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Deutsch Amerikanische Freundschaft

D.A.F.
D.A.F.

Neben KRAFTWERK gelten vor allem die Deutsch Amerikanische Freundschaft (D.A.F.) als einflussreichste Elektro Combo. 1978 gegründet, reduzierten Gabi Delgado-López (li. im Bild) und Robert Görl(re. im Bild) die Band 1981 auf ein Duo und perfektionierten ihren Stil (Reduktion der zum Einsatz kommenden Musikinstrumente, ungewöhnliche Synthesizerklänge, monotoner Sprechgesang, provokative teilweise dadaistisch anmutende Texte).

 

Robert und Gabi hatten ein hohes Selbstbewusstsein und ein minimalistisches Konzept, was kommerziell erfolgreich, aber auch sehr kontrovers war.
Wir hatten damals nicht gedacht, dass es erfolgreich wurde. Wir wussten nur, dass es wichtig ist, etwas Neues und v. a. etwas Zukunftweisendes. Dass sich im Prinzip so viele verschiedene Szenen darauf berufen, das gefällt mir sehr. Weniger gefallen würde mir jedoch, wenn daraus wirklich nur eine Szene entstanden wäre. Also es sind heute wirklich die Techno-DJs, die EBM-Leute, die Neue Deutsche Welle. Und dass wir diese verschiedenen Szenen in irgendeiner Form beeinflusst haben, das ist hervorragend. Es ist schon interessant, dass sich nicht nur eine spezifische Szene kreiert hat, sondern dass sich viele, im Prinzip fast alle, die sich mit elektronischer Musik beschäftigen, irgendwann auch einmal auf DAF kommen”; Gabi


Bei D.A.F. war alles ein Track, also nicht Strophe- Refrain-Strophe. Trackorientierte Musik mit provokanten Texten (“Der Mussolini”, “Der Räuber und der Prinz”, “Ein bisschen Krieg”)und einem harten body-mäßigem Style mit Kurzhaarschnitt und Lederoutfit brachte dem Duo den Vorwurf ein, schwule Nazis zu sein.

Das Outfit hat im Prinzip auch dem Live-Stil entsprochen. Das war eigentlich nicht der Skinhead-Szene entlehnt, sondern eher der Schwulen-Szene. Diese homoerotische Komponente, die auch in „Räuber und Prinz“ bewusst wird, war für viele sehr, sehr schockierend. Irritation, Provokation und Schocken. Eingekauft wurde im Sex-Shop. „Zwei Lederschwule oder was ist das, sind das Nazis oder was?“ Und wenn die Leute nicht wissen, wer man ist, dann machen sie es sich immer sehr einfach. „Schau her, das sind schwule Nazis!“
Die beiden standen auf das Lust-Prinzip, was die engen, schwarzen Klamotten anging. Auch die kurzen Haarschnitte fanden sie einfach geil.

Neben KRAFTWERK werden auch D.A.F. als Pioniere der elektronischen Musik bezeichnet. Tatsächlich habt ihr zunächst mit einer “klassischen” Bandbesetzung Musik gemacht, bis Gabi und du ein Konzept erarbeitet habt, mit dem ihr zufrieden wart. Hattet ihr zu hohe Erwartungen, was lief denn nicht so gut und welche Zielsetzung/Inhalte wurden vereinbart, um das Konzept D.A.F. zu perfektionieren?
Robert Görl: Als wir im Sommer 1978 DAF gründeten, spielten viele Faktoren eine Rolle. Ich war gerade von London nach Düsseldorf gekommen und kannte in dieser Stadt so gut wie niemanden. In einem Punk Schuppen, dem Ratinger Hof, lernte ich Gabi Delgado zufällig an der Bar kennen.
Wir standen beide auf Punk. Und vor allem auf alles was Neu war. Es herrschte absolute Aufbruchstimmung. Und zwar überall, nicht nur in der Musik, auch in der Kunst und in der Mode.
Wir spürten, dass wir machen konnten was wir wollten, es würde funktionieren. Hauptsache wir tun es. Das wir Anfangs noch fast klassisch mit verschiedenen Bandformationen herumprobierten, obwohl wir nicht wirklich auf Gitarre und auf Keyboards standen, hatte etwas mit Erfahrungen sammeln zu tun, um letztendlich immer mehr dahin zu kommen, wo wir hin wollten. Wir gingen den Weg einer gewissen Perfektion. Wir wollten ganz einfach, minimalistisch, original und ohne Schnörkel sein, und mit viel Power. So kam es, dass wir an der Besetzung von DAF einige Male schrauben mussten. Wir hatten auch viele Auseinandersetzungen mit der anfänglichen Besetzung, da Gabi und ich kompromisslos unsere eigenen musikalischen wie textlichen Vorstellungen durchsetzen wollten. Zudem ging es nicht nur um Musik. Wir wollten auch einen gewissen Style verwirklichen. Schwarze Kleidung, kurze Haare – alles ganz straight – ganz perfekt. Das war das Gegenteil von der Hippie Bewegung. Und wir wussten, dass wir damit alle in Rage versetzen würden.


