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Punk in Bremen

Punk in Bremen

  • Ingo, Bolzen und der der Fisch-Punk-Pöbel

Punk ist tot. Wie oft war und ist diese Aussage geschrieben, gesagt, auf die Lederjacke gesprüht, auf die Haut tätowiert und hinter vorgehaltener Hand geflüstert worden. Jeder, der sich selbst als PUNK versteht und irgendwann seine Ideale an der Garderobe gehängt, seine Klamotten der Altkleider oder der Abfallentsorgungsfirma gespendet und hinterlassen hat, wird zwangsläufig mit der Entscheidung konfrontiert: MeinE FreundIn oder PUNK. Ein Leben zwischen Bausparvertrag, Dackel und Kegelclub lässt keinen Platz für rebellisches Aussehen, revolutionäre Gedanken, laute Musik. Aus diesem Grunde haben sich die SEX PISTOLS sicher nicht aufgelöst, haben THE EXPLOlTED ihre „PUNX NOT DEAD“-Floskel bis zum bitteren Ende und vollgepisster Jogginghose entweiht, aber immer wieder schleicht sich dieses ungute Gefühl ein, die Beerdigung verpasst zu haben. Hochglanz-Gazetten wie die BRAVO und MTVIVA-Sender erhellen den Nachwuchs mit unlösbaren Problemen: ist PUNK ein Unterhaltungsprodukt, ein Freizeitlook, ein Slogan auf einem T-Shirt??? Zugegeben, Punk riecht schal, klingt abgedroschen wie ein Relikt aus einer Zeit, in der die Luft noch sauber, die Bäche rein und der Sex schmutzig war.
Wie in der Evolutionsgeschichte entwickelt sich PUNK, verändert sich, lauert im Verborgenen, nistet sich in gesellschaftliche Institutionen ein, zerstört sich selbst wie ein Selbstmordattentäter und breitet sich aus wie ein
Spinalliom (Stacheizellenkrebs). Einmal infiziert, kurze lnkubationszeit, chronischer Verlauf, lebenslange Dauerbehandlung mit überraschenden Nebenwirkungen.
Und neben den Metropolen New York und London wurde es auch auf de Straßen von Bremen  bunter.
Ingo (Ex-BOLZEN) ist ein Bremer Punk, ein Fossil.  Ingo ist heute nach aktiv, reist gerne, besucht Punk-Konzerte und hat bei BOLZEN gesungen.

BOLZEN aus Bremen waren:
Ingo „Giovanni“ (Gebrüll), Olaf „Dr. Rogg“ (Gitarre), Michael (Bass) und Jörg „Jockel“ (Schlagzeug). Die Band gab es von 1986, damals noch unter anderem Namen (“BLOODFEAST AD“, „FULL PROOF“) bis 2004. Erst mit dem Zugang von Michael als neues Mitglied spielten sie unter den überregional bekannten Bandnamen zusammen.


Ingo: ‘86 war die Zelt, als die Vermischung von Punk und Metal auf ihrem Höhepunkt war. Das nannte sich damals Crossover bzw. Speedcore. Bands wie ATTITUDE ADJUSTMENT, BEYOND POSSESSION. D.R.l., POISON IDEA, ACCÜSED, CRUMBSUCKERS wurden sowohl von der Punk-‚ als auch von der Metalfraktion gehört. Ohne diese Bands hätten wir uns vermutlich nie kennen gelernt, insofem waren diese Gruppen damals
für uns wegweisend.
Von BLOODFEAST AD erschien 1987 die „Living in mortal dread“ LP, 1995 die „Farewell...“ CD.
Das waren Musiker, die sich selbst wohl beweisen wollten, was sie können. Dementsprechend klingt das Album kopflastig. mit dem ich mich heute auch nicht mehr anfreunden kann!“ übt Ingo sich inm Selbstkritik.


