MOLOKO PLUS #43

 MOLOKO PLUS #43
MOLOKO PLUS #43

MOLOKO PLUS #43
72 Seiten (21cmx21cm); €3,-
Moloko Plus, Feldstr. 10, 46286 Dorsten
www.moloko-plus.de
Chef Torsten hat in der neunmonatigen Moloko-Schwangerschaft den Gedanken ausgetragen, Artikel en masse in die Ausgabe zu packen, verteilt diese aber nun auf 2 Ausgaben, wobei er den Abonnent_Innen für die kommende Ausgabe einen "schmucken Kalender 2012" verspricht (vielleicht mit 12 gewagten Posen der Redaktion?). Weniger schmuckvoll sind die auf insgesamt 9 (in Worten: neun) Seiten verteilten Kolumnen. Susi berichtet von Glühwein trinken im "Sommer"-Urlaub, Onkelchen trifft beim Joggen einen Rechtsrock-Anhänger im "Pitbull-Germany/Kategorie C"-Outfit, Dr. Seltsam philosophiert über die Untergrundkultur, die Punkszene und über das Scheitern eben jener durch aufgesetzte Dogmen, Regeln und Maßstäbe.
Maßstäblich verantwortlich für das Titelfoto der aktuellen M.P.-Ausgabe ist Bens Aufarbeitung über die Biographie zur umstrittenen Person des heutigen HARDTIMES-Sängers, Phil Wagner. Dieser berichtet schonungslos ehrlich über Gewalt und die extrem rechte Verortung in Gangs, die für ihn eine "Macht" darstellte, "Immigranten zu hassen", die "ein romantisches Gefühl, Krieger für die gerechte Sache" vermittelte. Heuer ist er ein gejagter Outlaw, auf dem angeblich ein Kopfgeld ausgesetzt wird und sich politisch und sozial für Jugendliche und ökologische Projekte interessiert/engagiert und den 80er Jahre OI! wieder entdeckt hat. Onkelchen entdeckt die tragische Geschichte von Willi Kraus, eine Art Dr. Jekyll und Mr. Hyde, eines beliebten und begabten Bundesligastürmers (u.a. Schalke 04), der nachts Ladenkassen ausräumte.
Viva Vinyl! heißt die Devise von Pierpaolo, der mit RAVE UP und Sublabels eine Reihe von legalen und illegalen Wiederveröffentlichungen von raren/ultrararen 77er Punkrockbands auf den "Markt" brachte und von Sir Paulchen dazu animiert wird, Anekdoten zu schildern und seine Ambitionen offen zu legen. Die Liner Notes der VALKYRIANS zur "Punkrocksteady" CD ist überflüssig wie ein Bonehead auf dem Skinkonzert, auch die EDDIE&THE HOT RODS"-Bestandsaufnahme ist oberflächlich. An der Oberfläche kratzt auch die Reportage über Frauen, die tätowiert sind oder selbst tätowieren (Maud Wagner). Die Haut ist das größte Organ, also mächtig Platz an der Oberfläche für Tätowierungen, Igor stellt die frühe Szene in den 20er Jahren vor, wo tätowierte Frauen wie Nandl, "Sabella Anita" -das blaue Weib- stigmatisiert wurden und sich auf Shows und dem Verkauf von Ansichtskarten vermarkteten. Ich mag Biographien und entdecke hier immer spannende Geschichten -direkt aus dem prallen Alltag- die unterhaltsam sind und einen politischen/sozialen Kontext aufweisen. Neben biografische Aufarbeitungen zu Phil Wagner, Willi Kraus, die YOUTH BRIGADE-Story liefert der Werdegang von Sean O'Neill (Spit Records, RUDI) genügend Gesprächsstoff, der auch aufgrund seiner Herkunft (Nordirland) höchst brisante Anekdoten verspricht, aber zugibt, "den (politischen) Denkprozess nicht weiter hinterfragt" und den Fernseher abschaltet, wenn es "um den bewaffneten Kampf" geht.
Detailliert dokumentiert Alex von NARRENFILM (www.narrenfilm-studios.de) seine Arbeiten zum Videospiel "Ways of destiny", welches auf einer Idee von Tost (VOLXSTURM) zurückzuführen und auf der aktuellen VOLXSTURM-CD/DVD "Ein kleines bisschen Wut" enthalten ist. Alex gibt seine kreativen Ideen preis, berichtet über Hindernisse und autodidaktische Maßnahmen, den Film zum "Traum" werden zu lassen, bekam während der Umsetzung auch Impulse, neue Konzepte im interaktiven DVD-Genre zu entwickeln.
Torsten überrascht mit einer Recherche über Upton Sinclair, ein sozialkritischer Schriftsteller, der sich mit den Lebensumständen in der amerikanischen Fleischkonserven-Industrie in den Union Stock Yards Chicagos beschäftigte. Sein Roman „The Jungle“ führte zu allgemeinem Aufsehen in der Öffentlichkeit und veranlasste schließlich die Durchsetzung eines speziellen Gesetzes zur Inspektion der Schlachthöfe zwecks Aufrechterhaltung der Hygiene und des Lohnniveaus.
Gesamteindruck: Der Mix aus Punkrock(geschichten), Biographien, Fußball und Skin-Kultur bedeutet vielfältige Leselust, die vor allem auch durch abwechslungsreiche Themen auch außerhalb der musikalischen Szene ein hohes Niveau erreicht. Weg von Interview-Standards hin zu persönlichen Ansichten und Vorstellungen von Personen bieten indes auch immer Möglichkeiten für kontroverse Auseinandersetzungen, die sich aus den Artikeln ergeben. Hier gilt es, das "rechte" Maß an Zustimmung, Reflexion und Ablehnung zu finden, allein diese Art und Weise spricht für die reife Leistung der M.P.-Redaktion, keine politische Meinung zu formen, sondern für sich wirken zu lassen, was in Form der Biographien und persönlichen Aussagen ermöglicht wird. Denn schließlich sind die M.P.-Leser_Innen mündige Bürger_Innen, die sich ein eigenes Urteil bilden können, die aber auch unterhalten wollen. Und genau diesen Spagat schafft auch das aktuelle M.P., was wohl letztendlich auch dazu geführt hat, dass diese Ausgabe bereits nach 1 Monat des Erscheinens ausverkauft ist.

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