FEUERWASSER

Gerade in dieser kalten, depressiven und emotionslosen Welt sollte mensch sich Gedanken um den Sinn des Lebens machen.
Was kommt auf mich zu? Was passiert nach dem Tod? Gibt es einen Gott?

„Wir leben um zu sterben!“ FEUERWASSER bereiten sich jetzt vor und wissen, dass der Tag gekommen ist, an dem WIR uns nicht mehr verstehen, dass Türme auf Sand gebaut sind und dass trotz Allem die letzte Bombe fällt. Irgendwann. Die Welt muss also aufgeweckt werden. Dass übernehmen FEUERWASSER, eine Punkcombo aus Witten. Der wütende, sarkastische Blick auf Ungerechtigkeiten stellt das Gleichgewicht her, Menschlichkeit, Hoffnung und Freiheit in ein System einzubetten, was täglich Risse bekommt und verfällt. Fight for yourself! Sich seiner eigenen Lebensziele bewusst werden, sie aktiv verfolgen und in Konflikten gegen Übergriffe anderer verteidigen. Das sind die entscheidenden Schritte auf dem individuellen Weg zur persönlichen Freiheit. FEUERWASSER meckern, mahnen, warnen und haben pessimistische Grundsätze. Das Leben ist trist, die Zukunft trostlos. Menschen mit extrem selbst- und fremdverletzenden Verhalten und Handlungen: Amoklauf, Folter, Patriotismus. Die inszenierten Konfrontationen mit Ungerechtigkeiten reifen in kommunizierender Lyrik und dem Hang zum Punkethos: Widerstand und organisatorische Improvisation.
In diesen Konfrontationen wird eine Beziehung gemeinsam und gegeneinander in Sprachbildern verarbeitet. Was übrig bleibt ist der dreckige Rest, die ungeschönte Wahrheit, die niemand hören will, außer eine Handvoll GleichgesinnteR, die nicht alles fressen, was ihnen vorgesetzt wird. Das Ende vor Augen, Punk im Hinterkopf und durch die Gewissheit der eigenen Verwundbarkeit konfrontiert, beschäftigen sich Härp, Achim, Ralf und Tim in „Stürme der Zeit“ mit Einblicke, Ausblicke und Weitblicke, eine destruktive Mischung, die den apokalyptischen Reiter und die Faust aus der Tasche holt.

Punk ist: „(...)ein kleiner Hauch von Rebellion, zu tun und zu sagen, was einem auf der Seele brennt und einfach mal die Sau rauslassen...“; Ralf

Der Begriff Feuerwasser kommt vermutlich noch aus der Steinzeit. Damals verstand mensch unter diesem Begriff noch glühend heißes Wasser, bzw. frisch aus dem Vulkan kommende Lava. Da diese Substanzen jede damals für möglich gehaltene Temperaturskala sprengten, wurde der Fusel als "Lebensgefährlich" eingestuft. Haltet ihr Musik, explizit DeutschPUNK für "lebensgefährlich" oder habt ihr aus der Not eine Tugend gemacht und wollt die Feuerwasserproduktion aufrecht erhalten?
Härp: Wenn man es so betrachtet sind wir wohl Hauptlieferant der hörbaren Feuerwasser-Unterhaltung. Lebensgefährlich ist der gemeine Deutschpunk wohl eher nicht, wohl eher lebensfroh und trinkfreudig. Das auf jeden Fall, kann ich sogar aus meiner langjährigen, persönlichen Studie bestätigen.
Ralf: Die Musik von Feuerwasser ist halt hochexplosiv, vor allem auf der Bühne! Sie soll ein Feuerwerk für Augen und Ohren abfeuern das dem gemeinen Konzertbesucher die Arschhaare versenkt.

