INFERNO

Textlich waren INFERNO aus Augsburg sehr umsorgt um die Umwelt (“Tod und Zerstörung”), den Bierpreis (“Ungewissheit”), Religion (“Gott ist tot”, “Sohn Gottes”), Aggressoren (“Ronald Reagan”, “Ziel Deutschland”) und “Zukunftsvisionen”.

Nach meinem Ermessen waren die ’85er Aufnahmen die Glanzzeit, als INFERNO vor allem international auftrumpfte und in Zusammenarbeit mit Harris Johns (Musiclab Studio Berlin) den Sound perfektionierte, aber nicht bändigte. Besonders durch Manager Dolf entstanden internationale Kontakte nach Amerika.

 

“Das amerikanische Punkmagazin “Maximum of Rock’ n’ Roll” plante einen Internationalen Hardcore-Punksampler „Welcome to 1984″. Wir wurden gefragt, ob wir nicht einen exklusiven Titel beisteuern wollten(…)Wir bekamen immer mehr Fanbriefe aus Übersee. Dolf stand in Kontakt mit einigen Leuten, die uns unbedingt auf Tournee nach USA holen wollten”(…); Archi Alert

 

INFERNO spielte 1985 im Musiclab Songs für die Split LP mit THE EXCUTE und für die Compilation “Cleanse the bacteria” (Pusmort) ein.

 

Ich holte mir den Nachfolger “Hibakusha” (*Anmerkung: ein japanischer Begriff, der die Atombombenexplosionen in Japan umschrieb: Menschen, Leiden, Tod), das offizielle Live-Bootleg “Live and loud” und verfolgte die Bandentwicklung ohne Mitarbeit von Manager Dolf hin zur Selbstkontrolle (Gründung des Labels “Rise&Fall”).

 

„Die Katze fing von hier ab an, sich in den eigenen Schwanz zu beißen(…) wir machten zum ersten Mal alles selbst.  Howie war das Organisationstalent von uns und kümmerte sich zuverlässig um den Vertrieb der Platte(…)”; Archi Alert

 

Gesundheitliche Probleme und die Flucht nach Berlin vor der staatsbürgerlichen Pflicht, den Wehrdienst, waren für Archi schließlich Grund genug, sich im Herbst 1987 von der Band zu trennen.

Destiny (www.destiny-tourbooking.com) veröffentlichte 2007 das komplette Werk der Band (“Pioneering work”: Do-CD) mit allen Alben-Trax, den Songs von der Split-LP, der Sohn Gottes -EP und raren Compilation Tracks. Die Aufmachung entspricht dem qualitativen Standard der WEIRD SYSTEM-Reihe: mit viel Liebe ist hier ein tolles Artwork (Ralf Rohde) und ein bebildertes Booklet entstanden. Zudem hat Archi die Songs re-mastered und renovated. Das nachfolgende Interview wurde mit Archi Alert geführt. Das Interview erschien im UNDERDOG #22 (Winter 2007/08).
 

Textlich fällt -zumindest auf der 1. LP- die immer wiederkehrende atomare Bedrohung, das Wettrüsten zwischen USA und UDSSR auf. Wie hat dich die durchaus politische Brisanz Mitte der 80er Jahre persönlich beschäftigt und hast du dich auch an Anti-Reagan-Demos beteiligt?
Die politische Situation in der Zeit war für alle Leute auf dem Globus bedrohlich. Beide Großmächte waren bewaffnet bis auf die Zähne und schon der kleinste technische Fehler hatte einen Krieg auslösen können, den diese Welt nicht überlebt hätte. Kein Wunder, dass wir uns da auch inhaltlich oft mit auseinandergesetzt haben. In erster Linie drückten wir allerdings unsere Ängste und Verständnislosigkeit aus.

 

INFERNO, TOD und WAHNSINN sangen TOXOPLASMA und zitierten eure 1. LP. Und genau dieses Konzept spiegelt die Platte textlich auch wieder. War das eine klare Referenz an DISCHARGE, die ja ähnliche einfache Slogans benutzten? 
Ganz einfach, ja! DISCHARGE waren große Inspiratoren, wir liebten deren Intensität und wollten einfach nur viel, viel schneller und moderner klingen.

