Straight Edge: Subkultur, Ideologie, Lebensstil? Im Gespräch mit Merle Mulder

Merle Mulder
Merle Mulder
Bislang gibt es wenige deutschsprachige Publikationen zu STRAIGHT EDGE (Anmerkung: Im Folgenden schreiben wir auch SE, SxE, sXe), die sich diesem Thema wissenschaftlich näherten. Grundsätzliche Erklärungen, Geschichte und Politik einer Bewegung liefert Gabriel Kuhn in seinem Buch „Straight Edge“ (1) und  zeichnet die Geschichte der Straight-Edge-Bewegung nach, von den Anfängen in Washington, DC, über die sogenannten Youth-Crew-Bands der späten 80er Jahre und die Vegan-Straight-Edge-Bewegung der 90er bis hin zu der vielfältigen Straight-Edge-Kultur der Gegenwart. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die ambivalenten politischen Dimensionen der Bewegung gelegt, die seit jeher zwischen konservativem Puritanismus und linksradikalem Aktivismus pendeln. Analysiert werden dabei unter anderem die Rolle von Geschlecht, Sexualität, Kapitalismus/Konsumkultur, Tierrechten, Naturschutz und Religion innerhalb der Straight-Edge-Szene. Die Konsequenz, die sich im Song von MINOR THREAT „Out of Step (with the world)“ durch ein verändertes Verhalten ergibt, (nämlich nicht zu Rauchen, zu Trinken, herumzuficken) ist, dass nun der eigene Geist befreit ist klar zu denken. Dies sagt auch John Porcell, der ehemalige Gitarrist von „Youth of Today“ folgendermaßen:
 „Was ist der Sinn von Straight Edge? Der Sinn ist es, deinen Kopf nicht mit Dingen zu füllen, die deine Fähigkeit zu Denken einschränken. Gut. Aber daraus musst du auch Nutzen ziehen  – du musst denken!  Straight Edge ist nur ein Mittel zum Zweck.“(2)

Wenn mensch aber nachdenkt, dann stellt mensch -wie in einem weiteren Song („Straight Edge“) von MINOR THREAT- fest, dass mensch bessere Dinge zu tun hat („But I‟ve got better things to do“), als sich mit Drogen abzugeben. Drogen sind etwas, was mensch einfach nicht braucht („That‟s something I just don‟t need“). Stattdessen gilt es immer klar zu bleiben und niemals sich von etwas abhängig zu machen, ohne was mensch auch so auskommen kann (“Always gonna keep in touch / Never want to use a crutch”). Letztlich ist jemand, der SxE ist, trotzdem ebenso eine Person wie andere und respektiert diese (I'm a person just like you). Merle Mulder formuliert diese Gedanken in ihrem Buch (3) noch einmal etwas zusammenhängender:
 „Der Konsum von legalen und illegalen Rauschmitteln wird [von vielen Straight Edgern] als persönliche Schwäche angesehen, die zum Verlust der Kontrolle und der Schädigung des eigenen Körpers und des Geistes führe. Ziel von Straight Edge sei es jedoch, diese Kontrolle nie zu verlieren.
Drogenmissbrauch stelle eine Verschwendung der eigenen Ressourcen dar und führe zu Apathie [...]. Um sich aber für eine Verbesserung der eigenen und der gesellschaftlichen Situation einsetzen zu können, müsse man klar denken können, weshalb Abstinenz notwendig sei." (S.12f)
Merle hat im Rahmen ihrer Diplomarbeit ein Buch über „Straight Edge“ verfasst und das Thema sehr wissenschaftlich analysiert. Merle hat verschiedene Konzepte/Aspekte erarbeitet und aufgegriffen: so stellt sie Konzepte zur „Subkultur“ (Milton M. Gordon, Alber K. Cohen, Rolf Schwendter, John Clarke), „Ideologie“ (Antoine-L.-C.Destut de Tracy, Karl Marx und Friedrich Engels, Karl Mannheim, Theodor Geiger, Ernst Topitsch, Louis Althusser) und „Lebensstil“ (Georg Simmel, Pierre Bourdieu, Wolfgang Zapf, Harmut Lüdtke und Werner Georg) vor und überprüft, ob SE unter diesen Aspekte/Gedanken eine Subkultur, eine Ideologie, ein Lebensstil ist.
Merle Mulder weist darauf hin, dass viele Straight Edger_Innen durchaus eine Affinität zum politischen Handeln haben:
„[Es] legt der Großteil von Straight Edgern den Schwerpunkt seiner  Bemühungen zunächst auf die positive Veränderung der eigenen Person. In vielen Fällen folgt daraus auch ein politisches Engagement –  meist weniger im Sinne der Zugehörigkeit zu einer bestimmten politischen Partei, sondern eher im Hinblick auf ein allgemeines politisches Interesse und daraus folgenden Handlungen.“ (4)

So sehr sich die Herangehensweise der Autor_innen auch unterscheidet, gibt es den Konsens, dass SEer_Innen keine Drogen nehmen, nicht saufen und keinen promisken Sex haben. Bei allen anderen Themen (vegan, vegetarisch, Religion, diy, hardline, usw.) gibt es unterschiedliche Auffassungen. Das mag sich für Außenstehende zunächst sehr akademisch und trocken anlesen, und in der Tat ist Merle's Buch nun mal eine Diplomarbeit mit reichlich Quellenangaben und Verweisen. Dennoch bietet ihre Arbeit nicht nur eine ausführliche Darstellung des Phänomens sXe, sondern auch eine umfangreiche und dennoch kompakte Einführung in die wichtigsten Subkultur-, Ideologie- und Lebensstilansätze und ist nicht nur für eine spezielle Klientel zu empfehlen.
Nachfolgend das Gespräch mit Merle Mulder über ihre Herangehensweise zum Thema, persönliche und gesellschaftspolitischen Ansätze und die Frage, warum es für junge Leute sinnvoll sein kann, SxE zu sein...

