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DIY-Feminismus

DIY-Feminismus verwebt die Autonomie des Selbermachen mit emanzipatorischen Ideen und gegenkulturellem Networking. In ihrem Fokus stehen autonome Kommunikations- und Handlungsmöglichkeiten, aus denen sich positive Aspekte ergeben und den Weiterentwicklungsprozess beschleunigen. Mit der Zielperspektive, die Selbstverwirklichung von Mädchen und jungen Frauen, die Stärkung des Selbstbewusstseins und die Förderung von Solidarität zu entwickeln, werden konzeptionelle Bildungsarbeiten angeboten.

 

Alltagsakte von Widerstand, (Selbst-)Kontrolle und Macht
Die Macherinnen des Missy Magazins (1) haben ein DIY-Ratgeberbuch für Mädchen herausgegeben. Darin: weit mehr als altbackene Handwerks- und Kochanleitungen. „Mach´s selbst“ erklärt, wie man eine Online-Petition startet, gegen Mobbing und Rassismus vorgeht und wie man Beatboxing lernt. Ein etwas anderes Ratgeberbuch – und auch für Jungs prima geeignet. „Musik Machen“, „Senden und Schreiben“, „Crafting“, „Protestieren und Organisieren“, „Verkabeln und Sichern“, „Kochen“, „Reparieren und Bauen“, „Pflanzen“ und „Reagieren und Analysieren“ sind Kategorien, die in dem Buch behandelt werden. Die AutorInnen versuchen, ein Bewusstsein für gestalterische und letztlich eben auch politische Autonomie zu schaffen. Mit individuellen Konzepten und Gruppenarbeiten soll versucht werden, die Selbstbestimmung von Frauen zu stärken und dadurch eine Chancengleichheit der Geschlechter zu verwirklichen, unabhängig von Staatsautorität und etablierten Rahmenbedingungen. Primäre Erkenntnis ist, dass ich mich selbst ermächtigen kann. Ich kann selber was schreiben, veranstalten, etc, und muss keine Expertin sein. Im besten Fall haben wir hier also einen Multiplizierungseffekt für Genderarbeiterinnen.
Des Weiteren setzt DIY-Feminismus Impulse, die Lebensbedingungen von Mädchen und Frauen zu verändern, die mit Lern- und Bildungsprozessen verknüpft sind. Ladyfeste bspw. erzeugen neben Workshops und Vorträgen zunächst Erstkontakte und schaffen Anknüpfungspunkte. In diesem subkulturellen Schutz- und Freiraum werden kreative Ideen entwickelt und ausprobiert, Angebote geschaffen, die Gelegenheit zur Orientierung und Reflexion bieten. Der Lernprozess soll unterstützend bei der individuellen und kollektiven Lebensbewältigung wirken. DIY-feministische Aktionen haben viele Formen, schließen aber zumeist Folgendes ein: das Produzieren aktivistischer Medien und Filme, die Besetzung von Gebäuden, das Kreieren von Guerilla-Kunst, das Abhalten von Diskussionsgruppen, die Unterstützung von Workshops, das Einführen von Politiken in Musik und Performance, das Skill-Sharing(2), das Organisieren von Straßendemos und Protesten, und auszuprobieren, so selbstgenügsam wie möglich zu sein. Organisierte Ereignisse sind häufig zeitlich begrenzte, ephemere Interventionen. Die Schaffung autonomer Zonen wie Festivals und Zusammenkünfte ist integraler Bestandteil des DIY-Feminismus. Zu solchen Ereignissen zähl(t)en etwa das Feminist Health Gathering (GB), das Rdeče zore/ Red Dawns Festival (Slowenien), das Love Kills Festival (Rumänien), Femfest (Kroatien), und Ladyfest (international). In diese Aktionen sind anti-kapitalistische Tendenzen eingebunden: Selbst- bzw. kollektiv produzierte Kultur, Politik und Unterhaltung und Arbeit werden als Ideal angesehen, und nicht-profit-orientierte, freiwillige, also aktivistische Arbeit bildet den Lebenssaft der Bewegung.
DIY-Feminismus kann also alternative Orientierung aufzeigen und das Zusammenwirken von geschlechtsstereotypen Rollenzuschreibungen und diskriminierenden Maßnahmen dekonstruieren. Insofern wirkt DIY-Feminismus als ein Gegen-Instrument des sozialen und politischen Handelns in einem System, in dem Geschlechterhierarchie stattfindet und in dem die Aneignung und das Handeln in einem Rahmen von polaren Deutungsmustern und Zuschreibungen erfolgt, der geschlechtsbezogen ist. DIY Feminismus ist demnach die Kritik an der Koedukation und an patriarchal geprägten Inhalten, der einen Wandel der Geschlechterrollen einfordert und politisch-emanzipatorische Ansätze aufgreift.

