Anti Sexistische Aktion Potsdam

Auch im Jahr 2010 wurden homosexuelle Menschen immer noch diskriminiert und verfolgt, auch in Potsdam. Blöde Blicke oder homophobe Sprüche bis hin zu körperlichen Übergriffen gegenüber (vermeintlich) homosexuellen Menschen sind alltäglich. Erinnert sei hier noch einmal an den Angriff auf das Café La Leander im vergangenen Jahr, bei dem zwei betrunkene Männer erst das Personal und die Gäste homophob beschimpften und anschließend mehrere Scheiben einschlugen. Ebenso sind immer wieder Zielscheibe verbaler oder körperlicher Angriffe Menschen, die sich weder als Mann oder als Frau einordnen lassen wollen oder ihre geschlechtliche Identität selbst wählen.

Dass Homosexualität oder auch heute noch von einigen Menschen als „krankhaft“, „abnormal“ oder „anders“ gesehen wird, hat viel mit dem Einfluss der katholischen Kirche und ihrer veralteten Sexualmoral zu tun. Der Kardinalstaatssekretär des Vatikans Tarcisio Bertone machte die Homosexualität für den Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche verantwortlich. Ob dies ein Ablenkungsmanöver für die eigene Verantwortlichkeit oder der Beginn erneuter Hetze gegen Homosexuelle ist, sei dahingestellt. Fakt ist, dass Homosexualität von vielen Menschen nicht akzeptiert wird und sich Homosexuelle immer noch mit Vorurteilen konfrontiert sehen. Welche Eltern malen sich schon die Zukunft ihres Kindes in einer homosexuellen Partnerschaft aus? Die Vorstellung von einer „richtigen“ Sexualität ist fast immer heterosexuell geprägt. Die Folgen der Diskriminierung für die Betroffenen sind vielfältig, so haben homosexuelle Jugendliche eine viermal höhere Suizidrate als heterosexuelle Jugendliche. Alle Menschen sollten ihre Sexualität so ausleben können, wie sie es möchten, solange sie dabei nicht die Grenzen von anderen übergehen und selbst entscheiden, welche geschlechtliche Identität sie ausleben wollen. In de aktuellen Heitmeyer-Studie (“Deutsche Zustände”: http://www.uni-bielefeld.de/ikg/Pressehandout_GMF_2010.pdf)  ist gar von einer “Ideologie der Ungleichwertigkeit die Rede”. Die “zunehmend rohe Bürgerlichkeit” stellt für Heitmeyers Kollege, Andreas Zick, gar eine “Radikalisierung der Mitte” dar. “Zivilisierte, tolerante, differenzierte Einstellungen in höheren Einkommensgruppen scheinen sich in unzivilisierte, intolerante – verrohte – Einstellungen zu wandeln.” Die gesellschaftliche Abwertung betrifft auch homosexuelle Menschen. Ende 2009 hat sich ein bunter Haufen AktivistInnen zusammen getan mit dem Ziel, den sexistischen Verhältnissen in der Gesellschaft etwas entgegenzusetzen. Das macht die Gruppe mit verschiedensten Aktionen, Infoveranstaltungen, Texten und durch die Vernetzung mit anderen Gruppen und Einzelpersonen. Neben kreativen Aktionen setzen sich die AktivistInnen auch theoretisch mit verschiedenen Themen auseinander. Sie entscheiden nach dem Konsensprinzip, was natürlich voraussetzt, dass alle sich aktiv an Arbeits- und Entwicklungsprozessen beteiligen. Die ASAP ist offen für alle Identitäten, legen jedoch großen Wert darauf, das eigene Denken, Handeln, Fühlen… zu reflektieren und sich dem Leben in einer patriarchalen Gesellschaft und seinen Folgen bewusst zu sein.
 
Welche Ereignisse waren für die Gründung der ASAP ausschlaggebend?
Da gab es kein spezielles Ereignis. Zur Gründung beigetragen haben eher die sexistischen Erfahrungen die jede_r von uns täglich erleben muss, im Bus, in der Schule, auf Arbeit, im Bekanntenkreis und das Bedürfnis endlich etwas dagegen zu machen. Ein weiterer Grund war, dass es keine feste antisexistische Gruppe in Potsdam gab, sondern nur engagierte Einzelpersonen, darum hat sich die „Antisexistische Aktion Potsdam“ im vorletzten Jahr gegründet.
 
Es gibt immer häufiger Übergriffe auf Schwule, Lesben etc. In den seltensten Fällen wird von staatlicher Seite wegen des Verdachts eines homophoben Hintergrundes der Täter ermittelt, die Taten bagatellisiert. Welche Motive und Hintergründe sind für diese Negitation verantwortlich?
Unserer Ansicht nach ist der homophobe und heterosexistische Mainstream in der Gesellschaft dafür verantwortlich. Wenn sich dieser nicht ändert, werden auch die staatlichen Organe (Bullen, Justiz), die ja eh nicht sonderlich fortschrittlich sind, sich nicht ändern.
 