BOLZEN haben schließlich zuerst ein Demo-Tape „Wir wollen keine Faschoschweine“ veröffentlicht. Tobi von TWISTED CHORDS wurde auf die Band aufmerksam, als diese auf der PLASTIC BOMB-CD-Beilage #26 mit dem Song „Faschingspack“ vertreten waren. Mit dem Erfolg, dass BOLZEN auf der 4 Band Split-LP, zusammen mit Collided in Shades, SKIPJACK und Rag Tag auf TWISTED CHORDS erschien. Es folgte die 3-Song-CD-R „Kegelzüchter“ und der letzte Output „Koprolalie“. Die Veröffentlichungen waren reine D.I.Y.-Veröffentlichungen, da „ich keinen Bock habe, die Sachen auf Kommission in die Läden zu packen, weil ich lieber im Tausch etwas wiederbekommen möchte. So habe ich die CD's auf Anfrage kopiert und dafür halt auch eine CD, Platte und Zine bekommen. Besser als €1,50 in der Hand!“ philosophiert Ingo über seine Verkaufsstrategie.

Was war fürdich der entscheidende Moment in deinem Leben, Punk zu werden? was war für dich besonders spannend: Die Musik, das Aussehen, andere Punx kennen lernen...
lngo: Reden wir mal von meinen Anfängen. Ende der 70er: Natürlich war es in erster Linie die Musik, die mein Interesse weckte. Vorher hörte man so Glam-Rock-Zeug wie THE SWEET. Die wurden aber immer langweiliger und da kam Punk gerade richtig. Es war ja so, dass der 70er Punk durchaus chartkompatibel war und man durchaus die SEX PISTOLS und THE DAMNED im Radio hörte. Da dachten wir: „Wie geil ist das denn?“ Und so wurde aus den SWEET-Fans des Bremer Nordens Punk-Fans. Unser Aussehen änderte sich dann auch schnell dementsprechend. Hardcore-Punk mit lros, Nieten etc. gab's ja noch nicht, aber so nach und nach wurden die langen Haare abgeschnitten, Jeansjacken und Hosen mit Ketten und Sicherheitsnadeln verziert. „Tellerbadges“ (wie Buttons nur viel größer) und schmale Sonnenbrillen getragen. Aus heutiger Sicht sahen wir eigentlich (damals 13-15Jährige) ganz schön Scheiße aus, aber uns gefiel es, anders zu sein und zu schocken. Der Freiheitsgedanke, Chaos und Anarchie des Punk sprachen mich an, und auch das ist ein Grund, warum ich damals zu Punk und nicht zu Hardrock à la KlSS tendierte. Damals waren wir altersbedingt jedenfalls erstmal in erster Linie auf Bremen-Nord beschränkt [mein erstes lnnenstadt-Punk-Konzert war 1980] und man lernte nach und nach auch andere Leute kennen, die unser Interesse teilten; da gab's auch schon Ältere zu denen wir „Kiddie-Punks“ irgendwie aufblickten. Allerdings gab's in dieser Anfangsphase auch so ältere „Nazi-Punks“, die waren zwar keine Vollnazis, aber Vollidioten. 1980 war die Anarcho- und Hausbesetzerszene in Bremen-Nord ziemlich groß und da mischten wir auch immer irgendwie mit. Ich erinnere mich an eine Szene bei meiner Schule, wo mich einer dieser Nazi-Punks ansprach und ich ihm sagte, dass ich mit Nazis nichts zu tun haben will. Seine Antwort: "Ich dachte, du wärst ein Punk und kein Anarcho-Schwein.“

