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Zur Psychologisierung von Nationalismus

Against Nationalism
Against Nationalism

Traurig aber wahr: die Welt ist voll von Nationalist_innen: Zeitungskommentare sind ein einziges Einfordern eines bestimmten Handelns der Regierung zum Wohle der Nation, offene und versteckte Gewalt aus nationalistischer Überzeugung gegen Migrant_innen ist alltäglich, Menschen opfern für die Gründung von Nationalstaaten ihr Leben und bei Sport-Weltmeisterschaften wird die Gelegenheit genutzt, das eigene Zwangskollektiv abzufeiern – und damit die knallharte und zerstörerische Konkurrenz zwischen den Ländern auf dieser Ebene selbstbewusst national-identitär weiterzuführen. Gründe zum Kotzen und Verzweifeln gibt es von daher also mehr als genug – und die Frage, warum so viele Leute mit nationalistischer Einstellung herumlaufen, liegt nahe. In diesem Artikel sollen zwei Antworten, die sich auf die Psychologie richten, kritisiert werden.

Wenn Nationalismus in der demokratischen Öffentlichkeit zur Sprache kommt, liegt meist eine Unterscheidung zu Grunde, die teils auch extra benannt wird. Patriotismus sei die gute, gesunde Parteilichkeit für die eigene Nation, Nationalismus dagegen der schlechte, übersteigerte Fanatismus. Sachlich betrachtet ist diese Gegenüberstellung unbegründet. Tatsächlich macht Patriotismus und Nationalismus inhaltlich dasselbe aus, nämlich das prinzipielle Dafür-Sein für das Kollektiv, dem man angehört, obwohl man es sich nicht ausgesucht hat. Der Unterschied besteht tatsächlich in der Radikalität oder Ausprägung dieses Dafürhaltens. Wie sollte aber dieselbe Grundeinstellung einmal lobenswert und gut, bei stärkerer Ausprägung aber schlecht und verkehrt sein?
Oft wird das begründet damit, dass Patriotismus die Liebe zu den Seinen, Nationalismus der Hass auf die anderen wäre. Da der Unterschied zwischen beiden aber nur ein gradueller ist, gehört schon zum Patriotismus sowohl die Aufwertung der eigenen Nation als auch die Herabsetzung von dem, was nicht dazugehört. Die Herabsetzung und damit die praktische Tätigkeit gegen die Nichtdazugehörigen ist im Patriotismus angelegt. Parteilichkeit für etwas heißt, dass man das davon Abgegrenzte in einem schlechteren Licht sieht.

Dass die Gegenüberstellung von Patriotismus und Nationalismus keine inhaltliche Grundlage hat, sieht man daran, dass nationalistische Taten in der Öffentlichkeit nicht in ihrem politischen Gehalt kritisiert werden, sondern ersatzweise z.B. mit dem Pauschalurteil „Extremismus‟ belegt werden. Einerseits werden die unerwünschten Auswirkungen von Nationalismus erkannt und teils auch benannt (auch wenn Gewalt von Rechts oft nicht oder nicht als solche benannt wird). So war z. B. im Fall des NSU nicht zu leugnen oder totzuschweigen, dass Faschisten Menschen gezielt umgebracht haben. Andererseits wird die politische Motivation an nationalistischen Gewalttaten nicht gesehen. Ihnen wird nicht nur die Rechtmäßigkeit abgesprochen, sondern dass sie durch ihre Gewalt überhaupt einen politischen Willen äußern. Wird dieser aber einmal in seinem Inhalt betrachtet, stellt sich heraus, wie er aus der erwünschten und verbreiteten Bejahung der hiesigen Verhältnisse hervorgeht. Die entgegengesetzte Bewertung von Patriotismus und Nationalismus folgt also nicht einer Untersuchung, was beides ist, sondern resultiert aus dem Interesse, die unerwünschten Resultate von der zu Grunde liegenden Einstellung zu trennen. Diesem Interesse kommt eine Wissenschaft namens Psychologie zur Hilfe.

