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NinaMarie - Was für Land, welch ein Männer 12"

Jahresende. Schon wieder! Der Hund verkriecht sich unter dem Sofa, die ersten Notfälle mit abgerissenen Fingern werden eingeliefert, der Butler stolpert über das Bärenfell. Same procedure as every year! Wenn das Jahr sich neigt, stellen sich so manche die Frage: Was tun mit dem Abend?

Rambo Zambo oder Sylvester Alone? Zum Dinner for one gehören immer noch zwei und so kam es dereinst, dass zwei notorische Silvestermuffel sich zusammen taten auf der Suche Abendgestaltung ohne Bleigießen und Polonäse Blankenese. Statt zu böllern, lassen sie es seither lieber im Übungsraum krachen. So entsteht, nicht jedes Jahr, aber alle Jahre wieder, eine neue Veröffentlichung von Nina-Marie. Thomas Götz, seines Zeichens Trommler von den Beatsteaks und Marten Ebsen, bekannt als Gitarrist von Turbostaat, bilden diese Formation seit 2004. Musikalisch schwingen bei NinaMarie die Signale der musikalischen Mutterschiffe unvermeidlich mit. Dennoch verbinden sich hier musikalische Gewissheiten mit einem selten gewordenen Mut zu Melodie und Harmonien, die aber nie ins Süßliche kippen. Vielmehr drohen sie hier und da abzuschmieren und in einer Pfütze aus dem post-punkigem Lärm zu landen, aus dem sie erstanden sind. Die Texte scheinen sich auf der musikalischen Oberfläche zu spiegeln, vieles wirkt im Zusammenspiel wie ein erneuter Blick eines Zeitreisenden aus dem eigenen Jugendzimmer, in dem sich auf dem Plattenteller eben noch eine Scheibe von Dischord drehte, während im Hintergrund das Atomkraftwerk schon seinem eigenen Abschalttermin entgegen strahlt. Die Texte handeln vom Unbehagen im eige-nen Land und in der eigenen Sprache, von der Vergangenheit, von Gegenwart und Zu-kunft. Abwechselnd von Ebsen oder Götz gesungen, die auch die übrigen Instrumente einspielten, vereinen die Postpunker ehrliche Texte und ehrliche Musik zu einer neu ge-dachten Version von Poprock und befreien ganz nebenbei das Genre von seinem schlechten Ruf. (Diego Castro)