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Resist to exist

Ob es sich nun um den Biesdorfer Park als Freiraum für alternative Kultur handelt oder um ein Industrieareal am Rande Berlins ist letzlich egal. Das Problem dahinter bleibt das gleiche: Klubs schließen, Häuser werden geräumt, Jugendzentren erhalten immer weniger Zuschüsse, Proberäume werden streitig gemacht, Szenekneipen und -läden müssen schließen, weil die Mieten unerträglich nach oben geschossen sind - kurzum heißt das eigentliche Problem „Gentrifizierung und gesellschaftliche Ausgrenzung!“
Wenn mensch bedenkt, dass Schokoladen, KVU, Drugstore (damit auch die Potse), Köpi, XB aktuell schließungsbedroht sind, bleibt am Ende für die subversive, kritische, alternative Kultur Berlins nicht mehr viel Freiraum übrig. Der Biesdorfer Park war damals eine der ersten, direkt sichtbaren Entwicklungstendenzen innerhalb des "neuen" Berlins. Der Bezirk Prenzlauer Berg spricht in diesem Kontext sicherlich Bände. Neu-Kölln, X-Berg und F-Hain machen es gerade nach. Was bleibt da am Ende noch für Menschen, die sich kulturell engagieren und dem gentrifizierenden Mainstream nicht hinterher hetzen möchten? Richtig: Verbrannte Erde! Das Motto und der Name RESIST TO EXIST ist somit wohl aktueller als zur Gründungszeit des Festivals! Freiräume schaffen! Freiräume gestalten! Freiräume verteidigen!
Das RESIST zeichnet sich insbesondere durch die große Zahl der Sympathisanten und freiwilligen Helfer aus und natürlich durch den DIY-Ansatz. Das Stammteam des RESIST umfasst etwa 20 Leute, die quasi ehrenamtlich Jahr für Jahr aufs Neue den Berg der Bürokratie besteigen und die Lawine staatlicher Auflagen erfolgreich versuchen zu bewältigen. Und sich ganz nebenbei natürlich noch um die gesamte Organisation, wie auch das Bandbooking kümmern. Neben dem festen RESIST-Team arbeiten jährlich noch 250 Helfer_innen an der Umsetzung des Festivals in den Bereichen Auf- und Abbau, Catering, Sanitäter, Security, Technik und Tresen.
Resist to Exist heißt:
100% Non-Profit
100% D.Y.I.
NO NAZIS!
FUCK OFF GRAUZONE!

Das Publikum freut sich
Das Publikum freut sich


„Das grundsätzliche Problem ist einfach: Unsere Zeit ist super komplex und vielseitig. Es fehlt jedem so ein bisschen die Orientierung und gleichzeitig wird aber immer Orientierung und Positionierung verlangt.“ (Hagen)

Ihr macht jetzt seit 2004 das Festival. Wie kam es dazu? Hattet ihr einfach nur Bock drauf oder gab es einen konkreten Anlass dafür?
    Horst: Na, da muss man schon etwas weiter ausholen. Also Marzahn war ja in den 90er Jahren sehr ekelig, du bist da immer sehr schnell Nach hause gekommen, weil du immer gerannt bist. Ich lag auch öfter im Krankenhaus. Als alternativer Mensch warst du in Marzahn halt Freiwild. Die Leute, die eben alternativ waren, hatten immer nur ihre drei, vier, fünf Leute im Freundeskreis. Dadurch, dass immer wieder die Rückzugsorte von den Nazis genommen wurden, hat sich das irgendwann zentriert im Biesdorfer Park.
In der Hochzeit, so um die Jahrtausendwende, waren da auch so pro Tag 200 bis 250 Leute. Die Leute haben sich immer mehr politisiert, haben Leute kennen gelernt aus dem Rest von Berlin und teilweise auch Support aus Hamburg gehabt, bei irgendwelchen massiven Übergriffen. So wurde das ein Rückzugspunkt, den die Nazis nicht einfach platt bekommen haben.