Punk(musik) war dir offenbar nicht eigenständig genug. Es war halt Musik der Elterngenration, nur schneller, lauter gespielt, oder? Dennoch hast du doch auch einen Punkbackground? Warst du von der eher destruktiven Lebenseinstellung (Destroy, Drogen, Alkohol, Nihilismus, No Future) genervt und hast dich abgewendet?
Robert Görl: Nein, Punk war nicht die Musik der Eltern. Wir fanden im Punk nur die Instrumente teilweise nicht gut. Wie ich schon sagte, Gitarre und Keyboards erinnerte uns doch immer wieder an alte Rock Musik. Deshalb hatten wir es dann auch vollkommen auf Synthesizer und Sequenzer abgesehen. Elektronik in Verbindung mit akustischem Schlagzeug – das war unser Ding, unser Konzept. Künstlich erzeugte Klänge im Einklang mit kraftvollen Trommeln. Diese Fusion – eine Mensch Maschine Fusion. Schwitzend und Körperbetont – mit powervollen und schrägen Synthie – das Gegenteil von Schönklang Synthie Musik, wie es Kraftwerk z.B. tat.
Den Begriff “No Future” empfand ich persönlich etwas seltsam. Das Zerstören alter Strukturen ist schon immer eine “Future” Angelegenheit. OK – No Future für die Vergangenheit!
Und natürlich standen wir auf exzessives Leben – so lebendig wie nur möglich. Die Nachtclubs waren unser Zuhause, 7 Tage die Woche. Ich habe mich erst wesentlich später von diesem exzessiven Lebensstil abgewendet.


Für dich scheint sich Punkmusik schnell totgelaufen zu haben, offenbar war dir (euch) eine musikalische Eigenständigkeit mit D.A.F. wichtig?
Robert Görl: Totgelaufen ? Na ja in bestimmter Weise schon. Punk bediente sich teilweise alter herkömmlicher Mittel, die uns nicht gefielen – und nicht nur das, zuviele Punk Bands klangen einfach gleich und nicht modern genug, zumindest für unseren Geschmack. Mein Interesse galt der Elektronik.
Mit elektronischem Equipment Musik zu schreiben, finde ich total punkig.


Wie lange habt ihr denn im Keller am Konzept und am Sound gebastelt, bis ihr mit dem Duo D.A.F. zufrieden wart? Also, war das ein schleichender Prozess oder eine kreative Erneuerung?
Robert Görl: Im Keller hatte es nur angefangen. Danach war es natürlich ein längerer Prozess. Unser Ziel hatten wir mehr oder weniger erreicht, als uns die erstmals erschwinglichen Synthies aus Japan zur Verfügung standen, die wir uns sofort im ersten shipping bestellt hatten.
Und als wir von Conny Plank produziert wurden, der übrigens auch ein großer Punk Freund war, wurde das Konzept hörbar perfekt. Conny stellte mir in seinem Studio seinen Arp Odyssey zur Verfügung, und als ich dieses elektronische Flaggschiff zwischen meine Finger bekam, kam alles auf den Punkt. Es war die reinste Wonne.