Gemeinschaftserlebnis und Selbstentfaltung, konzentrierte Arbeit und pures Vergnügen, bewusste Gestaltung und zweckfreies Spiel, präzise Planung und spontane Kreativität: JedeR, der/die nicht nur den perfekt funktionierenden Intellekt, sondern den „ganzen“ Menschen als Ideal vor Augen hat, träumt davon, diese einander teils widerstrebenden, teils ergänzenden Elemente zu vereinen. Welche Aspekte waren für dich ausschlaggebend, Punkrockmusik zu spielen?
Härp: Im Grunde waren es die langen Nächte im tiefschwarzen Nass der immer währenden Aura eines erkalteten Seins, welche uns dazu bewogen hat, unser einer selbst kritisch zu hinterfragen und um den Kosmos des gemeinschaftlichen Darbens hinweg zu philosophieren. Na ja... eigentlich war es eine Idee, die mir und einem guten Kollegen im Suff in einer schönen Sommernacht am Strand von Sardinien kam. „Ey...lass mal 'ne Band machen!“ „Jau, und saufen!“ „Deswegen ja Band machen...“
Ich glaub so ungefähr hat es sich damals zugetragen... ohne jemals daran zu denken, dass aus einer lustigen Idee nach ein paar Proben eine "richtige" Band wird.
Ralf: Aspekte? Natürlich aus reinem Selbstzweck! Nee, im Ernst, es ist halt das Virus, dem schon viele erlegen waren. Einfach Punkrock machen, ein kleiner Hauch von Rebellion, zu tun und zu sagen, was einem auf der Seele brennt und einfach mal die Sau rauslassen. Punkrock darf einfach alles, und wir werden uns von niemanden vorschreiben lassen, was wir zu tun und zu sagen haben. Und wir haben einiges zu sagen! Aus Feuerwasser wurde dabei weit mehr. Zum einen ein funktionierendes Ganzes zu werden und individuell sein Bestes aus einem zu kitzeln. Ich glaube dies ist es, was uns recht authentisch macht. Wir haben uns von Jahr zu Jahr, von Gig zu Gig mehr gesteigert, einige Abstürze gehabt und uns aus dem eigenen Dreck geholt.

Gab es seit eurer Gründung bereits einige Erlebnishöhepunkte, von denen ihr berichten könnt?
Härp: Da waren so Einige, die sicher den Rahmen des Underdogs sprengen würden. Und wo du mich gerade dran erinnerst; ich werde wohl ein Buch drüber schreiben. Einer der schönsten Erlebnisse ist es, jedes Mal vor fremden Leuten zu spielen und die mit der eigenen Mucke auf irgendeine Weise zu faszinieren. Die Belgien Tour vor 2 Jahren ist da ein gutes Beispiel, sowie sämtliche Konzerte im Norden und Osten der Republik.
Ralf: Man erlebt viel positives, als auch negatives. Am interessantesten ist es, die Weiten der Republik kennenzulernen und natürlich auch darüber hinaus, die unterschiedlichen Menschen in den Regionen vor allem. Im Osten der BRD sind die Menschen dankbar für jede Band die kommt und es wird ordentlich abgerockt, da wird gefeiert bis zum Umfallen, im Norden ist der Humor der Menschen sehr ähnlich mit dem von uns Pott'lern, und in Belgien und Holland sind sie hungrig auf immer neue Bands und super gastfreundlich...und das ist nur ein kleiner Auszug.
Härp: Man kann sagen, wir haben fast überall eine ganze Reihe netter und Punkrock-freudiger Menschen kennen gelernt, sowie neue Freunde gefunden.

