
Wie viele bereits wissen dürften, ist der Fehlfarben-Bassist Michael Kemner am 03.01.2026 im Alter von 72 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Schmerzlich vermisst wird er von den Menschen in Berlin und anderswo, die ihn persönlich kannten. Er war regelmäßiger Gast bei den Release-Veranstaltungen von DAS LECK, was uns sehr ehrte. Dieses Mal blieb sein Platz jedoch leer, als wir am ersten Mai unser neues Album „Die Wirtschaftsweisen“ herausbrachten. Dafür habe ich drei Wochen später die Gelegenheit, bei einem besonderen Event Abschied zu nehmen.
Michael Kemner gehörte zu jener Generation von Musikern, die den deutschen Punk und Postpunk nicht nach englischem Vorbild kopierten, sondern ihm eine eigene Sprache gaben. Als Bassist von DAF, Fehlfarben und später Mau Mau prägte er einige der wichtigsten Aufnahmen der späten siebziger und frühen achtziger Jahre – meist im Hintergrund, aber mit unverwechselbarer Wirkung.
Ende der siebziger Jahre lebte Kemner gemeinsam mit Kurt „Pyrolator“ Dahlke, Robert Görl und Wolfgang Spelmans in einer Wohngemeinschaft im sogenannten „Grün Inn“ in Gevelsberg-Silschede. Aus der
Jazzrock-Band You entstand dort ein neues musikalisches Projekt, das sich radikal von den Konventionen der Zeit lösen wollte. Statt virtuoser Ausuferung setzten die Musiker auf Reduktion,
Rhythmus und Energie. Aus diesem Umfeld entwickelte sich schließlich Deutsch Amerikanische Freundschaft, kurz DAF.
Ein prägender Moment war der Auftritt der britischen Band Wire im Düsseldorfer Ratinger Hof im November 1978. Wenig später stieß Gabi Delgado López zur Gruppe. In dieser Besetzung ging DAF 1979
nach London, wo für das Label Mute Records erste Aufnahmen entstanden. Zu ihnen gehörte auch „Kebabträume“, das Michael Kemner gemeinsam mit Kurt Dahlke mitkomponierte. Der Song schildert ein
Klima von Überwachung, Kontrolle und unterschwelliger Angst im damaligen West-Berlin und wird bis heute von einem markanten, trockenen Basslauf getragen, der zu den stilbildenden Momenten der
frühen deutschen Postpunk-Geschichte zählt.
Die Londoner Zeit blieb für Kemner jedoch nur eine kurze Episode. Gesundheitliche Probleme und persönliche Gründe führten dazu, dass er die Band überraschend verließ und ins Ruhrgebiet
zurückkehrte. Es war kein künstlerischer Bruch, sondern eine private Entscheidung, die zugleich den Weg für ein neues Kapitel öffnete.
Kurz darauf gehörte Michael Kemner zu den Gründungsmitgliedern von Fehlfarben. Gemeinsam mit Peter Hein, Thomas Schwebel, Uwe Bauer, Markus Oehlen, Kurt Dahlke und Frank Fenstermacher entstand
zunächst ein loses Projekt, das sich innerhalb kurzer Zeit zu einer der wichtigsten deutschen Bands der frühen achtziger Jahre entwickelte. Mit dem Album „Monarchie und Alltag“ schufen Fehlfarben
einen bis heute maßgeblichen Klassiker. Kemners Bassspiel gab Stücken wie „Militürk“, „Paul ist tot“ und „Ein Jahr (Es geht voran)“ ihre rhythmische Spannung und strukturelle Klarheit. Sein Stil
war präzise, beweglich und ökonomisch – niemals aufdringlich, aber stets unverzichtbar.
Der Erfolg der Band brachte zugleich Spannungen mit sich. Der Druck des Majorlabels EMI, unterschiedliche künstlerische Vorstellungen und Konflikte mit Teilen der Punkszene führten zu
Veränderungen innerhalb der Gruppe. Nach dem Ausstieg von Peter Hein verließ auch Michael Kemner 1981 Fehlfarben.
Gemeinsam mit Wolfgang Spelmans gründete er anschließend Mau Mau. Die Band veröffentlichte mehrere Singles und zwei Alben und entwickelte einen eigenständigen Stil zwischen Postpunk, Avantgarde
und Neuer Deutscher Welle. Während viele Zeitgenossen auf Anpassung oder Kommerz setzten, blieben Mau Mau kompromisslos und experimentierfreudig. Heute gilt die Gruppe als wichtiger, lange
unterschätzter Bestandteil der deutschen Underground-Geschichte.
In den neunziger Jahren kehrte Michael Kemner zu Fehlfarben zurück. Ohne großes Aufsehen, ohne nostalgische Inszenierung. Er wurde wieder Teil jener Band, deren Klang er von Anfang an mitgeprägt
hatte, und blieb bis zu seinem Tod ihr Bassist.
Michael Kemner stand selten im Mittelpunkt. Er suchte weder die große Bühne noch die öffentliche Aufmerksamkeit. Weggefährten beschrieben ihn als ruhig, verlässlich und präsent. Dieselben
Eigenschaften prägten auch sein Spiel: konzentriert, präzise und von großer musikalischer Autorität. Sein Bass bildete das Fundament für einige der bedeutendsten Aufnahmen der deutschen Pop- und
Punkgeschichte – und macht ihn zu einer ihrer prägenden, oft unterschätzten Figuren.
Das Benefiz- und Gedenkkonzert für Michael Kemner hat am Freitag, den 22. Mai 2026, im Kiezraum auf dem Dragonerareal in Berlin-Kreuzberg stattgefunden1.
