KAFKAS

Wenn alle VeganerInnen zusammen stehen, hat die Fleischindustrie keine Macht mehr über uns. Für KAFKAS ist der unblutige Kampf vorbei, die Schlachthäuser sind geschlossen, militante Aktionen überflüssig. Zeit, um in die Hände zu klatschen, selbst, wenn diese zu schwach sind, bleibt dann, wenn sich ihre Vision erfüllt. Bis dahin ergreift die Band Partei für die vermeintlich Schwächsten, verleiht ihnen eine Stimme und wünscht sich, "damit anzufangen, damit aufzuhören". Letztendlich -und das ist das zentrale KAFKAS-Thema- hast du die Entscheidungskraft, dich von den demagogischen Methoden der Fleischindustrie und der Propaganda der Werbung zu lösen oder dich für eine tierfreie Ernährung und Lebensweise zu entschließen. Nun, alles wird gut? Mitnichten, solange TierrechtlerInnen kriminalisiert werden.


KAFKAS erheben dabei nicht den moralischen Finger und klagen den Menschen an, sondern zeigen und demonstrieren ihren eigenen Prozess in die fleischlose Gesellschaft. Da fließen mitunter auch mal Tränen, wenn Markus seine "Paula" beweint, eine tierische Beziehung im Lebensalltag, die plötzlich beendet wird. Musikalisch hebt sich KAFKAS weit aus den Sparten der punkrelevanten Schublade, kokettiert neuerdings mit Elektro-Pop und Melodien, die keine Berge versetzen, aber so weit gefestigt sind, dass ihre Strukturen zum Flash-Mob aufrufen. Die sehr facettenreichen Arrangements lassen genug Platz für Markus' Botschaften, die sich ins Hirn fräsen und mal wütend, nachdenklich, traurig, aber immer positiv stimmen. Vielleicht öffnen die eingängigen und zugleich variablen Dreiklangdimensionen neue Horizonte und finden eine größere Zielgruppe, tanzbar ist die unblutige Revolution noch immer. Am Ende reichen dir KAFKAS die Hand, demonstrieren eine selbstbewusste Haltung und musikalische Souveränität, Punk aus dem Stumpfsinn herauszuholen und dich einzuladen, endlich damit anzufangen, damit aufzuhören.
Eine zweifelsohne ungewöhnliche Band, die auf gängige Klischees verzichtet und ihre Musik selber als "flotter Punk ohne Nietenlederjacke" bezeichnet. Aus den Zutaten „Punk" plus „Alternative", einer Brise "Ska" und stilvollen Pop kochen sie einen abwechslungsreichen, tanzbare Energydrink, der mit Ironie und Mut abgeschmeckt wird. Das Anliegen ist nicht, andere zu verurteilen, sondern gemeinsam neue Wege zu gehen und dabei ein Lächeln im Gesicht zu tragen. Die multi-regionale Truppe, deren Bandbunker in Fulda steht, möchte mit der Musik und den Texten, denen, die in unserer Gesellschaft keine Stimme haben, eine Plattform geben. UNDERDOG, das Fachblatt für Herz und Hirn, bot Sänger Markus Gabi Kafka eine Plattform, seine persönlichen Ansichten analytisch vorzutragen.

UNDERDOG: Markus, welche treibende Kraft war ausschlaggebend, nach 7 Jahren ein komplettes Album zu veröffentlichen bzw. was war in der Zwischenzeit wichtiger geworden, als im Studio zu experimentieren?
Es ist extrem viel passiert in der Zwischenzeit. Einiges hat ganz sicher dazu beigetragen, dass es lange keine neue Platte gab. Es waren zum einen private Dinge und zum anderen Besetzungswechsel, sowie auch neue musikalische Wege. Wir hätten mindestens 2 Alben zusammen, die sehr punktypisch und eher im bisherigen Kafkas-Stil liegen würden. Doch ich wollte das so nicht. Zum einen, weil es mich langweilt, wenn es sich zu sehr nach Routine und Wiederholung anfühlt. Zum anderen, weil ich es für richtig und wichtig halte, das zu tun, was man möchte und nicht nur das, was von einem erwartet wird. Die ersten Stimmen, beispielsweise zu unseren elektronischen Songs, waren schon eher so: "das ist ja cool, okay - aber das könnt ihr als Kafkas doch nicht machen. Was soll euer Publikum dazu sagen?" Das hat uns aber letztlich sogar noch darin bestärkt, es jetzt gerade erst recht so zu machen und bis jetzt habe ich es nicht bereut. Ich finde, die zusätzliche Abwechslung macht es interessanter und tut letztendlich auch unseren punkigeren Songs dann gut, weil wir dann für diese wieder ganz unbefangen hart und rau angehen.

