DER GESTRECKTE MITTELFINGER #7

DER GESTRECKTE MITTELFINGER #7
DER GESTRECKTE MITTELFINGER #7

DER GESTRECKTE MITTELFINGER #7
88 DIN-A-5 Seiten; €1,50.-
trashrock@gmx.de
www.dergestrecktemittelfinger.de
Wie aus dem Nichts ist er da. Der “analoge Newsletter von Kidpunx für Kidpunx!” Nun, ein Newsletter ist er natürlich nicht, denn Falk hat sich 1 1/2 Jahre Zeit gelassen und musste erst aus dem Delirium geholt und reanimiert werden, um die Jubiläumsausgabe fertig zu erstellen, denn der erste Mittelfinger erschien Ende 2002, also vor 11 Jahren. In Wiesbaden ticken die Uhren eben anders und langsamer, umso verhaltener, ja beinahe schüchtern, lässt Falk sich und sein Zine hochleben.

Mit dafür verantwortlich ist TRUST-Jan, der ihm eine “klare Schreibe” attestiert, seine Empathie lobt und ihm dessen Auswahl an kritische wie leichte Themen Freude bereitet. Für dieses Kompliment öffnet Falk einen Rotwein und die Türen zum geheimen Rosengarten, der ehemalige Regierungsbunker in Marienthal in der Eifel, der pikanterweise an der Stelle gebaut wurde, wo im Dritten Reich ein KZ gestanden hatte, ein Außenlager Buchenwalds. Der Bau war streng geheim, sofern das bei einem Vorhaben dieser Größenordnung überhaupt möglich ist. Falk macht einen Rundgang und fragt sich ob der eingebauten Telefonzelle, ob die 3000 wichtigsten Deutschen wirklich 20 Pfennig für die Gesprächseinheit bezahlt hätten? Nun, vielleicht waren es ja auch nur 10 Pfennig. Aber interessanter ist doch, Falk, wen sie denn hätten anrufen können, wenn nach einem atomaren Anschlag  draußen kein Leben mehr möglich ist. Eine Atombombe explodiert auch an einem sonnigen Sonntagmorgen vor einem Fitness-Studio in Malibu, so fühlt es sich für Dirk le Buzz an, als die SMOGTOWN ihr neues Album auf den Markt schmeiße und damit ihr Comeback ankündigten. Falk ist verlibet und mutiert zum Nessie, huldigt alte Mike Ness-Platten und wird ihn ewig für die Songs der “Live at the Roxy” lieben, “ganz egal, was er in den kommenden Jahren noch aufnehmen wird”.
Der Artikel “Punx mit Kreuz” greift auf Foreneinträge zurück, die Falk aufgreift und zusammenfasst. Dabei gäbe es doch genügend Material und Möglichkeiten, Christen-Punx ins Kreuzverhör zu nehmen, so wie wir das getan haben in der Schwerpunktausgabe #26 (Punk und Religion). Falk findet auch KOTZEN gut, eine Band, die “gerne mehr sagen darf bzw. sollte” und konsequent daran festhält, alle Veröffentlichungen als kostenlosen Download anzubieten, weil sie haptische Tonträger doof findet, unzeitgemäß und sinniert über die eigentliche Bestimmung eines Tonträgers. Diese kontroversen Aussagen und Ausführungen stehen im Zusammenhang mit dem Schwerpunkt-Thema aus #6 “Punk und illegale Downloads”, die Falk anschließend mit “Werecrow” vertieft, die nicht nur seit drei Dekaden ein “Musik-Junkie” ist, sondern auch auf dem Blog “Ya can’t go home” und seit 2001 “Satanic Trash-Ska” (Punk, HC, Crust-Alben) anbietet und der Meinung ist, dass wem Musik wichtig ist, auch physische Tonträger kauft und das Netz Bands eine Chance bietet, diese Möglichkeiten für sich zu nutzen. Punk ist doch sowieso alles für umsonst haben zu wollen, warum also dafür bezahlen, oder?
Des Weiteren servieren Mika Reckinnen, Bäppi und Falk einige Kurzgeschichten, die Zukunftsprognosen am Telefon, Lippenpflege vorm Küssen und Wallraff unten rum thematisieren.
Gesamteindruck: Ganz unspektakulär serviert Falk “Punk, Pop und Papperlapapp”, hübsch verpackt und eingerahmt. Es soll ja um Inhalte gehen, die sind gut geschrieben und unterstreichen Falks Stärken, einen Quantensprung ist ihm nicht gelungen, eher ist die Quote und die Vorgabe erfüllt, ein bisschen Kurzgeschichte, ein bisschen Punk unterzubringen. Die strategischen Anlagen dienen dem Herausgeber zu Therapiezwecken, die das Ego stärken, die Präsentation wirkt aber nicht nur wegen der “verwischten” Bildbearbeitungseffekten wie ein literarischer Stolperstein, der unachtsam in die Pissrinne nahe des Bürgersteigs geworfen wurde.

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