Somit werden diese Straftaten auch nicht kategorisch als homophobe Gewaltdelikte erfasst. Müssen Polzeibeamte für das Thema besser geschult und sensibilisiert werden?
Das ist keine konkrete Forderung von uns und auch nicht unser vorrangiges Anliegen Reformen bei den Bullen und sonstigen staatlichen Institutionen einzuführen.
Uns geht es vielmehr darum, auf Sexismus, Homophobie und Transphobie in der Gesellschaft aufmerksam zu machen und die Leute dafür zu sensibilisieren, um irgendwann einmal in einer Gesellschaft zu leben, wo es keine Unterdrückung von Menschen gibt und demnach auch keinen Staat und keine Polizei, die diese Unterdrückung fördern und aufrecht erhalten.

 

Es scheint, als würde sich schrittweise erkämpfte und erreichte Toleranz, Akzeptanz und Normalität von und für Schwule und Lesben schrittweise wieder zu bröckeln und zu verkleinern zu beginnen….
Es hat sich in den letzten Jahren viel in dem Bereich formeller Gleichberechtigung von verschiedenen Lebensweisen getan, aber dies wurde noch nicht von allen Menschen verinnerlicht. Somit gibt es leider immer noch Diskriminierungen und auch Gewalt gegen LSBT-Menschen*, weil diese als „das Andere“ und „Unnatürliche“ wahrgenommen werden. Unserer Meinung nach muss vor allem etwas im Bereich der Erziehung und Bildung getan werden. Gerade die öffentlichen Bildungseinrichtungen sind hier in der Verantwortung, frühzeitig verschiedene Lebensformen zu thematisieren und einen offenen Umgang damit zu fördern. Aber auch im „Privaten“ z.B. in der Familie oder im Freundeskreis muss sich noch einiges tun, damit LSBT-Menschen* gleichberechtigt leben können.

 

Mit welchen kreativen Ideen und Aktionen tretet ihr als ASAP an die Öffentlichkeit?
Das ist sehr unterschiedlich und hängt meist vom Thema ab.
So haben wir beispielsweise ein “Kisse” am Anti-Homophobie und Anti-Transphobie Tag veranstaltet. Das war eine Art Flashmob-Aktion, bei der sich Menschen verschiedenster sexueller Orientierungen für 3 Minuten gleichzeitig küssten.
Dann haben wir rund um den Herrentag verschiedenste Aktionen in Potsdam gemacht. Außerdem machen wir gelegentlich Awareness-Arbeit bei verschiedenen Veranstaltungen, wo es darum geht Betroffene, von sexualisierten Vorfällen, vor Ort, zu unterstützen.
Wir sind, was die Aktionen angeht, sehr offen. Unser Repertoire umfasst verschiedene Dinge, wie beispielsweise Texte schreiben, Infoveranstaltungen machen, Öffentlichkeitsarbeit und “Stadtverschönerungsaktionen”. Derzeit planen wir einen Film mit anschließendem Workshop zum Thema alltäglicher Sexismus. So ein ähnliches Projekt hatten wir letztes Jahr schon mal gemacht, jedoch nur auf Sexismus in der linken Szene bezogen. Der neue Film soll auf Erfahrungsberichte verschiedener Leute aufbauen und mehr als nur die linke Szene umfassen.

 

Es gab von euch Aktionen gegen den sogenannten Männertag. Bewertet ihr diese als Erfolg oder habt ihr damit die Bevölkerung eher verwirrt und überfordert…welche Intention stand hinter den Aktionen?
Erfolgreich bei der Aktion war auf jeden Fall, dass Menschen vor den Plakaten stehen geblieben sind, irritiert waren, diskutiert haben und dadurch zum Nachdenken angeregt worden sind. Innerhalb der Stadt und auch in verschiedenen Medien haben wir Aufsehen und Diskussionen erregt, was die Auseinandersetzung mit dem Thema hoffentlich voran bringt. Ohne unsere Aktionen wäre der Männertag, ungestört wie jedes Jahr, verlaufen.
Aber auch der Spaßfaktor ist bei unseren Aktionen wichtig, von daher war es auch ein Erfolg für uns.

 

Gibt es für euch ein spezielles Themenfeld, auf das ihr eure Aktionen ausrichtet?
Ja, in erster Linie ist das der Bereich Sexismus, Homophobie und Lookism.

 

Geschlechternorm und -identität sind mitverantwortlich, dass durch Kirche, Eltern das binäre Geschlechtersystem festgelegt wird. Wie können diese Denkmuster durchbrochen werden?
In erster Linie durch kritisches Denken und ein kritisches Bewusstsein von allen Menschen. Dies kann durch Aufklärung und Selbstreflexion erreicht werden. Es sollte immer wieder ins Bewusstsein gerufen werden, dass dieses zweigeschlechtliche Denken gesellschaftlich konstruiert ist und abgeschafft werden muss, da es zwangsläufig zu Ausschlüssen und Unterdrückung führt.