Du hast bestimmt die Zeit miterlebt, wo Punk von den Medien als gefährlich ein eingestuft wurde. War es für dich in Bremen-Nord/Bremen gefährlich, als Punkdurch die Straße zu gehen? Wer waren eine erklärten Feindbilder? Wie bist du mit der konfrontierten Gewalt umgegangen?
Ingo: Um so bei 1979/1989 zu bleiben: Die „Nazi-Punks waren keine Gefahr; sie  hielten sich zwar für die richtigen Punks, machten aber nichts weiter gegen uns Kinder. Rocker und ähnliches gab's, aber die begnügten sich mit Pöbeleien. Außerdem gab's noch die „Anti-Punks“, eine Clique von 15-16 Jährigen, die irgendwie Teds sein wollten, aber nicht so aussahen. Da gab es zwar eine offene Feindschaft, aber mehr als 'ne Backpfeife oder 'nen Arschtritt riskierte man da nicht. Die Reaktionen von den Bürgern und Passanten kann man sich ja vorstellen: von Auslachen bis „ihr gehört ins Arbeitslager“ war alles du. Es gab aber auch viel Aufgeschlossene, die einfach interessiert waren, warum wir so aussahen. Mit den Bullen gab's schon früh einen Haufen Ärger. Die hatten auch schon lang vor den ersten Chaos-Tagen die Rechnung Punk=Asozial im Kopp, und im Zuge der Hausbesetzungen und Demos hatte ich die erste Hausdurchsuchung und ED-Behandlung, als ich 14 war. Damals waren Pöbeleien von der Polizei an der Tagesordnung. Richtige Gewalt (von Polizeigewalt mal abgesehen) erfuhren wir aber erst seit Spätsommer 1983 (Werder Bremen wurde Vizemeister), als die Naziglatzen in Koalition mit rechten Werder-Prolls sich stark genug fühlten, uns [also die Bremer Punk-Szene] anzugreifen. Das geschah nach jedem Werder-Spiel und es kamen auch erstmals Waffen wie CS-Gas, Knüppel, Leuchtspurrnunition zum Einsatz. Außerdem war man gut beraten, nach Punk-Konzerten in den Bremer Bahnhof zu gehen, da man ständig in Gefahr lief,
lauernden Glatzen in die Arme zu laufen. Ich selbst fand die Gewalt immer recht beschissen. Ich bin selbst überhaupt kein Mensch, der gerne zuschlägt, aber mir war es immer wichtig, dabei zu sein und Präsenz zu zeigen, nach dem Motto „ihr könnt uns gar nichts!“

Egal ob in Göttingen, Hamburg, Wildeshausen. Der Treffpunkt für Punx war der Marktplatz. Wo hast du dich in Bremen getroffen?
lngo: Anfangs in Bremen-Nord, da war's der Sedanplatz. Als wir dann so ca. 1982 fast täglich in die City fuhren, war natürlich
der Bremer Marktplatz („Bremens gute Stube“) der Treffpunkt. Punk spielte sich nicht zuhause ab, es war „Streetpunk“ im wahren Sinne. Da gab's andauernd Stress mit der Staatsmacht und es lief sogar eine Live-Radiosendung (Radio Bremen) zu diesem Thema mit Diskussionen zwischen Punks, Polizei und Politikern (sehr geil: Henning Scherf als Senator für Jugend und Soziales). Dabei auch Punkbands live auf der Bühne: DÜNNSCHISS, VW und HALT DIE SCHNAUZE (da trommelte ich). Letztendlich wurden wir aber doch erfolgreich vom Marktplatz vertrieben und der neue Treffpunkt war das Sielwalleck, also weg von der Touri-Zone, was der Polizei natürlich
sehr recht war, denn am „Eck“ trafen sich ohnehin die Junkies und da war es dann ein Abbacken. Negatives Resultat: aus einigen Punks wurden Junkies, schöne Scheiße...

Hattest du das Gefühl, die Bremer Punkclique war elitär? Gab es deiner Meinung nach einen bestimmten Dresscode, um als "richtiger" Punk akzeptiert zu werden?
Ingo: Klar war die Bremer Punkszene elitär, wie anderswo auch. Die Bremen Norder wurden ursprünglich eher belächelt, bis sie sich als integraler Teil der Szene herausstellten. In den 80ern, wo Spikes, lros und Nietenlederjacken regierten, war es schon so, dass jeder Unbekannte erstmal kritisch beäugt wurde. Da ging's aber gar nicht mal in erster Linie um Klamotten und Styling, sondern um Zugehörigkeit zur Szene. Ich versuch's mal zu erklären: Es gab da natürlich einen Haufen Mitläufer, die man nur auf Konzerten sah, aber nie bei den Treffpunkten auf der Straße. Das waren dann diejenigen, die außer Musik nix mit Punk zu tun hatten, die nur die Annehmlichkeiten wie Konzerte mitnahmen, aber nie bei der Konfrontation mit Glatzen dabei waren. Das man die eher links liegen ließ, ist durchaus verständlich. Es war jedenfalls 'ne ziemliche Hardcore-Punk-Zeit und es häuften sich auch Schlägereien untereinander, die einfach nur Scheiße waren. Auch, dass neue (Kiddie-)Punks erstmal grundsätzlich für längere Zeit kaum akzeptiert wurden, bis sie sich irgendwie bewiesen, war Kacke. Die wurden dann unter Umständen später zu Glatzen, weil sie sich dort besser aufgehoben fühlten.

