BLUT&EISEN

Am Anfang war die Idee, Musik zu machen. Zugegeben, OVERKILL war eher ein Bandname für eine Metalband, mit der Aussicht auf Stretchjeans, Turnschuhe, Lederjacke mit Bändern, Cola-Rum und leeren Versprechungen von Presse, Managern und sogenannten FreundInnen. Am Ende wartet nicht Ruhm, Geld und Eigenheim, sondern Rum, Geldnot und Obdachlosenheim. Soweit braucht es aber nicht zu kommen. Wozu gibt es denn schließlich Punk? Hier im Schoße der Subkultur kannst du dich austoben, wie du willst, vorausgesetzt, du respektiert den Anderen, außer er/sie ist Rocker, Popper, Diskoproll oder Fascho. Feindbilder sind der Grund und die Motivation, sich zu spüren. Auf die Fresse, in die Fresse. Willkommen in den 80er Jahren!

Ein Leben voller Bedrohung, Verachtung und Provokation. Punk ist Etikette, Punk ist Pseudo, Punk ist ALLES!

 

“Hart zu sich selbst, gegenüber anderen”

 

Nach der Bandgründung am 01.03.’82 und einige Gigs später, nahm die Band im Oktober ’83 in Hamburg die Songs “W.s.w.u.f.” und “Alles umsonst” auf, die auf dem Sampler “Keine Experimente” (Weird System) verewigt wurden. Aber erst Harris Johns hat der Band im Musiclab Berlin den Sound verpasst, der so typisch war für die bekannten Deutschpunkbands dieser Zeit: TOXOPLASMA, SLIME, CANALTERROR etc. Ende Dezember 1983 wurden in nur 5 Tagen alle Songs zur LP “Schrei doch” eingespielt und abgemischt. Ebenfalls aufgenommen wurde der für mich absolut beste (Non-LP)-Song der Band: “Fleisch rollt“, der dann via “W.S.” als 7″ veröffentlicht wurde. Die LP ist schlichter Pogo-Galopp, knallt ohne Ende mit Gitarren-Attacken und Stakato-Gesang.
BLUT&EISEN spielten mit den ADICTS, Neurotic Arseholes, BOSKOPS, RAZZIA, UPRIGHT CITIZENS, PETER&THE TEST TUBE BABIES, waren mit TORPEDO MOSKAU (Labelmates auf WEIRD SYSTEM) befreundet und spielten zusammen ein paar Gigs in Spanien. Ihr Zu Hause war aber das UJZ Korn in Hannover.

 

“Dreht Euch nicht um / Die Mädchen gehn um / Wer sich umdreht oder lacht / Wird von Ihnen tot gemacht” (“Wumm’)


Blut & Eisen jedenfalls haben in den fünf Jahren ihres Bestehens leben gelernt. “Wer in einer harten Welt lebt, muss diese auch in einer harten Sprache beschreiben“, meint Sänger Schotte. Aufgrund des Bandnamens und dem Bismarck-Zitat öfter als Faschoband angefeindet, kam es zu Konflikten mit Publikum und Presse.

 

Auf der zweiten LP “…Schön Geseh’n” (1985, WEIRD SYSTEM), dem Motto ihrer 85er Spanien-Tournee, sind die Texte geschliffener, beschreiben aber wieder den alltäglichen Horror, das plötzliche Umkippen des Normalen in tiefe, dunkle Abgründe. Die Worte sind teils blutrünstig, teils nüchtern-lakonisch, aber zumeist packend und originell. 1987 war dann zunächst Schluss, bis 1994 “Eine Band nach dem Verfallsdatum” live im Café Glocksee (Hannover) aufgenommen wurde.
Die Band ist sich einig, dass sie Bock darauf hatten, wieder zusammen zu spielen und aufzutreten. Sie wurden gefragt und haben zusammen geprobt. Nur Fiete musste überredet werden. 2009 gab es im Juz Dampfmühle Verden dann den (endgültigen) Abschlussgig, wo das nachfolgende Gespräch mit allen Bandmitgliedern stattfand.

