· 

Gier nach Pelz: So leiden die Tiere in Europa

– Die Zustände in europäischen Pelzfarmen sind schockierend.
– Die EU-Regeln erlauben eine Haltung, die von vielen Tierschützern kritisiert wird.
– Die Pelzindustrie wirbt mit "gutem" Pelz aus Europa – unsere Recherchen kommen zu einem ganz anderen Ergebnis.
– Viele Verbraucher geben an, dass der Tierschutz beim Kauf von Pelzprodukten für sie keine wichtige Rolle spielt.

Bei Minusgraden läuft Pawel Rawicki von der Tierschutzorganisation "Open Cages" durch einen Wald in Polen. Zwischen den Bäumen liegt eine Pelzfarm. Hunderte Füchse und Marderhunde sitzen in engen Käfigen, die Pfoten auf Drahtgitter, sie haben kaum Platz sich umzudrehen. Futter und Wasser sind gefroren. Einige Tiere zeigen Verhaltensstörungen und zucken nervös hin und her.

Auf Nerzfarmen haben Pawel Rawicki und seine Kollegen noch Schlimmeres dokumentiert. Verletzte und tote Tiere, Kannibalismus und Mitarbeiter, die Nerze totprügeln. Pawel Rawicki sieht eine Tendenz: "Die Pelzindustrie in Polen hat sich den letzten Jahren stark entwickelt. Es gibt Investoren aus Holland und Dänemark. Polnische Nerzzüchter bauen immer neue Farmen. Auch das Geschäft mit Marderhunde hat leider einen großen Zuwachs."

Polen setzt auf Pelz

Polen ist für die Pelzindustrie in Europa ein wichtiger Wachstumsmarkt und inzwischen der zweitgrößte Produzent nach Dänemark. Etwa 800 Farmen gibt es landesweit. Die Tiere leben etwa sechs Monate, bis zur Zeit des Häutens. Nur die Zuchttiere bleiben länger auf der Farm. Das bedeutet bis zu drei Jahre Gefangenschaft in den engen Käfigen.

EU-Norm erlaubt winzige Käfige

Käfiggröße laut EU-Vorschrift
Käfiggröße laut EU-Vorschrift

Die winzigen Käfige in Polen verstoßen nicht gegen EU-Recht. Die Empfehlung des Europarates von 1999 sieht 0,8 Quadratmeter für einen Fuchs vor, ein Drittel davon für einen Nerz. Seither wurde das nicht angepasst. Vorstöße für strengere Regeln scheitern in der EU an den Interessen der Pelz produzierenden Länder, vor allem aus Skandinavien.

Werbung mit angeblichem Tierschutz

Die Pelzindustrie bewirbt mit Imagekampagnen den angeblich besseren Pelz aus Europa und bekommt Unterstützung von der Politik. In den Jahren 2014 und 2015 waren zwei Abgeordnete Schirmherren für Ausstellungen der Pelzindustrie mitten im EU-Parlament: Jens Rohde aus Dänemark und Nils Torvalds aus Finnland.

Die deutsche Tierschutzorganisation "Vier Pfoten" kritisiert, dass die Industrie nicht hinterfragt wird. "Es gibt keine offenen oder transparenten Farmen, es passiert alles hinter verschlossenen Türen. Keiner will, dass man das Tierleid sieht.", so Martin Rittershofen.

Regeln, die nicht eingehalten werden

Frank Schmidt von PETA sieht keine Besserungen bei den Pelzfarmen in Deutschland.
Frank Schmidt von PETA sieht keine Besserungen bei den Pelzfarmen in Deutschland.

Einige EU-Länder haben inzwischen Pelzfarmverbote oder strengere Vorgaben für die Haltung erlassen, auch Deutschland. Es gibt noch sechs Nerzfarmen, vor allem im Norden der Bundesrepublik. Die Farmer bekamen zehn Jahre Übergangszeit für größere Käfige mit feste Böden, Spielmöglichkeiten und Schwimmbecken. Doch sie setzen das nicht um, so der Vorwurf von Frank Schmidt von PETA Deutschland: "Wir haben auf allen deutschen Pelzfarmen diese schlimmen Zustände, dass die Züchter sich nicht an geltendes Recht halten, das heißt die Käfige sind immer noch auf dem Stand von vor fünf, sechs Jahren, wo sie hätten eigentlich aufrüsten müssen und das ist natürlich ein Skandal, dass so was noch erlaubt ist."

Pelzfarmverbot – Politik ist uneinig

Eigentlich wollte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, CSU, ein Pelzfarmverbot für Deutschland. Doch im vergangenen Jahr schrumpfte der Vorstoß zusammen, auf einen Katalog strengerer Haltungsvorgaben, die eigentlich bereits in der Verordnung existieren. Der Koalitionspartner SPD kritisiert das. Ute Vogt, SPD Vize-Fraktionschefin, sagt: "Es blockieren vor allem die Wirtschaftspolitiker aus CDU und CSU, aber es ist auch sonst in der CDU-Bundestagsfraktion eine gewisse Lobby, die sagt, wir brauchen wirtschaftliche Freiheit und da ist es offenbar ganz egal, dass es da um Lebewesen geht, die im Moment einfach unerträglich gequält werden."

Tierschutz beim Pelzkauf unwichtig

Pelz ist schick – kaum eine Jacke kommt ohne aus.
Pelz ist schick – kaum eine Jacke kommt ohne aus.

Bei den Kunden spielt der Tierschutz indes kaum eine Rolle. Aus einer bundesweiten Studie der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Ravensburg exklusiv für das ARD-Wirtschaftsmagazin "Plusminus" geht hervor: Mehr als 60 Prozent der befragten Echtpelz-Träger kauften gezielt Fell vom Tier, statt künstliches. 38 Prozent gaben an, der Echtpelz-Kauf sei keine Absicht gewesen. "Die wichtigsten Gründe sind Aussehen, Tragekomfort, wie es sich anfühlt, und Preis-Leistungs-Verhältnis.", fasst Studienleiter Bodo Möslein-Tröppner das Konsumentenverhalten zusammen.

Überrascht hat die Wissenschaftler: 76 Prozent der Kunden, die sich bewusst für echten Pelz entscheiden, kennen Medienberichte über Tierleid auf den Farmen. Doch der Tierschutz spielt bei der Kaufentscheidung kaum eine Rolle.

Bericht: Jan Zimmermann, Vanessa Lünenschloß

TV-Beitrag:

Gier nach Pelz: So leiden die Tiere in Europa | Video verfügbar bis 15.02.2018
Gier nach Pelz: So leiden die Tiere in Europa | Video verfügbar bis 15.02.2018

Kommentar schreiben

Kommentare: 0