Zur Person
Merle Mulder, geb. 1983, studierte von 2003 bis 2008 Soziologie, Systematische Musikwissenschaft, Politikwissenschaft und Journalistik an der Universität Hamburg (Abschluss: Diplom).
Seit Januar 2011 ist Merle Mulder Promotionsstipendiatin der „Studienstiftung des deutschen Volkes“ (5)
Des Weiteren ist sie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des "Arbeitskreis Studium Populäre Musik e.V." (6)

Merle, wieso hast du dir das Thema "Straight Edge" für deine Diplomarbeit ausgesucht? Hattest du bereits einen Bezug zum Thema, bist und lebst du vielleicht selbst straight edge?
Dafür gab es zunächst einmal ganz pragmatische Gründe: Ich brauchte ein Thema, das mich so sehr interessiert, dass ich mir auch vorstellen konnte 1-2 Jahre daran zu arbeiten. Außerdem wollte ich die Arbeit nicht nur im Bereich meines Hauptfachs Soziologie schreiben, sondern auch Aspekte meines Nebenfachs „Systematische Musikwissenschaften“ mit einbringen. Das ging mit diesem Thema ganz gut.
Ich bin allerdings nicht selbst Straight Edge. Das hätte der Arbeit vermutlich auch nicht gut getan. Denn ich wollte damit ja nicht nur eine Lücke im wissenschaftlichen Kontext schließen - insbesondere deutschsprachige Publikationen zum Thema Straight Edge waren zum damaligen Zeitpunkt eher rar - sondern das Thema auch durchaus kritisch angehen, wobei ich diesen kritischen Aspekt sicherlich noch hätte weiter treiben können.
Nichts desto trotz habe ich natürlich auch meine Erfahrungen mit Straight Edge gemacht. Ich war einige Jahre lang in der entsprechenden musikalischen Szene unterwegs. Da kommt man ganz automatisch mit Straight Edge in Kontakt.

Welche Prinzipien machen die Straight Edge-Philosophie aus?
Sicherlich bekommt man hier, je nach dem, wen man fragt, zum Teil ganz unterschiedliche Antworten. Und auch ich bin weit davon entfernt zu behaupten DIE Definitionshoheit für Straight Edge zu besitzen. Es gibt jedoch bestimmte Aspekte, die von Straight Edgern immer wieder thematisiert werden, so dass sich doch zumindest ein grober Minimalkonsens finden lässt: die Ablehnung des Konsums von Alkohol, Tabakprodukten und Drogen - wobei durchaus strittig ist, was alles zu „Drogen“ zählt -, der Wunsch nach Kontrolle über Körper und Geist, eine positive Grundeinstellung im Sinne von Offenheit, Verantwortungsbewusstsein und Toleranz. Die bewusste und aktive Abgrenzung gegenüber dem gesellschaftlichen „Mainstream“, aber auch gegenüber Punk, im Hinblick auf den Konsum von Rauschmitteln spielt hier eine wichtige Rolle.
Darüber hinaus ist Straight Edge i.d.R. im Bereich des Hardcore-Punks angesiedelt und ja auch daraus entstanden. Die meisten Leute werden darüber auch überhaupt erst auf das Thema Straight Edge aufmerksam. Entsprechend gehört Hardcore für viele untrennbar zu Straight Edge, andere sehen das nicht ganz so eng. 
Ebenfalls strittig ist der Umgang mit Promiskuität (7) und Vegetarismus bzw. Veganismus. Die Ablehnung von Promiskuität ist dabei bereits von Anfang an ein Thema innerhalb von Straight Edge: „Don´t smoke / Don´t drink / Don´t fuck / At least I can fucking think“ heißt es 1981 im Song „Out of Step (With the World)“ der Band Minor Threat, deren Sänger Ian MacKaye nach wie vor als Begründer von Straight Edge gilt, auch wenn er das heute nicht mehr gerne hört. Das „Don´t fuck“ bezieht sich hier auf den Sex mit häufig wechselnden PartnerInnen ohne feste Bindung. Dass die Interpretation der Begriffe „häufig“ und „feste Bindung“ natürlich immer im Auge des Betrachters liegen, erklärt vielleicht, warum dieser Aspekt nicht unumstritten ist.
Vegetarismus bzw. Veganismus als Inhalt von Straight Edge tauchte hingegen erst Mitte/Ende der 1980er Jahre auf und wird vor allem der Band Youth of Today bzw. ihrem Sänger Ray Cappo zugeschrieben. Die Erweiterung von Straight Edge  um Vegetarismus bzw. Veganismus wird dabei als logische Fortführung der übrigen Straight Edge-Prinzipien verstanden. Dieser Punkt ist aber äußerst umstritten und entsprechend ist auch die Auffassung, dass Straight Edge und Vegetarismus bzw. Veganismus nichts miteinander zu tun haben, verbreitet. Diejenigen, denen dieser Aspekt im Kontext ihrer eigenen Identitätsbildung jedoch besonders wichtig ist, bezeichnen sich deshalb auch oft als Vegan Straight Edge.
Im Hinblick auf eine authentische Straight Edge-Identität spielt auch der Do it yourself-Aspekt eine wichtige Rolle. Dabei geht es darum, aus der passiven Rolle des bloßen Konsumenten herauszutreten und selbst aktiv zu werden. Ganz unterschiedliche Bereiche können hier eine Rolle spielen. Besonders weit verbreitet ist natürlich das Spielen in einer eigenen Band, aber z.B. auch die Organisation von Konzerten oder ein eigenes Fanzine sind beliebte Tätigkeiten, um die eigene Szene zu unterstützen.