„Das ist echt ein saugeiles Gefühl, dass das Leuten genau so  am Herzen liegt wie uns selbst“; Horst

Hattet ihr dann dort auch ein Zentrum?
    Horst: Ne, also das war im Prinzip nur die Grünfläche. Es haben sich dann auch politische Gruppen gebildet, und die Leute haben auch angefangen Konzerte zu machen. Irgendwann hat dann der Bezirk gemerkt: da gibt´s Feuer, das wollen wir nicht. Da gibt´s Leute, die da rumhängen, das wollen wir nicht. Es wurde dann ein Zaun drumherum gebaut und einen Wachschutz eingestellt. Ab 22 Uhr durfte man dann nicht mehr rein oder raus. Glücklicherweise gab es auf dem Gelände eine Bühne und wir wollten darauf aufmerksam machen, dass hier wieder ein Rückzugspunkt genommen wird, den wir uns erkämpft hatten, weil wir von Nazis verjagt wurden. Dann gab es komischerweise so ein paar Streetworker von Gangway e.V., die sich für den Rückzugspunkt interessiert haben und ein, zwei Leute saßen dann ein paar Wochen mal bei uns und haben versucht Anschluss zu finden.
Wir haben das eher abgelehnt, wir haben das so empfunden wie „Na gut, jetzt versucht da so eine öffentlich, staatliche Stelle uns zu befrieden“. Wir fanden das eher lächerlich. Aber die haben dann selbst gesagt, „Na guckt mal, hier ist doch ne Bühne, lasst doch mal mit dem Bezirksamt reden, warum wollt ihr nicht das für so ein Konzert nehmen?“     Zusammen mit denen und ein, zwei Jugendclubs aus dem Bezirk haben wir 2004 dann so ein Chaosding aufgezogen. Hat wunderbar funktioniert, wir hatten 700 bis 800 Gäste. Das ist dann auch von Jahr zu Jahr größer geworden. Es war auch schon immer so, dass da keiner Geld bekommen hat, es lief immer alles ehrenamtlich. Dann konnten wir die Bühne nicht mehr benutzen, weil sich die Bürger beschwert haben, weil es zu laut war. Über Gangway haben wir dann das Gelände, wo das Festival die letzten fünf Jahre war, bekommen.
Dadurch, dass es so abseits ist und da auch Grünfläche ist, konnten wir dann zelten anbieten und es hat angefangen deutschlandweit und international ein bisschen mehr Gäste zu kriegen.     Wir haben dann zwei Bühnen gemacht, ein bisschen größere Bands usw. und so langsam ist es uns jetzt doch ein bisschen über den Kopf gewachsen, wenn man die aktuellen Schulden sieht. Also ich bin der Meinung, wir haben das immer noch ein bisschen zu naiv angefasst.

Schulden hattet ihr aber erst seit diesem Jahr?
    Horst: Ne, Schulden hatten wir eigentlich fast immer.

Ok, aber es war immer noch in einem Rahmen, den man irgendwie bewältigen konnte?
    Horst: Ja in den ersten drei Jahren, mal 700 oder 800 Euro. Das hat man mit Soli-Konzerten wieder reingekriegt. Dann hatten wir mal 5000 oder 6000 Euro Schulden, das ging dann durch ein bisschen ummodeln und Soli auch noch. Aber jetzt ist es ein fünfstelliger Bereich.
    Wir haben ja auch einen Verein gegründet. Mit diesem Verein haben wir dann auch gemerkt, „Okay, wir sind keine Jugendinitiative mehr, jetzt wird's richtig ernst“ so auch ans haften, wenn du falsch arbeitest. Und da waren wir wahrscheinlich ein bisschen blauäugig.
Das Line-up war auch, müssen wir jetzt im Nachhinein sagen, ein bisschen zu durchmischt, so dass sich viele Leute bei vielen Bands auch dachten "Äh? was soll das jetzt?". Weil wir wir im Booking so selber dachten "Geil! Totenmund, noch nie gehabt. Wäre ja mal der Hammer, die da zu haben", weil wir die alle gern hören, aber das hat dann leider doch nicht wirklich reingepasst.

„Wir wollen das Festival wieder mehr als Plattform und Begegnungsort für Leute und Organisationen und andere Projekte, die eben auch für Freiräume kämpfen“; Hagen