UNDERDOG: Experimentieren ist dennoch der richtige Ausdruck für die musikalische Umsetzung und das Arrangieren der Songs wie "Klatsch in die Hände", "Hölle", die sich doch sehr aus dem musikalisch rauen, einfältigen Punkrock-Kontext herausheben und Lust auf ein Rockstarleben machen?!
Ja, das Feedback auf die neuen Songs ist schon sehr gut. Wesentlich besser, als erwartet. Die neuen Sachen scheinen auch einigen zu gefallen, die bisher nichts mit uns anfangen konnten. Und es könnte tatsächlich sein, dass wir die neue Platte ein paar Mal mehr, als unsere alten Platten verkaufen? Weiß ich aber nicht. Wir haben uns inhaltlich nicht verbogen. Und es ist eine sehr ehrliche Platte. Ich glaube, dass man das auch merkt. Es gab hier niemanden, der gesagt hat, ich will nicht mehr nach dem Konzert auf einer voll gepinkelten Matratze mit 5 weiteren Personen (hier sind leider keine 4 attraktiven Damen gemeint) bei konstantem 1000-dB-Lärmpegel schlafen. Die größten Asseln im Club sind also weiterhin wir, auch wenn wir uns gelegentlich die Zähne putzen und uns die Einkäufe bei den angesagten Punk-Souvenir-Shops einfach nicht leisten können. Wer uns allerdings für die poppigeren, elektronischeren Songs Nietenlederjacken für die Bühne spenden möchte, wende sich bitte vertrauensvoll an unsere Band-Zentrale.

UNDERDOG: Mit der elektro-poppigen Art und Weise erreichst du vielleicht auch Menschen, für die Punk ein Fremdwort ist. Wollt ihr euch bewusst einer breit gefächerten Zielgruppe nähern und diese mit politischen Themen indoktrinieren?
Es gab keinen Masterplan oder Strategien-Entwurf, was die musikalische oder inhaltliche Ausrichtung der neuen Platte angeht. Wir haben einfach das gemacht, was wir mögen, wohinter wir stehen und was uns am Herzen liegt. Ich hoffe, dass wir mit der Musik Leute erreichen können und wenn wir dadurch etwas positiv verändern können, dann freut mich das natürlich noch umso mehr.
Wie politisch die Punkszene letztlich im allgemeinen, im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung ist, kann ich nicht wirklich beurteilen. Was ich aber leider schon sagen muss, ist, dass die Mehrheit, derer, die uns gelegentlich wegen dem Einsatz für Schwächere, z.B. für Tierrechte oder gegen Schwulenfeindlichkeit, am meisten angemacht haben, waren optisch betrachtet Punker.

UNDERDOG: "Jeder Tag ist ein guter Tag". Bist du leicht zufrieden zu stellen und was setzt du dir für Ziele, die du auch persönlich erreichen kannst, um zufrieden zu sein?
Ob ich leicht zufrieden zu stellen bin, weiß ich nicht. Ich glaube ja eher nicht. Kann ich aber selber nicht so gut beurteilen, schätze ich. Müsste ich mal meine Ex-Partnerinnen fragen, die sind ja immer sehr informativ und aussagekräftig. Ich bin (leider) nicht so der Ziel-Weg-Plan-Macher, was meiner beruflichen Biografie leider nicht zu status-relevanten und "kann-meine-mutter-mal-bei-Gesprächsrunden-protzend-einwerfen"-Einträgen verholfen hat?

