LOTTA #52

Lotta #52
Lotta #52

LOTTA #52
68 DIN A 4 Seiten; €3,50.-
Lotta, Am Förderturm 27, 46049 Oberhausen
lotta-magazin.de
Die LOTTA-Redaktion bescheinigt im Editorial den staatlichen Behörden im Kontext des NSU-Skandals eigenes Versagen und die Unfähigkeit, eigene Fehler selbstkritisch zu reflektieren. Anschließend wird der Themenschwerpunkt erläutert. Aussteiger_innen aus der rechten Szene. Autorin Britta Kremers erkennt, dass, wenn sich Menschen von der extremen Rechten abwenden, genau hingeschaut werden muss, denn ein tatsächlicher Bruch oder eine ideologische Reflexion findet zumeist gar nicht statt. Das LOTTA-Kollektiv kritisiert  den allgemeingültigen Begriff des “Aussteigens” und belebt mit dem Schwerpunkt die bereits vor 10 Jahren angeregte Diskussion und setzt sich aktuell mit Distanzierungsprozessen auseinander.
Für Nils Schuhmacher provoziert der Aussteiger-Begriff zu einigen Anmerkungen. So ist die Mehrschichtigkeit von Abwendungen nicht zu erfassen und fordert den Begriff der Distanzierung, die sich auf szenische oder subkulturelle Zugehörigkeit beziehen. Distanzierung beziehe sich “auf die emotionale und einstellungsbezogene Zuordnung”, konkret: mensch wendet sich von Verhaltensweisen ab. Nils erarbeitet Distanzierungsmuster: Irritation, Motivation, Loslösung, Manifestierung, Reflexion als mögliches Modell und bietet  für all jene, die mit einer professionellen “Aussteigerarbeit” zu tun haben, Aspekte als Leitfaden zur Überprüfung an. Auch für Christian Hummer stellt fest, dass bei wenigen ein tatsächlicher Distanzierungsprozess abgeschlossen ist und erkennt, dass weniger die kritische Reflexion für eine Abkehr aus der extrem Rechten Szene ausschlaggebend ist, sondern szeneinterne Konflikte. Johanna Sigl nimmt eine “gendersensible Betrachtung von Distanzierungsprozessen” vor. Das bedeutet zunächst, Frauen und Männer gleichermaßen als politische Akteur_Innen wahrzunehmen. Aussteigerprogramme und Klischees über Abläufe sind mit Stereotypen “beladen”, die “Frauen entpolitisieren”. Theoretisch propagierte Geschlechterrollenkonzepte bilden keine Erklärungsgrundlage, warum sich eine Frau der rechten Szene zuwendet. Wichtig ist eine kritische Auseinandersetzung mit vorherrschenden Geschelchterrollenvorstellungen, die Johanna einfordert. Diese müssen reflektiert und verändert werden.
Torben untersucht staatliche Aussteigerprogramme, die eine zweifelhafte inhaltliche Qualität aufweisen. Gleichzeitig setzen diese nicht auf Freiwilligkeit, sondern werden vom VS motiviert. Das aber führe zu einer deutlichen Diskrepanz und einem Zielkonflikt. Zum Einen gewinnt der VS Informationen und kann willige “Aussteiger_innen” als Spitzel gewinnen, die also in der Szene weiter “arbeiten” und ihnen gar einen politischen Aufstieg ermöglichen, wie im Falle von JN-Kader Peter V. aus Hamm.
Sebastian Hell und Verena Grün stellen die heikle Frage, inwieweit Antifa als Ausstiegshelferin hilfreich sein kann. Informationsgewinn über Strukturen und direkte Einblicke in Abläufe sind dienlich. Gleichzeitig bedeutet die Kontakttaufnahme aber auch für die Extreme Rechte die Möglichkeit, mehr über antifaschistische Strukturen zu erfahren und kann Teil einer Anti-Antifa-Arbeit sein. Wichtig ist auch, Grenzen zu ziehen. Etwa, wenn sich aussteigungswillige Personen gleich in linke, subkulturelle Räume Zugang verschaffen wollen. Standards können hilfreich sein, einen angemessen Umgang zu ermöglichen. Der setzt einen klare, öffentliche Distanzierung voraus, Abbruch von allen sozialen Kontakten. Für die Begleitung des Distanzierungsprozess sind intensive Gespräche vonnöten, eine ausführliche Dokumentation wichtig. Vorsicht ist geboten und im Zweifel gilt: Antifaschist_innen haben nicht das notwendige Rüstzeug für eine Aufarbeitung und Begleitung.
Gesamteindruck: Ich hätte mir im Zusammenhang mit dem Schwerpunkt-Thema noch Interview-Partner_innen mit Nichtstaatliche Gegeninitiativen und Organisationen gewünscht, die ihre Erfahrungen mitgeteilt und ihr Engagement zu Distanzierungsprozessen erklärt hätten. Des Weiteren wären Interviews mit erfolgreichen “Aussteigern” als ergänzendes Fallbeispiel ebenso dienlich gewesen. Unerwähnt bleiben auch wichtige Bereiche wie Familie, Schule, in denen sich individuelle
Orientierungsleistungen mit Sozialisationsbedingungen gestalten. Denn trotz der wichtigen theoretischen Auseinandersetzung mit Begrifflichkeiten und Umgang mit “Aussteiger_innen” bleibt die wichtigste Frage unbeantwortet:  Wodurch kommen extrem rechts Orientierte von ihrer Position wieder weg? Der Schwerpunkt liefert zwar einige Distanzierungs-Muster und Modelle,  die praktisch aber nicht zu überprüfen sind. Und da hätten Erfahrungen und erfolgreiche Ergebnisse von NGO und Bürgerinitiativen Ausschluss geben können.

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