Punk in Dresden/PARANOIA

PARANOIA
PARANOIA

Punk in der DDR
Punk war Anfang der 80er Jahre in der Realität der Ostromantik angekommen, seine Figuren zu Staatsfeinden erklärt. Die Wut und die Radikalität wurde durch staatliche Verhaftungswellen erstickt. Die ungeordneten Verhältnisse durch das Punkertum sollten durch den Gewaltmonopolismus in geregelte Verhältnisse umgewandelt werden. Ein Mittel, die Wut, die Unzufriedenheit, die Tristesse und die Ausweglosigkeit zu kanalisieren, war die Musik. Die oben beschriebenen Verhältnisse waren der „Nährboden“ für Bands wie SCHLEIMKEIM, ATTENTAT und die bereits 1983 gegründeten PARANOIA aus Dresden. Die Botschaften wurden in ungeschönte Texte verwandelt, die in ungeschliffene Musik erklangen.


Wer in der DDR mit der eigenen Band musizieren wollte, benötigte eine Spielerlaubnis, eine Einstufung. Dass die Bedingungen für die MusikerInnen in der real existierenden DDR nicht zu paradiesisch wurden, dafür sorgten die Kultur-(=Partei-)Funktionäre mit diversen Regularien und Schikanen: Am bekanntesten wohl war die Regelung, dass 60% des Repertoires aus Titeln von DDR- Komponisten bestehen mussten.
Die restlichen 40% durften aus der Zeit vor 1949, dem Jahr der DDR-Gründung oder aus dem Westen stammen.
Letztere aber nur, wenn diese bei DDR Verlagen publiziert wurden. 60% des Repertoires hätte folglich kaum Jemand gekannt, denn mensch orientierte sich fast ausschließlich an westlichen Charts.
Was blieb den Bands übrig? Sie setzten sich über die Vorschriften hinweg. Und das mit dem Risiko, ein Auftrittsverbot einzufangen, wenn sie erwischt wurden. Und Punkmusik war sowieso illegal. PARANOIA erhielten aufgrund fehlender Spielerlaubnis Ordnungsstrafen. Der operative Vorgang der Stasi gipfelte bei ihnen bis zur Verhaftung zweier Mitglieder der Band und die damit zusammenhängende Zerschlagung der „illegalen Punkband”.

PUNK IN DRESDEN
Der Punk schwappte Ende der 70er Jahre auch in die DDR. In Dresden ging es etwas später los. Über alle Grenzen hinweg ertönten die neuen Punkscheiben von westlichen Feindsendern wie bspw. John Peel im Ost-Radio. Punk geisterte aber auch durch negative Artikel in den Ostmedien und bescherte einen Teil der Arbeiter-Jugend eine gesteigerte Aufmerksamkeit, die schnell in Begeisterung umschlug. Bevor überhaupt eine Punk-Szene entstehen konnte, waren die antiautoritären, nihilistischen Einstellungsmuster des Punk ausschlaggebend für ein gesondertes Interesse nach dem Motto „Einfach dagegen“.
Die Stadt war bekannt für Kultur, Kunst, barocke Ruinen, die vor sich hin gammelten und triste Plattenbauten. die vom Sieg des Sozialismus künden sollten. Für jugendliche war es eher frustrierend. Entweder mensch passte sich an und machte das Spiel mit oder mensch versuchte die vorgezeichneten Bahnen zu verlassen, andere Wege zu gehen und merkte schnell, dass die Freiheit Grenzen hat. Doch Perspektivlosigkeit war oftmals ein Antrieb zur Kreativität“; Jörg Löffler