In der Psychologie ist das wesentliche Grundparadigma, Fühlen, Denken und Handeln nicht als Ausdruck geistig selbständiger Subjekte zu verstehen, sondern als hervorgebracht von äußeren und inneren Faktoren. Psychologie setzt sich zum Ziel, Erleben und Verhalten zu erklären. Dabei geht sie nicht von der freien Willenstätigkeit aus, sondern davon, dass das Erleben und Verhalten gesetzmäßig hervorgebracht sind. Der Anspruch nach Gesetzen wird zwar neuerdings ganz postmodern zurückgenommen, um sich statt dessen mit Korrelationen, also gemeinsamem Auftreten von bestimmten Bedingungen und bestimmtem Verhalten und dazu passenden Modellen zu begnügen. Hinter diesem Erfassen von Korrelationen steht aber weiterhin die Ursache-Wirkungs-Hypothese. Erleben und Verhalten sei nicht Resultat einer geistigen Verarbeitung, in der die Subjekte frei sind, sondern hervorgebracht aus Ursachen. Dazu ein Beispiel: Wenn es in der Psychologie um Motivation geht, dann typischerweise nicht als die bestimmten, begründeten Zielsetzungen, die Individuen verfolgen und die sich aus der jeweiligen Verarbeitung der Welt ergeben. Stattdessen wird davon abgesehen und z.B. in Kategorien wie „intrinsische‟ und „extrinsische‟ Motivation weitergedacht. An solcherart Kategorien wird versucht Regelhaftigkeiten festzustellen. Dabei ist unterstellt, dass die willkürlich bestimmten Kategorien Verhalten schematisch hervorbringen.

Es treffen sich dementsprechend Öffentlichkeit und Psychologie, wenn die praktischen Resultate der nationalistischen Einstellung als missliebig angesehen werden, von den ihnen zu Grunde liegenden Gedanken aber abgesehen werden soll. Praktisch läuft das so, dass Psychologen_innen die Fragestellung unter dem oben genannten Schema aufnehmen, um ihren Beitrag zum „Verständnis‟ dieses leidigen Phänomens beizutragen; die Resultate dieser Forschung werden dann gerne in Büchern und Zeitungen populär aufbereitet wiedergegeben. Dabei ist eine Abstraktion typisch: Bei Gewalttaten von Neofaschist_innn wird die Gewalt genommen und als Äußerung von Aggression behandelt. Dass die Gewalt gezielt gegen bestimmte Menschen ausgeübt wird, ist bei der wissenschaftlichen Behandlung nicht von Interesse. Es wird stattdessen „dem Menschen‟ ein Potential zur Aggression zugeschrieben – und dann entweder gefragt, welche Bedingungen das Potential auslösen oder umgekehrt, wodurch es an der Auslösung gehindert wird.

Dass Menschen zu Gewalt fähig sind, ist offensichtlich – z.B. wenn Staatsagenten Gesetze oder andere staatliche Anliegen per Gewalt durchsetzen(1). Der Rückschluss auf ein angebliches Potential erklärt aber nichts, schließlich macht dieses Potential selbst nichts außer Potential zu sein für das, was erklärt werden soll. Und empirisch gefunden wurde es bisher auch noch nicht (und wird es auch in Zukunft nicht). Im Resultat werden dann immer wieder verschiedene Faktoren postuliert, die das Aggressionspotential zur Äußerung veranlassen: Frustration durch Schule oder Arbeitsmarkt, vernachlässigende Erziehung, mangelnde Emotionsregulation, gestörte Neurotransmitter usw. Solche Pseudo-Erklärungen nennen allenfalls Anlässe und begleitende Umstände, wenn Leute ihre Vorstellungen in die Tat umsetzen. Vor allem ersetzen sie aber in der Öffentlichkeit die tatsächliche Erklärung, aus der hervorgeht, warum Leute bestimmte Menschen als Schaden für die Nation sehen und dass sie deswegen gegen sie vorgehen. Anstatt dieser Frage stellt sich die Psychologie dann tatsächlich eine andere Frage: Welche Umwelt- und Psychofaktoren bringen das unerwünschte Verhalten hervor? Diese Fragestellung impliziert, dass rechte Gewalt eigentlich nicht sein müsste; es handelt sich demnach um eine Abnormität. Dass sie systematisch aus der verbreiteten Geisteshaltung erwächst, ist damit durchgestrichen.