Und jetzt aktuell wie steht´s finanziell?
    Horst: Wir haben auch zu Spenden aufgerufen, also da schüttelst du den Kopf, ich will jetzt keine Zahlen nennen, aber das ist schon...also wir sind ganz kurz vor vierstellig. Auch Bands haben gespendet, FAHNENFLUCHT z.B. 
Irgendwelche Soli-Geschichten werden gefahren, ohne dass wir sie anleiten. Da kommt irgendwann eine Mail "Hey! Wir machen ein Soli-Konzert, ihr bekommt die Einnahmen".
Das ist echt ein saugeiles Gefühl, dass das Leuten genau so  am Herzen liegt wie uns selbst.
    Hagen: Wir zwingen uns gerade auch ein bisschen zum Umdenken wie es halt weiter gehen soll. 2009 war es, was ich davon mitbekommen habe, ja doch eben auch finanziell so, dass es gut rauslief, da waren auch über 2000 Leute da. Das war dann auch wieder so das Ziel und das haben wir dann die letzten zwei Jahre nicht erreicht. Deshalb jetzt doch noch mal die Überlegung woran es lag.  Von der Uridee, einen Rückzugsraum wieder zu erkämpfen oder darauf aufmerksam zu machen, ist es halt weggekommen zu einem reinen Musikfestival.
Wenn  du das ganze gemeinnützig und non- kommerziell aufziehst, aber letzten Endes so in einer Liga mit den großen Festivals spielst, die eben auch ein großes Line-Up haben, aber ganz anders kalkulieren und wirtschaften können, ist es einfach schwierig, zu bestehen und sich zu behaupten.
Und dann kommen noch die Probleme generell in Berlin, so ein Festival zu organisieren dazu, weil es einfach mit unglaublich vielen bürokratischen oder auch behördliche Hürden verbunden ist.
Und da muss man sich halt überlegen: lohnt sich das was man da macht und was will man damit eigentlich bezwecken? Wir gehen jetzt momentan eigentlich eher in die Richtung, dass wir sagen „Okay, wir wollen das auf jeden Fall weitermachen“. Aber es muss irgendwie einen anderen Rahmen, einen anderen Zusammenhang kriegen. Wir wollen das Festival wieder mehr als Plattform und Begegnungsort für Leute und Organisationen und andere Projekte, die eben auch für Freiräume kämpfen.

Und ihr finanziert euch nur über den Eintritt?
    Horst: Und dem Bierverkauf. Und Support von Labels, also die bekommen die Rückseite von Flyern und zahlen dafür den Flyerdruck. Wir haben auf dem Festival keine Werbebanner rumhängen, wollen nicht auf unseren Flyer fünf, sechs, Logos von Biermarken und Sparkasse und so ne Scheiße. Das wäre dann zwar sehr bequem, vielleicht kommt man dann irgendwann in so eine Situation, „Jetzt ist alles so plus/minus Null. Scheiß drauf wie viele Gäste kommen, wir können uns jetzt zurücklehnen“. Aber da verkaufst du dich einfach.

Also ihr organisiert das als Verein, werdet dabei aber nicht durch andere Vereine mitgetragen?
    Horst: Nö. Also es kommen bei uns keine täglichen Gelder rein von irgendwelchen Stiftungen oder so. Wobei, wenn es dann irgendwelche Kulturstiftungen sind, da wird dann im Plenum diskutiert ob es gemacht wird oder nicht. Eine Abhängigkeit ist immer da, keine Frage.

Unser Heftschwerpunkt ist dieses Mal ja Grauzone. Wie geht es euch als Veranstalter mit dem Thema?
    Horst: Ja, da haben wir uns mittlerweile ja Gott sei Dank gefangen. Wir hatten vor einem Jahr noch OHL da, das war ein bisschen unbequem. Das war auch ein bisschen blauäugig. Ich hatte mich selber mit der Band nie befasst, hatte sie zweimal live gesehen, das war sieben Jahre her und ich konnte mich dann auch nur an Aussagen erinnern wie "Schlagt die Faschisten wo ihr sie trefft".
Für mich hieß es bei OHL, „Naja, konservative Punks“. Aber definiere jetzt mal konservativ.
Ich hab dann im Booking gesagt, „OHL, naja ok, macht.“ Alle anderen waren auch im Zweifel. Wir haben das auch im Plenum gesagt. Die meisten Leute konnten damit auch nicht unbedingt was anfangen, nicht jeder weiß mit den Bands immer was anzufangen.