Punks haben sich schon durch ihr Äußeres als nicht gerade systemtreue Jugendliche zu erkennen gegeben. Da darf es nicht verwundern, wenn sie überall schikaniert wurden. Auch wenn es für viele hauptsächlich darum ging, Spaß zu haben und sich irgendwie kreativ zu betätigen (z.B. Musik machen), wurden sie durch den paranoiden Wahn der Staatsorgane zu Staatsfeinden gestempelt. JedeR, der aus dem gewohnten, durch die Verhältnisse aufgezwungenen Trott ausbrach, war suspekt.
Wer keine Lust zum arbeiten hatte, war ein Feind des Sozialismus. Offiziell bemühte man sich, die ganze Sache totzuschweigen. Keine Ostpunks in den DDR-Medien. Bands durften natürlich auch nicht öffentlich spielen. Da der Staat sie nicht alle internieren konnte, mussten Punks notgedrungen im Straßenbild geduldet werden. Aber auch nur unter häufigen Repressalien wie Ausweiskontrollen, Platzverboten, willkürlichen Mitnahme aufs Polizeirevier etc.
In Dresden ging es zunächst auch sehr cliquenmäßig und familiär zu. Die ersten musikalischen Gehversuche waren recht dilettantisch, verursachten aber immerhin eine Menge Spaß, der 1981 zur ersten nennenswerten Band führte. ROTZJUNGEN waren Hans Gammel aka Hortel (Gesang), Steffen Jonas (Gitarre), Paul Kuck (Schlagzeug) und Sidding Bull (Bass). Nach dem Ausstieg des Sängers konnte kein neuer Sänger gefunden werden, sodass es lediglich außer einem einzigen Song mit Gesang („Nachts herrscht die Einsamkeit“) nur Instrumental-Aufnahmen gab. Das Bedürfnis, Gleichgesinnte zu treffen, führte die Dresdner Punx bis nach Berlin, wo die Clique 1982 im Kulturpark Plänterwald mit Berliner Punx in Kontakt kam.
Während die Punx aus Dresden, Leipzig, Erfurt oder Halle verstärkt nach Berlin fuhren und Kontakte knüpften, reisten die Berliner wiederum in die Südstaaten der DDR und in die Provinz. Punk in Dresden war nicht gerade die Stätte der Hochkultur, nicht der große Tumult, aber er hatte mit anderen spektakulären Bildem aufzuwarten. Jedenfalls, wenn mensch sich vor Augen hält, dass die Punks, die alles andere als repräsentabel sein wollten, sich hier nicht nur in den Kulissen der üblichen Repräsentationsarchitektur sozialistischer Bauart bewegten, sondern dass sich Punkrock hier auch inmitten der Repräsentationsarchitektur des Barock abspielte. Jahre vor Punk, in den 70er Jahren, existierte in der Stadt eine äußerst agile Szene von Freejazzfreaks, Vertretern der „jungen Wilden“ und allerlei Dichtervolk. Sie befleißigte sich der Subversion des sozialistischen Realismus und seinem Prinzip des „Kunst als Waffe“ durch einen Parallel-Realismus, der seine eigenen Tatsachen in Musik, Bild und Wort schaffte. Die Malerei, die im Umfeld von Punk entstand, in Ost wie West, ist mit Ausnahme seltener surrealistischer Anwandlungen (die letztendlich romantischer Natur waren) nicht zuletzt aus dem Geist des Expressionismus geboren – vereinfacht ausgedrückt. Vielleicht prallten Romantik, Expressionismus und Punk unmittelbar und für einen kurzen Moment in der Dresdner Avantpunkband Zwitschermaschine aufeinander. Die Texte der Band waren auf eine sachliche Weise romantisch, die Musik war Punk in einem expressiven Sinne. ZWITSCHERMASCHINE gründeten sich 1979 im Umfeld der hiesigen Kunsthochschule. Die Band steht weniger für die Anfänge von Punk in Dresden, sondern vielmehr für eine erste Vormagnetisierung von Punkrock in der DDR. Etwa vier Jahre später, als sich die Band durch die Ausreise, aber letztlich durch die totale Überwachung ihrer beiden Gründungsmitglieder auflöste, legte die Dresdner Punkrockkapelle PARANOIA los. Der Band lag nichts ferner, als ausgerechnet an ZWITSCHERMASCHINE anzuknüpfen. Sie machte kein großes Federlesen um wie auch immer geartete Kunstambitionen und spielte, musikalisch wie textlich wenig verklausuliert, Punkrock „klassischer“ Prägung, der keine Fragen offen ließ. Fühlten sich PARANOIA schlicht aus ihrer Jugend in eine trostlose Ordnung verdrängt, so entstand Zwitschermaschine nicht zuletzt durch die Verdrängung zweier unbotmäßiger Maler aus dem sozialistischen Kunstbetrieb. Dessen repräsentatives Zentrum wiederum aber war Dresden durch die alle 5 Jahre stattfindende nationale Kunstausstellung, die in erster Linie ein Schaufenster des sozialistischen Realismus abgab. Hier traf, was entweder in Auftrag gegeben, verordnet oder gnädig abgenickt wurde, in einer seltsamen Konstellation auf die despotische Attitüde des Barock. 1987/88 hingen auch Bilder in der Ausstellung, die Punks oder zumindest Punkverwandtes zum Motiv hatten. Absurderweise wurden sie von Malern des staatlichen Verbandes Bildender Künstler zum Sujet erhoben, denn zur selben Zeit hagelte es in Dresden sogenannte „Innenstadtverbote“ für Punks. Spätestens da war es dann auch mit dem pittoresken Aufeinanderprall von Barock und Punkrock vorbei. Dieser fand nun ausschließlich auf einer strafrechtlichen Ebene statt, denn die Punks landeten nicht selten in dem barocken Polizeipräsidium, unmittelbar hinter dieser Wand, gegenüber dem Stadtmuseum gelegen. Dort wurden sie Verhören unterzogen und im Zweifelsfall gleich an die Staatssicherheit weitergereicht. Daran war dann auch nichts mehr spektakulär, außer die völlige Ahnungslosigkeit der Vernehmer, die allem Fremden gegenüber allerdings erst recht mit ihrem Repressionsarsenal zur „Zersetzung“ der Szene aufwarteten.
Die Dresdener Punks wurden in die Vorstädte zurückgedrängt, fern der Touristenströme. Großer Beliebtheit, auch über die Stadtgrenzen hinaus, erfreute sich das Cafe P.E.P., ein Kirchenasyl für alles mögliche Volk unter den Jugendlichen. Es lag inmitten von Prohlis, einer Plattenbausiedlung. Dort bewegten sich die Punks nicht länger in musealen Kulissen, sondern in einem durch das Weltkulturerbe Punk tradierten Sujet aus Tristesse und Beton.

