DER BOXER Die wahre Geschichte des Hertzko Haft

DER BOXER Die wahre Geschichte des Hertzko Haft
DER BOXER Die wahre Geschichte des Hertzko Haft

DER BOXER
Die wahre Geschichte des Hertzko Haft
v. Reinhard Kleist
176 Seiten (17,5×24,5 cm); € 16,90.-
ISBN:  978-3-551-78697-5
carlsen.de
Inhalt: Reinhard Kleist erzählt das unglaubliche, aber wahre Leben des jüdischen Boxers Hertzko Haft, der im Konzentrationslager von seinen Bewachern zum Faustkampf gezwungen wurde und daraus seine Überlebensstrategie machte.
Gesamteindruck: Am Ende der Graphic Novel schildert Martin Klauß den Leidensweg “des Mannes, der(…)Auschwitz nur deshalb überlebte, weil er dort für die SS boxte(…)”. Boxen im KZ war in der ersten Hälfte der 40er Jahre eine pervertierte Unterhaltungsform für SS-Leute, für die etliche kasernierte europäische Boxer gezwungen wurden, zu kämpfen…bis aufs Blut, der Verlierer wurde nicht selten hinterher erschossen. Überhaupt ist das Wissen zu “Sport im KZ” lange tabuisiert und verdrängt gewesen und die Berliner Historikerin Veronika Springmann forscht und schreibt seit Jahren zu diesem Thema.
R. Kleist orientiert sich bei die Graphic Novel an Alan Scott Hafts Buch “Eines Tages werde ich alles erzählen” und Hertzkos Leidensgeschichte steht exemplarisch für alle jene jüdische Boxer, die KZ Kämpfe absolvieren mussten.
Gleich zu Anfang der Graphic Novel wird die schwierige Beziehung von Hertzko, geboren am 28. Juli 1925, zu seinem Sohn offenbar, Kleist zeigt aus dessen Perspektive den jähzornigen Vater, der so lieblos und innerlich verbittert war und der sich erst spät, 2003 seinem Sohn anvertraut  und ihm seine Lebensgeschichte offenbarte. Kleist versucht, die emotionale Ausrichtung zu erklären, Hertzko (der sich später auch Harry Haft nannte, hat schließlich 60 Jahre seine Erlebnisse verdrängt. Kleist skizziert die permanent latenten und offenen Anfeindungen, die Hertzko ausgeliefert und wo Gewalt allgegenwärtig war. Mit einfachen Strichen zeigt Kleist, auf welche Weise Menschen  Emotionen über ihre Gesichtsmuskeln kommunizieren und zeigt die veränderte emotionale Haltung, die überwiegend negativ ist und die damit verbundenen Gefühlszustände ausdrückt. Parallel zur Leidensgeschichte greift Kleist auch die starke Bindung zu Leah auf, die Frau, die er sein Leben lang liebt und an dessen Liebe er glaubt, die ihn stark macht. Die Suche nach Leah ist nach Kriegsende und in der Zeit in den USA so präsent, weil das Schicksal beide zusammengeführt und gewaltsam auseinandergerissen hat.
Hitlers „volkstumspolitischen Kampf“ führte auch für Hertzko zu der Deportation in wechselnde Lager. Das zentrale Thema, das Boxen und der damit verbundene Überlebenskampf zwischen Sieg oder Tod rückt in den Mittelpunkt, zugleich skizziert Kleist die Auswirkungen der Zustände im KZ auf die Inhaftierten und die veränderten psychischen wie physischen Zustände, wo Zusammenhalt und der Appell, durchzuhalten und nicht aufzugeben, lebensnotwendig war.
Kleist setzt mit dramaturgischen Mittel und eindrucksvollen Bildern die Schrecken und Verbrechen im KZ dar (etwa als Hertzko vergaste Leichen im Krematorium verbrennen musste), Kleist stilisiert die Darstellung und hebe sie auf eine andere Ebene, die den alptraumhaften Aspekt für Hertzko Haft in den Vordergrund rückt. Dasselbe gilt für die Kannibalismus-Szene im KZ Flossenbürg. Hier deutet Kleist nur an, weil die eine detaillierte Darstellung zu brutal wäre. Schwierig für Kleist war, die biografischen Ungenauigkeiten und Zweifel wiederzugeben, die aber für die Geschichte wichtig waren. Das gilt zum Beispiel für die Mafia-Geschichte beim Kampf gegen Rocky Marciano. Haft behauptet, er habe den Kampf absichtlich verloren, weil er von der Mafia bedroht wurde. Kleist zeigt Hertzko Haft als einen stolzen, starken Mann, der als Profiboxer den Davidstern trägt und  erst emotional zusammenbricht, als er die todkranke Leah wiederfindet und seinem Sohn verspricht, “irgendwann alles zu erzählen”. Die Graphic Novel ist keine historische Dokumentation, sondern orientiert sich stilistisch und erzählerisch eher an einem Abenteuer, die die profane Frage aufwirft: Was kann ein Mensch alles aushalten, um seine Liebe wiederzufinden? Und damit kann sich jedeR LeserIn identifizieren.

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