„Ich finde auch, man muss nicht immer sagen, dass man ein antifaschistisches Festival ist, weil für mich ist das eine Selbstverständlichkeit“; Horst

Ja klar, man weiß ja auch immer nicht sofort die einzelnen Verstrickungen.
    Horst: Ja, dann haben wir die gebucht auch mit Vertrag. Und irgendwann kamen dann so ein paar E-Mails an uns ran und auch von Securities die mal mit ihnen gearbeitet haben, und die meinten, „Ich würd ja sehr gern helfen, aber OHL spielt, ich mach dieses Jahr nicht mit".
Irgendwann hab ich dann auch überlegt "Scheiße, was haste da jetzt eigentlich mit reingebucht?" und mich selber dann auch mit befasst.
Leider haben  wir das dann viel zu spät vor dem Festival im Plenum thematisiert und dann war auch aus finanzieller Sicht irgendwann nur noch die Meinung, dass  würde  uns jetzt einen vierstelligen Betrag kosten, die nicht zu buchen und einen Ersatz reinzubuchen der Adäquat ist und haben dann entschieden: Dumm gelaufen!
 Ich meine, dass wir Grauzonen-Bands nicht wollen, braucht man man -glaub ich- gar nicht sagen. Ich finde auch, man muss nicht immer sagen, dass man ein antifaschistisches Festival ist, weil für mich ist das eine Selbstverständlichkeit. Ich finde es schade, dass so was immer noch irgendwo in einem Satz mit reingeschrieben werden muss. Ich finde das selbstverständlich, dass man mit Faschisten, Rassisten, Sexisten nichts anfangen will.

„In meinen Augen wurde die (Grauzonen-)Debatte  falsch angefangen, weil es wurde alles verteufelt in einen Topf gesteckt und gesagt "So, ihr seit jetzt alle Nazis"; Horst

    Hagen: Also ein Logo auf einen Flyer gehauen ist halt schnell. Aber die Frage ist einfach, wie sich das auf dem Festival äußert. Das war zumindest dieses Jahr ein bisschen gemischt. Es gab ein, zwei Leute, die haben Feedback gegeben, "Ja mal noch ein bisschen mehr hier auf Grauzonen-Bands achten“, also es ging mehr wieder um T-Shirts von Leuten..
Aber es ist halt mega kompliziert, ich kann jetzt niemanden mit einem BERLINER WEISSE T-Shirt wegschicken, weil irgendwer denkt, Berliner Weisse ist jetzt nicht so die ober Politband. Es ist eben super schwierig, da den Leuten das T-Shirt zu verbieten.
    Horst: Ich mein, Kategorie C T-Shirt ist klar, der fliegt vom Festival.
    Hagen: Genauso wenn Leute mit Thor Steinar Klamotten ankommen, dass ist dann nicht die Frage. Aber halt eben Leute die...
    Horst: ...T-Shirts von ner Band tragen, die in der Myspace-Liste jemanden hat, der... so was was Oire-Szene Blog leider mitunter falsch gemacht hat, in meinen Augen. Ich definiere ne politische Ausrichtung einer Band nicht anhand der Freundesliste von Myspace. Klar, wenn jetzt KATEGORIE C drin ist und LANDSER, dann ist das was ganz anderes, überhaupt keine Frage. Aber weil die jemanden in der Freundesliste haben der eine Band hat, die mal mit ner Band gespielt hat, die in Belgien sonst wo gespielt hat...

Ja, ich hab so zwei, drei Leute mit KRAWALLBRÜDER-Shirts gesehen, dass war dann schon kurz so "hmm".....
    Hagen: Das ist ja so der Klassiker. Gerade KRAWALLBRÜDER oder so. Die einen haben dann  -glaub ich- irgendjemanden angesprochen, der hatte glaub ich ein KB-T-Shirt an und ne LOIKAEMIE-Jacke. Ich glaube, dass ist auch das, worum es auch mehr geht. Das muss wieder viel stärker zurück in die Szene getragen werden. Ich glaube das ist eher der Anspruch, den wir haben sollten. Deswegen hatten wir dieses Jahr auch im Kino zumindest ja mit „Nazis im Hardcore“ am Sonntag ein bisschen Diskussion, die auch sehr gut angenommen wurde. Da hat es sich auch gezeigt hat, dass  es den Leuten doch recht schwer fällt, gerade eben z.B. auf Konzerten damit umzugehen. Da eben so ein bisschen eine Anleitung zu geben oder den Leuten zu sagen, dass es wichtig ist, dass sie sich auch selber darum kümmern. Das ist viel wichtiger, als an einem Wochenende am Eingang die Klamotten zu kontrollieren.
    Horst: ...und am besten im Rucksack jedes T-Shirt angucken. Das kann man auch nicht verlangen. Wir sind da auch keine Gesinnungspolizei, die jetzt am Eingang die Leute aussortiert.
    Hagen: Ja, man sieht es den Leuten halt auch nicht an. Es gibt halt grad so Tätowierungen oder so, wenn es kalt ist, und die Leute haben einen Pullover an, dann sieht man es halt nicht.
    Horst: Da hatten wir letztes Jahr einen Fall. Bei GLEICHLAUFSCHWANKUNG. Ein Typ, der auf dem Festival überhaupt nicht aufgefallen ist, hat bei denen am Sonntag sein T-Shirt ausgezogen und die „Fourteen words“ hinten tätowiert gehabt.