Wenn Mensch eure Songs auf der myspace-Seite anhört, ist es verwunderlich, dass aufgrund der professionellen Aufnahme und Spieltechnik noch kein Label am Start ist. Wollt ihr bewusst unabhängig bleiben oder gab bislang nur enttäuschte Absagen?
Härp: Absagen kann man das wohl nicht nennen, wenn niemand antwortet, hehe. Aber jein, Unabhängigkeit ist schon was Feines, allerdings auch mit viel Arbeit, Aufwand und Stress verbunden. Sei es bei der Artwork-Gestaltung, dem Aufnehmen oder halt auch später beim Verticken der CDs, Shirts und anderem Brimorium.
Wir haben die CD vorab mal verschickt als sie erst halb fertig war und haben darauf halt keine Antwort bekommen. Kein Wunder, wenn man sich die Aufnahmen heute nochmal anhört. Da fehlten noch die Chöre und war erst zu 50% gemixt. Die einzige offizielle Absage haben wir von Christian/Sunny Bastards bekommen, wohl auch nur, weil wir die ihm persönlich bei einem gemeinsamen Konzert mit uns und zwei seiner Label-Bands übergeben haben, und der 'nen feiner Kerl ist!
Ralf: Wir müssten lügen, wenn wir sagen würden, dass wir nicht auf ein Label wollten, aber allein aufgrund der Überreizung an deutschen Punkbands und der schwachen Finanzlage überall, ist es halt unglaublich schwer an eines heran zu kommen. Im Endeffekt bereuen wir es aber kein Stück, das Album dann doch DIY veröffentlicht zu haben. Es ist zwar ein Arsch voll Arbeit und es hat ein gefühltes Jahrhundert gedauert, aber wenn es dann soweit ist, ist man mächtig stolz darauf und die Resonanz bestätigt unsere Entscheidung. Dabei denke ich, ist eine professionelle Aufnahme und DIY ja in der heutigen Zeit kein Gegensatz. Die Technik wird immer besser und günstiger, so dass sowas durchaus realisierbar ist. Keine Frage, wir haben auch einiges an Kohle reingesteckt, aber wir wollten ja auch was repräsentatives rausbringen, wo auch jeder merkt, dass Herzblut in dem Teil steckt und dadurch umso authentischer klingt.

 

Ihr seit bislang auch viel live unterwegs. Ist es heutzutage wichtig, eine verstärkte Livepräsenz zu zeigen, um auf sich aufmerksam zu machen, die fehlenden CD-Verkäufe zu kompensieren oder orientiert ihr euch an dem alten RAMONES-Zitat "Touring is never boring"?
Härp: Sowohl als auch! Auch wenn wir nach wie vor für kleines Geld die Läden der Welt bespielen, so haben wir doch auch durch die Einnahmen auf Konzerten (T-Shirt Verkauf, Spritgeld) uns ein kleines Plus erwirtschaftet, durch welches wir unser Album finanzieren konnten. Das Presswerk bezahlt sich ja leider nicht von alleine.
Allerdings muss ich dazu sagen, dass wir in erster Linie doch eher eine typische Live-Band sind. Will nicht heißen, dass unser Zeug auf Platte scheiße klingt, aber auf der Bühne kommt halt doch mehr rüber. Da merkt dann auch der letzte Depp, dass wir nicht so bierernst sind, wie wir tun bzw. wie es durch die Songs vielleicht rüber kommt. Wenn dem nicht so wäre, wären wir ja schließlich nicht so viel unterwegs. Wobei... das Geld, das Geld... ich glaub wir machen es doch nur des Geldes wegen, muhaha!
Ralf: Klar, wir sind ja Rockstars und Stars müssen touren, um an Koks und Nutten zu kommen! Hehe...Nee, am wohlsten fühlen wir uns auf der Bühne, sind 'ne absolute Liveband, da ist es egal ob für hohe Gagen oder Spritgeld. Natürlich muss man ja mindestens plusminus 0 rauskommen, aber lieber Plus, da sich der ganze Spaß ja nicht von selbst finanziert, und wir auch keine reichen Papakinder sind. Ich denke aber, in Zeiten von MP3 und dem dadurch resultierenden Verlust des Wertes der Musik an sich, ist es um so wichtiger, die Leute Live zu beeindrucken. Wir sind da realistisch, dass viele die Mucke aus dem I-net „ziehen“ etc. und man nur durch Musik aus der Konserve nicht punkten kann. Wichtiger ist es, die Leute direkt anzusprechen, ihnen zu zeigen, dass man auch real die Sachen so spielt, und dann hat die Musik auch wieder einen anderen Wert, und die Leute kaufen uns dann gerne mal 'ne CD oder ein Shirt ab, weil sie dann etwas damit verbinden und uns unterstützen wollen.