Das Konzert fiel außerdem auf ein besonders ereignisreiches Berliner Pfingstwochenende. Zeitgleich begann am 22. Mai der 30. Karneval der Kulturen, wodurch sich in Kreuzberg ohnehin viele
kulturelle Veranstaltungen und Publikumsmagnete überschnitten.
Konzertbericht
Der Abend beginnt damit, dass ich mich durch die Menschenmassen am Blücherplatz kämpfe, die sich dort unter dem Vorwand des Karnevals der Kulturen versammelt haben, um sich zu Latino- und
Afrorhythmen mit Bier und übersüßten Cocktails wegzulöten. Wenn man es geschafft hat, sich durch den Haufen verschwitzter, halbnackter Leiber durchzuzwängen, wird man heute also mit einem
besonderen Kontrastprogramm belohnt.
Im Kiezraum auf dem Dragonerarea1l – einer historischen Kaserne inmitten einer der wenigen verbliebenen innerstädtischen Brachen in Berlin – findet das Gedenkkonzert für Micha statt. Wenn es
diesen Ort nicht gegeben hätte, hätte man ihn für diesen Anlass erfinden müssen – angesichts der monochromen Altbaufassaden, die von jenseits der Wiese blind herüberstarren und mich an das Cover
der legendärsten LP der Band erinnern.
Es handelt sich um eine Veranstaltung des Pop e. V., eines Freundeskreises von Musikern aus dem Umfeld der Untergrund-NDW um die Mitglieder von Der Plan, DAF und eben Fehlfarben, die in Kreuzberg
schon seit einigen Jahren einen offenen Stammtisch mit regelmäßiger Veranstaltungsreihe etabliert haben. Trotz der Konkurrenz durch den Karneval der Kulturen brummt der Laden, was am großen Namen
der Band liegt und daran, dass das Berliner Fenster aus diesem Anlass eine Ankündigung gebracht hat.
Den Anfang macht Harald Schulze von der NDW-Band Phase 101 mit einem kurzen Soloauftritt im Singer-Songwriter-Gestus mit großem Hut. Er gibt ein Cover von „Hurt“ zum
Besten, das von seiner kraftvollen Bassstimme profitiert, sowie eine Reihe von Eigenkompositionen, die statistisch auf 3,5 Akkorden basieren, darunter eine rührende Hommage an David Bowie – wo
wir schon mal bei den Toten sind.
Danach treten Krau3 auf, ein Querschnitt aus dem Kollegium des Vereins, mit Martin Väterlein am Mikrofon, der etwa zehn Jahre lang die Vereinsveranstaltungen in seinem
Plattenladen in der Yorckstraße gehostet hat und als Frontmann eine gute Figur macht. Während ich noch darüber rätsle, was der Bandname bedeuten könnte, ist der Gig schon vorbei, und wir
erfahren, dass es keine weiteren geben wird. Eigentlich war Michael Kemner bei dem Projekt dabei, und sein Bass fehlt vielleicht zu sehr.
Eine weitere biografische Linie wird mit dem nächsten Act, WAX34, gekreuzt. Die Gruppe repräsentiert das Hausprojekt in der Willibald-Alexis-Straße 34. Wir hören vor allem
Beatles-Cover aus der frühen Phase; Lemmy hätte seine Freude gehabt, aber auch die Anwesenden sind nicht unzufrieden.
Ein Hauch von Verbrennungsrückständen legalisierter Drogen durchweht inzwischen die laue Abendluft, als Captain Plasto die Bühne betreten. Es wird solide gerockt, während die Dienstmützen einen Tom-of-Finland-artigen Charme verströmen. Dafür, dass es die letzte Vorband ist, spielt die Combo vielleicht einen Tick zu lange, zumal jetzt alle auf die Fehlfarben warten. „Paul ist tot“ wird schon lautstark gefordert. Ich versuche, meinen Nebenmann zu beruhigen, doch der verweist auf seine Meinungsfreiheit und darauf, dass er die Band noch nie live gesehen habe und es also jetzt mal an der Zeit sei, den Hit zu hören.
Der neue Sound der Fehlfarben ist unter anderem durch Kurt Dahlke geprägt, der elektronische Klänge auch im Bassbereich beisteuert. Damit ist der spröde Charakter von „Monarchie und Alltag“, der
für viele die erste Referenz ist, schon deutlich verändert. Spätestens als Peter Hein beim ersten Song die Stimme erhebt, stellt sich die bekannte Magie ein, und etwaige Grauschleier werden vom
Saxophon gekonnt weggeblasen.
Abgesehen davon, dass alle heute aus einem traurigen Anlass zusammengekommen sind, verweist der Sänger bei der Zwischenmoderation darauf, dass er nicht fürs Witzemachen bezahlt werde, und ich
muss ihm in diesem Punkt recht geben. Paul und Micha sind tot, doch das Leben geht weiter, und es bleibt eine ernste Angelegenheit. Gelacht wird trotzdem genug, während die alten Weggefährten
draußen in Erinnerungen schwelgen und die anderen Neugierigen, die den etwas verwinkelten Weg hierher gefunden haben, in Trauben auf dem Hof den warmen Frühlingsabend ausklingen lassen.
von Stephan Groß
Fußnote:
1. Der Kiezraum beschreibt sich selbst als Ort für Begegnung, Kulturarbeit und zivilgesellschaftliches Engagement und ist eng mit den Initiativen zur gemeinwohlorientierten Entwicklung des Dragonerareals verbunden. ↩