Du kommst selbst aus Bremen-Nord. Du hast es ja schon angerissen, will da aber noch mal nachhaken. Hat sich hier eine vollkommen andere Punkszene als im Viertel entwickelt?
lngo: Das war zum Teil wirklich so, wir waren für die anderen die „Norder“, hatten hier unsere eigene Szene, waren aber auch immer in der City anwesend. Viertel-Punks in Bremen-Nord waren die absolute Seltenheit.
Wir haben viel gemeinsam mit den Bremerhavener Punks unternommen, wir bildeten den so genannten Fisch-Nord-Pöbel.
Wenn man das nun so im Nachhinein betrachtet, waren die „Norder“ irgendwie die „Gefestigteren“, soll heißen, dass kaum einer der alten Leute aus „Nord“ total abgekackt ist. Der typische 80er-Nord-Punk von damals hat heute sein Leben irgendwie geregelt, und blickt auf seine alte Punk-Zeit nicht als peinliche jugendliche Phase zurück, sondern als etwas, das ein absolut positiver Bestandteil seines Lebens war oder immer noch ist.

Welche Ideale hattest du damals, welche sind bis heute geblieben, welche hast du über Bord geworfen?
Ingo: Wenn wir wieder ganz vorne anfangen, dann gab's 1979/80 erstmal kaum ideale, sondern eine ziemlich unreflektierte Anti-Haltung gegen das bestehende System. Man wusste zwar, gegen was man ist, aber nicht wirklich, wofür man eigentlich stand. Eine reale Auseinandersetzung mit Politik und Idealen fand dann erst später z.B. über die Texte und Aussagen von Bands oder in Gesprächen mit Kumpels statt. Anarchie war und ist ein häufig benutztes Schlagwort und immer noch die wünschenswerteste aller Staatsformen, wenn auch, in dieser Gesellschaft, kaum mehr als eine schöne Utopie.
Als grundsätzliche ideale, die ich auch schon in den 80er Jahren im Kopp hatte, zähle ich mal das Streben nach persönlicher Freiheit (nicht auf Kosten anderer, logischerweise). Miteinander statt Gegeneinander, Gleichberechtigung, ein verträgliches Umgehen mit Tieren und Natur, soviel Toleranz wie möglich, aber auch: Intoleranz wo nötig.
Das Positive am Punk war für mich immer, dass es so viele Möglichkeiten gab, selbst aktiv zu werden, dass man nicht über besondere Talente oder das nötige Kleingeld verfügen musste, um Teil des Ganzen zu sein. Bands gründen, Fanzines schreiben, Konzerte veranstalten kann jeder, der sich ein bisschen reinhängt. Viele der (Punk-) ideale sind für mich bis heute geblieben. Meine Band ist 100% D.l.Y. und unkommerziell, unsere Demo-CD-Rs tausche ich viel lieber gegen etwas anders, als Geld zu nehmen. Letztendlich läuft es darauf hinaus, dass ich grundsätzlich versuche, niemanden zu verarschen und Bekannten gegenüber zuverlässig zu sein.
Der größte „Stilbruch“ meines bisherigen Lebens ist, dass ich mir vor 10 Jahren auf keinen Fall vorstellen konnte, irgendwann einmal verheiratet zu sein. Nun ja. irgendwie hat sich in den letzten 25 Jahren einstellungsmässig nicht vieles verändert, und dass kann man ja auch als positiv (konsequent) oder negativ (nicht entwicklungsfähig) auslegen.