 

“Hart zu sich selbst, gegenüber anderen”. Klingt nach schlechten Erfahrungen in der Kindheit…war Gewalt und die Auseinandersetzung mit Gewalt auch ein ständiger Wegbegleiter bei euch in den 80er Jahren? Gab’s aufs Maul und habt ihr auch ausgeteilt?
Krösus: Das war ein Spruch, der uns schon immer begleitet hat. Es war schon so, dass Gewalt uns begleitet hat…
 Es klingt halt auch so, dass ihr den harten Mann markiert und von Außen nicht angreifbar seid.
(allgemeiner Protest der Band)
Krösus: So viel Gedanken haben wir uns über diesen Spruch dann doch nicht gemacht. Ich fand den einfach cool. Es gab halt viel Gewalt damals. Die Skinheadszene war in Hannover groß und Gewalt in den Subkulturen war früher gegenwärtiger als Heute…

 

Die Zeit der Kuscheleinheiten ist eher heute präsent?
Krösus (überlegt): Naja, ich beweg’ mich heute nicht mehr so in der Punkszene wie früher. Ich geh’ heute auch noch auf Konzerte, aber so die Skinheadüberfälle gibt’s heuer nicht mehr in dem Ausmaße wie sie in den 80er Jahren nicht nur in Hannover durchgezogen wurden.
Tier (ergänzt): Es war ein ständiges Hin und Her. Mal waren wir (Anmerkung: Punx und Skins) getrennt von einander, dann gab es wieder eine Zusammenführung. Punk uns Skin zusammen…”Wir müssen uns ja irgendwie verstehen”-Haltung gegenüber anderen Gruppierungen…Es war nie eine klare Haltung da.

 

Karl Nagel schrieb mal, dass er als Zugereister nach Hannover bemerkte, dass die Punkszene eine elitäre Clique war. Gab es eine arrogante Haltung, andere auszugrenzen und szeneinterne Streitereien, wer in dieser Clique aufgenommen werden sollte?
Krösus (selbstbewusst): Ich sag mal so: Wir hatten nichts gegen Fremde(Gelächter)Ja, es war schon so: Alt-Punks gegen Neu-Punks. Und man musste als Punk immer was…ausdrücken, sonst wurde man nicht akzeptiert. Es reichte nicht, sich einen Iro zu schneiden und Bier zu saufen. So wurdste nicht gleich als Punk akzeptiert. Das war bei uns in Hannover so, und ich fand das eigentlich auch gut!
Fiete: Man muss aber auch hinzufügen, dass Hannoveraner schwerer zugänglich sind, im Gegensatz zu den Leuten aus Nordrhein-Westfalen. Karl Nagel war ja aus Wuppertal…
 …wo die Kumpelbasis funktionierte.
Fiete (ernüchternd): Die Hannoveraner sind sehr verschlossen.
Gab es eine harten Kern um BOSKOPS und die Kornstraße?
Krösus: Bis 1986 war die Korn der Treffpunkt. Danach dann die Glocksee. Aber bis dahin war das der Treffpunkt, wo die ganzen Bands auch gespielt haben. Da waren wir jeden Tag.

 

Zurück zur Musik. Wie kam dann der Kontakt zu WEIRD SYSTEM zustande? Habt ihr denen ein Demo geschickt?
Krösus: Wir haben kein Demo aufgenommen.
Fiete: Die haben uns gefragt, ob wir denen was vorspielen können. Die suchten Bands für ‘n Samplerbeitrag.
Krösus(runzelt die Stirn): Daran kann ich mich gar nicht erinnern.
(Allgemeine Heiterkeit)

 

War die Fahrt nach Berlin ins Musiclab zu den Aufnahmen zur 1.LP spannender als die Aufnahmen selbst? Ihr seit ja reichlich spät bzw. frühmorgens um 5 Uhr30 aus dem Studio gefallen?
Krösus: Boah. Das ist eine ganz lange Geschichte. Wir haben in 5 Tagen eine Platte aufgenommen, was so eigentlich gar nicht geht. In der Regel dauert das Aufnehmen, Abmischen 2, 3 Wochen oder bis zu einem Monat. Wir hatten beispielsweise keinen Pennplatz. Wir haben in irgendwelchen besetzten Häusern gepennt, was sehr, sehr spannend war(redet lauter) Dann haben wir zu der Zeit sehr, sehr viel Alkohol zu uns genommen. Ich kann mich noch daran erinnern, dass Fiete bei den Aufnahmen zu den Chorgesängen von “Müllerschwein”…
(Fiete und Krösus im Chor) sofort kotzen gehen musste.
Fiete erinnert sich: Ich war vorher im “Intershop” Friedrichstraße, Bahnhof und hab’ mir 2 Pullen Vodka gekauft. Hinzu kam eine eitrige Nasennebenhöhlenentzündung…Die Rückfahrt war aber auch sehr spannend.
Krösus: Wir haben drei Nächte durchgemacht. Schotte war der einzige, der den Führerschein hatte und wollte immer nach Hause.
Fiete: Wir wollten ALLE nach Hause. Aber dafür hat Harris Johns mit den 16-Spur-Gerät einen unglaublichen Sound herausgeholt, der so typisch war für die Kapellen zu der Zeit: SLIME, TOXOPLASMA. Die Zeit im Studio war aber von WEIRD SYSTEM vorgegeben.