Für mich ist SxE zunächst einmal eine Lebenseinstellung. Der Verzicht auf Rauschmittel, Alkohol, Nikotin etc. bedeutet für mich einen respektvollen Umgang mit dem eigenen Körper, Selbstkontrolle und -disziplin...welche gesellschaftspolitischen Ansätze entwickeln sich aus diesem veränderten persönlichen Verhalten? Also, warum kann sich aus dieser Einstellung eine politische Denkweise und Handlung ergeben, ist das eine logische Folge???
Also grundsätzlich muss sich daraus erstmal gar kein weiteres politisches oder sonstiges Denken oder Verhalten ergeben. Und Straight Edge setzt ja auch nicht zwangsläufig ein verändertes persönliches Verhalten voraus. Es gibt ja zahlreiche Beispiele von Straight Edgern, die noch nie in ihrem Leben Rauschmittel, Alkohol oder Nikotin konsumiert haben und denen die Selbstkontrolle stets wichtig war. Da hat sich dann ja nichts am Verhalten verändert, wenn sie anfangen sich mit Straight Edge zu identifizieren.
Aber zurück zur Frage: Gerade in der Entstehungsphase von Straight Edge zu Beginn der 1980er Jahre war der Fokus ja eher auf die eigene Person gerichtet. Nichts desto trotzt gibt es natürlich entsprechende Entwicklungen, dass sich Straight Edge zunehmend politisiert hat. Ganz allgemein ließ sich beobachten, wie sich Straight Edge von der „persönlichen Politik“ hin zu einer vielfach auch nach außen getragenen Politik entwickelt hat. Ein gutes Beispiel hierfür sind z.B. die Mitglieder der Band 7 Seconds, die auch insofern politisch aktiv wurden, als dass sie z.B. die Initiative Positive Force (8) mitbegründeten. Das hängt natürlich auch damit zusammen, in was für einem ‚politischen’ Umfeld ich mich gerade bewege. Wenn ich davon ausgehe, dass die meisten Straight Edger auch in der Hardcore-Szene unterwegs sind, die ja ebenfalls sehr politisiert ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich irgendwann selbst mit politischen Themen in Berührung komme und anfange mich damit auseinanderzusetzen, ja recht groß. Und wenn man die ursprüngliche geistige Grundhaltung von Straight Edge bedenkt - Verantwortungsbewusstsein und positives Denken - ist der Schritt zu politischem Denken und Handeln ja auch nicht mehr so weit. Wobei ‚politisches’ Denken und Handeln ja ein äußerst breites Spektrum betreffen kann. Das kann bereits damit anfangen, wo ich welches Gemüse kaufe (bzw. ob ich überhaupt Gemüse kaufe) oder welchen Stromanbieter ich wähle, über die Organisation von Demos, bis hin zur Gründung von Bürgerinitiativen. Nichts desto trotz würde ich nie behaupten, politischer Aktivismus ist eine zwingende Voraussetzung, um Straight Edge zu sein. Obwohl man Straight Edge-Sein ja durchaus auch bereits als politisches Statement auffassen kann.
Darüber hinaus finden sich aber ja auch ganz explizit politische Bezüge, z.B. im sog. „Red Edge“, das sich ausdrücklich auf kommunistische, sozialistische oder anarchistische Ansätze bezieht und mit Straight Edge kombiniert. Solche Untergruppierungen finden sich insbesondere in Südamerika, wo es ja auch eine entsprechende politische Tradition gibt. Ebenso finden wir auf der anderen Seite des politischen Spektrums (wenn wir denn von dem Vorhandensein entgegen gesetzter politischer Spektren ausgehen wollen) die NS Straight Edger, die Straight Edge mit dem Gedankengut des Nationalsozialismus kombinieren. Beiden Gruppierungen ist dabei gemein, dass sie Straight Edge als probates Mittel ansehen, um im Kampf für eine neue Gesellschaftsordnung besser aufgestellt zu sein.