 

Selbst ist die Frau
Ein eigenes Medium zu besitzen ist für jegliche soziale Bewegung von zentraler Bedeutung. DIY-Feministinnen kommunizieren über anti-kommerzielle, unabhängige Publikationen in kleinen Auflagen wie Zines, Zeitschriften und Blogs. Von Medienressourcen des Mainstreams und konventionellen Machtstrukturen ausgeschlossen, bauen junge Frauen und Transfolks eigene Kommunikationskanäle mit den Tools und der Software, die ihnen zur Verfügung stehen. Computer, digitale und mobile Handykameras, Photokopierer, das sind die alltäglichen Technologien, die in Aktion gesetzt werden. Sich die Tools des Kapitalismus aneignend, hoffen die AktivistInnen, ihre anti-konsumistischen Botschaften von kultureller DIY-Aktion und Information (mit-) zu teilen. Zumeist eine gering finanzierte Ästhetik und preiswerte Druckmethoden nutzend, wirken Zines als ein Medium, in welchem individuelle und kollektive Stimmen, Kunstwerke, politische Kommentare und Ressourcen (mit-) geteilt werden können. Sie agieren als ein demokratischer Medien-Kanal und als Mittel des Graswurzel-Networkings, bei dem jedeR befähigt ist, ein eigenes Printmedium zu erstellen und auf diese Weise einen wertvollen Beitrag zur DIY-politischen Theorie und Herstory leistet.

 

„This is resistance the way we see it!”“
(Bunnies on Strike Zine)

 

Das Vermächtnis von Riot Grrrl
DIY-feministisches Organizing bezeugt die Wichtigkeit kreativer alternativer Räume außerhalb der Logik von Kapitalismus und hetero-normativer Patriarchalität. Eine besondere Rolle in DIY-feministischen Entwicklungsprozessen spielt das Vermächtnis der feministischen Punk-Bewegung Riot Grrrl, die in den frühen 90er Jahren in den USA entstand und zu einer transnationalen Erscheinung geworden ist. Riot Grrrl, die speziell weibliche Teens und Twens an sich zog, war ein Aufruf zu politischer Bewusstheit. Sie ermutigte Identifikationen, die den Feminismus im alltäglichen Leben junger Frauen fest etablierten. Mädchen und junge Frauen schlossen Freundschaften und politische Allianzen, es gab kollektive Unterstützung über viele Grenzen und Untergründe hinweg, und die Bewegung wurde durch den einfachen Gedanken beflügelt, dass jedes Mädchen die Bedingungen finden muss, sich über seinen Ärger auszusprechen, um sein Leben (zurück) zu gewinnen. Riot Grrrl ist auch bezeichnend für den DIY-Feminismus als offene Einladung an Mädchen, ihre eigene Musik, Kultur und ihre eigenen Medien zu produzieren.

 