 

Es gab damals den Berliner Mailorder, die “Pissgelbe Punkliste”. Da konnste am Wochenende anrufen, da lief dann der Anrufbeantworter mit ausgesuchten Punksongs aus dem Mailorder. Da habe ich von euch “Himmel hilf” als kurz angespielten Appetizer gehört. DAS war quasi die moderne Verkaufstechnik…(Gelächter)Glaubt ihr, dass der heutige technische Entwicklungsstandard (Web 2.o, youtube, myspace etc.) eine Art Übersättigung im Konsumbereich darstellt? Punk ist nicht mehr spannend, weil du jederzeit alles auf den Rechner holen kannst?
Tier: Die Kreativität geht verloren. Du hast ja alles selber gemacht: Tapes aufgenommen und vertickt, Fanzines gemacht…
Fiete (widerspricht): Das kannst du heute online aber auch alles machen!
Tier. Ja, gut, aber versuch’ mal heutzutage, ein Tape zu verticken…
Es gibt Bands, die veröffentlichen nur noch online stream und kostenpflichtige wie -freie MP3-files.
Fiete: Das ist halt nur ein neues Medium. Aber es ist eine Übersättigung in der Gesellschaft da, wo jedeR Daten nutzt, weitergibt und Infos bekommt. Aber im Punkrocksektor gibt es meiner Meinung nach keine Übersättigung.

 

Obwohl ja jede Band irgendwas von sich online stellen kann und bei der Fülle an Daten und Songs die Qualität nachlässt. Es gibt kaum noch was Spannendes zu entdecken!
Fiete, Krösus: Das ist aber im jeden Bereich so.
Krösus: Es gibt unglaublich viele Leute, die Musik machen, was sehr gut ist.
Fiete: Und weil es viel mehr Auswahl gibt. Klar, da ist viel Schrott dabei, aber den gab es früher auch.
Tier (kuschelt gerne): Ich fand, Punk in den 80er Jahren war mehr zum Anfassen. Man kam sich näher als heute.
Krösus: Wir waren auch viel zu radikal. Wenn es um Geld geht beispielsweise. Wir haben ja im Vorprogramm von PETER&THE TEST TUBE BABIES gespielt. Ich hab’mal gehört, dass die 3000 DM pro Auftritt erhalten, und wir haben 200 oder 300 DM bekommen. Boah, da hab’ ich mich aufgeregt: ‘Die kriegen so viel und teilen das nicht’ (lacht).

 

Gab es dann Verträge?
Krösus: Nö, wir sind da hingefahren. Wir haben telefoniert, wir spielen, wir kommen. Da gab es keinen Vertrag!

 

In welchen Teilen der Welt wurde B&E abgefeiert? Gab es Briefkontakte zu Punx global?
Tier: Briefkontakte gab es mit Leuten aus England, Italien, Amerika, Spanien, Brasilien. Die Spanien-Kontakte kamen daher, weil wir das 1985 gespielt haben.
Die Platten gab es via BOOTS-Vertrieb zu kaufen.
Tier: So viel ich weiß, auch über FLIPSIDE.
Ihr hattet auch eine Freundschaft mit TORPEDO MOSKAU, die euch nach Spanien eingeladen haben…
Krösus: Wir hatten von WEIRD SYSTEM Infos, welche neuen und aktuellen Bands auf dem Label sind. Von TORPEDO MOSKAU gehört habe ich zum ersten Male, als die auf dem “Keine Experimente 2″ drauf waren. WEIRD SYSTEM hat entschieden, wer mit denen mitfährt. Das waren 3 oder 4 Konzerte!
Schotte (überrascht mit Fakten): Bei den 3(!!!)Konzerten gab es keine Haupt- und Nebenband. San Sebastian war geil. Da fährste immer so Berge hoch, Vollgas mit 20km/h…
Fiete:(ahmt Motorgeräusche nach, die einem Traktor ähneln)
Schotte:…und übern Berg kommste in ein Tal, der voll war mit diesem Punksound.
Krösus: Und von wo die Leute herkamen, das war da so was von voll, unglaublich.