UNDERDOG: Dir war es wichtig, dass sich eine kleine Auswahl an Personen, die neuen Songs anhört und auf Reaktionen gewartet. Bist du vorsichtig, neugierig oder hast du Angst vor Verrisse?
Ich denke, man verliert selber erstmal etwas das Gefühl für die eigenen Songs. Das kommt dann erst mit etwas Abstand. In der Vergangenheit haben wir meistens einfach in der Probe Songs zusammen gezimmert und sind dann meist schon kurz darauf ins Studio, um dort die Sachen zu verewigen. Dann wurde gemischt und kurz darauf veröffentlicht. Das war diesmal etwas anders. Es war einfach interessant, zu erfahren, wie die Songs auf andere Personen, die uns am Herzen liegen, wirken. Das waren aber keine Marktanalysen um dann daran die Songs auszurichten. Die Sachen wurden auch nicht anhand des Feedbacks verändert. Wenn es also niemanden gefallen hätte, hätte ich es auch nicht ändern können, bzw. nicht ändern wollen. Angst vor Verrissen? Hm, ich denke es kommt darauf an, wer und warum uns jemand verreißt. Es gibt also, auch Personen, bei denen ich etwas erleichtert bin und teilweise sogar etwas stolz bin, wenn sie uns nicht mögen haha.

UNDERDOG: Es scheint, als ob viele FleischesserInnen nur dann auf den Konsum verzichten oder sich einschränken, wenn wieder einmal ein Fleisch-Skandal öffentlich gemacht wird. Da liegt es nahe, davon auszugehen, dass die Öffentlichkeit einerseits sehr wohl daran interessiert ist, wenn es bspw. um die Beeinträchtigung der eigenen Gesundheit durch Manipulationen (Gammelfleisch) in der Fleischverwertung geht, andererseits aber weniger bereit ist, einen Diskurs um die brutalen Tiernutzgesetze zu führen, weil das Etikett "Bio" die Gemüter wieder beruhigt und damit auch der Fleischverzehr wieder gerechtfertigt wird. Welche marktstrategischen Prozesse entwickeln sich, wenn dadurch ein "Skandal" abgeschwächt wird, wird der "gesunde" Fleisch-Konsum dadurch eher gefördert?
Ich denke, das hängt u.a. vom genauen Inhalt des "Skandals" ab . Geht es beispielsweise nur um die Hygiene, dann werden natürlich schon sehr viele einfach einen Weg suchen, wie sie an "einwandfreies" Fleisch ohne Angst und Sorgen, um die eigene Gesundheit, gelangen können. Da würde das Etikett "Bio" in einigen Fällen wahrscheinlich durch die Gewissensberuhigung, den Konsum bei einigen Personen eventuell sogar noch erhöhen. Andererseits, ist vielen Menschen doch gar nicht wirklich bewusst, wie ihr tägliches Fleisch auf ihre Teller gelangt und mit welchem Leiden und unnötigen Schmerzen der Tiere, dies verbunden ist. So denke ich, dass durch jeden Skandal einige Menschen zum ersten Mal auf das Thema aufmerksam gemacht werden. Andere Personen werden vielleicht erstmal nur aus Sorge um die eigene Gesundheit den Fleischverzehr beenden und dann nach Alternativen suchen und merken erst dabei, wie leicht es auch ohne Fleisch und Wurstwaren geht.
Und sicherlich wird es auch Menschen geben, die erst durch einen Skandal anfangen würden, sich mit dem Thema zu beschäftigen und dann für sich entscheiden würden, dass sie mit diesen blutigen Geschäften nichts zu tun haben möchten. Es wird also sicherlich keine einheitlichen Auswirkungen geben.