Du setzt also voraus, dass sich durch die positiven Veränderungen der eigenen Person auch die Gesellschaft positiv verändert. Meinst du damit, Straight Edge sei ein Kampf gegen die Entfremdung im Sinne von „Der mit sich selbst ausgesöhnte Mensch verkörpert die Aufhebung jeder Entfremdung“?
Zunächst muss ich hier korrigieren: Ich habe nirgendwo vorausgesetzt oder behauptet, dass die positive Veränderung der eigenen Person auch die Gesellschaft positiv verändert. Eine solche kausale Argumentation ist aus wissenschaftlicher Sicht gar nicht zulässig. Was ich geschrieben habe ist, dass für viele Straight Edger die positive Veränderung der eigenen Personen (im Sinne von Straight Edge werden) eine wichtige Voraussetzung für die positive Veränderung der Gesellschaft (in welchem Sinne auch immer) darstellt. Das ist ja ein erheblicher Unterschied. Das eigentliche Problem hier ist aber doch, was ich unter „positiv“ verstehe. Das kann ja für verschiedene Menschen ganz unterschiedliche Dinge bedeuten.
Unabhängig davon können wir aber ja versuchen uns diese Argumentation, die meines Erachtens zunächst mal ganz pragmatisch gedacht ist, an einem ganz simplen Beispiel zu verdeutlichen: Am Sonntagmorgen will ich zu einer Demo (gegen oder für was auch immer, aus meiner Sicht jedenfalls „positiv“), schieße mich am Abend vorher auf einer Party jedoch dermaßen ab, dass ich es am nächsten Morgen nicht aus dem Bett schaffe. Hier wäre Straight Edge-Sein eventuell hilfreich gewesen, um es zur Demo zu schaffen und etwas für eine „positivere“ Gesellschaft zu tun. Das heißt aber ja nicht, dass es nicht auch Leute gibt, die es mit einem dicken Schädel zur Demo schaffen. Vor diesem Hintergrund können wir lediglich festhalten: Straight Edge-Sein KANN für bestimmte Ziele hilfreich sein, ist aber KEINE zwingende Bedingung - außer mein Ziel ist eine Gesellschaft aus lauter Straight Edgern.
Auf der anderen Seite spielt hier aber auch das Thema der Glaubwürdigkeit eine Rolle. Wenn ich mich für eine gesellschaftliche Veränderung einsetzte, wird vermutlich niemand bestreiten, dass ich wesentlich glaubwürdiger bin, wenn ich mit dieser Veränderung erstmal bei mir selbst anfange.

Da stimme ich dir zu.
In den Denkmuster des konsequenten Verzichts könnten sich Ideen mischen, die die Schaffung einer neuen, gesunden Gesellschaft zur Folge hat, eine elitäre Gemeinschaft. Denkst du, dass sich S.E zum Beispiel als religiöse Idee eignet, um Menschen zu missionieren?
Was heißt „könnte“? Das ist ja schon seit langem der Fall!
Nun bin ich keine Religionsexpertin, meines Wissens gehen aber (zumindest die meisten großen) Religionen auf die Idee eines Schöpfergottes bzw. mehrerer -götter zurück. So etwas findet sich in Straight Edge ja nun definitiv nicht. Unabhängig davon lässt sich aber ja seit zig Jahren beobachten, wie Straight Edge mit bereits etablierten Religionen kombiniert wird. Besonders populär sind hier vor allem die Verbindung von Straight Edge mit dem Hare Krishna-Glauben, wie sie häufig Ende der 1980er Jahre in den USA zu finden war und z.B. durch die Bands Shelter, 108 oder Another Wall praktiziert wurde. Aber auch die Kombination mit dem Christentum findet sich vergleichsweise häufig, auch hier allerdings besonders in den USA. Labels wie z.B. Tooth & Nail haben sich hier auf entsprechend christliche Straight Edge- und Hardcore-Bands spezialisiert. Dabei ist eine solche Verbindung von Religion und Straight Edge ja auch nicht sehr verwunderlich, auch wenn sie der ursprünglichen Intention von Straight Edge wohl eher widerspricht. Denn niemand wird bestreiten können, dass es hier zum Teil erhebliche inhaltliche Parallelen gibt. Letzten Endes aber alles eine Interpretationsfrage.
Aber auch jenseits der etablierten Religionen eignet sich Straight Edge zum „Missionieren“, wobei ich mit dieser Aussage keinerlei Bewertung verbunden sehen möchte. Und dieses „Missionieren“ wird Straight Edge ja auch immer wieder vorgeworfen, wobei auch hier natürlich nicht alle Straight Edger über einen Kamm geschoren werden dürfen, viele lehnen ein solches Verhalten ab. So ist der Anteil an „missionierenden“ Straight Edgern vermutlich vergleichsweise klein, fällt aber bei denen, die gar nicht „missioniert“ werden wollen, umso unangenehmer auf. Worauf ich aber eigentlich hinaus möchte, ist die Tatsache, dass das „Missionieren“ kein straight edge-inherentes Merkmal ist, sondern dass sich grundsätzlich JEDE Idee dazu eignet andere zu missionieren. Und das wird ja auch - mal mehr, mal weniger offensiv - getan. Denn das „Missionieren“ ist ja nicht an die jeweilige Idee geknüpft, sondern an die Leute, die dahinter stehen. Und da gibt es eben solche und solche.

