REVOLTE SPRINGEN - Autonome Kleinkunst

REVOLTE SPRINGEN - Autonome Kleinkunst
REVOLTE SPRINGEN - Autonome Kleinkunst

„Freiheit Was ist das schon, wenn man sich eingeengt fühl!“ sangen einst NEUROTIC ARSEHOLES und beschrieben die Ängste und Nöte des Einzelnen im Kampf gegen Unterdrückung und Hoffnungslosigkeit. Was bleibt, wenn das Gefühl der Ausgrenzung unendlich groß wird und du dich ohnmächtig fühlst?! Affekthandlungen können die Folge sein. Aber es gibt auch konstruktive Mittel und Wege, sich auszudrücken, sich frei zu fühlen. Tanz und Theater, Bewegung und Musik sind Möglichkeiten, negative Gefühle zu kompensieren. REVOLTE SPRINGEN ist ein Kollektiv mit dem grenzenlosem Ziel nach uneingeschränkter Freiheit für jedes Individuum. Sie machen Theater und Musik, Texte und Choreographien, sind mitunter am Puls der Zeit und rocken die Straße.

15 Personen, über verschiedene Städte verteilt, mit einer relativen Altersspanne und die Kraft und Zeit, das Projekt am Leben zu halten. Bereits 2003 haben die „Revolties“ das „Dorfmusical“ „Freiheit satt“ über 20 Mal aufgeführt. Auch dieses Jahr hat der Stamm des Kollektivs das Stück im Gepäck, um gemeinsam zu improvisieren, musizieren und zu träumen. Anke, Balou, Frank, Hannah, Hella, Jörg, Mogli, Olli, Phil, Ruven, Sara, Susi, Timo, Ulli, Yörg sind nebenbei auch an weiteren Projekten beteiligt: FRÜCHTE DES ZORNS, PERCUSSONIA, HÄSSLICH WILLKOMMEN, OLD YOK, ANARCHIST TRAVELING CIRCUS u.a.

Autonome Kleinkunst

2002 haben die „Revolties“ ihr Programm zusammengestellt, um „Freiheit satt“ auftrittsreif zu gestalten. Das erste konspirative Treffen fand im Wendland statt. Im „Schwarzen Hahn“ wurde an der Geschichte gefeilt. Diese spielt im Jahre 2222. Ohne eine Karte, die bei der Geburt mit dem Körper Verbunden ist, funktioniert in diesem Land gar nichts. Auf der Karte werden alle Freiheiten gespeichert, die dem Bürger zugebilligt werden: Trink-, Informations-, Arbeitsfreiheiten...Pech, wenn die Karte beschädigt oder die gespeicherten Freiheiten eingeschränkt werden. Da geht schon Mal die Wohnungstür nicht mehr auf oder der Arbeitsplatz endet abrupt. Notfalls muss mensch sich im Rahmen einer genehmigten Freiheitsbeschaffungsmaßnahme" ein paar Freiheiten schnorren.
Gibt es Probleme mit den Karten, sorgt die freundliche Behörde dafür, dass es keine Anhilfe gibt. Denn die tatsächliche Macht im Land hat der „frei“ gewählte Präsident „Destroy-Roy“. Doch auch er hat seine Probleme mit der „Instanz“, bei der er Schulden hat. Im Zentrum des Geschehens steht „Weber“, der Behördenmensch. Hilflos versucht er, die Klippen des Systems zu umschiffen, bis er die große Katastrophe erlebt und seine Karte keine einzige Freiheit mehr hergibt. Nun steht er selbst wie die kartenlose „Joy“ und die subversive Dizzy am Rande der Illegalität. „Freiheit satt“ hat einen aktuellen Bezug zu Krieg, Desinformation und skrupellosen Wissenschaftlern.

WAS IST KLEINKUNSTPUNK?
A: Gute Frage! Punk mit anderen Mitteln, mit kleinen Mitteln - und v.a. unverstärkt. Es muss ja nicht vor allem laut sein.
O: Seit 20 Jahren wird Punk immer wieder auf dieselben 2 Akkorde reduziert. Das spannende an der Mischung mit Kleinkunst bzw. Theater ist, dass man andere Wege finden kann, um die Leute zu erreichen - und es ist trotzdem Punk.