Wie kommt ihr denn an Konzerte ran, wenn ihr ohne Label, Boookingagentur arbeitet?
Härp: Mittlerweile läuft das von alleine. Also wir bekommen die eine Hälfte über Anfragen die andere über „Läden-Aquise“ rein. Ist aber nach wie vor sehr schwer, Leute von sich zu überzeugen, wenn man kein Label im Hintergrund hat. Da wird man oft nicht ernst genommen, mit der Begründung; warum wollt ihr soweit reisen, wenn euch hier eh keiner kennt? Als Support spielen geht dann eh nie, also muss man darauf hoffen, auf Veranstalter zu treffen, die auch Konzerte mit eher unbekannten Bands organisieren. Je weiter man sich da aus dem Ruhrgebiet raustraut, desto besser funktioniert das.
Nur sind wir einfach viel zu faul, um halt jeden Laden anzuschreiben. Das machen -wenn überhaupt- auch nur zwei von uns, und das mit keiner großen Regelmäßigkeit.
Ralf: Ist halt immer so eine Glückssache. Letztens habe ich noch in einem Konzertreview über uns gelesen, dass wir in der Umgebung fast überall Supporter sind. Auch wenn es nicht der Fall ist, ist das natürlich klasse, so bleibt man im Kopf! Früher war es noch etwas schwieriger, aber inzwischen hat man sich einen Namen erspielt und man kommt eher an Konzerte. Aber es ist ein ständiger Kampf und ein Hoffen, dass wir genug Konzerte voll bekommen.

Ihr vermeidet es, 08/15 Sauf-OI-Punk zu spielen. Legt ihr wert auf gepflegte Unterhaltung und (wie) wollt ihr partout vermeiden, dass sich stumpfsinnige Punx, Skins auf euren Konzerten lümmeln?
Härp: Stumpfsinnige Idioten findet man ja leider überall. Da muss man kein großes Aufhebens drum machen, damit sich da zwei, drei und mehr Vollpfosten auf den Konzerten tummeln. Feier ist ja grundsätzlich okay, und wir sind auch keine streng politische Veranstaltung, die da zu Werke geht. Auch wenn wir damit live nicht jeden erreichen, will ich mit den Songs schon einen gewissen Denkanstoß geben. Live ist das ja zumeist anders als auf Platte, wenn man auch die Texte nachlesen kann (was ich übrigens sehr wichtig finde) und auf der Bühne eher versucht, die Leute ein wenig zum Pogen, Tanzen und so zu animieren.
Skinhead Freunde haben wir genug, aber die wissen ganz genau, worüber wir singen und in welche Ecke wir schlagen. Auf Grauzonen Idioten, die FreiWild hören, haben wir definitiv keinen Bock. Wenn die Leute jetzt bei und mit uns feiern bis die Bühne brennt; warum nicht?!
Ralf: Wir sind ja keine PC Band und den Anspruch haben wir gar nicht. Wir vertreten unsere Grundsätze, ohne dabei irgendjemand zu ermahnen. Jeder sollte sich frei entfalten und Toleranz erwarten dürfen. Unsere Scherze gehen auch mal unter die Gürtellinie, aber das finde ich auch nicht verwerflich. Aber jede Toleranz hat natürlich seine Grenzen. Wichtig ist es halt, ein gewisses Selbstverständis zu haben. Sexismus, Homophobie, Rassismus etc. mögen wir nicht, wollen wir nicht, und wir werden auch unsere Maul aufreißen, wenn uns sowas in unserer Umgebung zu Ohren kommt. Leider gibt es genug Pfosten, die so einen Scheiß von sich geben, umso bedauerlicher ist es, dass sowas viel zu oft toleriert wird. Geht gar nicht. Zu vermeiden, dass diese auf unseren Konzerten rumrennen ist nie ganz ausgeschlossen, aber solchen wird die Meinung gesagt, ohne Diskussion. Zum Glück sind solche Menschen die Minderheit.