PARANOIA
PARANOIAs kurze, aber turbulente Bandhistorie beinhaltet u. a. Konzerte bei legendären Punktreffen und einem Auftritt in ‘Budapest. Bald nach Bandgründung kam es zu Bespitzelungen und Observationen. Es folgten Ordnungsstrafen wegen Auftretens ohne Spielerlaubnis . Im Oktober 1985 wurde Bassist Jörg wegen “ungesetzlicher Kontaktaufnahme” verhaftet.
Nach der Zerschlagung PARANOIAs gründeten einige Musiker die Band KALTFRONT in deren Repertoire bis heute einige PARANOIA-Songs fortleben. Im Rahmen der Ausstellungseröffnung ‚too much future-Punk in der DDR‘, welche auch die Geschichte von PARANOIA, ihrer Mitglieder und Ihres Freundeskreises zeigte, fand am 11.08.2007 eine Reunion der Band in Originalbesetzung statt.
Diese Ausstellung hat sich das befreundete Labelkollektiv MAJOR LABEL und RUNDLING zum Anlass genommen, um die nicht enden wollenden Nachfragen nach alten Paranoia-Songs zu stillen. Von den Originalbändern aus dem Bandnachlass wurden die 17 besten Stücke ausgewählt und noch einmal gemastert.
Diese Aufnahmen erschienen 2007 als LP und CD, natürlich in authentischem aber brauchbaren Sound und ist dennoch nichts für High-Tech-Cyberpunx. Der Albumtitel “1984″ verbindet dabei ganz bewusst die Bandbiographie mit Orwells Roman und das macht heute leider mehr denn je Sinn.
Die überwältigende Resonanz im Rahmen der Ausstellung führte zu 2 weiteren Gigs im Dezember des gleichen Jahres. Ich sprach mit Jörg, ehemaliger Bassist von PARANOIA, über das Leben als Punk im sozialistischen System. Jörg ist auch für den Inhalt des “renitenz”-Heftes mitverantwortlich. Selbiges “spürt als ergänzendes Material zur Ausstellung einzelnen Geschichten nach und fokussiert die regionalen Bezüge”.

