OX #105

 OX #105
OX #105

OX #105
116 DIN A 4 Seiten; € 4,90.-
Ox-Fanzine, Postfach 110420, 42664 Solingen
www.ox-fanzine.de
“Der Mensch lebt nicht vom Lesen allein”, philosophiert Joachim und macht Eigenwerbung für das Kochen ohne Knochen-Buch #5, welches nun vollständig tierlose Rezepte bietet. Was mich stört, sind die Interviews-Schnellschüsse, die gleich zu Anfang den Eindruck machen, als ginge es nur darum, so viele Bands wie möglich im Heft unterzubringen und die Promotionfirmen wie A&R-Manager zufrieden zu stellen. Bands wie FSF werden gar in einem ABC-Verfahren um Stichworte gebeten. Kalle Stille gibt Tipps, wie “verkrachte Randexistenzen” gefälligst Konzertberichte, Reviews, Interviews zu schreiben haben und erarbeitet Standards. Es folgt Werbung. Anschließend gibt es was zu Essen, wenn du denn die Rezepte “Graupen-Risotto”, Omas Steckrübeneintopf und die Blätterteigtaschen nachkochst. Wo ist QR-Code?
Fast jedeR Schreiberling darf im OX eine Kolumne schreiben, die autobiographische Inhalte (Gewalt, familiäre Verhältnisse, Umgang mit Tod) aufweist oder die Ox-Lesereise-Tour von Alex, Christoph, H.C. Roth nachzeichnet. Der Fokus, die Wichtig- und Wertigkeit liegt offenbar weniger auf das Jonglieren und Akzentuieren von Worten vor Publikum, als auf den Genuss und die Auswirkungen von Wodka-Mischgetränken und auf das kollektive Pegeltrinken. Dann folgt die Ernüchterung und das erste große Interview mit DROPKICK MURPHYS, die den kommerziellen Erfolg und die damit einhergehenden Veränderungen, den Klimawandel und das neue Cover-Artwork erklären. Sammy von der Rockstar-Band BROILERS findet es selbstverständlich und eine logische Entwicklung, das FREI.WILD in den deutschen Charts sein darf und kündigt mit “Gift in der Mitte” ein “Gegen Nazis”-Lied auf der nächsten Platte an. In der Rubrik “Oldies but goldies” stellt Joachim die Band NEGATIVE APPROACH vor. John ist immer noch angepisst und verteidigt seine unbedarfte Haltung zu Nazideppen wie Seth Putnam (ANAL CUNT, VAGINAL JESUS) damit, dass er aus Detroit komme und keine Zeit habe, sich um so einen Scheiß wie Rassismus zu beschäftigen. Southern Lord Records-Gründer Greg reflektiert Labelgeschichte, in der sich die Ausrichtung weg vom HC hin zum Doom/ Black Metal Genre entwickelt hat.
The Art of Punk thematisiert nicht nur “Punk und Design”, sondern stellt auch die beiden Autoren Alex und Ross vor, die das gleichnamige Buch veröffentlicht haben. HEITER BIS WOLKIG scheinen sich von den “anstrengenden” Vergewaltigungsvorwürfen erholt, Joachim sieht auch keinen (Auf-)Klärungs-Bedarf und vermeidet es, eine Anzeige wegen “üble Nachrede” zu bekommen. Joachim kuschelt eben gerne. Ob mit BOXHAMSTERS, HEITER BIS WOLKIG…er zieht den Schwamm drüber, klammert aus und wäscht rein. Da passt auch TESCO VEE ins Konzept, der ja “nur” provoziert” und mit THE MEATMEN sexistische, homophobe Inhalte propagiert. Genauso wie DIE KASSIERER, die immer noch 20% Fick- und Mösenlieder an Bord haben.
Gesamteindruck: Ist das noch Punk? lautet nicht nur eine Überschrift im Heft, sondern ist die zentrale Frage, die ich mir beim Lesen des öfteren stelle. Joachim druckt aus wirtschaftlichen Gründen Anzeigen von Grauzonenbands und -festivals wie BETONTOD und Punk&Disorderly ab und vermeidet weitestgehend  kritische Fragen, die die im Heft präsentierten Personen diskreditieren könnte. Insofern werden zwar viele Bands gefeatured, der qualitative Gehalt fällt gegenüber der großen Anzahl ab, da die Interviews meist aus 3 bis 5 Fragen bestehen und eigentlich im Wesentlichen nur das vom Label vorgegebene Bandinfo “abklopfen” und sich auf rein oberflächliche musikalische Themen beziehen. Das ermüdet und wirkt austauschbar. Herausragend dagegen sind Artikel, Interviews jenseits des musikalischen Horizonts: Art und Punk, Punk und älter werden, Punk und Fotografie. Diese Verknüpfungen mit musikfremden Themen sind gute Denkansätze und wesentliche Aspekte, die das OX interessant machen. In dieser Richtung allerdings fehlen tiefgreifende Forschungsergebnisse, die darauf zurückzuführen sind, dass die Mitschreiber oft nur der Frage nachgehen, ob das neue Album von XYZ besser ist als das vorherige. Da fällt mir wieder E.NT. ein, die einst getextet haben: If you’re only in it for the music just fuck off we aren’t interested! Es muss also etwas mehr, als das hier geben. Und diese Aspekte sollte OX hervorbringen und die Ressourcen ausschöpfen, ansonsten droht akute Gefahr, in Beliebigkeit und Indifferenz abzugleiten.

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