Bands wie EISENPIMMEL, DIE KASSIERER, LOKALMATADORE ziehen sich ja bewusst diesen Schuh an, Prolls und Gesocks im Publikum und ZuhörerInnen anzuheizen. Wie beurteilt ihr diese Entwicklungsstufe? Ist das ein Phänomen, was vordergründig im Pott anzusiedeln ist. In unserer nördlichen Umgebung achten Punkbands schon sehr genau auf Attitüde und political Correctness, wo schnell klar ist, wo der Hammer hängt. Da gibt es keine Grauzone! Denkst du der Ruhrpott ist anfälliger für primitive Feierabendmusik?
Härp: Bei der Frage muss ich direkt an ein sehr nettes, langes und intensives Gespräch mit Patti von CUT MY SKIN denken (Grüße nach Berlin). Political correctness ist hier ein viel debattiertes Thema im Ruhrgebiet, meist allerdings immer mit Leuten von „außerhalb“. Unserer Ansicht nach hat der gemeine Ruhrpöttler halt eine gewisse asoziale/prollige Ader in sich. Das merkt man selbst, wenn man in den AZ’s um die Ecke mit Leuten der Antifa oder diversen anderen Gruppen redet. Der Spaß hört natürlich bei Sexismus, Homophobie oder jeglicher Art der Diskriminierung auf, allerdings legt sich das auch wieder jeder so zu recht wie er es haben will.
Wölfi von den DIE KASSIERER kennen wir persönlich und wissen daher auch wie der ungefähr tickt. Der zieht sich halt jedes Mal (genau wie bei den Kollegen von Eisenpimmel) den Schuh des Partylöwen an, um da Live seine Show abzuziehen. Ich seh’ das zwar mehr als Comedy/Unterhaltung an, aber kann auch gut nachvollziehen, dass sich da Leute vor den Kopf gestoßen fühlen, wenn der da von Titten, Pimmel und anderen Extremitäten spricht.
Der Ruhrpott wie er singt und lacht.
Ralf: Das ist ein schwieriges Thema. Scheinbar ist es wirklich fast nur ein Ruhrpott-Phänomen. Ich glaube, man muss aus dem Pott kommen, um den Humor zu verstehen. Ich finde die Kassierer persönlich sehr witzig, da ich die eher als Comedy-Ding sehe. Privat ist Wölfi überhaupt nicht so Asi, wie er sich gibt. Ist halt nur Show! Schwierig ist es, wenn sich Leute diese „Show“ zu eigen machen und wirklich so Asi sind. Es gibt halt immer Leute die es übertreiben. Das sollte alles im Rahmen bleiben. Zum Beispiel gibt es ja auch Leute, die political correctness übertreiben, die jeden Satz auf die Goldwaage legen, so nichtig er auch sei. Da würde ich mir wünschen, dass man sowas ausdiskutiert, anstatt Gerüchte hinterm Rücken zu verbreiten. Damit meine ich jetzt nicht so Dinger wie FREiWILD, wo wirklich fundierte Argumente bestehen, dass diese Band tiefste Grauzone ist. Es besteht aber die Frage, wo hört das wachsame Auge auf und wo fängt die Hexenjagd an. Ich finde es ignorant, wenn in einem Laden mein Freund nicht reingelassen wird, weil er ein Skin ist, allein auf bloßen Verdacht. Obwohl er die selben Werte vertritt wie ich, sonst wäre ich ja nicht mit ihm befreundet. Sowas spaltet die Szene. Man sollte immer versuchen, hinter die Stirn zu gucken, anstatt wie die Leute aussehen. Die selben Leute verdammen die Bullen, wenn sie in einem dunkelhäutigen Mitbürger einen „Dealer“ sehen.