Jörg, PARANOIA ist ja nur ein Teil deiner musikalischen Laufbahn in der DDR-Punk-Ära. Trotzdem ist PARANOIA heute das, was ihr auf dem 1. Demotape gesungen habt: A Kultband! Was war denn denn an der Band so einzigartig?
Das können nur Außenstehende beurteilen. Es erstaunt mich auch, was für ein Interesse die Band lange nach ihrer Auflösung noch erregt. Der Titel des Tapes war natürlich nicht ernst gemeint.

Was waren die positiven Aspekte, als Punk und Staatsfeind in der Öffentlichkeit aufzutreten?
Als Punk in der Öffentlichkeit aufzutreten brachte einigen Ärger mit sich. Aber es ging uns nicht um Selbstkasteiung, sondern um Abgrenzung und Provokation gegenüber allen anderen. Das funktionierte umso besser, je extremer man aussah. Wir hatten dadurch eine gewisse Narrenfreiheit.

Wie bist du mit den Ideen der politischen Linken umgegangen?
„Radikale Linke“ war für mich ein abstrakter Begriff. Ich habe damals nicht in diesen Kategorien gedacht. Als „Links“ hat sich die damalige Staatsmacht bezeichnet. Also wollte ich keinesfalls so sein. Mit der so genannten DDR-Opposition hatten wir aber auch nichts zu tun. In die staatsfeindliche Ecke wurden wir von den paranoiden Staatsorganen gedrängt. Genau wie Hippies, Blueser, Metals, Grufties etc. Eben alle, die nicht 100% linientreu waren. Das heißt noch lange nicht, dass es da so was wie „Unity“ gab. im Gegenteil, wir haben uns über Hippies und Pazifisten lustig gemacht. Aus „Schwerter zu Pflugscharen” wurde „Schwerter zu Zapfhähne”. Natürlich war die Musik wichtig. Wenn ich Punkrock Scheiße gefunden hätte, wäre ich sicher nicht Punk geworden. Und wenn wir keinen Spaß gehabt hätten, hätte ich das mir sicher auch nicht freiwillig angetan.

In “Kidpunx verpisst euch” ist das destruktive Verhalten auschlaggebend für eine leichte Beute für Trolls und Bullen. War die Punkszene in Dresden intolerant, unorganisiert und unpolitisch? Mit welchen Inhalten wolltest du die Szene bereichern?
Die Punkszene war keine Jugendorganisation (FDJ von unten, haha, sondern selbstverständlich chaotisch und unkontrolliert. Trotzdem hat mich angekotzt, wenn sich die Kids einerseits beschwerten, dass so wenige Konzerte stattfanden, andererseits aber diese seltenen „Highlights“, die von einigen Aktivisten mit viel Mühe organisiert wurden, durch sinnlose Randale torpedierten. Das, was sie „Anarchie“ nannten richtete sich gegen ihre eigenen Interessen, nicht gegen die verhasste Staatsmacht. Es ging mir nie darum, “positive Inhalte” zu vermitteln oder irgendwen zu erziehen. Ich habe mich auch hier abgegrenzt.