UNDERDOG: TierschützerInnen kuscheln, TierrechtlerInnen sind kriminell. Wenn sich durch konkrete Maßnahmen das Leid der Tiere gestoppt werden kann, reicht es meiner Meinung nach nicht aus, dass es für einige TierschützerInnen ein Erfolg ist, dass Käfighühner eine größere Bestallung bekommen. Sind terroristische und kriminelle Anschläge auf Pelzfarmen, Versuchslaboratorien eher kontraproduktiv oder eine direkte Aktion, um eine Debatte nach Gesetzesänderungen herbei zu führen?
Das lässt sich nicht so einfach beantworten, da die Zusammenhänge sehr komplex sind und die jeweilige Situation immer entscheidet. Ich möchte hier nicht die FDP der Tierrechtsbewegung manifestieren, doch solange Tiere rechtlich letztlich mehr oder weniger wie Gegenstände behandelt werden und der große Teil unserer Gesellschaft, den meisten Tieren keine Rechte zu sprechen möchte und diese lediglich als Mittel zur eigen Bedürfnisbefriedigung ansieht, ist es schwierig, einen Weg zur Beendigung dieser Ausbeutung zu finden. Die alltäglichen Grausamkeiten gegenüber Schlacht- oder Nutztieren beruhen, gesellschaftlich legitimiert, doch darauf, dass weite Teile unserer Bevölkerung mit ihren finanziellen Mitteln, diese Vorgänge in Auftrag geben. Solange es also hier Auftraggeber gibt, wird es auch Produzenten hierfür geben. Es ist also unumgänglich, die Gesellschaft zu verändern und eine Mehrheit zu schaffen, die vermeidbares Leid an Tieren ablehnt. Erst dann, glaube ich, wird es gesetzliche Änderungen geben. Es ist also sehr wichtig, hier eine Mehrheit zu Gunsten von Tieren zu schaffen. Ich würde niemanden einen Vorwurf machen, dessen Gewissen es nicht mehr aushält und der entgegen der aktuellen Rechtsauffassung ein Tier befreit. Doch wird eine Tierbefreiung natürlich oft dazu benutzt werden, um Tierrechtler als Chaoten und Kriminelle zu diffamieren. Was schließlich von der bürgerlichen Mitte sicherlich eher negativ aufgenommen wird und Tierrechte noch weiter schwächt. Ich betrachte diese Negierung von Unrecht schon skeptisch. Also, wenn die Ausbeutung von Tieren über Umwege wieder sauber gewaschen wird. Ich glaube auch, dass sich die Betreiber von Mastbetrieben oder ähnlichen Tierproduktionen, letztlich durch strengere Haltungsbedingungen und weitere Sicherheits- und Schutzmaßnahmen zur Wehr setzen würden und schließlich die Tiere wieder die Leidtragenden sind. Hängt aber natürlich immer vom konkreten Fall ab. Wenn bei der Tierbefreiung die Missstände und das unverkennbare Leid für die Öffentlichkeit dokumentiert und vermittelt wird, dann hat eine Tierbefreiung sicherlich eine andere Außenwirkung.

UNDERDOG: KAFKAS ist ja mitunter auch ein Organ, was Tieren eine Stimme verleiht. Ist Musik für dich ein geeignetes Mittel, politische Botschaften ins Bewusstsein zu transportieren und wie siehst du dich dabei in der Pflicht, moralisch-ethische Werte zu vermitteln?
Ich denke schon, dass Musik ein Mittel ist, um Leute zu erreichen. Aber natürlich nicht das einzige. Ich sehe unsere Texte als Chance und Möglichkeit, um meine Meinung zu vertreten und hoffentlich auch Schwächeren etwas Gehör zu verschaffen. Allerdings sehe ich das nicht als zwingende Verpflichtung oder Standard-Ritual an. Ich würde also keine Texte nur aus Tradition oder Pflichterfüllung verfassen. Sollte ich also mal das Bedürfnis haben, Texte über Alkohol, Frauen oder Fußball zu verfassen, dann würde ich das wohl auch machen. Bis jetzt war das noch nicht so, aber wer weiß...haha

UNDERDOG: Trotzdem ist es naiv, zu glauben, durch Musik verändert sich was. Habt ihr auf Konzis regelmäßig Infostände aufgebaut oder vermeidest du es, als Tierrechtsband definiert zu werden, denn du willst die Band ja nicht als Konzeptband verstanden wissen.
Ja, das stimmt. Ich bin schon etwas naiv haha. Ähm, wir haben fast immer Info-Material dabei. Es hängt letztlich immer davon ab, wo wir spielen. Also, wenn wir in einem Club spielen, in dem generell immer Flyer zum Thema Tierrechte auslegen oder bei einem Tierrechts-Benefiz, da lassen wir die Flyer auch schon mal in der Tasche. Aber gerade, wenn wir am Abend merken, dass es doch noch einen Bedarf an Kommunikation zu dem Thema gibt, legen wir gerne Material aus. Nur tue ich mich sehr schwer, jetzt irgendeine spezielle Tierrechtsgruppe zu unterstützen. Da fühle ich mich eigentlich nie so wirklich richtig vertreten, muss dann aber gegenüber den Leuten, die die Flyer mitnehmen, ja schon die inhaltlichen Positionen vertreten und da ist es manchmal schon etwas unangenehm. Ich denke, wir werden, wenn wieder etwas Zeit haben, selber ein paar Sätze verfassen und zum Mitnehmen auslegen. Einfach, um vielleicht zu Hause ein paar Leute zu motivieren.

