Krieg der Schirme

Sie hob ein Pappschild an, vielleicht ein Stück vom Umkarton eines Farbfernsehers, hielt es vor die Glasscheibe zwischen unseren Gesichtern und warb somit um eine Fünf- Mark-Party in der Solo- Box. "FÜR 5 MARK: PARTY IN DER SOLO-BOX MIT MONANIESAH” stand auf der abgegriffenen Pappe. Ich drückte In der Solo- Box einen roten Knopf. Irgendwo surrte es leicht im Hintergrund, die Frau betrat breit lächelnd die Box und stellte sich mit einer Decke verhüllt vor unsere brusthohe Trennscheibe. Sie setzte sich in ihrer Decke auf einen Stuhl, schlug barfuß die Beine übereinander und meinte: "Hast gut gewählt! Ich bin Monaniesah, und so was wie mich siehst du nie wieder! Eine Minute kostet 5 Mark, fünf Minuten zehn Mark, zehn Minuten kosten dreißig Mark. eine halbe Stunde kostet hundert Mark, und wenn du mit mir mir willst, dann kostet das die Stunde dreihundert Mark! Aber so was wie mich siehst du dann bestimmt nie....."

Das schummrige Licht ging aus.
"Musst fünf Mark nachstecken, dann wird es wieder heller!“ sagte Monaniesah. Ich fummelte ein Fünfmarkstück aus der Jackentasche und steckte nach. Dann sah ich Monaniesah wieder. "Wie heißt du denn eigentlich?" fragte sie mich.
"Bernhard" log ich.
"Paß auf, Bernhard. Wenn ich für dich tanzen soll, dann musst du zwanzig Mark rüberreichen!"
"Das ist so warm hier, ich muss mir erstmal meinen Rollkragenpullover ausziehen" antwortete ich ihr.
"Das kostet zehn Mark extra!" sagte sie.
"Okay" sagte ich, kramte nach kleinen Scheinen, und das Licht ging aus. “Musst fünf Mark nachstecken!“ hörte ich sie.
 "Ich hab kein Hartgeld mehr"" rief ich ins Dunkle und ließ meinen Rollkragenpullover einfach fallen. "Kannst an die Kasse gehen oder du gibst mir vierzig Mark. Und ich mach uns wieder kuscheliges Licht!“
Irgendwie fand ich zwei Scheine. "Hab ich in der Hand!" rief ich in ihre Richtung. Das Licht ging an. Ich betrachtete die Scheine: zwei Zwanziger, und gab sie ihr rüber.
Sie ließ die Decke zu Boden sacken, schlenkerte ein bisschen ihre Hüften. Und alles ohne Musik. Dabei bückte sie sich, hob eine Rolle Küchenpapier auf, riss einen Streifen ab, reichte ihn über die Trennwand wund meinte: "Hier, wenn du willst, kannst du deinen Schwanz rausholen, kostet aber einen hunderter". Ich ließ sie mit dem Papier wedeln, meinte:
“Beweg' du dich mal einfach weiter!" und dann ging das Licht aus. "Musst fünf Mark nachstecken!" hörte ich.
"Wieso, ich hab dir doch vierzig gegeben!“ schrie ich ins Dunkle. „Entweder du steckst fünf Mark nach oder die Party ist beendet!" rief sie zurück.
"Bist du nass? Oder was soll das?" schrie ich durch die stickige Box.
"RICHY! Der Typ hier macht Ärger!" schrie Monaniesah.
Das Licht ging wieder an und hinter der nackten Frau baute sich ein stämmiger Kerl auf. Muskel-T-Shirt, behaarte Brust, dicke Oberarme, gegliederte Goldkette. Ein Mann, wie aus dem Sportfernsehen, der große Treckerreifen vor sich umdrehte. "Freundchen, wenn du nicht gleich verschwindest, dann mach ich mit dir ein Tänzchen! Und zwar Twist mit Schädelbruch, du Arsch!" Gleichzeitig rüttelte Jemand von draußen an der verriegelten Tür der Party-Box.  "Komm raus hier! Ist er hier drin, Richy?"
"Ja, das ist er!" schrie Richy mich an. Ich machte die Tür auf. Noch ein Treckerreifendreher.
„Ist gut Mann, nichts passiert!" sagte ich zu ihm. Der Zwillingsdreher holte aus und deutete einen fürchterlichen Schlag an. Seine Goldkette schaukelte über‘m T-shirt auf seiner Brust. Auf der Straße merkte ich, dass ich meinen Rollkragenpullover zurückgelassen hatte. Vor der Bushaltestelle hörte ich ein paar mal: "Ich krieg den Schirm nicht aufgespannt! Herrgott. Ich krieg den Schirm nicht aufgespannt!"
Keiner der Wartenden reagierte auf sie. "Ich krieg den Schirm nicht aufgespannt!"
Der Bus kam. "Du brauchst im Bus den Schirm nicht öffnen!" sagte ich zu ihr, nahm ihr das Ding aus der Hand, und dann saßen wir ganz hinten. Über eine halbe Stunde dauerte meine Heimfahrt und ich hörte in einer Tour: "Ich hab es eilig. Ich krieg den Schirm nicht aufgespannt!“
Doch die Frau stieg nirgendwo aus. Dann stand sie mit mir an der Endstation, Minuten später‚ in meiner Wohnung, setzte sich nicht, griff sich den Schirm vom Sofa, öffnete die Tür zum Balkon, schritt vor die Tür und ich hörte: "Ich krieg den Schirm nicht aufgespannt!"
 © by J. Landt

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