Am 10. Oktober 1987 gab es in der Berliner Zionskirche einen Naziüberfall auf ein Punkkonzert. Hat dich dieser brutale Angriff überrascht und bist du selbst mit rechten Skins in Konfliktsituationen geraten?
Der Überfall auf das Konzert in der Zionskirche war für mich kein besonderes Schlüsselerlebnis. Dass es in der DDR Naziskins gab, wusste man da schon. Auseinandersetzungen waren nichts Neues mehr. Der Zionskirche-Überfall schlug aber große Wellen, weil die DDR-Medien nicht mehr umhin kamen, die Existenz von Faschos zu bestätigen. Nazigewalt habe ich nicht körperlich erlebt. Gewalt ging “zu meiner Zeit” eher von Fußballrowdies, Rocker und ganz normalen Vokuhilaprolls aus, wenn sie in größeren Meuten auftraten. Schockierend fand ich, dass dumme Nazi-Ideologie auch von diesen Gruppierungen vertreten wurde. Viele von denen sind dann Skinheads geworden, als das “in Mode” kam.

Warum haben sich viele Punx zu Naziskins entwickelt? Was machte die rechte Ideologie für Punx interessant?
Irgendwann hat Punk zu sein nicht mehr so geschockt. Und da war es nur eine Frage der Zeit, bis Jugendliche, nachdem sie feststellten, dass man Punks nur noch belächelte‚ radikaler wurden. Das größte Tabuthema im Osten war der Faschismus. Es bot sich regelrecht an, mehr oder weniger ernst mit Nazi-Habitus zu provozieren. Bands wie Laibach waren damals bei einigen Leuten sehr beliebt. Die zweite Hälfte der 80er Jahre war eine verwirrende Phase. Allmählich zerbröckelten die festen Strukturen. Auch innerhalb der ‚Szene‘ gab es ständige Veränderungen. Punks wurden Skin, dann wieder Punk oder Gruftie oder ‚normal‘. Manchmal änderte sich das wöchentlich bzw. blieb in so einem undefinierbaren Zwitterstadium. Richtig ernst und strukturierter wurde die rechte Szene hier erst in den 90ern.

Wie hast du die Entwicklung wahrgenommen, dass aus der Subkultur Punk eine Jugendbewegung geworden ist. Gab es eine elitäre “Clique”, in der entschieden wurde, wer dabei sein darf, wer nicht?
Das wurde im Laufe der Zeit immer krasser. Einige der Berliner fühlten sich als die Punkpolizei, die auf die Provinzler herab gesehen hat. Auch bei uns in Dresden gab es einen ‚harten Kern”, der die „Neulinge“ erstmal skeptisch beäugt hat. Das hatte mit der ursprünglichen Punkidee „alles ist möglich” und “keine Regeln” nichts mehr zu tun.

Wo fanden in Dresden die “gefährlichen Zusammenrottungen” statt? Welche Kommunikationstechniken wurden von euch entwickelt, um andere Punx aus andren Städten kennen zu lernen. Hattest du das Bedürfnis, überregionale Kontakte zu knüpfen?
Wir hatten keine festen Clubs oder so. Getroffen haben wir uns privat oder auf öffentlichen Plätzen wie Kneipen oder Biergärten in der City oder auf dem Rummel. Überregionale Kontakte haben wir bei Treffen in anderen Städten geknüpft, z. B. auf dem PW in Berlin oder bei Konzerten in Leipzig, Halle, Karl-Marx-Stadt. Solche Ereignisse haben sich herumgesprochen oder man hat sich postalisch ausgetauscht. Telefon hatten nur wenige.