Ist ja traurig, dass immer zu erwähnen, aber "Gegen Nazis" sein alleine reicht ja nicht mehr aus, da sich gerade auch in "unserer Punk-Szene" immer wieder homophobe, sexistische Sprüche auf Konzerte und Machoallüren verbreiten. Habt ihr da ähnliche Erfahrungen gemacht und denkst du, dass sich Punk zu sehr auf primitive Verhaltensformen ausruht und versucht wird, mit PUNK alles zu entschuldigen?
Härp: Mit Punk lässt sich eine Menge entschuldigen. Mittlerweile ja fast alles. Punks und Skins united und alle feiern und saufen unter’m gleichen Tannenbaum. Unpolitisch? Aber hallo! Politik ist ja nur was für PC-Punker und AZ-Zecken. Nee danke! So denken viele!
Ich finde es auch erschreckend, dass es tatsächlich einige Leute in der Szene gibt, die an jedem Plenum teilnehmen, mir etwas von Toleranz und Diskriminierung erzählen und dann allen ernstes meinen, dass es okay ist, wenn man etwas gegen Schwule hat. Homophobie in seiner Reinform. Ist zwar eher die Ausnahme, aber trotzdem untragbar für eine eigentlich aufgeschlossene, bunte und vielfältige Subkultur.
Auf dem letzten Frost Punx Picnic im AZ Mülheim hat der Sänger von Family Man es auf den Punkt gebracht; 2 Tage Festival, 2 Frauen auf der Bühne (bei 10 Bands) aber 5 Mädels, die in der Küche ackern, und die Jungs machen Tresen. Seltsam und fast schon wieder eine belustigende Beobachtung.
Ralf: Ja, die Realität ist meist erschreckend grausam. Selbst hier in Witten, wo ich die Leute für politisch korrekt gehalten hab, habe ich letztens von einem befreundeten bisexuellen Punker erfahren, dass der ein oder andere aus der Meute homophob sei. Leider hat sich das auch im Nachhinein bestätigt. Es ist echt traurig zu sehen, dass Homophobie und Machodreck in unserer Szene so verbreitet ist. Das macht das ganze nicht wirklich authentisch. Zum Glück gibt es immer genug korrekte Leute, die tolerant sind und nicht auf Stumpfpunk machen. Es sind meiner Meinung nach nur die Ausnahmen, die einem auffallen. Es ist wichtig, dem stumpfen Eisenpimmelhörer deutlich zu machen, dass er mit seinem Prollodreck allein dasteht.

Witten hat ein Herz für Nostalgiefans. So wird ein großes Folkfestival organisiert, ein Oldtimertreffen veranstaltet...Hat Witten auch ein Herz für Subkulturen? Welche Möglichkeiten kann der Punk von Welt denn in Witten in Anspruch nehmen?
Härp: Na ja, nicht wirklich viel. Uns wird hier alle Naselang irgendwas dichtgemacht, geschlossen oder gesperrt. Man hat ständig mit irgendwelchen Auflagen, Ämtern und sonstigem Firlefanz zu kämpfen, wenn es um Freiraum, Konzerte und Subkultur geht. Vor zwei Jahren gab es hier noch das Schwedenheim, wo relativ regelmäßig Konzerte veranstaltet wurden, und die Werk°Stadt. Zweiteres ist allerdings eher für den Mainstream Konsumenten gedacht und hat weniger was mit Underground zu tun. Da gibt es zwar auch die Talentbühne „Gehacktes“, allerdings dürfen da -seit wir da vor ein paar Jahren „gewütet“ haben- keine Punkbands mehr spielen. Jedenfalls keine, die ein pogowilliges Publikum zieht, hehe.
Da waren damaligen Veranstalter wirklich böse, weil ein paar Gläser kaputt gegangen sind und was halt noch so passiert, wenn man ausgelassen Pogo tanzt. Dämlich und irgendwie peinlich für Witten.
Das neue Jugendzentrum „Famous“ ist der quasi Nachfolger des Schwedenheims, mit dem nostalgischen Flair der damaligen Institution allerdings in keiner Weise zu vergleichen. Eher dem eines Trend-Schuppens. Fürchterlich.
Ach ja… dann wäre da natürlich noch unser „Trotz Allem“ und die „Kurve“. Das Trotz besteht nun seit fast 10 Jahren und wird von ein paar Kollegen von uns organisiert und verwaltet. Die Kurve ist eher als kleiner, aber feiner Bretterverschlag und Asseltreff zu beschreiben. Da werden bei gutem Wetter (ist halt Open Air) sogar des öfteren Konzerte mit lokalen Schrammel Bands veranstaltet.
Ralf: Witten ist ein undankbarer Ort für DIY. Es wird hier nicht gerne gesehen. Es gibt zwar die angesprochenen Läden wie die Kurve und das Trotz Allem, aber wirklicher Raum wird meist im Keim erstickt. Um so dankbarer sind wir über diese beiden Läden, die uns immer unterstützt haben und dessen Flagge wir gerne hochhalten. Allein das Trotz Allem, dem wir ja auch ein Song gewidmet haben, hat da einiges mitgemacht. Einst in einem schicken Laden direkt am HBF ansässig, wurde er bald wegen Nazianschlägen dichtgemacht. Als dann in einem ehemaligen portugiesischen Vereinsheim (welcher ca. 7 Jahre bestand), fiel der Stadt plötzlich auf, dass gewisse Auflagen nicht erfüllt sind und wurde kurzum dicht gemacht. Allerdings arbeiten wir dran, dass diese bald erfüllt werden. Trotz Allem geben wir nicht auf!
Aber so geht es leider vielen Läden im Pott, alle Nase lang wird was neues gemacht, es ist ja reichlich Bedarf da, aber genauso schnell sind die auch wieder dicht.