Eine etwas andere Frage als die der demokratischen Öffentlichkeit nach der abweichenden Gewalt wird in der Theorie des autoritären Charakters gestellt und beantwortet.



Psychologisierung von links: Autoritäre Charaktere
Das Ausbleiben der Revolution im Westen nach dem ersten Weltkrieg und die sich radikalisierende Begeisterung für die Nation in völkischen und faschistischen Bewegungen veranlasste in den 1920er Jahren einige linke Psychoanalytiker zu der Frage nach den Gründen für diese beängstigenden Entwicklungen. Dabei waren zwei Überlegungen zentral: Erstens, dass die Lohnabhängigen mit ihrem Eintritt für Nation und Krieg im Resultat Schaden von beidem haben, also mit ihrem Handeln ihren eigenen Schaden hervorbringen. Zweitens, dass sich ein bestimmtes Verständnis des Marxismus in der Realität nicht bestätigt, nämlich die Vorstellung, dass das Proletariat notwendigerweise aus seiner ökonomischen Lage ein Interesse entwickelt, die Verhältnisse umzuwerfen. Aus beidem zogen sie den Schluss, dass es einen „subjektiven Faktor‟ gibt, der die Leute bei Kapitalismus und Vaterland begeistert mitmachen lässt.

Dieser subjektive Faktor sah nun aber nicht so aus, dass die Leute der schlichten wie falschen Überzeugung sind, dass das Vaterland eine tolle Gemeinschaft sei, zu der man qua Natur gehöre und für die zu placken und sterben eine Ehre sei. Aus den zwei genannten Überlegungen folgte für die linken Psychoanalytiker und in der Folge für die Kritische Theorie in Frankfurt, dass es eine bestimmte tiefenpsychologische Disposition für die Befürwortung von vaterländischer Herrschaft geben müsse. Aus der Kritik an einer verkehrten, deterministischen Auffassung von einer angeblichen geschichtlichen Notwendigkeit, nach der das Proletariat zur Revolution strebe, folgt jedoch nicht das Insistieren auf tiefenpsychologisch verborgene Triebkräfte, die die Leute bei der jeweiligen Herrschaft mitmachen lassen. Um den verkehrten Determinismus zu widerlegen, bedarf es nur der Feststellung, dass es letztlich Sache der Leute ist, wie sie sich geistig und dementsprechend praktisch zur Welt stellen. Darin sind die Menschen frei (– was nicht heißt unbeeinflusst). Auch dass Leute objektiv gesehen zu ihrem Schaden handeln, bedeutet nicht, dass ihr Handeln aus unbewussten Triebkräften folgt. Es ist ja nicht so, dass Nationalisten_innen als Arbeiter_innen z.B. ihren Schaden nicht wahrnehmen würden. Das Opfer durch die Arbeit wird ja gerade hochgehalten als Pflichterfüllung für die Gemeinschaft. Wenn Leute Gründe für ihr Handeln haben und in ihnen keine Widersprüchlichkeit sehen, ist der Schluss auf dahinter versteckte unbewusste Gründe aus der Luft gegriffen.

