informieren und motivieren uns gegenseitig. Ja, und ich bin z.B. mit drei anderen KommunardInnen in einem transnationalen Netzwerk - Afrique-Europe-Interact(2) – aktiv, und die koordinierende Rolle, die wir darin ausfüllen, können wir nur ausfüllen, weil wir zusammen in einer Kommune leben. Das betrifft nicht nur die Art und Weise, wie wir hier zusammen arbeiten können. Vielmehr meine ich damit auch den Umstand, dass die gesamte Gruppe unsere Aktivitäten mitträgt. Zum Einen durch aktive Unterstützung bei Aktionen und Ähnlichem, aber auch z.B. dadurch, dass für uns alle klar ist, dass politische Arbeit einen hohen Stellenwert hat, und dass nicht alle von uns ihren eigenen Lebensunterhalt erwirtschaften müssen. Rückblickend stelle ich immer wieder fest, dass sich die meisten anderen, die andere Lebenswege beschritten haben, aus einer bestimmten Form des politischen Engagements zurückgezogen haben und wir, die früher manchmal kritisch beäugt wurden, dabei geblieben sind.
    Petra: Wir bieten unseren Clubraum ja auch als Veranstaltungsraum an. Wir zeigen Filme, hier treffen sich Politgruppen, wir machen VoKü, ein Café. Wir sind aber auch außerhalb der eigenen Räumlichkeiten aktiv. Franzis Politgruppe hat z.B. im September mit anderen Gruppen zusammen die Wander-Ausstellung „Die 3.Welt im 2. Weltkrieg“(3) in der unteren Rathaus-Halle gezeigt. Eine außergewöhnliche Veranstaltung mit großem Begleitprogramm.

Tretet ihr denn auch als Kommune an die Öffentlichkeit?
    Petra: Wir stehen als Stadtkommune Alla Hopp immer wieder unter stadtpolitischen und manchmal auch bundesweiten politischen Aufrufen und Flugblättern, die wir gemeinsam gelesen und diskutiert haben.
    Franzis: Im Sommer veranstalten wir immer ein großes Sommerfest, wo auch viele Kinder und Jugendliche dabei sind.
    Petra: Zu diesem kommen über den Abend verteilt mehrere hundert Menschen. Auch die NachbarInnen bekommen eine Einladung.
Und was wird auf diesem Fest geboten?
    Franzis: Konzerte, Spiele, Party, Kinderprogramm; wir hatten auch schon mal ein Wasserballet und eine Planschtierregatta im Werdersee; wir von Afrique-Europe-Interact stellen immer unsere aktuellen Kampagnen vor.

Gibt es einen Austausch, ein vernetztes Wissen und Handeln mit anderen Kommunen?
    Petra: Wir bieten von Zeit zu Zeit Infoveranstaltungen über das Leben in Kommunen an und treffen uns immer wieder mit Kommunengründungs-Gruppen, um sie dabei zu unterstützen, auch wirklich zur Kommunegründung zu kommen. Auf diese Weise können wir unser Wissen und unsere Erfahrungen weitergeben und mit den Gruppen gemeinsam ihre eigenen Knackpunkte herausarbeiten.
    Franzis: Wir sind auch im sogenannten 'Kommuja-Netzwerk', dem Netzwerk politischer Kommunen(4). In diesem Zusammenhang gibt es regelmäßige überregionale Treffen, außerdem wird zweimonatlich reihum eine Zeitschrift produziert, in der sich einzelne Kommune vorstellen und in der für alle relevante Fragen diskutiert werden. Ein anderer Ort, wo wir uns einbringen sind die sogenannten 'Los geht's'-Treffen(5). Bei diesen geht es darum, dass sich Menschen treffen können, die Teil der Kommune-Szene werden möchten. Bei diesen Treffen entstehen immer wieder Gründungsgruppen; außerdem können die Teilnehmenden bestehende Kommune kennenlernen.

Alla Hopp im Internet:
http://www.losgehts.eu/?page_id=644

Anmerkungen:
(1) Projekt A: 1. Auflage. An-Archia, Wetzlar 1985 (2. Auflage 1992).
(2) http://www.afrique-europe-interact.net/
(3) Flyer: http://www.afrique-europe-interact.net/files/3w2w_bremen_flyer_screen_1.pdf
(4) Kommuja ist ein Netzwerk politischer Kommunen. „Wir wollen ein gleichberechtigtes Miteinander, Machtstrukturen lehnen wir ab. Wir wollen die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern und uns vom herrschenden Verrechnungs- und Besitzstandsdenken lösen.“
http://www.kommuja.de
(5) http://www.losgehts.eu/

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