Nieder das Kapital!

"Genossen, wo war ich doch das letzte Mal stehen geblieben? Richtig, bei den Mitteln, mit denen wir dem Kapital auf die Bude rücken müssen. Müssen! Haben Sie mich verstanden, Genossen? Denn es geht nicht länger so weiter. Dass das Kapital abgeschafft werden muss, darüber sind wir uns ja einig, und das ist auch bereits beschlossen, und so wollen wir denn den alten Kohl nicht nochmals aufwärmen. Dadurch wird er ja auch nicht besser, oder fetter, oder sonst was. (Bravo!) Alter Kohl bleibt alter Kohl. (Sehr richtig!) Das Kapital ist die Reblaus in unserem Weinberg. Raus also mit dem verderblichen Insekt! (Rufe: Raus!) Wenn wir das Kapital fest anfassen, dann können es alle Gänse der Welt nicht retten. (Anhaltender Beifall. Ein Anwesender ruft: Capitol! und wird zur Tür begleitet.)

Genossen! Eins der sichersten Mittel, das Kapital endlich unschädlich zu machen, ist die Abschaffung des Erbrechts. (Jubel.) Was ist das Erbrecht? Erbrecht ist, dass Jemand Millionen ansammelt, dann in seinem seidenen Bett und zwischen elektrischen Flammen stirbt und nun den ganzen Raub an die Erben fallen lässt, damit diese sich in den Kassenscheinen, Hypotheken, Wechseln und Barbeständen herumwälzen. (Hört! Hört!) Da verlange ich denn, dass alle Erbschaften, besonders die großen, an den Zukunftsstaat fallen und an die von dem Erblasser bestohlenen Proletarier zurückbezahlt werden sollen. (Anhaltender Beifall.) Ja, Genossen, zurückbezahlt, denn die Reichen erben unser Geld, unsere wohlerworbenen, durch harte Arbeit geschafften Millionen. (Sehr wahr!) Wir müssen also nicht bloß immer rufen: Nieder das Kapital! sondern auch: Nieder das Erb..." Genosse Bumrnelmann wird hier leider unterbrochen, weil seine Frau im Saal erschienen ist und sich nun als eine überaus robuste Lebensgefährtin durch die Menge eine Gasse bahnt, unbekümmert um das Schelten der zur Seite gequetschten Bürger des Zukunftsstaates. Jetzt steht Frau Bummelmann neben ihrem Gatten, dem sie zuflüstert: "Denk' Dir bloß das Glück, Willem, wir haben ein Zehntel vorn großen Los gewonnen."
Der unterbrochene Redner wankt einen Augenblick, dann sagt er: "Donnerwetter, aber rede doch leise, Rieke, sonst werden wir ja furchtbar angepumpt. Wie viel macht es denn?"
"Über vierzig Tausend Mark!" antwortet ihm die atemlose Gattin.
"Na schön," sagt Bummelmann, "ich komme gleich mit nach Hause."
Dann wendet er sich in seiner Eigenschaft als Genosse wieder an die durch den Zwischenfall sehr unruhig gewordene Versammlung, welche Zeugin einer häuslichen Szene zu sein glaubte, indem sie annahm, der Genosse werde von seiner Frau wegen seines Herumtreibens in den Versammlungen zur Rede gestellt.
Und schon hört man rufen: "Pantoffelknecht! Ehesklave! Pfui!" als Herr Bummelmann wieder das Wort ergreift.
"Genossen! Seien Sie nicht böse, mein Kind ist krank, und ich soll nach Hause kommen. Ich will also nur noch hinzufügen: Natürlich ist es leicht gesagt: Nieder das Kapital! Nieder das Erbrecht! Aber ist es auch gerecht? Nein! (Oho!)
Nein, Genossen, ohoen Sie, soviel wollen, gerecht ist es nicht, es dumm. (Tumult.) Denn wenn ich etwas Geld besitze und es kommt so ein Faulenzer und sagt: "Her damit!" - sagt zu meiner Frau und zu meinem kranken Kind, wenn ich gestorben bin- "Her damit!" dem werde ich erlauben, eins auf den Kopf zu geben und dann wird ihm das Her damit schon vergehen. (Neuer Tumult. "Raus! Raus!")
Ich gehe gleich, Genossen - aber was mein ist, das ist mein, sonst muss ich verhungern, und ohne kein Leben, keine Industrie, Nichts! Wer das bestreitet, der ist ein..."
Augenscheinlich will kein Mitglied Versammlung wissen, was er ist, und sei dies auch die Auskunft einen verehrten Genossen, wie des Herrn Bummelmann, der unter den immer stärker werdenden Rufen: "Raus!" mit seiner Gattin den Saal des "Blauen Elefanten” verlässt. Und als das glückliche Paar den Saal längst verlassen hatte, tobte da immer noch daselbst “Raus!" der entrüsteten Genossen und die Glocke des Präsidenten."
Dieser Auszug des schriftstellerischen - satirischen Werkes von Julius Stettenheim (1831-1916) beschreibt die Unfähigkeit, sich vom Kapitalismus zu verabschieden. Das Thema ist durch die Finanzkrise aktueller den je und auch „Das Kapital" von Karl Marx erlebt ein erfrischendes Revival. Er gehört zu den wenigen Gewinnern der Bankenkrise, die Bände bescheren dem herausgebenden Dietz-Verlag derzeit unverhoffte Einnahmen. Obendrein wird demnächst die erste Verfilmung des Stoffes zu sehen sein. Helge Schneider spielt auch mit, Josef Ackermann hatte zuvor aus wirtschaftlichen Gründen abgesagt. Vielleicht hat er seine Peanuts im Casino verzockt, wer weiß das schon. Peer Steinbrück meinte vor kurzem im SPIEGEL, dass gewisse Teile von Theorien wohl doch nicht so verkehrt seien und kritisiert Ackermann, da dieser sich schäme, Staatsgeld anzunehmen. Bettelei der Großverdiener vs. Flexible Gehaltsgrenzen. Gehe über Los und streiche jährlich € 500.000 ein. Theoretisch kann der Kapitalismus bereits jetzt abgeschafft werden. Es haben sich nämlich sogenannte Lesekreise an über 30 Hochschulen gebildet, die Marx' Theorien durcharbeiten, um Kapitalismus besser zu verstehen, Gegenstrukturen stärken, die das bestehende System kritisch hinterfragt und darüber hinausgehen wollen.
Am Ende ist es aber wie im Monopoly-Spiel: Du sitzt im Gefängnis, hast dein und fremdes Geld verzockt und darfst nicht mehr über Los gehen. Es sei denn, du heißt Josef Ackermann oder bist Banker, dann winkt ein Freipassierschein und noch ein Hotel auf der Schloss-Allee als Bonus oder Abfindung. Kapitalismus ist, angeschissen zu werden. Einige sitzen auf den großen Scheißhaufen, andere misten aus und wiederum andere halten es wie Tony Montana aus Scarface:
 "Ich will kein Geld, ich will nichts, ich hab... Wie heißt das noch? Paranoia!"
Und es scheint beinahe so, dass mensch erst psychotisch werden muss, damit der Kapitalismus, der uns lange genug auf der Tasche gelegen hat, vorbei ist.


© F. Spenner

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