LOTTA #51

Lotta #51
Lotta #51

LOTTA #51
56 DIN-A-4-Seiten; €3,50.- Lotta, Am Förderturm 27, 46049 Oberhausen
Iotta-magazin.de
Das LOTTA-Kollektiv erinnert an die „sozialdarwinistischen Zustände" und die (vergessenen) Opfer rechter Gewalt bei Wohnungs- und Obdachlosen. Sozialdarwinismus bedeutet, die Prinzipien der biologischen Evolution (Darwinismus) - also struggle for life und survival of the fittest - auf die menschliche Gesellschaft übertragen zu wollen. Seit der Wiedervereinigung starben in der BRD mindestens 152 Menschen durch rechte Gewalt, in 31 Fällen war das Motiv „Hass auf Obdachlose und Sozial Randständige". Auch in zivil-gesellschaftlichen Strukturen und antifaschistischen Zusammenhängen zeigen sich Leerstellen in der Wahrnehmung und Thematisierung der Diskriminierung Wohnungsloser und deren Betroffenheit von rechter Gewalt. Die generell fehlende Aufmerksamkeit führt häufig auch zu einer Nichtbeachtung der Gewalttaten gegen Obdachlose und der dahinter stehenden Motive. Häufig wird das rechte Motiv bei Gewalt bis hin zum Mord an wohnungslosen Menschen gar nicht erkannt oder thematisiert. In der Argumentationslinie wird deutlich, dass „Obdachlosenfeindlichkeit” als eigene Kategorie notwendig ist und nicht auf Neonazismus reduziert werden sollte, weil die „strukturelle und alltägliche Ausgrenzungspraxis" ein gesamtgesellschaftliches Problem darstellt. Lucius Teidelbaum beschreibt die Lebenssituationen von Obdachlosen, die häufig mit Behördenschikanen konfrontiert werden, die bei den Betroffenen zu einer Selbstisolierung führen kann. Obdachlosen-Feindlichkeit ist einen "Teilmenge des Sozialdarwinismus", der den Kapitalismus den besten Rahmen für den „gesellschaftlichen Fortschritt" darstellt. Soziale Randgruppen werden von Rassisten biologisiert und kulturalisiert. Hinzu kommt, dass sich die Gesellschaft zunehmend mit Obdachlosen entsolidarisiert und ihnen eine Mitschuld an ihrer Lebenssituation bescheinigt wird. Zudem wird eine aktive Vertreibungs- und Verdrängungspolitik von Städten und Gemeinden betrieben, den öffentlichen Raum von „Unproduktiven“ zu säubern. Ganz wichtig ist die Erinnerungsarbeit für die Opfer. LOTTA listet einige individuelle Schicksale auf und im Gespräch mit Vertreter_innen des „Polit-Cafés Azzonaco" wird „Gegen das Vergessen” über konkrete Erfahrungen in der lokalen Erinnerungsarbeit gesprochen. Die extreme Rechte vertritt unterschiedliche Positionen im Umgang mit Wohnungs- und Obdachlosen. Mal gehört die „Unterschicht“ ausgelöscht, mal soll sie gerettet werden. Zwischen „sozialdarwinistische Vernichtungsphantasien" und Wille zur "Volksgemeinschaft" wird sich um diese Personengruppe "gekümmert". Es herrscht keine einheitliche Linie wie obdachlose Deutsche „behandelt“ werden sollen, die Teil der Volksgemeinschaft und gleichzeitig Opfer des Systems sind.

Gesamteindruck: Der Sozialdarwinismus sieht in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaften nur das Ergebnis der Selektion der fähigsten Individuen. Insofern ist das ‚Recht des Stärkeren"-Prinzips Bestandteil der extrem rechten Ideologie, die dem Menschen ein Gleichheitsprinzip absprechen und Unterschiede als natürlich ansehen. Die vermeintlich sozialen Aspekte der extremen Rechte, sich um Obdachlose zu kümmern wird mit der Zugehörigkeit der Volksgemeinschaft begründet. Doch auch in weiten Teilen der Gesellschaft werden Obdach- und Wohnungslose mit negativen Eigenschaften stigmatisiert, Behörden schikanieren und bekräftigen die „Obdachlosenfeindlichkeit". Aus antifaschistischer Perspektive ist eine aktive Erinnerungsarbeit und -politik wichtig, den Opfern Gesicht und Namen zu geben. Gleichzeitig ist Sozialdarwinismus- auch Kapitalismuskritik. Noch Immer sind nämlich in den Wirtschafts- und anderen Wissenschaften sozialdarwinistische Einstellungen sowohl gegenüber dem Menschen als auch gegenüber der Natur verbreitet, die unter anderen Bezeichnungen weiterwirken und beispielsweise vorgeben, den Welthunger und Krankheiten überwinden oder die westliche Zivilisation vor dem Terror von Fundamentalisten schützen zu wollen. Möglicherweise geht es ihnen eher um Kapitalrentabilität und den Zugang zu knapper werdenden Ressourcen. Aber ein fundamentalistischer Kapitalist wird dies niemals zugestehen - er ist von Grund auf Sozialdarwinist, auch wenn es ihm gar nicht bewusst ist oder er es nicht offen zugeben will.

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