Der DDR-Staatsapparat hat eine Bestandsaufnahme durchgeführt, das MfS (Ministerium für Staatssicherheit) hat Punk als “gefährlich” eingestuft. Es folgten ausgesprochene Versammlungs- und Aufenthaltsverbote an öffentlichen Plätzen, in Kneipen. Führte das zu Resignation oder zu Aufbegehren oder zum vermehrten Rückzug ins Private?
Zu meiner Zeit waren diese Maßnahmen noch nicht so radikal. Kneipenverbote gab es schon, aber die waren eher selbstverschuldet. Da sind dann wir halt in eine andere gegangen. Staatliche Sanktionen, betrafen nur Öffentliche Einrichtungen. Wir haben uns unsere Nischen gesucht und gefunden. Es hat sich immer viel im privaten Rahmen abgespielt. Zu unseren Proben kamen manchmal viele Besucher, auch von außerhalb, und sie arteten zu Partys aus.
Es gab am Rande von Dresden in einem alten Bauernhof so eine Art Kommune, wo wir uns oft aufgehalten haben. Es gab Diskos, wo wir geduldet wurden. In anderen aber auch wieder nicht. In Berlin gab es das „Alex-Verbot” (Alexanderplatz-Aufenthaltsverbot). Das Innenstadtverbot für Punks in Dresden gab es erst Ende der 80er.

Hattest du eine Ahnung, dass du bespitzelt wurdest?
Bis zu meiner Verhaftung 1985 hatte ich nur Vermutungen. Bei manchen Leuten waren wir uns ziemlich sicher, dass die nicht ganz koscher waren.
Aber wirklich Sorgen haben wir uns nicht gemacht. Wir waren da etwas naiv…

Heute weißt du, dass der inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit “Michael Müller” verantwortlich für deine Bespitzelung war. Du hast den richtigen Namen dahinter herausbekommen und ihn auf seine Spitzel-Tätigkeiten angesprochen. Wie waren seine und deine Reaktionen?
Endgültig klar wurde mir das während den Vernehmungen in der U-Haft. Es handelte sich um Sören Neumann, genannt Egon. Er hatte Paranoia einen Proberaum, Anlage etc. zur Verügung gestellt und hat auch Gigs vermittelt. Ich traf ihn 2004 auf einem Konzert. Da war aber nicht viel zu klären, weil er rattendicht und auch schon gesundheitlich stark angeschlagen war. Voriges Jahr ist er gestorben.

Hast du Punk über das äußere Erscheinungsbild definiert? Du hast dir ja auch mal den Kopf kahl rasiert…kein Bock mehr auf Iro-Styling gehabt?
Es fällt mir schwer, Punk überhaupt zu definieren. Zuerst ging es mir um die Musik und Selbstbestimmung.
Dann kam automatisch das Äußere dazu, wenn man akzeptiert werden wollte. Das führte aber schnell zu Gruppenzwängen und Uniformierung.
Irgendwann hat das total genervt. Vor allem als eine neue Generation dazu kam, die sich nur noch an diesen Klischees orientiert hat. Damit wollte ich nichts mehr zu tun haben. Das hatte für mich nichts mehr mit Punk zu tun. ich weiß nicht, ob es nur ein Zufall ist, aber ich hatte den Eindruck, die die sich am meisten engagierten, waren nie die extremen Nietenkaiser. Als Provokation und um mich sichtbar abzugrenzen habe ich mir Glatze schneiden lassen.
Aber ich weiß nicht, warum ich immer wieder darauf angesprochen werde. Das war auch nur eine von vielen Spaßaktionen, mit denen wir die Leute nur verscheißern wollten.

Es gibt keine Punx oder Skins, die Nazis sind. Es sind Nazis, die sich als Punk oder Skin verkleiden. Stimmst du dieser Formel zu?
Prinzipiell stimme ich dem zu. Aber andererseits sind das Formeln, die mir aus heutiger Sicht nichts bedeuten. Ich sehe das Naziproblem nicht zwangsläufig in Zusammenhang mit der Punk- oder Skinszene. Zumindest in meinem Umfeld gab und gibt es kaum so glasklare Naziskinheads. Nazis erkennt man nicht unbedingt am Äußeren. Im Vergleich zur Anzahl der stinknormal aussehenden Stammtischnazis sind die paar Naziskins ein Lacher…