Feminismus und das globale Netzwerk
Eine Sammlung dieser Medien hat Elke Zobl (3) in ihrem „The Global Grrrl Zine Network“ (4) zusammengestellt. Elke sieht selbstgemachte, unabhängige Magazine/Zines als Möglichkeit für kritisch und politisch feministische denkende/handelnde Mädchen und Frauen, lesbische, queere und Transgender-Jugendliche aus der ganzen Welt ihre Positionen unzensiert zum Ausdruck zu bringen, diese zu veröffentlichen, selbst zu vertreiben und zu verteilen. In Zines „sprechen wir über unsere Erfahrungen und Gedanken, aber auch Wut und Widerstand des Aufwachsens in einer patriarchalischen und homophoben Gesellschaft.“ (5) Daneben entstehen Netzwerke von Grrrl zinesters, in denen feministische Theorie, Politik und Aktiveismus und ihre Auswirkungen auf das Leben diskutiert werden.
Elke sieht Grrrl Zines als Fortsetzung in der Tradition von der konsequenten Forderung von Frauen auf das Recht auf Bildung, Wählen, Bildung und Teilhabe am gesellschaftlichen, politischen Leben durch Self-Publishing. Als 1991 der Aufstand Grrrl-Bewegung aus der Alternative -und Punk- Musik-Szene in den Vereinigten Staaten entstanden, begannen Tausende von jungen Frauen, um persönliche und politische Magazine mit explizit feministischen Themen zu produzieren. Heute gibt es neben den Printmedien auch viele Grrrl-E-Magazine, Videos, Blogs, Radio Shows, die radikal feministische Ideen thematisieren. Elke glaubt fest daran, dass Grrrl-Zines wichtige Werkzeuge sind, um weltweit Frauen- und Queer- und Transgender-Personen zu erreichen und/oder sie zu ermächtigen/stärken für eine Welt von „grrl revolutionaries, queer warriors, raging artists, feminist fighters, underground rebels, attuned activists“(6).
Elke hat das Grrrl Zine Network erstellt, nachdem sie 2002 im www nach feministischen Zines recherchiert und keine umfassende Ressource gefunden hat. „Mein Gesamtziel für die Website ist es, Ressourcen auf Grrrl Zines in verschiedenen Sprachen zu teilen und die Verbindungen zwischen Gleichgesinnten, aber oft weit entfernten feministischen Jugend, herzustellen und zu verknüpfen.“ Die von ihr bis 2008 aktualisierte Website bietet eine umfangreiche Auflistung und Verlinkung von rund tausend feministisch- orientierten Distributionen Zines und aus mehr als dreißig Ländern in zwölf Sprachen. Darüber hinaus werden Bücher, Videos und journalistische und wissenschaftlichen Dissertationen über Grrrl Zines aufgelistet und von Elke geführte Interviews online gestellt.
Die Weiterführung dieses von Elke Zobel initiierte Netzwerk ist Grassroots Feminism(7)mit dem Ziel eine transnationale Community aufzubauen. Mit dem Anspruch, dass jedes Mädchen und jede Frau aktiv und produktiv Kommunikationsmittel und Medien jenseits der Massenmedien nutzen und herstellen kann, sollen sie befähigt werden, eigene Filme, Medien, Musik und Festivals zu schaffen/organisieren. Hierfür gewährt Grassroots Feminism einen Einblick, schafft Kulturräume für Mädchen und jungen Frauen und dokumentiert ihre Bedeutung, fokussiert den Blick auf die eigenen kulturelle Räume und nicht nur auf die für Mädchen und junge Frauen produzierte Medien.

 

Feministische Spielwiese für eine bessere, gerechte Gesellschaft
Die Autor_Innen von „Mädchenmannschaft“(8) waren in der Gründungsphase vom englischsprachigen Weblog feministing.com beeinflusst. Sie positionieren sich mit einem Gemeinschaftsblog zu feministischer Geschichte, Theorie und Praxis. Seit 2007 greifen sie Themen zu Sexualität, Körper, Mutterschaft, Emanzipation, Aktuelles aus Popkultur und Politik auf. Darüberhinaus wurde 2010 der gemeinnützige Verein Mädchenmannschaft e.V. gegründet, um die Arbeit am Blog selbst und die politischen Aktivitäten seiner Autor_innen rechtlich und ideell zu unterstützen. Der Verein betreibt online wie offline Bildungsarbeit und Aufklärung über die Lage von Mädchen* und FrauenLesbenTrans* in Deutschland sowie weltweit. Des Weiteren organisieren die Autor_innen Diskussionsveranstaltungen, Vorträge und Workshops.
Welche politischen oder gesellschaftlichen Themen Mädchenmannschaft aufgreift, hängt von der Aktualität ab – und davon, welche ehrenamtlich tätigen Autorinnen und Autoren für das Blog schreiben und wie viel Zeit sie dafür haben. Familienpolitik ist einer der großen Themenstränge, Popkultur ein anderer.

 

Anmerkungen:
(1) missy-magazine.de
(2) Teilen von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten
(3) http://www.grassrootsfeminism.net/cms/node/44
(4) http://grrrlzines.net
(5) http://grrrlzines.net/about.htm
(6) zitiert aus: Girl on gIRL Productions, Canada
(7) http://www.grassrootsfeminism.net
(8) http://maedchenmannschaft.net/

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Kommentare: 1
  • #1

    ha ha ha (Samstag, 27 September 2014 00:12)

    Was hat "DIY-Feminismus" mit Projekten zu tun die an Unis angesiedelt sind und von Staaten gefördert werden? So etwas sollte sich nicht als DIY-Aktivismus tarnen. (Siehe Grant “Feminist Media Production in Europe” (P21187-G20)Austrian Science Fund
    http://www.grassrootsfeminism.net/cms/node/1519)

    Und was hat ein Magazine mit Chefredakteurinnen, Leserinnen-Service von einem Verlag, mit kommerzielen Vertrieb und Angestellten für Marketing und Werbung noch mit dem Begriff DIY zu tun?

    http://missy-magazine.de/impressum/