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... und es wird nicht der Regen sein und nicht die Gitarre von Stevie Ray Vaughan, sondern die Einsamkeit

Ich erinnere mich,
als ich ein Kind war, kam einmal
eine zur damaligen Zeit sehr populäre
Kinderbuchautorin an unsere Schule und
hat dort einen Nachmittag lang
ihre Bücher vorgestellt und daraus
gelesen.

Sie war eine große, korpulente Dame mit einer
lauten dröhnenden Stimme und
ich habe absolut keine Erinnerung
an den Inhalt ihrer Bücher
(Kinderbücher fand ich schon als Kind zum Kotzen)
aber ich erinnere mich
an das Nachmittagslicht im Schulflur und
dass sie uns eine Manuskriptseite gezeigt hat,
auf der elektrischen Schreibmaschine getippt,
zunächst die erste Fassung glatt runtergeschrieben
im Flattersatz und mit hüpfendem _E,
dann die zweite Fassung:
die Hälfte des Textes durchgestrichen mit einem fetten blauen Filzstift
und überall handschriftliche Anmerkungen und farbige Korrekturen
im Text.

Ich erinnere mich, dass sie dazu gesagt hat:
"Das sieht jetzt natürlich
schon etwas anders aus."

Jedenfalls: Diese Kinderbuchautorin,
die heute nicht mehr populär ist,
war mit einem Mann verheiratet,
der auch Schriftsteller war
und dieser Mann, der auch Schrifsteller war,
war in den Sechzigern in Österreich sehr populär
als Speerspitze der Konkreten Poesie.

Dieser Mann, der auch Schrifsteller war,
ist kürzlich gestorben und anlässlich seines Todes
war eine Homestory in der Zeitung, von zwei Studenten verfasst,
die ihn gegen Ende seines Lebens besucht haben,
in seiner kleinen Altbauwohnung in Wien
wo er seit vielen Jahren alleine und vergessen
gelebt hatte.

Was er im Zuge dieser Gespräche erzählt,
finde ich ungefähr so interessant wie seine Konkrete Poesie,
also eher mäßig,
aber in dieser Homestory beschreiben die beiden Studenten
unter anderem
dass im Flur seiner Wohnung
eine riesige Pinnwand hing
die völlig leer war
bis auf einen einzigen kleinen Zettel
auf dem nichts stand außer einer Telefonnummer
und darunter: "Im Falle meine Todes
meine Exfrau verständigen."

Keine Ahnung, ob es jemand gemacht hat,
aber irgendwie finde ich das besser
als alles,
was sämtliche der Beteiligten
jemals gesagt oder
geschrieben haben.


J. Witek
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