Damals gab es HEIMAT RECORDS‚ das WESERLABEL, die Songs von Bremer Bands veröffentlicht haben. Hast du den Eindruck, dass es heute ein gutes Netzwerk in Bremen gibt?
Ingo: Erst jetzt, als ich mich für ein Fanzine-lnterview mit der Bremen-Norder-Hardcore-Punk-Legende NEBENWIRKUNG, das ich führen sollte, vorbereitete, fiel mir auf, dass es in den 80er Jahren aus Bremen nicht allzu viele (verglichen mit anderen Städten Deutschlands) Punk-Tonträger gab. Gerade in der Hoch-Zeit des Hardcore-Punk Mitte der 80er waren NEBENWIRKUNG wohl die einzigen Bremer, die Platten rausbrachten. HEIMAT RECORDS gab's ja nicht wirklich lange und das WESERLABEL (die natürlich viel Gutes für die Szene getan haben) hat eher Platten rausgebracht, die mich nicht so ansprechen.
Heute kommt viel mehr gute HC-Mucke aus Bremen auf Vinyl oder CD, häufig in Kooperation mit Labels, die nicht aus Bremen stammen.
Was ich aber auf jeden Fall erwähnen möchte, sind die Bremer Konzertveranstalter CHANGE MUSlC und die FRIESEN-Crew, die extrem viel für die Punk Szene und auch für Bremer Punkbands tun. So hat man hat da immer die Chance, als Bremer Band als Opener für eine bekanntere Band zu spielen.

Dosenbier‚ Passanten anbetteln, Herumhängen...Wurde dir irgendwann bewusst, dass es etwas mehr geben muss? Welche Eigenaktivitäten hast du unternommen, um die Bremer Szene konstruktiv zu bereichern?
Ingo: Tja, irgendwie hielt es sich auch früher schon die Waage. Klar, auf der Straße rumhängen, Saufen und Schnorren gehörten dazu. Aber es war nicht so, dass wir ständig auf's Schnorren angewiesen waren oder dauerstramm durch die Gegend liefen. Vielleicht sehe ich das falsch, aber ich glaube nicht, dass wir damals schon diesen „Pennereindruck“ hinterließen wie die „Bahnhofspunks“ heutzutage. Dafür waren wir auch viel zu akkurat gestylt und das Bier war eher Beiwerk als Hauptzweck. Cool war auch, dass jeder, der gerade Kohle auf der Tasche hatte, erstmal 'ne Palette Dosenbier auf den Markt geschmissen hat und sich so die „Schnorrerel“ eher in Grenzen hielt. Was für die meisten von uns früher undenkbar war, war so 'ne Sache wie 'ne feste Partnerschaft, viel zuhause rumzuhängen und so weiter. Die meisten, die „in feste Händen“ waren, sind dann auch schnell aus der Szene weg. Es gab immer Möglichkeiten, die Szene aktiv mitzugestalten. Ich war immer der „Bandmensch“, war fast nie ohne Band und das begann schon 1980 mit meiner ersten Band DEFIZIT. Viel haben wir zu der Zeit nicht gemacht. Unsere Songs auf Tape aufgenommen und ein paar davon vertickt/getauscht und zwei Gigs (eins davon im besetzen Haus in Bremen-Nord).
Anfang/Mitte der 80er haben wir die Kultband HALT DIE SCHNAUZE gegründet (Kult deshalb, weil wir schon vor unserem ersten Auftritt, aufgrund unseres coolen Bandnamens einen ziemlichen Bekanntheitsgrad in Bremen hatten), bei der ich die Drums bediente. Ein paar Auftritte in Bremen/Bremerhaven (davon, wie eben erwähnt, einer live im Radio). Einige Aktivitäten zusammen mit NEBENWIRKUNG (mit denen wir den Proberaum teilten) und leider nicht viel mehr, da wir doch etwas chaotischer strukturiert waren, als beispielsweise NEBENWIRKUNG.
Vor ein paar Jahren haben Olli (damaliger Gitarrist) und ich die alten Songs digitalisiert und zusammen mit alten eingescannten Fotos zusammen auf CD gebrannt und (in 25er Auflage) an „Nord-Punx“ von damals, zu denen wir noch Kontakt hatten, verschenkt. Seit 1986 bin ich zum Sänger mutiert und mache mit den gleichen Leuten (okay, der Basser wechselte häufiger) Musik.
Anfangs ein ziemlicher Horror-Punk-Metal-Mix (Crossover à la DRI, ACCUSED, POISON IDEA war ja gerade angesagt) unter dem Namen BLOODFEAST A.D. (LP kam 1987), später dann mehr die Ami HC/Metalcore-Schiene unter dem Namen FOOLPROOF (zugegebenermaßen grausame CD kam 1994), dann BOLZEN (dürfte einigen wohl bekannt sein) und erstmals mit deutschen Texten und wesentlich HC-punkiger als die Vorgänger. viele Auftritte, kleinere Touren, Samplerbeiträge. Spaß, Schweiß und Herzblut.
Unser neuester Streich heißt AB-HOLZEN und ist eine reine Coverband (exquisiter HC-Punk der 80er aus Deutschland, England und Skandinavien in erster Linie), also eine Top 40-Band für Punk-Rocker sozusagen.