WIE SETZT SICH DAS THEATERSTÜCK "FREIHEIT SATT" ZUSAMMEN (DIALOG, MUSIK, IMPROVISATION, ROLLEN UND BESETZUNG?
H: Naja, es ist ein Musical. D.h. es gibt eine Geschichte, Dialoge, Musik und manchmal sogar etwas Tanz. Es gibt über 20 Rollen, die von 11 auf der Bühne agierenden Menschen umgesetzt werden. Improvisation war ein wichtiges Mittel für die Stückentwicklung, die wir in einer Gemeinschaftsaktion von damals 11 Leuten inkl. Regisseur betrieben haben.

IST ES SINNVOLL, DAS STÜCK NUR IN DEN POLITISCHEN ZENTREN ZU SPIELEN ODER MUSS ES NICHT AUCH AN ORTEN GESPIELT WERDEN, WO ES DEN MENSCHEN VOR DEN KOPF STÖSST?
O: Das ist ein Thema, über das wir schon lange Gespräche geführt haben.
A: ... und wo es einfach verschiedene Meinungen bei uns gibt.
H: Es gibt auf der einen Seite die Meinung, dass es sinnvoll ist, unsere eigenen Strukturen zu stärken, in den politischen Zentren und so, sich im politischen Kontext zu bewegen. Auf der anderen Seite gibt es die Meinung, dass es sinnvoll ist, auch in Mehrzweckhallen oder ins Theater zu gehen, wo es auch Leute erreicht, die sich nicht in unserer Szene bewegen. Wir haben das teilweise so umgesetzt, dass wir - nicht mit dem Musical aber mit einem Nummernprogramm - öfters auf der Straße gespielt haben, das erreicht dann alle, die zufällig vorbeikommen. Aber bei dem Musical haben wir keine einheitliche Gruppenposition - praktisch sieht das so aus, dass wir mehr in politischen Zentren spielen, aber auch mal in 'nem Theater.
O: Es gab ja sogar mal die Idee, das Stück komplett aus der Hand zu geben, an andere Theater. Aber ich finde es sehr sinnvoll, v. a. in autonomen Zentren, also von uns für uns, zu spielen, weil es da nicht so oft passiert, dass andere Ausdrucksformen ein Rolle spielen können. Und ich bin und spiele da einfach gerne und Zeige was, was vielleicht auch andere dazu animieren kann, selber mal was auszuprobieren.
H: Du meinst also andersrum: der Punkszene das Theater nahe zu bringen?
O: Ja, zum Beispiel.

MUSIK, THEATER, TANZ. IST DER KREATIVE AUSDRUCK AUCH EIN VENTIL, UM DIE EIGENE WUT ZU KOMPENSIEREN ODER IST DAS PROJEKT NUR EIN SPASS AN DER UMSETZUNG DER EIGENEN KREATIVITÄT?
O: Also ich mach ziemlich viel Theater, und das kann fast sowas wie Therapie sein, weil man ziemlich viele Sachen darin ausdrücken kann und eben auch arg
verarbeiten, die man sonst eben nicht so zum Ausdruck bringen kann. In dem Musical hab ich ja diese Mutter gespielt. Da kann ich das ganz deutlich merken: als wir die Mutter entwickelt haben - das ist ja inzwischen schon 3-4 Jahre her (?) -, da war ich persönlich in einer Auseinandersetzung mit Eltern und Vergangenheit und so, und von daher kommt also auch die Energie, die ich in die Mutter rein gebracht habe. Jetzt habe ich gemerkt, dass ich an einem ganz anderen Punkt bin, und dass ich jetzt andere Sachen thematisieren würde, und dass ich wahrscheinlich auch ‘ne bisschen andere Energie beim Spielen hatte. Von daher würde ich sagen, bei dieser Mutter war das mehr als nur Spaß haben.
H: Musik zu machen und Theater zu machen, kommt ja auch aus dieser Grundenergie, die das Bedürfnis hervorruft, kreativ zu sein, was umzusetzen, Ideen - auch politische - und Bedürfnisse zu kanalisieren. Der Spaßfaktor ist allerdings sehr wichtig und gewollt.
A: Ich denke auch, dass, wenn es nur um die Kreativität ginge, die wir loswerden wollen, unsere Arbeit nicht diesen politischen Bezug hätte. Ich glaube, diese Wut über die bestehenden Verhältnisse treibt uns auch dazu, das ausdrücken zu wollen.
O: Ja, die Wut darüber und aber auch, dem etwas entgegensetzen zu wollen. Kultur, die ich sowieso mache und Politik, die ich auch mache, zusammenzubringen.