 

“Easily one of Germany’s hardest-driving punk rock albums ever” (MRR, 1984)

 

Ihr habt die Mehreinnahmen von der ersten LP in eine Single investiert (Fleisch rollt)…
Krösus (verschämt): Naja, Einnahmen(lacht) WEIRD SYSTEM und Einnahmen…
Schotte(forscht): Also, ich würde gern wissen, wie viele Platten wir überhaupt verkauft haben. Wir haben nie Kohle dafür gesehen.
Krösus (widerspricht): Also, wir haben schon Kohle dafür gesehen.
Schotte: Ja, aber nicht…
Krösus (unterbricht schon wieder): Wir haben 2000 bis 3000 Platten verkauft, nach deren Meinung. Das ist das, was die uns gesagt haben. Es kam auch nie eine Abrechnung über verkaufte Platten, es fehlte aber auch an Engagement.
Fiete (orakelt): Das waren bestimmt über 10.000 Platten.
Schotte: Wir hatten vom Geschäft absolut keine Ahnung. Wir waren einfach nur froh, eine Platte machen zu dürfen. Der Hammer ist aber der Vertrag (gerät in Rage). Den musst du mal lesen. Da fällt dir nichts mehr zu ein.
Wie alt wart ihr denn damals?
Schotte(zählt zusammen): Fiete war 14, ich 21…
Fiete: Mit 13 habe ich angefangen. Wenn wir nach Berlin gefahren sind, hieß es, es reisen 3 Erwachsene und 1 Kind auf der Transitstrecke.

 

“Der Rache soll genüge sein, kein Weg zu weit, kein Beil zu klein”

 

1985 ging es dann wieder nach Berlin ins Musiclab. Dieses Mal mit einem anderen Mischer. Die Platte “…schön geseh’n” hat auch einen ganz anderen Sound…

Tier: Wir wurden gefragt, wen wir als Mischer nehmen wollen. Frank kannten wir gar nicht, haben dann beschlossen, es mit ihm zu versuchen.
Und euer Fazit?
Schotte (wie aus der Pistole geschossen): Harris hätten wir liebe gehabt.
Krösus(schwärmt): Was für ein Typ. Der hat einfach einen geilen Sound gemacht. Der hat ja auch dann die ganzen Metalbands gemacht. Ein unglaublicher Kerl…
Die Platte ist weit entfernt vom typischen DeutschPunk. Ausgereifte Texte, die heute als Emo bezeichnet würden…
Schotte (irritiert): Als was???
Als EMO!
Schotte(kombiniert): Ist das nicht so ein Tier, was…
-Gelächter-
UNDERDOG (ruft zur Vernunft):…technisch verspielte Rhythmen, aber immer noch hart gezeichnet. Habt ihr euch bewusst vom Punksektor entfernen wollen?
Krösus: Nö, wir haben das gemacht, was uns Spaß gemacht hat.
Tier: Es kamen speziell bei Schotte und mir auch die Einflüsse zum Tragen, Sachen, die wir zu der Zeit gehört haben: viel BIRTHDAY PARTY.
Schotte: Wir haben uns nie Gedanken gemacht ‘Was wollen wir eigentlich machen’?!
Krösus: Wir sind musikalisch besser geworden
Tier: Das war sowieso die Zeit des großen Break…
Fiete: …und die amerikanische Spielart, NO MENAS NO, SST-Bands.

 

Hört einer von euch heute noch Punk oder spielt ihr die Musik nur noch in Erinnerung an bessere Zeiten, als Punk noch gefährlich war?
(Alle): Ja!
Krösus: Ich war vor ein paar Wochen auf einem S.N.F.U-Konzert in Hamburg.
Fiete: Ich war in Düsseldorf auf einem THE DAMNED-Konzert.

 

BLUT&EISEN spielten ihren letzten Gig an der Stätte, wo sie früher schon mal zum Pogo aufspielten. Die Songs der beiden LP’s wurden fast komplett gespielt, die Stimmung kochte, das Publikum grölte die Refrains mit, Bier wurde gespritzt und es hatte für einen Moment den Anschein, we were back in 84.


BLUT&EISEN-Kontakt/Infos:
www.digitalisolation.de/blut&eisen

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