Gegen welche Feindbilder müsst ihr euch im Alltag erwehren? Suchst du die direkte Auseinandersetzung mit Worten und Taten oder bist du eher jemand, der meckert, wenn er zu Hause im sicheren Terrain sitzt?
Härp: Meckern im eigenen Sud kann ja jeder. Wie ich gerade schon angesprochen habe, muss man sich hier in Witten ab und an mit dem öffentlichen Recht rumschlagen. Sei es jetzt was die schon angesprochenen Genehmigungen angeht für das Trotz, der Organisation von Konzerten und damit zusammen hängenden Auflagen oder dem üblichen Bullenalarm.
Faschos haben wir hier natürlich auch ein paar: Wittener Kameradschaft, die Hohlbirnen der NPD, AntiAntifa und Autonome Nationalisten verirren sich ab und an in unsere beschauliche Stadt.
Allerdings wussten wir bis jetzt immer, wie wir die Flitzpiepen in Schach halten. Hier und da gibt es ein paar handkräftige Konfrontationen, aber mittlerweile sieht man die Boneheads recht selten hier rumlaufen.
Ralf: Witten ist, wenn man das so platt behaupten kann, in linker Hand. Es gab immer wieder Versuche, hier eine starke Rechte aufzubauen, aber wir haben uns bislang immer erfolgreich dagegen wehren können. Leider kann man die Dummheit ja nicht aus den Köppen kriegen und Probleme sind immer und überall mit Faschos vorprogrammiert. Egal ob hier oder anderswo. Wehren muss man sich gegen alle möglichen „Feindbilder“ von Tag zu Tag, da kommt man halt nicht drum herum, wenn man so einen Weg wählt. Seien es die Grünen, Staat oder der gemeine Spießbürger.