Du hast ja vorhin schon mal Ian MacKaye erwähnt, der in Interviews immer wieder betont hat, nicht beabsichtigt zu haben, eine Ideologie, einen Verhaltenskodex oder eine Bewegung aus seinem Song "Out of step" zu entwickeln.
Warum begünstigten die doch sehr klaren Botschaften eine neuartige Bewegung wie S.E. in Amerika?
Da würde ich erstmal zurück fragen: Tun sie das denn? Ich weiß nicht, ob es da so einen simplen kausalen Zusammenhang gibt. Und als zweites würde ich feststellen, das Straight Edge ja nun sooo neuartig nun auch wieder nicht ist. Inhalte, wie der Verzicht auf bzw. das Verbot von Rauschmitteln und die Betonung von Disziplin und Selbstkontrolle finden wir ja z.B. in zahlreichen Jahrtausende alten Religionen. Auch die Einführung der Prohibition verfolgte zum Teil ähnliche Ziele, um nur zwei Beispiele zu nennen. Grundsätzlich also alles schon mal da gewesen, insb. in den USA. Aber das mindert ja nicht den Wert eines Phänomens wie Straight Edge, das ja doch zumindest in seiner Kombination mit Hardcore und dem Do-it-yourself-Gedanken neuartig ist. Allerdings würde ich Straight Edge auch nicht als Bewegung bezeichnen. Eine Bewegung arbeitet auf ein bestimmtes Ziel hin, und löst sich wieder auf, wenn sie dieses Ziel erreicht hat. Das ist wohl keine zutreffende Beschreibung für Straight Edge.
Die Frage, die man jedoch stellen kann, ist: Warum ist Straight Edge ausgerechnet in den USA der 1980er entstanden? Und da ist es interessant sich das entsprechende politische und gesellschaftliche Klima einmal anzuschauen: Präsident Reagan rief den „war on drugs“ in der amerikanischen Gesellschaft aus, Nancy Reagan startete ihre Kampagne „Just Say No“. Die Neue Christliche Rechte gewann an Zustimmung, Konservativismus und religiöser Fundamentalismus verzeichneten einen Aufschwung. Auf der anderen Seite der neue „linke Mittelklasse-Radikalismus“, der für Humanismus und Moral einstand. Ross Haenfler hat Straight Edge entsprechend sehr passend als „product of the times and culture” bezeichnet.

Straight Edge unterliegt demnach religiösen, gesellschaftspolitischen, aber auch ganz persönlichen Aspekten. Ich würde soweit gehen und behaupten, sXe hat Punk gespalten, radikalisiert und eine eigene Subkultur hevorgerufen. Glaubst du, S.E. hat zu einer Verschärfung von Diskriminierung und Unterprivilegierung in der Punk-Szene geführt?
Unabhängig davon, dass ich Deiner vorausgegangenen Behauptung so nicht zustimmen würde und Straight Edge auch keine Subkultur (zumindest nicht im wissenschaftlichen Sinne) ist, muss ich auch hier wieder fragen: Diskriminierung von wem denn? Von Punks? Von Straight Edgern? Ich glaube, da nehmen sich beide Seiten gegenseitig nicht viel. Es gibt Punks und Straight Edger, die kommen wunderbar miteinander aus, und es gibt Punks und Straight Edger, die können sich nicht ausstehen und machen sich gegenseitig das Leben schwer, „diskriminieren“ sich also, wenn Du so willst. Ebenso findest Du Leute, die sich als Punk UND Straight Edger verstehen, das schließt sich ja auch nicht zwangsläufig aus.

Religion, Erziehung und tradierte Wertevermittlung führen vielleicht dazu, dass sich Menschen in der Pubertät einer Bewegung, einer Subkultur anschließen, um ihre Rolle zu finden und sich über die Subkultur definieren...Warum kann es für (junge) Menschen sinnvoll sein, ein Label/Etikett wie STRAIGHT EDGE anzunehmen? Die Bestätigung, etwas „Besseres zu sein, etwas „Gutes“ zu machen?
Als erstes sollten wir hier unterscheiden zwischen der Frage, warum es für junge Leute sinnvoll sein kann Straight Edge zu sein bzw. zu werden, und der Frage, warum ein Labeling als Straight Edge sinnvoll sein kann. Entsprechend Deiner Frage beziehe ich mich nur auf den zweiten Aspekt. Deinen Vorschlag, durch das Selbst-Labeling als Straight Edge die Bestätigung zu bekommen „etwas Besseres zu sein“, macht in sofern wenig Sinn, als das „Bestätigung“ ja immer die Annerkennung durch ANDERE voraussetzt. Nur weil ich mich selbst als Straight Edge bezeichne, muss ich noch lange nicht von anderen als Straight Edge anerkannt werden. Ein Selbst-Labeling an sich verschafft mir also niemals Bestätigung. Ein Selbst-Labeling KANN aber insofern insb. für junge Menschen sinnvoll sein, als dass es in Zeiten, in denen ich noch über keine gefestigte Identität verfüge, mir einen Rahmen, Orientierung, Sicherheit, Antworten bietet im Hinblick auf bestimmte Fragestellungen und Gegebenheiten, mit denen mich das Leben tagtäglich konfrontiert. Das kann mir das Leben zumindest leichter machen. Ob diese Antworten nun „besser“ oder besonders „gut“ sind, ist dabei ja Ansichtssache. Wichtig ist aber, dass das für jedes Selbst-Labeling gelten kann, nicht nur für Straight Edge.

