PLASTIC BOMB #79

PLASTIC BOMB #79
80 DIN A 4 Seiten; € 3,50.-
Plastic Bomb, Postfach 100205, 47002 Duisburg
www.plastic-bomb.de
Nach gefühlten 10 Seiten Farbanzeigen tauche ich ein in die Gedankenwelt der Redaktion. Micha weist lediglich auf die hauseigene Party hin, während sich HC-Helge als Punkrock-Polizei ausgibt und über amerikanische Vorbands mit “bärtigen Gitarren-Klowns” herzieht, die sexistische Ansagen machen. Auch zukünftig will Helge kein Blatt vor den Mund nehmen und schonungslos anprangern, was ihm auf den Sack geht. Kollege Herder indes ist glücklich und zufrieden, wenn er (Zwei)Rad fahren kann, sieht  in der unmittelbaren Nachbarschaft -außer dem Hausmeister- niemanden sonst radeln und wünscht allen Saisonfahrern, “dass sie in der elenden Hölle aus brennenden Autoreifen ersticken”. Am Ruhm ersticken auch SLIME, ein Relikt aus den End70er Jahren, die sich erklären, warum sie für das aktuelle Album Texte von Mühsam entliehen haben, diese antiquiert wirken und immer Sänger Dirk immer wieder betont und hervorhebt, dass die soziale Revolution kommen wird und das Rebellentum gepflegt wird. Rapha von ALARMSTUFE GERD hingegen ist schreibfaul und findet, die Band sei “ein Haufen fauler Affen oder Minimalisten”. Kreativer sind TALCO aus Italien. TALCO hängen Statisten nicht nur Kuhglocken um, sondern analysieren die Mafiastrukturen und haben ein Konzeptalbum zu Ehren von Anti-Mafia-Aktivist Peppino Impastato veröffentlicht. Helge wiederum veröffentlicht aus seiner ARTCORE-Fanzine-Connection ein Interview mit und über AMEBIX, die durchaus philosophische Ansätze verfolgen und über die Idee des Punk sinnieren, dass “der Spirit ist wie Waser, es fließt dir durch die Finger deiner Hände und kann von niemanden(…)besessen werden”. Wally und TOXOPLASMA sind auch ganz besessen auf Vinyl und die Veröffentlichung ihres neuen Albums. Ich gebe Slime, Toxoplasma, THE BRIEFS und allen Re-Union-Bands folgende Devise zum Beherzigen mit auf den Weg: “Ich brauche keine Millionen, ich brauch kein Pfennig zum Glück(…)Ich brauch’ kein Schloss nur zum Wohnen, kein Auto funkelnd und chic. Ich brauche weiter nichts als nur Musik”.
Propagandaminister Vasco erklärt in seiner Rubrik den Kapitalismus, warum er abgeschafft gehört und kürt den einzelnen Menschen zum möglichen Kapitalismus-Besieger. PESTFEST sind sich uneinig, ob sie sich mit dem Begriff Deutsch-Punk anfreunden und streiten sich, ob das frevelhaft, berechtigt oder “norwegischer Deutsch-Punk” besser zu ihnen passt. In diesem Zusammenhang battlen Sven und Ullah über guten und schlechten Deutschpunk, argumentieren dafür: “Deutschpunk muss aus der Gosse kommen” (Ullah) und dagegen: “DeutschPunk ist eine Beleidigung” (Sven). Eine Beleidigung sind dieses Mal auch Micha’s Stories, die sich mit Angst vor Hools nach einem Fußballspiel und Alltagsbeobachtungen erstrecken und Rentner-Autofahrer (graue Zeitlupentaktiker), russische Ultra-Nationalisten und Harry Potter-HC-Verschnitte lächerlich macht.
Gesamteindruck: Viele, viele farbig-bunte Anzeigen verklären den Blick auf den gemischten Inhalt, der alte, neue und wiedervereinigte Punk- und HC-Bands aus der Asche hebt, immer dann überrascht, wenn sich die Interviewten eindeutig positionieren sollen, dabei selbst ins Grübeln kommen und unsicher werden. Ich kann auch nicht nachvollziehen, warum immer wieder über den Sinn und den Begriff Deutsch-Punk (modern: deutschsprachiger Punk) gestritten werden muss. Es sollte weniger um Begrifflichkeiten, denn mehr um Inhalte gehen. Es müssen auch keine Gütekriterien entwickelt werden. Gerade weil unterschiedliche Auffassungen denkbar und vielfältige Blickpunkte und Blickrichtungen zu berücksichtigen  sind, scheint ein fundierender Gedankenaustausch, scheint der
Versuch von Verständigungen, was DeutschPunk ist, sein sollte oder nicht. Dieses Debatte kreist  zumeist viel zu schnell um Fragender Leistungsbewertung und  -beurteilung. Hierbei
geht  es  immer wieder um  die Gegenpole, repräsentativer und sinnvoller ist es, umfangreiche, einfühlsam geführte Tiefeninterviews zu entwicklen, um den Musikhörern tatsächlich die Möglichkeit zu geben, umfassend, detailliert und differenziert zu erläutern, was sie an bestimmten Stücken und Musikern aus welchen Gründen mögen und was nicht — zugegeben ein aufwändiges und ebenfalls nicht unproblematisches Vorgehen, aber in der Hinsicht auch notwendig, wenn das Plastic Bomb (und andere Fanzines) eine Orientierungshilfe anbieten will.

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