Heutzutage ist es einfacher, Gerüchte, verbale Attacken im virtuellen Raum (web 2.0 etc.) zu verbreiten. Ihr habt dafür die Band Feuerwasser. Wie wichtig sind euch textliche Inhalte und Botschaften bzw. welche Ideen werden mit der Band nach Außen transportiert?
Härp: Sagen wir mal so; Musik und Texte sind in erster Linie aufeinander abgestimmt. Ich schreibe jetzt keine Prosa Lyrik oder denke über den 100% korrekten Terminus einer Formulierung nach. Wichtiger ist mir, dass es ehrlich und direkt heraus kommt.
Dass am Ende dann halt ausschließlich politische Texte dabei rumkommen, hat dann wohl logischerweise was mit der Einstellung und dem Weltbild unserer Bandmitglieder zu tun. Auf dem neuen Album ist auch eine Ballade zu finden. Allerdings handelt da der Text weniger von Liebe, Schmerz oder irgendeiner anderen Schmonzette, sondern von der Todesstrafe. Soll jetzt nicht heißen, dass ich Balladen nicht mag, im Gegenteil, allerdings hat so etwas wohl eher weniger Platz bei Feuerwasser.
Ralf: Das schöne an der Musik ist, dass man alles ausdrücken kann. Das wir was zu sagen haben, merkt man, und wir singen auf deutsch, damit sie für jeden verständlich sind. Wichtig ist es, wie man die Inhalte transportiert. Es ist ein schmaler Grad zwischen eingängigen Texten, ohne dabei in Parolengedresche zu verfallen. Davon gibt es schon genug. Anti-Nazi Songs sind beispielsweise gut und richtig, aber mit Nazis raus im Refrain lockst und schockst du niemanden mehr. Da haben die alten Bands schon alles mit gesagt und sie zu wiederholen ist langweilig und einfallslos. Heute ist es wichtig etwas zeitgemäßeres, tiefergehendes zu machen. Nehmen wir unseren Song „Bekannter Fremder“. Meiner Meinung nach, ein sehr eingängiger Song zum mitsingen und ohne Parolen. Da geht es um die Ignoranz des gemeinen Bürgers gegenüber des Migranten, der nebenan sein Obst verkauft. Der Song ist recht eindeutig und trotzdem kann sich jeder Gedanken dazu machen, quasi die Sache weiterdenken und sich seinen eigen Reim dazu zu machen. Wir wollen zum mitdenken anregen.

Jeder Mensch benötigt einen kommunikativen Austausch, um sich zu verselbständigen. Eure Homepage und myspace-Seite gibt hingegen wenig Aufschluss über euch, Infos sind rar bis gar nicht vorhanden. Ist das Absicht, seid ihr faule Säcke oder wollt ihr ein gut gehütetes Geheimnis bleiben?
Härp: Hahaha, von Jedem ein bisschen. Das wir faule Säcke sind hab ich ja weiter oben schon bestätigt, aber ein bisschen Absicht steckt dennoch dahinter. Die Jungs und ich halten es für weniger wichtig, uns selber in den Vordergrund zu stellen, als einfach die Musik sprechen zu lassen. Wenn ich durch das Netz streife und dann auf diversen Bandseiten immer über ellenlange und total überflüssige Steckbriefe und so ein Törö stoße, frage ich mich, ob die Band sich oder eher die Musik vorstellen will. Für mich steht bei Feuerwasser ganz klar die Musik im Vordergrund, nicht die Persönlichkeiten, die sie produzieren. Mit Emotionen und Profilen das Interesse der Hörerschaft zu erwecken, versuchen ja eher Programme wie Popstars oder Deutschland sucht den Super-Selbstdarsteller. Wer uns privat kennen lernen will, der soll einfach ein Konzert für uns klarmachen und dann wird vor Ort genug gequatscht und gelacht. Wir sind in der Hinsicht sehr kontaktfreudig und umgänglich, hehe.
Ralf: Ich mag es nicht, wenn zum Beispiel eine Band mit Bandfoto auf dem Cover einer Platte ist. Das bringt nichts rüber außer Selbstdarstellung, es sagt nichts über die Musik. Das wollen wir nicht. Wir haben halt etwas zu sagen, und das machen wir nicht durch Nieten in unseren Lederjacken oder Frisuren, damit wir authentischer wirken. Wir präsentieren uns auch lieber auf der Bühne, denn da sieht es besser aus als auf Steckbriefen auf myscheiß etc. Keinen interessiert es, welches Equipment der Gitarrist spielt.
Privat sind wir sehr offene Menschen und quatschen liebend gern auf Konzerten mit den Leuten. Das ist uns am liebsten.

Schönes Schlusswort, ich danke euch!
Härp: Danke für die Fragerei und Grüße aus dem Ruhrpott!

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