Musste deiner Meinung nach S.E. militanter werden, um den Respekt gegenüber Leben einzufordern?
Straight Edge MUSS meiner Meinung nach überhaupt nichts. Also auch nicht militanter werden. Wichtig in diesem Zusammenhang ist doch vor allem, welchen Stellenwert der „Respekt gegenüber Leben“ - was auch immer damit gemeint sein mag. Tierrechte? Pro-Life-Ethik? - in meiner Straight Edge-Identität einnimmt. Wenn mir dieser Aspekt besonders wichtig ist, kann eine Zunahme meiner diesbezüglichen Militanz ja durchaus eine logische Konsequenz sein, muss sie aber nicht. Und Respekt war ja von Anfang an ein Grundgedanke von Straight Edge, ohne dass es hier zwangsläufig auch „Militanz“ gab. Aber es stellt sich doch wieder die Frage, was ich eigentlich unter „Militanz“ verstehe? Militanz im Sinne von, dass ich meine Einstellung besonders offensiv nach außen darstelle? Oder Militanz im Sinne von, dass ich für die Durchsetzung meiner Vorstellungen auch Gewalt akzeptiere? Das hat dann ja allerdings nicht mehr viel mit Respekt zu tun. Und überhaupt: Respekt muss ich mir i.d.R. verdienen, fordern hilft da meistens nicht viel. Von daher ist der Versuch Respekt und Militanz zusammenzubringen eigentlich schon ein Widerspruch in sich.

Die Hardline-Ideologie wurde von den sogenannten Autonomen Nationalisten aufgegriffen, um mit einem reinen, gesunden Körper (Reinhaltung des deutschen Volkes) Stärke und eine Vorreiterfunktion zu erhalten und Schwächere und Böses zu bekämpfen. Hier wird die Hardline-Ideologie in die NS-Ideologie integriert. Wie muss Straight Edge definiert werden, dass sich diese Idee von den so genannten Autonomen Nationalisten (die auch die Themenfelder Tierrecht, Vegan besetzen) und der NS-Ideologie abgrenzt?
Da würde ich erstmal eine Gegenfrage stellen: Wieso MUSS Straight Edge denn so definiert werden, dass es sich von den sog. „Autonomen Nationalisten“ abgrenzt? Unabhängig davon, dass ich den Deiner Frage vorangegangenen Ausführungen so nicht ganz zustimmen würde, stellt sich diese Frage für mich überhaupt nicht, denn eine solche Umdefinition ist gar nicht notwendig. Wenn wir davon ausgehen, dass zu den Grundprinzipien von Straight Edge, wie oben bereits ausgeführt, auch Werte wie open-mindedness und Toleranz gehören, den schließt das die Kombination mit Auffassungen, die z.B. zwischen wertem und unwertem Leben unterscheiden, von vornherein aus. Da kann ein „Autonomer Nationalist“, wenn er denn eine solche oder ähnliche Unterscheidungen trifft, noch so sehr von sich behaupten er sei Straight Edge, das ist ein logischer Widerspruch und schließt sich gegenseitig aus.
Natürlich kann ich ein gewisses Unbehagen seitens  ‚linker’ oder auch unpolitischer Straight Edger und Hardcoreler verstehen, angesichts der Entwicklung, dass „Autonome Nationalisten“ versuchen sich zunehmend vormals eher von ‚links’ besetzte Themenbereiche einzuverleiben. Gerade im Hinblick auf die Schwierigkeit, dass ‚Laien’ den Unterschied von außen oftmals nicht erkennen. Wer möchte schon mit Leuten in einen Topf geschmissen werden, deren Auffassungen den eigenen grundsätzlich widersprechen? Aber eine Umdefinition kann hier ja keine Lösung sein und ist, wie gesagt, aus meiner Sicht auch nicht nötig. Ich würde hier erstmal für ein ausgeprägteres Selbstbewusstsein seitens Straight Edge und Hardcore plädieren. Das heißt natürlich nicht, dass es nicht auch Entwicklungen gibt, bei denen man nicht aktiv werden sollte. Aber die betreffen ja nicht nur die „Autonomen Nationalisten“.

Waren dir die Themen Promiskuität, Sex, lose Beziehung und die Rolle des Mannes gegenüber der Frau innerhalb von Straight Edge besonders wichtig?
Obwohl diese Themen allesamt sehr spannend sind, haben sie in meinem Buch jetzt keine übergeordnete Rolle gespielt. Das liegt aber vor allem daran, dass sie für die Beantwortung meiner Fragestellung nicht so relevant waren. Über den Umgang mit Sexualität innerhalb von Straight Edge und das Thema Gay Edge ist von mir aber kürzlich ein Beitrag in dem Sammelband „Thema Nr. 1: Sex und populäre Musik“ (9) im Transcript Verlag erschienen. Wer sich für das Thema Männlichkeitsbilder innerhalb von Straight Edge interessiert, dem möchte ich die Arbeiten von Ross Haenfler ans Herz legen. Über das Geschlechterverhältnis und die Rolle der Frauen in Straight Edge hat Jamie L. Mullaney einige spannende Arbeiten veröffentlicht. Und auch in „Sober Living for the Revolution“ von Gabriel Kuhn gibt es dazu einige schöne Interviews.