Zu welchem Zeitpunkt hat sich die Bremer Punkszene gespalten? Die Bremer Punx wurden Junkies, Skinhead oder bürgerlich. Hatte diese Entwicklung auf dich persönliche Konsequenzen?
Ingo: Hm, schwierige Frage. Ich habe eigentlich nicht den Eindruck, dass sich die Bremer Szene komplett gespalten hätte. In Süddeutschland z.B. war das viel eindeutiger, wo es die Ami-HC-Karohemd-Fraktion auf der einen und die Nietenpunkfraktion auf der anderen Seite gab. Bremen war eigentlich immer Hochburg des 80er-England-Stils. Ich denke, dass die Szene sich nicht eigentlich ziemlich abgeflacht ist.
In den 80er Jahren gab es natürlich immer wieder Leute, die abgewandert, aber auch Neue, die hinzugestoßen sind. Das hielt sich immer die Waage bis zum eben beschriebenen Abflauen Ende der 80er. Da hatte ich schon den Eindruck. dass zu diesem Zeitpunkt die Szene etwas marode wurde (von einigen fitten Leuten mal abgesehen). Die übriggebliebenen wurden älter und „sesshafter", das „Eck“ war nun eher Treffpunkt der „Kaputten“.
Das ständige Rumhängen im „Viertel“ war (auch alters- und jobbedingt für mich nicht mehr interessant). Auch musikalisch und international gesehen war Anfang der 90er nicht unbedingt die Super-Punk-Zeit. Ich habe mich dann mehr für Ami-HC interessiert und war auf vielen entsprechenden Konzerten (YOUTH OF TODAY, GORILLA BISCUITS, SICK OF lT ALL. etc. Das war für mich erfrischender, schon rein musikalisch, hat mich aber nicht davon abgehalten, mit vollem Punk-Outfit zechend auf Straight-Edge-Konzerte zu gehen, oder nüchtern mit Baseballcap und Kapuzenpulli auf Punk-Gigs. Trotzdem war's keine Spaltung der Punk-Szene, denn diese Ami-Hardcoreler waren fast allesamt Leute, die nicht vorher Punks waren.

In Bremen gab es die A.S.L. (ANTI-SKIN-LIGA). Was hatte es damit auf sich?
Ingo: Wie der Name schon sagt, hatten wir in Bremen ständig nen Haufen Ärger mit Naziglatzen. Daraufhin wurde von einigen (Viertel-Punks die A.S.L. gegründet. Irgendwie war dann jeder Punk auch A.S.L.‚ das war nix Konkretes, mehr so ein Gesinnungsding und gleichzeitig ein guter Schlachtruf. „Koma“ hatte sich das A.S.L. sogar auf die Stirn tätowiert. Irgendwie waren die Bremer in anderen Städten relativ unbeliebt, galten als ständig gewaltbereit, was irgendwie stimmte und so wurde die A.S.L schnell über die Grenzen Bremens hinaus bekannt.

