STICHE

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STICHE

STICHE
v. David Small
336 Seiten (17x24cm); € 29,90.-
ISBN:  978-3-551-78695-1
carlsen.de
Inhalt:  David Small beschwört die Welt der Fünfzigerjahre, als man noch glaubte, die Wissenschaft könne alle Probleme lösen. Als man über vieles nicht sprach, schon gar nicht mit Kindern. Vor der kafkaesken Familiensituation flieht der kleine David in seine Zeichnungen. Mit 14 Jahren verliert er bei einer Operation seine Stimme. Dass er Kehlkopfkrebs hatte und man damit rechnete, dass er sterben würde, findet er ebenso selbst heraus wie die Ursache dafür: Sein Vater, ein angesehener Radiologe, hatte ihn in seiner Kindheit regelmäßig mit Röntgenstrahlen “behandelt”.
Gesamteindruck: Das sehr späte Schuld- und Eingeständnis des Vaters, durch seine radiologischen Anwendungen den Krebs verursacht zu haben ist eines der Schlüsselmomente im Buch, die  David eindrucksvoll bebildert und gleichzeitig die emotionale Kälte und Distanz aufzeigt, die in seiner Kindheit vorherrschte und dazu führte, psychiatrische Hilfe anzunehmen. Aus seinen Erinnerungen formt David detaillierte Situationen, die die zerrütteten Verhältnisse, den Beziehungskonflikt der Eltern aufzeigt und zugleich die Selbstwahrnehmung ohne viel Text visualisiert. Hilfreich ist der Blickwinkel des Kindes, der den Wahnsinn und die Angst verstärkt, denen David ausgeliefert war, etwa, als seine Großmutter ihn mit heißen Wasser verbrüht. Aber auch sich durch den vorübergehenden Verlust der Stimme unsichtbar zu fühlen unterstreichen die verblassten, verwischten Farben, die David anwendet. Dass nicht viel Text vorhanden ist, liegt aber auch daran, dass in der Familie nie viel geredet und es vermieden wurde, darüber zu reden, was einem bewegt. Das führt zu Gedankenspielen bei David und es sind eben seine Gedanken, die bebildert werden und erklären, was er denkt und sieht, wenn er sich zurückzieht. David beschreibt ganz offensichtlich den Weg einer psychischen Deprivation, die fehlende Interaktion zu Mutter und Vater und die daraus resultierenden Verhaltensauffälligkeiten. Die fehlende Harmonie drückt David mit kafkaesken Bildern aus, die das ganze Dilemma und das Ausmaß Gefühlsablehnung, Feindseligkeit oder Grausamkeit darstellt. Das Trauma wird real in seinen Bildern.
Manchmal sind die Figuren verwischt und schemenhaft, haben einen dunklen Ton, wirken gar wie Zombies, gefühl- und seelenlos. Einige ausführliche Traumsequenzen erklären den Wahnsinn, den sich David ausgesetzt fühlt, und das Buch benutzt David auch, um die soziale und emotionale Isolation nachzuzeichnen. Erst durch die Reduktion und durch eigene Recherchen nach dem Tod seiner Mutter, kann David mit seinem Trauma leben lernen und neue Vereinbarungen treffen. Insofern ist das Buch, die Graphic Novel auch eine Art verspätete Stimulation, die von großer Bedeutung ist.

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