Warum glaubst du, ist S.E. so männerdominiert? Warum hast du in diesem Zusammenhang das Geschlechter-Rollenbild und -Verhältnis im S.E. nicht näher untersucht?
Wie gesagt, dieses Thema war für die Beantwortung meiner Fragestellung erstmal nicht relevant. Unabhängig davon ist die „Männerdominanz“ meines Erachtens auch kein reines Straight Edge-Phänomen, sondern findet sich ja ganz allgemein im Hardcore wieder. Hierfür werden in der allgemeinen Diskussion ganz unterschiedliche Aspekte aufgeführt:
Zunächst einmal lässt sich wohl nicht bestreiten, dass Hardcore auch immer mit einer gewissen Form von Aggressivität verbunden ist, insb. in musikalischer Hinsicht, aber auch, was z.B. das Tanzen auf Konzerten betrifft. Aggressivität von Mädchen und Frauen ist gesellschaftlich aber nach wie vor verpönt, ihr Zugang zu einer entsprechenden Szene wirkt vielfach stigmatisierend (z.B. durch MitschülerInnen) oder hat sogar Sanktionen zur Folge (z.B. durch die Eltern). Und auch in der Musikbranche werden Frauen vor allem auf die Rolle der Diva mit der tollen Stimme reduziert. Entsprechend häufig werden die fehlenden weiblichen Vorbilder in Straight Edge und Hardcore beklagt. Reine Frauenbands, wie z.B. Trust, Venus Genetrixxx, Beyond Pink oder To See You Broken sind bzw. waren die Ausnahme, schon eher finden sich vereinzelt Frauen in Bands, wie z.B. bei Walls of Jericho, I Object oder My First Failure, doch auch solche Bands sind eher selten, im Vergleich zu reinen Männer-Bands in Hardcore und Straight Edge. Es finden sich also nur wenige Frauen in Straight Edge und Hardcore, an den sich gerade jüngere orientieren können und die ihnen zeigen, wie sie sich in der Szene und im Leben behaupten können, die sie motivieren und verdeutlichen, dass sie mir ihren Einstellungen, Auffassungen und Empfindungen nicht allein, nicht ‚unnormal’ sind.
Darüber hinaus berichten die Frauen, die sich trotzdem in der Straight Edge- und Hardcore-Szene bewegen, häufig davon, dass sie von den Männern gar nicht erst ernst genommen werden. Viele sehen sich mit dem Vorurteil konfrontiert, nur das Anhängsel eines Freundes zu sein, der Straight Edge oder im Hardcore unterwegs ist, also keine eigenständige und unabhängige Straight Edge- bzw. Hardcore-Identität zu besitzen, und es wird ihnen vorgeworfen potentieller Auslöser für Beziehungsdramen zu sein. Viele Frauen beschreiben auch, wie sie von den Männern ‚getestet’ werden, ob sie z.B. auf der Tanzfläche genauso ‚hart’ seien oder beim ersten Ellenbogen in den Rippen gleich in Tränen ausbrechen. Sie müssten sich auch vor allem in Bezug auf Engagement und Szene-Wissen meist doppelt so stark beweisen, wie Männer. Und das nicht nur gegenüber Männern, sondern auch gegenüber den wenigen anderen Frauen. Denn anstatt sich gegenseitig zu unterstützen, sehen manche Frauen ihr bisherige Sonderpositionen gefährdet und versuchen diese zu verteidigen, indem sie den neuen das Leben schwer machen. Das kann auf Frauen entsprechend abschreckend wirken. Ebenso finden sich aber natürlich auch Frauen (und auch Männer) in Straight Edge und Hardcore, die sich speziell für die gegenseitige Unterstützung von Frauen und gegen Sexismus und Machotum innerhalb der Szene einsetzen. Kelly Leonard von xsisterhoodx (10) oder Jenny Ramme von Emancypunx (11) sind hier nur zwei prominente Beispiele.