UNDERDOG: Textlich klagst du FleischesserInnen nicht als MörderInnen an, sondern bist bemüht, die Abkehr durch eine bewusste persönliche Entscheidung herbeizuführen. Veganismus wird bspw. sehr selten medial behandelt. Die öffentlich-rechtlichen Sender schockieren eher mit Bildern aus den Schlachthof und versuchen, die emotionale Ebene zu erreichen. Welches Konzept, welchen medialen Umgang würdest du dir zum Thema wünschen?
Nein, ich möchte niemanden vorab verurteilen. Es geht mir nicht darum, "besser" als andere zu sein, sondern darum, dass ich das, was wir täglich Schwächeren, die sich nicht wehren können, antun, nicht mit meiner Weltanschauung vereinbaren kann und wünsche, dass diese Dinge beendet werden.
In den Medien würde ich mir eine Behandlung des Themas auf vielen verschiedenen Ebenen wünschen. Ich finde nicht, dass der Alltag auf unseren Schlachthöfen sehr präsent ist, also jedenfalls nicht im Vergleich zu all den "Harz IV-Missbrauch"-, Wer-betrügt-seine-Frau-, Krankenhaus- oder Superstar-Such-Serien und Sendungen. Ich denke hier herrscht noch ein enormes Defizit an Aufklärung. Sowohl auf der emotionalen Ebene als auch an Fakten der Zusammenhänge mit Umweltzerstörung, wirtschaftlichen Faktoren, gesundheitlichen Aspekten oder ethischen Gesichtspunkten.
Es wäre wichtig, die Bevölkerung über die Zusammenhänge des Konsums und der vermeidbaren Leiden konsequent und effektiv zu informieren. Die Alternativen hierzu müssten, auf alle Bevölkerungsgruppen zugeschnitten, vermittelt werden, um die Angst vor einer vegetarischen oder veganen Lebensweise zu nehmen. Es müsste die eigene Verantwortung und freie Wahl bewusst gemacht werden. Das Thema Tierrechte sollte nicht nur für spezielle Bevölkerungsgruppen attraktiv und relevant sein. Deshalb wären letztlich auch in den Medien verschiedene Methoden und Modelle wichtig.

UNDERDOG: Viele Supermärkte und Discounter haben mittlerweile ihr Bio-Sortiment erweitert und mitunter auch vegetarische und vegane Produkte im Sortiment oder sich als Bio-Supermarkt spezialisiert. Siehst du es als kritisch oder als Fortschritt an, wenn vegane/vegetarische Foodangebote nicht nur mehr in Reformhäuser und Naturläden angeboten werden? Woher beziehst du deine veganen Produkte?
Da die Nachfrage das Angebot bestimmt, freue ich mich natürlich, dass es anscheinend schon zunehmend Menschen gibt, die sich für eine fleischlose Ernährung entscheiden. Außerdem glaube ich, dass viele Leute auch mal was Vegetarisches ausprobieren, wenn es ihnen unkompliziert zugänglich ist. Ich denke, dass, sollte es um die Beendigung des Leidens von Tieren gehen, ist es nur zu befürworten, wenn eine fleischlose Ernährung zum Mainstream würde. Ich würde mich freuen, wenn es etwas ganz normales wäre, dass man kein Fleisch isst. Ich habe aufgrund meines Studiums auch einige Praktika in Betrieben absolviert, die vegane Lebensmittel herstellen. Dabei musste ich leider feststellen, dass es dort auch nicht so viel anders, als Betrieben, die beispielsweise Milchprodukte herstellen, abläuft. Und auch, dass es dort nicht normal ist, dass man sich vegetarisch ernährt ? Den Tofu hat z.B. ein ehemaliger Metzgermeister hergestellt, haha! Der war alles andere als Befürworter einer vegetarischen Ernährung...
Aber natürlich finde ich es auch wichtig, dass man mit seinen finanziellen Mitteln auch nette Leute unterstützt und nicht verhungern lässt. Den Radix-Versand fand ich z.B. sehr nett immer (ich weiß, den gibt es immer noch, aber ich meine jetzt gerade die ursprüngliche Formation sozusagen...ähm, nichts gegen die aktuelle..). Ich finde, die haben immer sehr viel auch rundum getan (Konzerte, Essensstände etc.). Doch auch die hatten sehr oft an die Substanz gehenden Stress mit Leuten aus der eigenen Reihe. Es gibt halt immer etwas, dass man jemanden vorwerfen kann. Es gibt nichts vollkommen Perfektes (außer Propagandhi, hahaha...Ach, so und Julia natürlich).