 

Anfang der 80er Jahre gab es sehr wenig deutsche HC Bands. Trotzdem habt ihr mit vielen Deutsch Punk-Bands live gespielt. Führte das hierzulande eher zu einer Außenseiterrolle und musstet ihr musikalische Überzeugungsarbeit leisten? 
Wir hatten unseren Sound und wir wollten spielen. Punkbands wie ZSD, COCKS IN STAINED SATIN, AUFBRUCH, THE ADICTS, SICK PLEASURE, CANALTERROR waren Brüder im Geiste und gaben uns die Möglichkeit in Deutschland auftreten zu können. Wir haben damals zwischen Punk und Hardcore nicht so krass unterschieden, wie das Heute der Fall ist. Für uns gehörte das alles zusammen, und die Leute standen meist versteinert da und glotzten immer, während wir spielten. Wahrscheinlich war es faszinierender, uns beim Spielen unserer HighSpeed-Musik zuzusehen, als sich dazu zu bewegen. Wir waren damals die einzigen, die mit solch extremen Geschwindigkeiten experimentierten. Typische Hardcore- Tanzstile wie Slamdance und Stagediving mussten in Deutschland ja auch erst noch eingeführt werden, darum taten sich die Leute auch schwer, sich zu dem Lärm zu bewegen. Oft zuckten sie dann ganz lustig. Allerdings hatte ich selbst nie den Eindruck, ich musste Überzeugungs- oder Aufbauarbeit leisten. Wir waren stolz wie Bolle eine so eigenständige Musik zu haben, und darum sind wir sehr souverän an die Sache ran gegangen. Einen Konzertsaal mit Leuten zu hinterlassen, die ihren Mund nicht mehr zu bekommen und dich anstarren, als wärst du von einem anderen Stern, ist genau so befriedigend wie wenn alle pogend durch die Gegend fliegen!

 

Welche Fanzines haben euch den eigentlich gefeatured und welche Möglichkeiten habt ihr sonst nutzen können, um auf euch aufmerksam zu machen? 
Mir fällt da nur noch das “Maximum Rock’ N’ Roll” ein, und die hatten uns anfangs wirklich extrem abgefeiert. Ansonsten gab es bei INFERNO keine großen Gedanken oder Strategien bzgl. PR. Das lief damals alles über Mundpropaganda und so kam halt eins zum andern.

 

Welche Unterschiede in der deutschen und internationalen HC-Szene waren für dich spürbar, wenn Ihr Konzerte gespielt habt?
Das europäische Ausland war etwas US-orientierter als der deutschsprachige Raum. Gerade in Italien bildete sich schon sehr früh eine richtige HardcorePunkszene, dementsprechend wurde man dort natürlich auch gefeiert.

 

Es gab ja noch keine Konzert- und Bookingagenturen. Die Gigs waren WochenendHappenings. Wie seid ihr an Auftrittsmöglichkeiten herangekommen?
Du bekamst eine Einladung eines begeisterten Menschen, der ein Konzert veranstalten wollte und bist da hingefahren. Im Idealfall kannte man auf dem Weg noch einen anderen Menschen, der das schon immer mal machen wollte und der wurde dann dazu genötigt, den zweiten Wochentag zu buchen. Viele Gigs haben sich befreundete Bands untereinander zugeschustert und organisiert.

 

In “Steinkopf” prangert ihr jene Skinheads an, die nur “OI” brüllen und einen Führer gehorchen. Diese Betrachtungsweise ist sehr einseitig. Gab es für dich nur Skinhead=Nazi und habt entsprechende Beobachtungen auf Konzis, der Straße feststellen können und wie hast du den Hass, den Kampf “Punx gegen Skins” wahr genommen?
Der Titel “Steinkopf” sollte eigentlich ganz klar differenzieren. Wir hatten den Song bewusst nicht SKINHEAD genannt. Aber viel zu differenzieren gab es damals ja auch nicht. Eine richtige linke Skinhead-Szene mit SkaRoots und so gab es in Süddeutschland eigentlich gar nicht. Wenn Skins damals keine Nazis waren, waren es trotzdem zu 80% dumpfe Prügelprolls. Der Song passte damals auf den Punkt.

 

Es gab ja die Begegnung mit TROOPERS’ Brise in Berlin und den kroatischen Shins im Kampf mlt den serbischen HClern. Schlug dein Herz da immer schneller, wenn du einen Skin gesehen hast? 
Neben sämtlichem uniformiertem Abschaum auf dieser Welt, waren Skinheads damals wirklich mein Feindbild Nr.1. Bei jeglichen Kontakten ging mir immer das Adrenalin durch die Schädeldecke. Auch Heute noch finde ich gruppen-, körper- und uniformierungsorientierte Jugendgruppen sehr fragwürdig. Damit werde ich nie warm. Ich bin und war schon immer viel zu sehr Individualist, als dass mich sowas je hatte reizen können.