Veganismus, Tierrecht sind sicherlich eng mit Straight Edge verbunden. Warum schreibst du diesbezüglich der Band EARTH CRISIS und dem Song "New Ethic" eine wegweisende Rolle zu?
Zunächst einmal schreibe nicht ich Earth Crisis diese Rolle zu, sondern ich verweise darauf, dass andere dies vielfach tun. Aber diese Zuschreibung ist ja auch nicht ganz unbegründet. Mitte der 1980er Jahre wurde erstmals das Thema Vegetarismus insb. durch Youth of Today innerhalb von Straight Edge populär. Für viele spielte hier jedoch mehr der Ernährungs- und Gesundheits-, als der Tierrechtsaspekt eine Rolle. Spätestens mit der Zunahme der Popularität von Earth Crisis Mitte der 1990er Jahre hat sich das geändert. Konsequenterweise war nun vor allem von Veganismus und nicht mehr von Vegetarismus die Rede und dies insb. im Hinblick auf den Tierrechtsgedanken. Ihre Radikalität, die sich teils auch in anti-modernistischen und anti-industriellen Auffassungen widerspiegelt, hat dabei sicherlich zu ihrer Popularität (die ja nicht nur Zustimmung beinhaltet) beigetragen. Auf jeden Fall hat diese Radikalität aber geholfen, das Thema auf die szene-interne Agenda zu setzen. In ihrem Song „New Ethic“ (12) werden Earth Crisis´ Auffassungen und Forderungen dann besonders deutlich: Schluss mit dem anthropozentrischen Weltbild, das Dasein von Tieren darf nicht mehr auf das von „Biomaschinen“ reduziert werden und Veganismus ist das beste Mittel dazu. Davon fühlten sich viele angesprochen, aber mindestens ebenso viele abgestoßen. Ich denke, das Problem bei Earth Crisis ist, dass viele Leute ihre Songs zu wörtlich genommen haben bzw. nach wie vor nehmen. Dabei verweisen Earth Crisis ja immer wieder und insbesondere in den letzten Jahren darauf, dass das gerade nicht getan werden sollte, und dass sie ihre Songs nichts als Aufruf zu Gewalt und Zerstörung verstehen, sondern dass sie darin ihre Unzufriedenheit mit den gegebenen Verhältnissen und den mangelnden Alternativen eines adäquaten Protests ausdrücken möchten.

Verwunderlich, dass S.E. noch nicht als erfolgreiches Lebenskonzept angeboten wird...hast du denn nach deiner wissenschaftlichen Ausarbeitung zum Thema irgendwelche positiven Veränderungen bei dir feststellen können?
Naja, dass das nicht der Fall ist, da würde ich jetzt nicht zustimmen. Die Frage ist natürlich, was Du mit „erfolgreich“ und „angeboten“ meinst. „Erfolgreich“ im Sinne von möglichst vielen Anhängern? Aber da stellt sich wieder das Problem, was denn viele Anhänger sind und was nicht? Und „angeboten“? Wer soll Straight Edge denn „anbieten“? Die Krankenkassen? Vermutlich nicht. Aber auch hier stellt sich wieder die Frage, inwieweit ich Straight Edge nicht schon als „erfolgreiches Lebenskonzept“ „anbiete“, wenn ich anderen mein Straight Edge-Sein vorlebe und das auf eine Art und Weise, die diese als nachahmenswert empfinden. In gewisser Weise mache ich da ja auch ein „Angebot“. Und den - meist negativ konnotierten - Aspekt des Versuches der „Missionierung“ gibt es, wie schon besprochen, innerhalb von Straight Edge ja auch. Das würde ich allerdings als eine sehr repressive Form des „Angebots“ bezeichnen. Findet aber trotzdem statt.
Unabhängig davon hast Du aber ja nach „positiven Veränderungen“ bei mir gefragt. Auch hier müsste ich wieder darauf Hinweisen das „positiv“ ja immer im Auge des Betrachters liegt. Was Du als positiv empfindest, muss ich ja nicht zwangsläufig auch als positiv empfinden. Von daher wäre die Frage ganz allgemein nach Veränderungen vermutlich angebrachter. Die muss ich aber wohl verneinen. Insgesamt bin ich vielleicht entspannter geworden im Hinblick auf Einstellungen, die nicht den meinen entsprechen. Aber das liegt weniger an Straight Edge, als an der Beschäftigung mit verschiedenen Ideologietheorien, die ich für die Auseinandersetzung mit Straight Edge benutzt habe; insb. Karl Mannheims „Ideologie und Utopie“ kann ich hier sehr empfehlen. Aber immerhin bin ich während der Arbeit auf ein paar tolle Bands gestoßen, die ich vorher noch nicht kannte…

Anmerkungen:
(1) Gabriel Kuhn „Straight Edge: Geschichte und Politik einer Bewegung“; ISBN:978-3-89771-108-2, 80 Seiten, EUR 7,80
(2)  John ‚Porcell‟ Porcelly. In:  Wood, Robert T.: Straightedge Youth: Complexity and Contradictions of a Subcul-ture. Syracuse: Syracuse University Press 2006. S. 137.
(3) Merle Mulder: „Straight Edge: Subkultur, Ideologie, Lebensstil?“ Erweiterte Neuauflage, Münster 2010, 185 S., 5 Schautafeln, Farbcover, br., neue ISBN-13/EAN: 978-3-933060-33-4, EUR 18,90
(4) Mulder, Merle: a. a. O. S. 37.
(5) http://www.studienstiftung.de/
(6) http://aspm.ni.lo-net2.de/info/index.htm
(7) Unter Promiskuität (wörtliche Bedeutung: "Vermischung", lateinisch promiscere = vermischen) versteht man umgangssprachlich die Verhaltensweise, Sexualpartner ständig zu wechseln, z.B. in Form von häufigen One-Night-Stands oder durch (fast) gleichzeitiges Eingehen mehrerer sexueller Beziehungen.
(8) http://www.positiveforcedc.org/
(9) http://www.transcript-verlag.de/ts1571/ts1571_1.pdf
(10) http://www.straightedgelifestyle.moonfruit.com/#/kelly-xsisterhoodx/4509036363
(11) http://www.emancypunx.com/
(12) http://www.metrolyrics.com/new-ethic-lyrics-earth-crisis.html
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