 Okay, Robert, im Detail war/ist euer Konzept vor allem vom Style/Auftreten her schon sehr martialisch, männlich-dominant. Gleichzeitig habt ihr sehr viel Wert auf Provokation gelegt. Mal wurdet ihr aufgrund des Songs “Mussolini” als Nazi bezeichnet, bei “Der Räuber und der Prinz” als schwul…fühltet ihr euch immer missverstanden, war die Kontroverse beabsichtigt? Es wurde ja auch behauptet, D.A.F. steht für Deutsche Arbeiterpartei und der Song “Mussolini” ein Tribut für diese extrem rechte Partei…
Robert Görl: Auf martialisch standen wir – definitiv, und wir haben es mit viel Energie ausgedrückt. Männlich, na ja klar. Provokation gehört schon immer zu unserem Konzept – ein Grundprinzip des Punk! Dass die Medien mit Songs wie „Der Mussolini“ nicht klar kamen, war vorhersehbar. Auch den Namen Adolf Hitler in einem Song zu nennen und öffentlich auszusprechen, war ein deutsches Tabu. Wir sahen das anders. Wir sind eine neue Generation. Wir haben nichts mit Hitler ect. zu tun. Uns hat es viel Spaß gemacht, Leute mit ihren veralteten Themen zu provozieren. Das uns manch einer Nazi nannte, fanden wir lächerlich bis witzig. Wir fanden es auch witzig, dass man DAF als “Deutsche Arbeiter Front” oder als “Deutsche Anarcho Front” auslegen konnte. Das machte Spaß! Einmal überlegten Gabi und ich sogar, ob wir uns bei einer neuen Platte mal “Die Anderen Freunde” (DAF) nennen. Als wir schließlich merkten, dass wir es mit einigen bornierten Typen von der Presse zu tun bekamen, verstärkten wir unsere Provokationen. Argumente der Medien fanden ihr Ende, als wir ihnen mitteilten, dass wir es tatsächlich mögen, mit dem Feuer zu spielen. Wir sind keine Menschen die sich vorgegebenen Dingen unterordnen – das wäre tatsächlich spießig. Ganz nebenbei gesagt – Provokationen sind unbedingt nötig in unserer Gesellschaft, die meint, sie wäre so gut.

 

Wurde der Song eigentlich im Radio gespielt, war er zensiert worden?
Robert Görl: Er wurde ein paar mal in Sendungen gespielt. Allerdings mit dem Hinweis wie böse dieser Song doch sei.


Sicherlich waren die Provokationen auch ein gefundenes Fressen für die Medien…ich glaube, dass so BILD- Journalisten euch gleich diskreditiert haben, oder? Die Presse lügt, habt ihr euch denn Interviews verweigert?
Robert Görl: Nein, wir haben uns nie verweigert. Wir haben uns immer gestellt. Natürlich wissen wir, dass ein Teil der Presse lügt, doch beschissen sind auch Blätter die nicht lügen, jedoch Themen in eine bestimmte Richtung manipulieren – so richtige Schmierfinken halt.
Die Medien konnten unseren Provokationen nicht wirklich etwas entgegensetzen. Dazu sind die Medien meist viel zu einseitig. Dennoch gab es einige, die unsere Ausdruckskunst sehr schätzten.


D.A.F. wurden im Kontext der sogenannten NDW wahrgenommen. War das für euch ein Greuel oder habt ihr im Zuge dessen euren kommerziellen Erfolg auch erst ausbauen können?
Robert Görl: Wir haben immer gesagt, dass wir nichts angehören. Sobald Du dich zu einer Szene bekennst, hast Du es plötzlich mit gewissen Vorstellungen und Ansichten Anderer zu tun. Auf so etwas lassen wir uns nicht beschränken. Wir fanden auch einige NDW-Bands nicht gut. Das diese Welle -die wir mitbegründeten- auch unseren Erfolg anschob, hat sich so ergeben.


Welchen Vorteil hattet ihr durch den kommerziellen Erfolg? Es schien, ihr hattet in Deutschland begrenzte Möglichkeiten, euch weiter zu entwickeln. Welche Rahmenbedingungen waren denn für den Entwicklungs-Prozess nötig? Welche Möglichkeiten habt ihr genutzt, um euch verwirklichen zu können?
Robert Görl: Anfangs hatten wir tatsächlich nur begrenzte Möglichkeiten in Deutschland, was mit ein Grund war das wir schon in unser Anfangsphase nach England gingen. Keine Plattenfirma in Deutschland war an unserer Musik interessiert, obwohl wir schon ausverkaufte Konzerte im Ruhrgebiet spielten. Wir wollten auf niemanden warten – weder auf eine Plattenfirma, noch auf einen bekannten Producer – das langweilte uns.
Wir wollten unser eigenes Ding durchziehen. Daniel Miller, der spätere Depeche Mode-Produzent, hat uns dann in London entdeckt und uns die Möglichkeiten einer kleinen Plattenfirma geboten. Kurze Zeit später wollte uns dann Richard Branson (Virgin Records) haben. In der Punk szene ging dann das Gerücht des Verrats um. Wir sahen das nicht so! Wir konnten weiterhin tun und machen was wir wollten. Das war uns wichtig.