Wo konntest du dich über Punkmusik und -bands informieren?
Medieneinflüsse kamen zuerst durch die DDR-Presse, die mich auf das „Punkphänomen“ im Westen aufmerksam machte, und später Fanzines, die ich aus der BRD geschickt bekam. Visuelle Einflüsse waren sehr gering. Ich erinnere mich an den Rockpalast mit Undertones, was mich aber enttäuschte, Plastic Bertrand und Elton Motello in ZDF-Musiksendungen und eine holländische Band namens New Adventures in der DDR-Fernsehsendung ‚rund‘. Irgendwann fand in Dresden eine konspirative Vorführung von „The Great Rock’n'Roll Swindle” statt.

Wie wurde euer Demotape vertrieben? Wurde die Stasi auch durch euer Demotape auf euch aufmerksam?
Die Stasi ist nicht erst durch das Tape auf uns aufmerksam geworden. Das war sie schon lange vorher. Wir haben das Tape nicht kommerziell vertrieben. Zwei, drei Kopien wurden in den Westen geschmuggelt. Ein paar weitere im Freundeskreis verbreitet. Verkauft haben wir damals kein einziges Band. Richtig bekannt ist es erst Ende der 80er und vor allem nach der „Wende“ geworden, als die Band schon lange nicht mehr existierte.

Ihr hattet ja auch “West”-Kontakte. Wer hat über euch berichtet, wer wurde auf euer Tape auf aufmerksam?
Wir hatten Interviews bzw. Berichte im A.d.s.W. (Hamburg), Seelenqual (Bayern), Der Ketzer (Darmstadt) etc. Es ging uns darum, auch im Ausland Leute kennen zu lernen, über Punk in der DDR zu informieren und irgendwie in diesem internationalen Netzwerk präsent zu sein. Man hat sich dadurch nicht mehr ganz so ausgesperrt gefühlt. Natürlich waren wir auch stolz, wenn in einem Heftchen was über unsere Band stand.
Das Tape gelangte über einen Freund aus Hamburg zu Weird System. Aber denen war die Qualität zu mies. Es gab keine Absicht unsere Musik „international zu vermarkten”. Wir hätten aber nichts dagegen gehabt, wenn jemand eine Platte veröffentlicht hätte. Ohne Rücksicht auf die negativen Konsequenzen, die es uns eingebracht hätte.

Welcher Reiz hatte die Ungarn-Punkszene?
Mir kam es so vor, als wäre in Ungarn damals mehr möglich gewesen, als in der DDR. Vor allem in Budapest gab es legale Punkkonzerte und Läden, die Punkplatten und begehrte Accessoires verkauften.

Zu welchem Zeitpunkt fingen die staatlichen Repressionen an. Gab es in diesem Zusammenhang auch Überlegungen, eine staatliche Einstufung zu beantragen, um legal Musik machen zu können?
Spürbar wurde es, als zum ersten Mal Ordnungsstrafverfahren wegen Auftritts ohne Spielerlaubnis eröffnet wurden. Allerdings wurden wir schon fast von Anfang an bespitzelt. Wir waren lange Zeit viel zu naiv und zu unbekümmert, um die Anzeichen wahr zu nehmen. Unser ‚Punksein‘ war anfangs noch nicht der Anlass von Repressalien. Vielmehr wurden wir unter fadenscheinigen Gründen aufs Polizeirevier vorgeladen und versucht uns auszuhorchen. Im Februar 1984 verschaffte sich die Polizei/Stasi gewaltsam Zutritt zu unserem Proberaum und schnüffelte darin herum.
Eine Einstufung als zugelassene Jugendtanzformation zu erhalten, um öffentlich auftreten zu können. Nein, das war für Paranoia kein Thema. Damals waren die Bedingungen noch nicht so, dass wir ohne Kompromisse eine Einstufung bekommen hätten. Diese Einstufungen hat übrigens das zuständige Kabinett für Kulturarbeit vergeben. Jugendtanzformation zu erhalten, um öffentlich auftreten zu können. Nein, das war für Paranoia kein Thema. Damals waren die Bedingungen noch nicht so, dass wir ohne Kompromisse eine Einstufung bekommen hätten. Diese Einstufungen hat übrigens das zuständige Kabinett für Kulturarbeit vergeben, nicht die FDJ.