INNERHALB DES STÜCKES GIBT ES SPEZIFISCHE ROLLEN, DIE VON EUCH GESPIELT WERDEN. HABT IHR DIE CHARAKTERE SELBST KREIERT?
H: Unter anderem hat sich das Stück ja nun aufgrund unserer Persönlichkeiten* entwickelt, also aufgrund der Charaktere, die wir gerne oder auch gut verkörpern. Die Charaktere sind uns sehr auf den Leib geschneidert, wir mussten uns in gar keine Rollen zwingen. Wir haben sie vielmehr aus uns selbst entwickelt.

SIND DIE DIALOGE FESTGELEGT ODER BLEIBT AUCH PLATZ ZUM IMPROVISIEREN?
A: Die Dialoge sind festgelegt.
H: Improvisieren ist nur zum "Fehler" ausbügeln gefragt, oder wenn das Publikum oder einE MitspielerIn unerwartete Sachen macht, auf die man reagieren muss.
 O: Beim letzten Spielen war es auch eher so, dass wir uns wieder mehr auf den Text besinnen mussten, weil sonst die Tendenz entsteht, witzig sein zu wollen, und das ja nicht immer funktioniert, oder einmal und dann nie wieder.
H: Allerdings bleibt in den Bewegungen und in der Körpersprache Platz um improvisieren - auch im körperlichen Zusammenspiel mit den anderen.

WIRD DAS PUBLIKUM MIT IN DIE GESCHICHTE EINBEZOGEN?
O: Also nicht gezielt oder gewollt. Es passiert natürlich immer mal wieder ...
A: Doch, der Gehilfe. Der animiert das Publikum zum Applaus für Destroyroy. Aber sonst, nein, es ist kein Mitmachtheater.
H: Allerdings beziehen sich einzelne, die das Stück schon mal gesehen haben, selbst mit ein, nehmen Sätze voraus oder so.

IHR HABT EUER ERSTES TREFFEN IM WENDLAND GEHABT? WAR DAS DAMALS DIE ERSTE SITZUNG DER IDEENSAMMLUNG ZUM THEATERPROJEKT?
H: Nein. Das erste Wendlandtreffen war ein erstes Treffen für das Projekt Revolte Springen, um mal zu gucken, was wir miteinander machen können, wozu wir Lust haben. Wir kannten uns damals alle mehr oder weniger und es war die Frage, was wir mit den Fähigkeiten, die wir so haben, und mit unseren Ideen anstellen können. Daraus ist das Projekt Revolte Springen entstanden, mit dem wir Touren gemacht haben mit verschiedenen Nummernprogrammen in unterschiedlichen Besetzungen, bis es die Idee gab, ein Musical zu machen.

Die Revolties in Österreich
Die Revolties in Österreich

DANN WART IHR IN ÖSTERREICH. WIE HAT DAS PUBLIKUM AUF EUCH REAGIERT?
A: Natürlich waren sie überrascht, wir waren ja vorher in Österreich noch nie zu sehen! Beim ersten Mal war es auch spannend zu beobachten, wie sich von Mal zu Mal mehr Punks gesammelt haben, wie es sich so rumgesprochen hat.
H: In Österreich waren wir ja v. a. auf Straßenkunstfestivals in Linz und in Villach, wo sich Straßenkünstler verschiedenster Art treffen - von spektakulärer Jonglage bis hin zu Theater oder Clowns, Musikern und so. Viele Leute waren überrascht, zum Teil sogar positiv, dass es so was gibt.
A: Sonst waren da ja auch nicht so viele Gruppen, die irgendwie politische Inhalte transportiert haben.
O: Genau, dass ist auch so einer der Gründe, warum wir bei diesen Straßenkünstlern so erfrischend rausgestochen haben. Es ging bei vielen schon sehr ums Geld, die haben eine aalglatte professionelle Show da hingelegt, um Geld einzuspielen. Das ist bei uns überhaupt nicht so, und das war sicher auch zu merken.

WAS MACHT DIE ROLLE MIT DIR?
A: Höchstens erwartet die Rolle etwas von mir, also dass ich sie gut spiele oder sie das Stück weiterbringt.
O: Kommt darauf an. Also die Mutterrolle hat mir Schon weitergeholfen beim Wut rauslassen und so. Und von anderen Theatersachen kenne ich das auch so, dass eine Rolle einen so therapiemäßig weiterbringen kann.