Hc, OI, STRAIGHT-EDGE. Die verschiedensten Richtungen/Einflüsse haben die einheitliche Gemeinschaft zerstört oder bereichert? Welche Vor- und Nachteile hatten diese Strömungen auf dich bzw. haben diese dich beeinflusst?
Ingo: Anfangs war es ür uns ein rein musikalisches Ding. Wir alle hörten neben DISCHARGE eben auch BLlTZ, NEGATIVE APPROACH oder MINOR THREAT. Das war für uns alles Punk, wir unterschieden nicht zwischen Punk, Oi oder Straight-Edge. Das Aufkommen von rechtslastigen Oi-Bands war vielleicht der erste Knackpunkt, diese ganze Rock-O-Rama-Kacke kam ja auch fast zeitgleich mit dem plötzlichen Zuwachs von Naziglatzen hier in Bremen. Ich denke aber nicht, dass diese Tonträger die Bremer Punks irgendwie beeinflusst haben, zu Glatzen zu werden, sondern eher, dass Rock-O-Rama ein Publikum bedient hat, was ohnehin schon da war. Straight-Edge haben halt auch viele gehört, aber nur die Wenigsten aus der Szene konnten mit der dazugehörigen Philosophie etwas anfangen. Das war, meines Wissens, in anderen Städten ganz anders. Wie gesagt habe ich selbst Anfang der 90er viel Straight-Edge gehört, aber eigentlich nur wegen der musikalischen Intensität nicht wegen der Lyrics, ich hätte mir viel mehr gewünscht, dass man diese Musik mit guten, alten Polit-Punk-Texten verbunden hätte.

Warum, glaubst du, ist Punk aus Bremen überregional so unbekannt?
Ingo: Schwer zu sagen, zum einen mangelt es vielleicht wirklich an einem Bremer Label, was daran interessiert ist, Bremer HC-Punk auf Vinyl zu pressen. Konzerttechnisch ist man vielleicht etwas zu eingeschränkt. Viele geile Bands landen auf ihren Touren jedenfalls eher in Hannover oder Hamburg, aber nicht in Bremen. Aber das ist auch wieder nur mein persönlicher Geschmack und der muss sich ja nicht mit den Vorlieben der Bremer Konzertveranstalter decken.

Punk 2005 ist gesellschaftsfähiggeworden. Es gibt "Punk"-Shirts bei H&M, Leute mit gefärbten Haaren. Wirst du in Bremen ob deines Aussehens (Iro, Lederjacke) noch schief von der Seite angeschaut, und ist es dir wichtig, outfitmäßig punkig zu erscheinen?
Ingo: Richtig, eigentlich müsste sich jeder Teenie und jede Hausfrau mit Hasenpiercing und/oder zweifarbigen oder abstehenden Haaren oder Pseudo-lro (mit an den Seiten Haaren) täglich mindestens einmal tief vor dem großen Punk-Gott verneigen, denn ohne Punk hätte es diese „Freiheit“ nicht gegeben. Klar ist es inzwischen gesellschaftsfähig, ein wenig punkig herumzulaufen, aber ein „von oben bis unten“ Punk-Styling ist nach wie vor nix für den Normalbürger, da wird man immer noch schief angeguckt, besonders im Bremer Norden, wenn auch alles viel relaxter ist als in der Anfangszeit. Bei mir ist das Ganze oft stimmungsabhängig. Es ist schon ein großer optischer Unterschied, ob man seine „Nietenkutte“ oder die Bomberjacke mit Buttons und Aufnähern wählt. Ich muss auch nicht täglich eine halbe Dose Haarspray verwenden, nur um den lro akkurat zu stylen. Ich halte es eigentlich so, dass ich meiner grundsätzlich, egal wo ich bin, auch auf der Arbeit, als Punk zu erkennen bin. Allerdings bin ich mal mehr, mal weniger gestylt. Und wenn ich wirklich schon von Vornherein genervt bin z.B. beim Einkaufen, dann tut’s auch die Baseballkappe mit dem RllSTETYT-Aufnäher statt dem lro, einfach nur, um meine Ruhe zu haben...