Anmerkung: Fourteen Words („vierzehn Wörter“) ist eine besonders in den USA, mittlerweile aber auch in Europa häufig gebrauchte verschleiernde Umschreibung für einen verbreiteten Glaubenssatz weißer Neonazis und Rassisten: „We must secure the existence of our people and a future for White children.“ („Wir müssen die Existenz unseres Volkes und die Zukunft für die weißen Kinder sichern.“) Als Erfinder der Fourteen Words gilt der US-amerikanische Rechtsextremist David Eden Lane.

Den haben wir natürlich runter geworfen. Wenn so was dann auffällt kann z.B. das Publikum dann auch selber auch mit für sorgen. Also wir werden ein Publikum nicht dran hindern, einen Nazi vom Festival zu werfen. Ich meine, wir können ja auch nicht überall sein, wir sind ja auch nicht dafür da für Ruhe, Ordnung, Sauberkeit zu sorgen. Aber wenn das Publikum mitarbeitet, ist´s natürlich ideal.
    Hagen: Ich glaube  da ist so ein Festival mit mehreren hundert Leuten auch eine Möglichkeit, da kannst du dich dann auch mal persönlich auseinandersetzten, und dass wäre eben auch mein Wunsch, weil sich viele drüber aufregen, dass das alles nur noch im Internet passiert, was ich auch absolut nachvollziehen kann. Das ist ein sinnvolles Medium, um solche Diskussionen zu führen, aber die werden dann auch schnell anonymisiert...
    Horst: ...und viel zu emotional geführt. Die Leute denken nicht mehr rational in so ner Debatte. Also ich hab das selber auch im Bekannten- und weiteren Bekanntenkreis erlebt, die dann irgendwann meinten "Naja, jetzt will mir die Antifa schon vorschreiben, welche Band ich zu hören habe“ und die dann auf stur geschaltet haben und sagen "oh cool und jetzt geben mir die ne Liste" und dann anfangen haben, genau diese Bands zu hören, weil das ist ja verboten ist, so in der Richtung. Also es gibt da wirklich Leute, die sich einfach nur angepisst fühlen, weil Bands dann als Grauzone bezeichnet werden, die es im Leben nicht sind.
In meinen Augen wurde die Debatte falsch angefangen, weil es wurde alles verteufelt in einen Topf gesteckt und gesagt "So, ihr seit jetzt alle Nazis".
    Hagen: Es gibt halt irgendwie so drei Gruppen von Leuten, den einen ist das irgendwie total scheiß egal, weil die interessiert das generell nicht. Das sind die Leute, denen man eigentlich nur mal bewusst machen müsste, dass es da auch um ihre...nicht nur um ihre Musik, sondern auch um ihre Szene, ihre eigenen Sachen geht. Dass es schon wichtig ist, da auf gewisse Sachen eben auch aktiv zu achten und nicht nur zu konsumieren, denn das ist nun mal nicht der Sinn von einer Subkultur.
Und dann gibt es halt die Leute, die das komplett abblocken, weil sie sich angegriffen fühlen. Teils verständlich, teils weil sie einfach auf stur schalten. Und die anderen sind halt die, die´s halt super genau nehmen und sich dann in so einer Verantwortungsrolle sehen, die auf der einen Seite wichtig ist, aber halt super schnell... es ist halt so ne Gratwanderung.

„(...)dieses Deutschrock-Ding, das zieht halt, weil es kommerziell erfolgreich ist“; Hagen

Man kann sich da im Endeffekt auch nie sicher sein. Schaut euch doch z.B. BETONTOD an.
    Horst: Ja genau. Und dann erzählen sie irgendwie, jetzt könnten sie endlich die Musik machen, die „wir unser Leben lang machen wollten“. Deutschrock ekel. Aber vorher das Album „Schwarzes Blut“ noch „Viva Punk ein Leben lang“. Ah ne, BETONTOD ist so was von tot für mich.