1986 hast du KALTFRONT mitbegründet. Da habt ihr euch ideologisch vom Punk distanziert, obwohl eure Musik deutlich vom Punk inspiriert war.
Am Anfang von Kaltfront war ich szenemäßig mit Punk durch. Ich wollte mit einem großen Teil dieser Leute nicht mehr in einen Topf geworfen werden. So wie mir ging es vielen aus „meiner Generation”. Da war Punk fast so was wie ein Schimpfwort. Man bemühte sich davon abzugrenzen, ob mit Glatze oder mit bewusst glattgekämmten Haaren. Wir wollten machen, worauf wir Bock hatten, ohne auf irgendwelche Konventionen achten zu müssen. Es ging aber weniger gegen Punk, als vielmehr gegen alle Szenebefindlichkeiten. Wir waren wohl aus dem Alter raus und zu selbst bestimmt, um uns auf eine Gruppierung reduzieren zu wollen. Genau das ist wohl ein solcher positiver Aspekt, den uns die Punkerfahrung gebracht hat. Ich denke, Punk heißt nicht, bis ins hohe Alter mit lro und Nietenjoppe rumzulaufen und die gleiche Scheiße zu machen wie mit 18, sondern auch, sich zu entwickeln.
Heute ist Punk für mich nur noch eine Worthülse, die ich benutze, um eine Musikart oder ein bestimmtes Lebensgefühl zu umschreiben.

Wie hast du dich an der “too much future”-Ausstellung beteiligt?
Ich habe mein Archiv zur Verfügung gestellt, habe Recherche betrieben, das Heft gestaltet etc. Nur mit den Inhalten der Ausstellung hatte ich nichts mehr zu tun. Dafür sind die Berliner Kuratoren verantwortlich. Ich distanziere mich davon und will auch nicht so viel zu der Ausstellung sagen.

Warum bist du mit der Ausstellung unzufrieden?
Chance vertan. Wir haben uns leider auf die Zusammenarbeit mit den falschen Leuten eingelassen. Was wir aber erst merkten, als es zu spät war.
(Anmerkung: Jörg hat mir auf Nachfrage seine Sichtweise näher erläutert, wollte diese aber nicht weiter “auswälzen”. Seine Verärgerung steht aber im Zusammenhang mit Meinungsverschiedenheiten der Kuratoren der “too much future”-Ausstellung und dem Bezug zur Dresden-Szene)

Waren denn die Liveauftritte eine Rückbesinnung auf alte Zeiten und die Möglichkeit einer PARANOIA-Re-Union oder nur Bestandteil eines Rahmenprogramms?
Klarer Bestandteil des Rahmenprogramms. Beim Thema Punk in Dresden kommt man an diesen Bands nicht vorbei (Und den Inhalt des Rahmenprogramms wollten wir uns nicht auch noch aus Berlin diktieren lassen). Die Reunion vonParanoia war nur mit diesem Anlass vertretbar, während Kaltfront ja schon seit 6 Jahren wieder spielt und nicht mehr unter diesem Vergangenheitsblickwinkel gesehen werden sollte. Wir spielen ja auch neue Songs.
Die Resonanz auf Paranoia war sehr gut. Das Konzert war ausverkauft. Bei KF, Creeks und Venusshells war sie auch gut, aber nicht ganz so euphorisch wie bei uns.

PARANOIA waren:
Fleck: Gesang
Olaf: Gitarre und Gesang
Oliver: Drums
Sonic Jörg: Bass und Gesang

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