Siehst du dich selbst als Relikt‚ Fossil aus einer Zeit, in der "alles besser war"?
Ingo: Nö, als gemeinsamen Fossil sehe mich nicht, denn es noch eine Zeit, wo es einen Haufen -auch gerade wesentlich jüngerer Leute gibt, die die Fahne des Punk hochhalten. Klar denke ich auch oft, dass es früher -sagen wir mal- „anders“ war. Mit inzwischen 39 Jahren ist man halt lange nicht mehr so ungebunden, unbedarft und unverbraucht, von der Kondition mal ganz zu schweigen, wie mit l7.


Wie gestaltet sich dein heutiger Freundeskreis? Sind Kumpels von damals geblieben oder hast du dir einen neuen Bekanntschaftkreis aufbauen müssen?
Ingo: Das ist wirklich ein Unterschied zu früher. Während man damals eigentlich ausschließlich mit Punks zu tun hatte, sind es nun ganz verschiedene Menschen, die man als Freunde hat. Obwohl, „stinknormal“ sind die alle nicht, haben alle einen alternativen Musikgeschmack wie Noise, Metal, etc., und nicht Wenige fallen auch schon rein optisch in der breiten Masse auf. Partnerinbedingt sind einige Gothics dabei. Was diese Menschen allerdings gemeinsam haben, zumindest was meinen Freundeskreis angeht, ist eine gemeinsame politische Grundhaltung. Was mir weiterhin auffällt ist, dass die meisten meiner Freunde weniger engstirnig und dogmatisch denken, als einige Punks, die ich kenne. Es sind natürlich auch noch Kumpels von früher dabei, die sind dann vielleicht keine Punks mehr, aber haben die grundsätzliche Einstellung zum Leben nicht verloren.

Wo gehst du heute hin, um in Bremen Spaß zu haben. Welche Locations/Konzertorte suchst du auf?
Ingo: Ich bin überhaupt kein Kneipengänger mehr, von daher spielt sich vieles bei gemeinsamen Treffen bei irgendwem zu Hause ab. Ein regelmäßiger Ort ist auch unser Proberaum im Bunker (Bremen-Nord), wo man sich auch einfach mal zum Wodka trinken, Quatschen, Mucke machen trifft. Meine Lieblings-Location ist nach wie vor der Schlachthof-Keller, wo ich als Konzertbesucher, aber auch als „Thekenschlampe“ bei zwei regelmäßigen Veranstaltungen tätig bin. Den Schlachthof besuche ich nun schon seit 25 Jahren und von daher fühlt man sich dort schon sehr heimisch. Als Konzertort ist natürlich auch das Freizi in der Friesenstrasse besonders herauszuheben, wobei ich mich in letzter Zeit dort etwas rar gemacht habe. Spaß haben kann man natürlich in einigen Kneipen im Bremer „Viertel“ und als besonderes Schmankerl muss ich noch den U-Shop im Bremer Norden nennen.

Deine Bremer Bestenliste:
Ingo: Meine Bremer Lieblingsband: In den 80ern: NEBENWIRKUNG, in den 90ern: FREE RANGE TIMEBOMB und aktuell hat mich CHAOT-X sehr begeistert.
Meine Lieblingsplattenlatten: Sorry, aber da muss ich doch mal international werden und die Lanze für den P.TUOTANTO Mailorder in Finnland brechen. Der gute Vote hat schon Anfang der 80er die geilsten Finnland-Scheiben herausgebracht und ist mit seinem Wohnzimmer-Versand immer noch aktiv. Für Finnland-Fanatiker wie mich genau der richtige Mann.

Anmerkung: Das Interview mit Ingo Neuhaus erschien im Rahmen der Schwerpunktausgabe "Punk in Bremen" (UNDERDOG #14) und skizziert die Bremer Punkszene in ihren Anfängen bis in die Gegenwart mit Intis, Artikeln zu und über NEBENWIRKUNG, AGGRA MAKABRA, SCUMPIES, HEIMAT RECORDS, WESERLABEL, DIE MIMMIS, 2ND SOLUTION, MAD MONKS, SUPERVOSS...liefert Ausgeh-Tipps und nützliche Adressen.
UNDERDOG #14 ist im Shop erhältlich

Auch interessant: Ein kurzer Film über Punk in Bremen

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