UNDERDOG: Du nimmst bei den neuen Songs das Wort "Hölle" öfter mal in Gebrauch. Ist es gerade die persönliche Beziehung zu einem Tier, die erst Bedingung und Voraussetzung dafür ist, sich von der Distanz zu lösen und eine Außenwahrnehmung für das Tier entwickeln zu können?
Es gibt Menschen, die behaupten, dass "wer Tiere vermenschlicht, beraubt sie dessen, was sie ausmacht". Ist dieser Akt auch eine solidarische Chance, mehr Menschen für die Ziele der TierrechtlerInnen zu gewinnen?
Es gibt hierzu wahrscheinlich keine allgemein gültige Pauschal-Antwort, aber ich bin mir sicher, dass es sich positiv auf unseren Umgang mit Tieren auswirken würde, wenn man bewusster mit Tieren umgehen würde. Ich denke, wenn man sich vor Augen führt, wie viele Menschen einerseits bereit sind, ihr letztes Hemd für ihren Hund oder Katze zu geben, aber anderseits einem Mastschwein alle Rechte absprechen, dann sehe ich daran schon Chance, denn vieles beruht an diesem Verhalten doch auf Unwissenheit und bewusstes Verdrängen. Es würde sich sicherlich unser Umgang mit so genannten Schlachttieren ändern, wenn man die Tiere mehr als Individuen begreifen und schätzen lernen würde. Denn wer einerseits den Charakter seiner Katze so zu schätzen weiß, wird sich bei der Auseinandersetzung mit beispielsweise einem Schwein, schwer tun, diese ausgeprägten Charaktere auf die Fleisch-Produktion zu reduzieren. Es gibt nichts, womit man alle Menschen erreicht. Aber ich habe schon gemerkt, dass beispielsweise der direkte Kontakt mit unserer Schweinedame etwas in den Köpfen einiger Menschen verändern kann.

Und klar, gibt es immer Leute, die an allem etwas finden, was man ausdiskutieren oder vorwerfen kann. Ich weiß nur, dass beispielsweise die beiden Schweinedamen, die wir aufgenommen haben, anders keine Chance auf ein Leben bekommen hätten - und wenn ich in die Augen der Tiere sehe, dann bin ich mir sicher, dass es eine gute Entscheidung war. Egal, ob das in das Manifest eines jeden Tierrechtlers passt oder nicht. Theoretisch ist halt vieles sehr viel einfacher, als in der Praxis. Ich habe leider bei der Vermittlung von einigen Ferkeln vor 1,5 Jahren, die Erfahrung machen müssen, dass es Tierrechtler gibt, die die eigene Philosophie über das Leben eines Tieres stellen. Das kann ich nicht teilen. Für mich das Leben eines Tieres mehr wert, als irgendwelche Super-Theorien.

UNDERDOG: Propagandhi sind eure musikalischen Wegbegleiter und deine "Götter". Was genau macht sie für dich zur wichtigsten Band der Welt, bei der du so ins Schwärmen gerätst?
Sie sind einfach etwas ganz besonders in der Musiklandschaft. Eine Band, die ich keinesfalls missen möchte. Ich finde es sehr beeindruckend, wie sie einerseits sehr herzlich mit dem Umfeld umgehen und andererseits durchaus auch für die Szene konträre Positionen vertreten. Das ist einfach alles mit sehr viel Herzblut und Leidenschaft. Da gibt es keine Business-Spielchen oder lächerliches Gepose. Propagandhi sind einfach anders . Das ist eine total einmalige Band. Die kann man mit nichts vergleichen. Für mich sind Propagandhi die Schnittmenge der positiven Eigenschaften, sozusagen, haha. Es sind wirklich super Typen, über die ich absolut kein schlechtes Wort verlieren könnte. Sie haben einfach meinen großen Respekt, für das was sie tun und das was sie sind. Und natürlich nicht zu vergessen, sind ihre unglaublich großartigen Texte!

(Das Interview erscheint in UNDERDOG #27; März 2009)

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