 

Sänger Howie hat das Publikum auf der “live&lloud” LP im AJZ Bielefeld zum Tanzen aufgefordert und sich dann aufgeregt: “Warum tanzt ihr denn nicht?” Bestand das Publikum überwiegend aus Personen, die mit eurer Mucke nichts anfangen konnten und waren eigentlich auch auf euren Konzerten Frauen anwesend? 
Wir kamen damals gerade von einer recht erfolgreichen und eindrucksvollen BeNeLux- Tour zurück. Wahrscheinlich war Howie damals mit der deutschen Zurückhaltung, was schnelle Musik betrifft, nicht so ganz einverstanden und wollte den Mob motivieren… Ich kann mich an den Gig eigentlich nur positiv erinnern.

 

Die harte, schnelle Mucke muss das PunkPublikum sichtlich überfordert haben und ist auch nur bedingt Pogo-tauglich. Eigentlich müsten viele Metaller INFERNO entdeckt haben. Waren denn bei euren Konzerten Tanzstile wie Moshen und Stagedlven schon angesagt oder kam der Crossover erst in eurer musikalischen Spätphase zum Ausdruck? 
Stagediving entwickelte sich so langsam gegen Mitte der 80er und Moshen tat man Ende der 80er zu Musik von Anthrax oder SOD oder Metallica.
Hardcore Bands der 2ten und 3ten Generation wie AGNOSTIC FRONT, SLAPSHOT, SOIA übernahmen das Moshen wiederum von den NYThrashmetalbands und kultivierten es. Wie gesagt, bei uns wurde seltsam gepogt bzw. gezuckt!

 

Wart ihr als Band nicht in der Lage, eure wirtschaftlichen Interessen wahrzunehmen, dass ihr euch einen Manager suchen musstet? 
Wir waren eigentlich zu keinem Zeitpunkt in der Lage, unsere wirtschaftlichen Interessen wahrzunehmen! Das war auch nicht der Grund, warum Dolf die Band managte. Er hing sowieso immer mit uns rum, konnte weder Singen noch ein Instrument spielen, also musste er eben die Organisation übernehmen.

 

Ist es allein Dolf’s Verdienst, dass ihr nach der 1. LP im Ausland bekannter wurde und welche Mechanfsmen sind da abgespult worden? 
Dolf verschickte ein paar Demos und hielt mit den Leuten, die uns gut fanden, Kontakt. Das war sein Job und den machte er als GreenHorn ganz gut, wie ich heute beurteilen kann! Außerdem war er sehr musikbegeistert und versuchte uns immer mit seinen Ideen zu helfen. Wenn er positive Post bekommen hatte, konnten wir das immer daran erkennen wie er durch die Proberaumtür stolperte, grinsend von einem Ohr zum Anderen. Natürlich war er immer dabei, wenn es was zu feiern gab und vor allem, wenn ein Kasten Bier mit im Spiel war. Die erste LP hat uns Aufmerksamkeit beschert, weil sie einfach einzigartig für diese Zeit war.

 

Weiterhin gehe ich davon aus, dass INFERNO aufgrund der harten, schnellen Musik besonders im Ausland beliebt war, wo der HC einen höheren Stellenwort als Punk hatte. Ohne Dolf’s internationale Beziehungen und Interessen hättet ihr wahrscheinlich  einen anderen Status erreicht. Dennoch habt ihr euch von ihm getrennt?

Für die angehende Hardcore-Punk Szene war “political attitude” kein wirkliches Thema. Unsere Wut und Ängste waren der Motor und der Sinn. Musik war für uns ein Ventil. “Political Attitude” wurde erst später in die Szene hinein interpretiert und durch Themen und Debatten wie Straight Edge, PC, Kommerz etc. etabliert. Damit hatten wir schon gar nichts mehr zu tun. Die meisten Squats in Europa, in denen sich HC-Punks niederließen (hauptsächlich Italiener, die in Horden durch Europa reisten und einfach viel Platz benötigten, wenn sie z.B. in eine Stadt wie Amsterdam einfielen), habe ich eher als riesige Partyhäuser mit erhöhter Geschlechtskrankheiteninfektionsgefahr in Erinnerung. Die politischen Altbesetzer wurden damals entweder rausgemobbt oder als Sozialarbeiter missbraucht.
Dolf tat seine Arbeit und knüpfte Kontakte, aber er wuchs da ja auch durch unsere Popularität mit. Ich weiß nicht wie es ohne Dolf geworden wäre. Die Trennung kam automatisch, als auch unsere Wege auseinander drifteten.