Elektronische Musik war ja auch noch kein Massenphänomen wie es in den 90er Jahren durch TECHNO wurde…Neben ATARI TEENAGE RIOT gibt es nicht viele politische Elektrobands…gleichwohl habt ihr in den späteren D.A.F.-Liedern sehr wohl politisch Stellung bezogen und wie in “Der Sheriff” einen Anti-Amerikanischen Song geschrieben. Auch auf deinem Myspace-Blog veröffentlichst du politische Statements zum Thema deutsche Beteiligung in “Krisengebieten”, Kritik am israelischen militärischen Einsatz im Gaza-Streifen…also alles Themen, die die sogenannte extreme Rechte auch aufgreift…Ist dir diese Deckelung bewusst?
Robert Görl: Stimmt, Techno hat dann den peak für elektronische Musik gebracht. Das war wirklich Super. Ich habe selber vier Hardcore Solo Alben in diesem Genre auf einem deutschen Label (Disko B) veröffentlicht und auf vielen Techno Partys live gespielt. Unser DAF Album “15 neue DAF Lieder” von 2003 war dann auch eher technoid, allerdings mit brisanten Texten, was nicht unbedingt Techno entspricht. Politisch Stellung zu nehmen war ab dem Erscheinen des Amerikanischen Kriegskopfes und Völkermörders G. Bush fast schon ein Muss! Haben auch sehr viele getan. Genauso wie die Unterdrückung der Palästinenser durch die Israelis unbedingt eine “öffentliche neutrale Meinung” braucht. Die gibt es nicht wirklich. Leider geht es bei diesem Thema meist nur um Pro oder Kontra Haltung, eher eine gegenseitige Hass Spirale. Die irgendwie nichts bringt. Politische Perversionen und Taten wie Angriffs- Kriege, Folter, Vertreibung und Unterdrückung wird bekannterweise eher von der politischen Linke aufgegriffen – weniger von der politischen Mitte, und von christlichen Rechten Kreisen schon gar nicht, da sie selbst große Unterdrücker sind! Die Deckelung der extrem Rechten zu diesen Themen, wie du sagst, hat sicherlich andere Hintergründe.


 “Robert Goerl is living in a Buddha World – he is fully enlightened.” Robert, ich muss dich das fragen…warum glaubst du, ist der Buddhismus für dich die ideale Religion und welchen Umstand ist es zu verdanken dass du erleuchtet wurdest?
Robert Görl: Das erste Mal habe ich von meiner Buddhaschaft erfahren, als ich 7 Jahre alt war. Zwei meiner Schwestern (ich habe fünf) fragten mich 1962 in einem Münchener Waisenhaus, ob ich wüsste, dass ich ein Buddha bin. Ich habe meinen Schwestern damals nicht geantwortet. Ich habe nur gelacht, was ja auch eine Antwort ist. 27 Jahre später, 1989 hatte ich einen schweren Autounfall mit einem sehr eindeutigen Buddha Erlebnis. Seitdem bin ich für mich unverkennbar auf dem Buddha Weg. Ich war ab Anfang der 90er Jahre viel in Asien unterwegs – lebte teilweise auch in buddhistischen Klöstern. Doch was ist schon ideal? Religion?? Ich fühle mich nichts zugehörig – ich bin so wie ich bin – ganz einfach ein Buddha.


 Mit Gabi führst du eine kreative, freundschaftliche Beziehung. Was ist denn das Besondere, das Geheimnis, was eure Zusammenarbeit so produktiv gestaltet? Robert Görl: Kreativ ist sie tatsächlich – Freundschaftlich nicht immer – muss ja auch nicht sein. Streit kann bekannterweise sehr produktiv sein. Gabi und ich, wir trennten uns schon öfter, auch ernsthaft – und wir machten anschließend andere gute Dinge, wie z.B. Solo Alben, und ich schreibe schon seit einigen Jahren an einem Buch. Und wenn wir dann wieder etwas zusammen mit DAF machen, macht es meist sehr viel Spaß und ist wieder frisch.
Robert Görl: Geheimnis? Vielleicht es es ja die konträre Chemie zwischen Gabi und mir. Ansonsten sind Geheimnisse ja ein wenig absurd.
Robert und Gabi haben bewusst mit den Medien gespielt und nie eindeutig gegen die Vorwürfe Stellung bezogen. Es hat ihnen Spaß gemacht, mit den Medien zu spielen und Erklärungen vermieden, weil “wenn Dich jemand sowieso falsch einschätzt, kannst Du sagen was Du willst, er wird immer der Meinung sein, dass Du ein perverser Mensch bist. Also sind jegliche Erklärungen egal und man kann diese Menschen in ihrem Glauben lassen” so Gabi. Gleichzeitig haben sie die Kraft und Energie aufgebracht, etwas völlig Neues zu erschaffen.


Kontakt zu D.A.F.: http://www.myspace.com/deutschamerikanischefreundschaft
Robert Görl: http://www.myspace.com/robertgoerl

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