IHR SEID JA INZWISCHEN EINE GROSSE BESETZUNG. WO FINDEN DIE PROBEN STATT? WIE WERDEN DIE UNTERSCHIEDLICHEN BEDÜRFNISSE BERÜCKSICHTIGT UND KONFLIKTE GELÖST?
H: Das sind ja eher drei Fragen! Also, zu den Proben: da wir nicht alle in einer Stadt leben, treffen wir uns immer für einige Tage Intensivproben. Das passiert v. a. in Tagungshäusern, damit wir abgeschottet sind von unserem Alltag und uns konzentrieren können, zum Beispiel im Schwarzen Hahn, auf der Burg Lutter, im Trillke-Gut; in Berlin haben wir auch schon geprobt, RAWTempel oder im Theaterhaus Mitte.
Zu den Bedürfnissen: es ist immer wichtig, eine Kommunikationsstruktur zu haben. Wir machen, wenn wir Proben oder unterwegs sind, möglichst täglich ein Plenum, wo wir uns austauschen können, über das, was gerade läuft - inhaltlicher oder persönlicher Art -, weil so eine intensive Zusammenarbeit auch anstrengend ist, körperlich und geistig. Abgesehen davon hängt man immer aufeinander, und da gibt es natürlich dann außerhalb oder innerhalb dessen Bedürfnisse, die auch geklärt werden müssen. Dazu braucht es immer Kommunikation.
Zu Konflikten: Wir versuchen, bei Konflikten eine Lösung zu finden. Das bedeutet, sich auseinandersetzen zu müssen, diskutieren und streiten. Manchmal muss ein Konflikt erstmal stehen gelassen werden. Manche Konflikte werden ausgetragen und gelöst, andere bleiben.
O: Ich finde an der Gruppe so spannend, dass wir, wenn wir was feststellen, was wir eigentlich nicht wollen - z. B. Hierarchien oder so - versuchen, das nicht nur festzustellen, sondern das durch zu knacken. Wir sind immer wieder an solche Sachen gestoßen, wo es uns dann auch gelungen ist, das zu lösen. Bei anderen Sachen nicht, es gibt eben auch ein paar Sachen die dann so hingenommen werden, die man dann so erträgt.
H: Man muss immer ganz gut auch bei sich selber gucken und eventuell was verändern, bei Verhaltensweisen oder Problemen oder halt Bedürfnissen. Da muss man dann sehen, dass man an sich oder an der Gruppe arbeitet.
O: Auf jeden Fall hat die Gruppe bislang schon einiges ausgehalten und durchgestanden und ist durch viele Täler gewandert und hat dafür meinen Respekt verdient
A: Vor allem weil sie aus den Tälern wieder raus gekommen ist.

IST  DAS THEATERSPIELEN FÜR EUCH EINE REINE UNTERHALTUNGSFORM ODER WOLLT IHR BEWUSST POLITISCHE INHALTE TRANSPORTIEREN?
O: Wir haben ja schon mal den Vorwurf von autonomer Abendunterhaltung bekommen. Klar kann man diese ganzen Themen auch super ernst und mit Tränen in den Augen darstellen, was auch seinen Reiz hat, aber mit Revolte Springen haben wir den Weg gewählt, sehr viel Dramatisches ins Absurde zu ziehen - durch Lachen kriegste auch Kraft. Und unsere Sachen sind auch nicht nur lustig, auch wenn sie auf eine bestimmte Weise dargestellt werden, gibt es ein paar Punkte im Stück, wo einem das Lachen im Hals stecken bleibt, auch ohne, dass wir sie so dramatisch ausspielen.
A: Außerdem ist autonome Abendunterhaltung gar nicht so schlecht. Es gibt auch so viel bescheuerte Abendunterhaltung, warum soll's nicht auch mal ‘ne vernünftige geben? Eine gute, die nicht so bekloppte Sachen transportiert, wie so die übliche Abendunterhaltung auf PRO 7 oder so.

FREIHEITEN SCHNORREN... WIE SIEHT DEINE IDEALE FREIHEITSFORM AUS?
H+ O+A: Anarchie.
A: Der Begriff Anarchie kann natürlich jetzt noch verschieden gefüllt werden, aber bis wir das jetzt hier ausdiskutiert haben...
O: Das ist ja im Prinzip die Frage, wie sieht's nach der Revolution aus, und das können Wir euch hier nicht so sagen. Auf jeden Fall nicht so wie es jetzt gerade hier ist.

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