 

UPRIGHT CITIZENS haben Mitte der 80er Jahre als deutsche Band auch schon mal in der USA gespielt und finanzielle Verluste eingefahren.  Waren die finanziellen Risiken ausschlaggebend, keine USA-Tour gemacht zu haben und bereust du das im Nachhinein?
Es gab einige US- und Canada-Tourangebote, die wir immer wieder ablehnten. Bands wie U.C., Raw Power etc. machten mit den Bookern da schlechte Erfahrungen, also sahen wir keinen Grund, in die selbe Falle zu tapsen. Wir hatten such gar nicht die Kohle gehabt, um uns Flugtickets zu kaufen. Schade fand ich das natürlich damals schon. Auf der anderen Seite wuchs ich in einer Stadt namens Augsburg auf, voll gestopft mit US Barraks, Armi Brads, AFN, PX Shops und all dem Gedöns. Dieser auffallende Amilandfetisch vieler anderer europäischer HcProtagonisten war bei mir recht verkümmert ausgeprägt!

 

Ihr habt ja auch viel Fanpost erhalten. Was stand denn da so drin?
Diesen ganzen Autogramm- und typischen Fanquatsch kenne ich nur von der TERRORGRUPPE her. Damals war das verpönt, der Mensch im Publikum war genau so wichtig wie der Musiker auf der Bühne oder der Fanzineschreiber zu Hause, also warum irgend jemanden vergöttern?  Leute wollten wissen wie wir leben, wie die Augsburger Szene um uns so ist. Sie wollten Briefkontakt mit uns und meist sogar einen Besuch vorchecken, auf ihrer kommenden lnterrailreise.

 

Das 2. Album “Hibakusha” wirkt von Produktion und Sound deutlich reifer.
Wir prügelten genauso drauf los wie auch bei den ersten Aufnahmen. Als Band gingen wir damals allerdings erfahrener an die Sache ran und wir spielten ganz einfach auch etwas besser. Die Aufnahmen dauerten incl. Mix doppelt so lange wie für die “Tod und Wahnsinn”: 66 Stunden anstatt 33. Heutzutage lachhaft!

 

Wieso habt ihr denn ein eigenes Label gegründet? 
Wir mussten erstmal Geld auftreiben und lernen wie man ein Label überhaupt betreibt. Ich bin mir nicht so sicher, ob es damals wirklich eine so gute Idee war, das zu machen. Zumindest konnte ich meiner Mutter bis Heute das Geld nicht zurückzahlen, welches Sie mir damals geliehen hatte!

 

Der drohende Einzug in de Bundeswehr  war für dich der Grund nach (West-)Berlin umzusiedeln, um den Dienst an der Waffe zu umgehen. War diese Entscheidung ein Schlüsselerlebnis?
Eigentlich musste ich auch irgendwie aus der Provinz weg, das Leben da hatte mich früher oder später umgebracht. Später, auf Tourneen der TERRORGRUPPE, bekam ich desöfteren bei Provinzaufenthalten fiese Depressionen.

 

“You can also add INFERNO to such bands, which only play on stage to get girls on their backstage-rooms(…)every dick has his own message” heißt es im Booklet zu “The incredible power of darkness”, dem internationalen Punk und HC-Sampler auf eurem Label. Kannst du das bitte näher erläutern?
Wir machten uns gern über alle politisch korrekten und dogmatischen Szenepolizisten lustig und gossen gerne Öl ins Feuer. Das war mal wieder so’n Statement! So was nannte ein Journalist bei der TERRORGRUPPE später “erfinden von destruktiven Imagestrategien”, vielleicht einer meiner markantesten künstlerischen Stilmittel, wer weiß… Ganz ehrlich, ich glaube wir hatten mit INFERNO nie wirklich  einen echten Backstageraum von innen gesehen!

 

Wie beurteilst du denn das Spätwork “It should be your problem”?
Endlich hatte die Band einen richtigen Drummer, aber die Energie war weg. Außerdem schaffte es die Band nicht mehr wirklich innovativ zu sein, wirkte etwas verbraucht und hilflos! Allerdings schaffte das in diesem extremen Musikgenre auch nie eine andere Band.

 

Mit dem Erfolg von INFERNO kamst du auch mit harten Drogen wie Heroin in Berührung. Gab es öfter körperliche Zusammenbrüche? Haben Drogen deinen Charakter verändert?
Heroin war für mich eines der kürzesten Kapitel überhaupt und nicht der Rede wert. Körperliche Zusammenbrüche hatte ich öfters, aber hauptsächlich durch unerträgliche Zahnschmerzen, als durch übermäßigen Drogenmissbrauch. Ich habe in meinem Leben alles ausprobiert was mir wichtig erschien, hatte hier und da mal ein paar Probleme mit meiner Experimentiersucht, die ich aber immer aus eigener Kraft wieder in den Griff bekommen habe. Charakterschwäche ist ein sehr falsches Wort in Bezug auf Drogensucht!

 

Früher warst du ein Großmaul. Was bist du heute?
Ein Größermaul!

 

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