Ich hab danach auch mit Leuten gesprochen und manche haben mir gesagt "Oh man, das war früher meine Lieblingsband, und ich kann doch jetzt nicht aufhören, die zu hören“.
    Hagen: Aber ich kenn auch Leute, die haben da ihre T-Shirts verbrannt. Verständlicher weise.

„Glaubwürdigkeit ist schwer nachzuweisen, wenn du so aus der einen Szene aussteigst und dann in eine andere übergehst“; Hagen

Ja mit so etwas umzugehen finde ich auch fast noch schwieriger wie...
    Horst: ...so was ganz offensichtliches.

Genau. Also so Bands wie FREI.WILD, die schon immer aus so einem Hintergrund kommen.
    Hagen: Da bist du halt ein Stück weit nie vor gefeit. Bands entwickeln sich ja auch weiter und in welche Richtung und was die dann machen, das weißt du ja nicht. Grad dieses Deutschrock-Ding, das zieht halt, weil es kommerziell erfolgreich ist. Alleine schon diese Onkelz-Nachfolger Suche, die ja viele Fans verloren haben und FREI.WILD ja eigentlich ziemlich gut ausfüllen. Aber im ONKELZ- Fahrwasser ist einfach noch so viel zu holen.
Auf der andere Seite ist es dann immer schwierig, weil den Leuten so ein Stück weit auch ihre Vergangenheit immer mit getragen wird. Glaubwürdigkeit ist schwer nachzuweisen, wenn du so aus der einen Szene aussteigst und dann in eine andere übergehst. Allein schon, dass darüber so krass viel nachgedacht und diskutiert wird zeigt ja schon, dass es eben tatsächlich nicht so einfach zu machen ist. Aber den Leuten dann komplett abzusprechen, dass sie diesen Wechsel oder diesen Werdegang irgendwie vollziehen, dass finde ich halt auch ziemlich krass. Das ist auch teilweise echt sehr, sehr unfair.
    Horst: Menschen können sich ja auch entwickeln und nachdenken.
    Hagen: Nur weil jetzt der eine Gitarrist in einer Nazi-Band gespielt hat, vor 15 Jahren, und jetzt in ner Oi-Band spielt, heißt das ja nicht, dass die „neue“ Oi-Band jetzt automatisch auch rechts ist. Aber das ist dann teilweise doch schon ausreichend.
    Horst: Gerade in dieser Grauzonen-Debatte finde ich immer die Fallunterscheidung unfassbar schwer. Du musst ja bei jeder Band -wo dieser Vorwurf existiert- eigentlich den kompletten Background der Leute hinterfragen.
    Hagen: Aber gleichzeitig, warum soll das auch leicht sein? So unterschiedlich wie jeder Mensch ist und jeder irgendwie eine andere Ansicht und eine andere Geschichte hat, hat das ja auch jede Band. Deswegen ist es eigentlich auch logisch, dass es nicht irgendwie per se, anhand von irgendwelchen festen Kriterien oder Mustern, unterschieden oder kategorisiert werden kann. Das wird aber leider meistens versucht.
    Horst: Es gibt auch genug Bands, für die ist es eine Selbstverständlichkeit, antifaschistisch zu sein, die sich aber nicht als links definieren. Das verlange ich von einem Menschen, der Antifaschist ist, auch nicht, dass diese Personen sich links definieren oder positionieren. Klar, als linkspolitischer Mensch ist man Antifaschist, aber nicht jeder Antifaschist ist linkspolitisch. Das ist auch so eine Sache, die schnell in einen Topf geworfen wird.
    Hagen: Das grundsätzliche Problem ist einfach: Unsere Zeit ist super komplex und vielseitig. Es fehlt jedem so ein bisschen die Orientierung und gleichzeitig wird aber immer Orientierung und Positionierung verlangt. Ich mein, in den 70er Jahren, da war das halt super einfach, da gab´s halt nur links und rechts und da war halt klar, was dazugehört und was nicht. Heute, allein wenn schon irgendjemand von den Linken spricht, frag ich mich immer, was meint er damit? Die, die links auf der Straße gehen? Es gibt einfach keine Linke. Es ist super blauäugig zu meinen, man könnte Leute auf einzelne Themen oder Aussagen festnageln und daran dann irgendetwas festzumachen. Nur weil irgendwo ein antifaschistisches Logo auf nem Flyer ist, heißt das noch lange nicht, dass die Veranstaltung oder die Bands die da spielen das alle unterschreiben.  
 
© Regula

More Infos: http://resisttoexist.de/

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