RENFIELD #23

RENFIELD #23
58 DIN A 5 Seiten
Renfield Fanzine, Tim Kegler, Skalitzer Str. 104, 10097 Berlin
renfield-fanzine.blogspot.com
Vor Tims Haustür stinkt es gewaltig. Jemand hat im Hausflur gekackt und nun sinniert Tim über Kackfontänen, Fäkalartistik , BILD-Kampagnen und revolutionäre Zellen. Da hilft nur wegmachen oder flüchten. In Wien kriegt Tim die Kurve und plaudert mit Rainer Krispel (SEVEN SIOUX, THE RED RIVER TWO) über den Fischereiverein, die Entstehung des Bandnamens, populäre Musik, Nostalgie und das älter werden in Bezug auf Punk und Ideale.
Wiener Schmarrn produziert Minkasia aus der Ex-Weltkulturhauptstadt Linz mit ihrem dritten Brief an die Korinther…äh…dem Renfield-Volk. Interessanter hingegen ist das von Philip geführte E-Mail-Interview mit Ralf (TISCHLEREI LISCHITZKI), da sich die Fragen weniger auf musikalische Themen, denn mehr auf Ralfs vorübergehende Flucht nach Neuseeland konzentrieren, wobei Ralf erklärt, was für ihn (un-)verzichtbar ist, erklärt, warum Hühnerstall bauen Punk ist und sich wünscht, dass alle wiedergeborene Menschen ein Sandkorn werden, “dann wär die bekackte Menschheit ein Strand”.
Strandnah liegt auch das Interview mit Daniel von ELFENART RECORDS, bei dem die Tischler auch angestellt sind. Philip again denkt über den Horizont hinaus und möchte von Daniel wissen, wo er Chancen nutzt, vertan hat und welche Philosophie sich hinter dem Label offenbart. Hinter dem Hirn implodieren Krach, Noise und Samples. Das Ein-Mannprojekt “Gehirn.Implosion” liebt Stille und den kathartischen Effekt der Abwesenheit von Geräuschen. Doch kaum werden die Unterschiede zwischen Kunst und Industrial erläutert unterbrechen Rocking Pagoda mit chinesischsprachiger Musik und Men of Northern Soul aus Tel-Aviv das Geschehen, als  G.I. fortfährt und über den Tod von Mio berichtet, der mit Trisomie 13 geboren wurde und am 27sten Tag nach dem Krankenhausaufenthalt zu Hause starb.
Tragisch endet auch die Kurzgeschichte von Pille, der Oralsex mit einem Seehund hat, der sich als Meerjungfrau entpuppt und zur Hälfte die Gestalt von einer Frau annimmt, durch den Oralsex schwanger wird und Pille das neugeborene Seehund-Baby überlässt. Im Assoziationspiel “Berliner Viertel-ABC” liefert Timo von DRIVE BY SHOOTING handfeste Ausflugs-Tipps oder No-Go-Empfehlungen für die Berliner Bezirke.
Gesamteindruck: Das aktuelle Renfield-Fanzine ist der philosophische Zirkel in der Fanzine-Kultur und neigt zu künstlerischen Aspekten, die unterhaltsam, weltoffen und in hoher Vollendung eingesetzt werden. Die Palette Punk bis Pop und zurück ist ein gewagter literarischer Quantensprung zwischen traditioneller Musik-Architektur und kühl eleganter Konsumtempel-Atmosphäre mit Ausblick auf provinziellem Charme und Großstadtneurosen.

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