 

Konzentriert ihr euch mit der Arbeit verstärkt auf den Raum Potsdam? Welche Formen von Sexismus kommen in Potsdam besonders stark zu tragen?
Sexismus ist universell. Wir arbeiten in Potsdam, weil wir hier zum größten Teil auch leben. Es gibt aber in vielen anderen Städten und Ländern auch antisexistische Initiativen, mit denen wir uns solidarisch zeigen und auch teilweise zusammenarbeiten.

 

Wie schätzt ihr eure Arbeit selbst ein. Ist es nicht hinderlich, wenn sich alle aus der Gruppe aktiv an Arbeits- und Entwicklungsprozessen beteiligen oder entstehen somit vielschichtige Ideen?
Nee, denn die Gruppe ist nur so gut wie die jede Einzelperson. Wir legen viel Wert auf die gleichberechtigte Teilnahme und Mitsprache aller, denn nur so bleibt eine Gruppe dynamisch und es können sich neue Ideen entwickeln. Wir entscheiden deshalb auch nach dem Konsensprinzip. Klar würde eine hierarisch organisierte Gruppe schneller arbeiten können, aber das ist nicht unser Anspruch. Wir wollen alternative Arbeitsmethoden ausprobieren. Damit sehen wir uns auch in der Tradition der undogmatischen Linken und der Frauenbewegung.

 

Welche Medien benutzt ihr, um auf sexistische Strukturen und Verhaltensweisen aufmerksam zu machen?
Vor allem lokale Medien aus Potsdam, linke Medien und Medien aus dem antisexistischen und subkulturellen Bereich.

 

Das von euch organisierte “Smash Sexism” Open Air demonstriert eine vielfältige, emanzipatorische und progressive Musik und Kultur. Ist diese Art von Veranstaltung mit Workshops, feministischen, queeren und antisexistischen Strukturen ein gelungenes Beispiel für Integration der Geschlechter?
Das “Smash Sexism” haben wir nicht als Gruppe organisiert, denn da gab es die ASAP noch gar nicht, aber als Einzelpersonen unterstützt und mitorganisiert.
Es war ein Versuch, zu zeigen, dass es auch was anderes als den sexistischen Mainstream gibt, wo „Männer“ sich um die Technik kümmern, auf der Bühne stehen und „Frauen“ nur “sexy Beiwerk” sind. Es ging uns bei dem Open Air vor allem um Empowerment von „Frauen“ und LSBT-Menschen. Wir wollten einen Raum schaffen, der nicht von „Männern“ dominiert wird und in dem „Frauen“ die Aktiven und Schaffenden sind. Das wurde zumindest für diesen Tag auch erreicht. Aber so ein einmaliges Event ändert natürlich erstmal nichts an dem weiterhin bestehenden sexistischen Normalzustand in der Gesellschaft. Aber es zeigt, dass es auch anders geht.

 

Warum brauchen wir mehr geschlossene, geschützte Freiräume für Frauen?
Es geht gar nicht so sehr um „geschlossene Freiräume für Frauen“, sondern viel mehr um Räume, wo sich jede_r wohl fühlt und nicht diskriminiert wird. Die Idee eigene Räume für „Frauen“ zu schaffen, stammt aus der autonomen Frauenbewegung der 70er Jahre. Diese Frauenräume wurden damals als Austausch- und Erfahrungsorte für „Frauen“ konzipiert. In einer Welt, die immer noch patriarchal geprägt ist, geht es darum, Orte zu schaffen, an denen „Frauen“ zusammen kommen können und unabhängig von Männern bzw. von männlich geprägten Maßstäben agieren und ihre eigenen Ideen und Bedürfnisse formulieren können. Es geht darum, sich über sexistische und sexualisierte Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam Strategien dagegen zu entwickeln. Autonome Räume für Frauen sind keinesfalls eine Lösung des sexistischen Normalzustandes, dennoch sie sind momentan noch notwendig und Mittel zum Zweck. In Potsdam gibt es, beispielsweise einmal im Monat einen Frauen-Mädchen-Trans-Abend, bei dem „Männer“ keinen Zutritt haben.

 

Mit welchen Projekten, Bündnissen arbeitet ihr zusammen?
Das ist immer abhängig vom Thema und der Aktion. Es gibt in Potsdam viele engagierte Einzelpersonen, die uns unterstützen. Ansonsten sind wir in Kontakt mit dem autonomen Frauenzentrum in Potsdam, antisexistischen und LSBT*-Gruppen und Initiativen sowie mit Antifagruppen.

 

Anmerkung:

*LSBT meint lesbische, schwule, bi und transgender Menschen

Weitere Infos: http://www.myspace.com/fight.sexism

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