Die Theoretiker_innen des autoritären Charakters interessierten sich aber für die offensichtlichen Gründe, warum die Leute mitmachen, nicht. Sie konstruierten stattdessen ein Passungsverhältnis zwischen Herrschaft und Freud'scher Psychostruktur. Bei dieser Konstruktion wird auf der Seite der nationalstaatlich verfassten Herrschaft von fast allem abgesehen, was sie ausmacht – z.B. ihr Zweck der Reichtums- und damit Machtvermehrung und wie die Bürger_innen darin vorkommen. Auf der Seite der „Untertanen‟ wird dann entsprechend nur das Untertänigsein gesehen und nicht die Vorstellungen, in der sich die Leute auf die bestimmte Herrschaft beziehen und wie sie ihr  Mitmachen begründen. Stattdessen seien sie geleitet von ihren sadistischen und masochistischen Trieben, die ihnen nicht bewusst sind. Die Unterwerfung biete ihrem Masochismus Befriedigung, die Herabsetzung der Schwachen (Frauen, nicht-Arbeitsfähige) ihrem Sadismus.

Der autoritäre Charakter soll dabei nicht eine Karikatur eines typisch-konservativen Nationalisten sein. Dass eine nationalistische Einstellung tatsächlich in den Charakter eingeht, insofern sich Teile des Gefühlslebens wie Wut, Stolz und Scham auf Feinde, Erfolg und Misserfolg der Nation beziehen, ist mit diesem Konzept nicht gemeint. Bei einem solchen Charakter ist das Gefühlsleben nämlich Ausdruck und Folge der verfestigten vaterländischen Einstellung. Das Konzept des autoritären Charakters soll dagegen die Erklärung für das Entstehen ebendieser Einstellung sein. Da ist es so, dass aus angeblichen Trieben und dem Über-Ich die Einstellung folgt. Das muss nicht heißen, dass diese tiefenpsychologische Disposition überzeitlich konstant ist. Fromm & Co. geben sich viel Mühe, sie für ihre Epoche spezifisch zu machen, indem sie sie aus der bürgerlichen Kleinfamilie ableiten. Die Kritische Theorie liefert so eine Entschuldigung für das Mitmachen, denn die herrschenden Verhältnisse bringt deterministisch die zu ihnen passenden Untertanen hervor. Die psychoanalytischen Konzepte, die sie heranzieht, und ihre Verallgemeinerungen über die kleinbürgerliche Familie sind dabei mehr als fraglich.

Die Frage, warum die Welt voll von Nationalist_innen ist, kann man natürlich stellen. Dann kommt man schnell darauf, dass Nationalismus die herrschende Ideologie ist, also an vielen Ecken und Enden explizit und implizit vertreten und vermittelt wird. In der Schule ist z.B. im Sozialkundeunterricht das Wohlergehen Deutschlands das zentrale Kriterium. In den Nachrichten interessieren sich die Moderator_innen beim Flugzeugunglück vor allem für die deutschen Opfer. In der Familie bekommen Kinder mitgeteilt, dass sie sich besser an angeblich lernförderliche deutsche Spielkamerad_innen halten sollen; usw. Entsprechend der Verbreitung dieser staatsbejahenden Einstellung kann es auch schwierig sein, Zweifel an ihr gedanklich zu verfolgen oder gar anzumelden. Oftmals begibt man sich damit in Opposition zum persönlichen Umfeld. Nation zu begreifen als das scheiß Zwangskollektiv, das es objektiv ist, kann bedeuten, sich in dieser Hinsicht gegen Lehrer_innen oder gar Freund_innen zu stellen.

Solche Antworten interessieren in der hochkomplexen Kritischen Theorie zum subjektiven Faktor allerdings nicht. Sie will auf was anderes hinaus: auf Wirkkräfte hinter dem Bewusstsein. Dazu bedient sie sich kaum zu widerlegenden psychoanalytischen Annahmen. Da sie gar nicht Nationalismus selbst zum Thema hat, sondern ein Verhältnis zwischen Psychostruktur und Herrschaft konstruiert, kommt sie auch zu keiner Kritik des Nationalismus. In der Voreingenommenheit ähnelt sie den oben dargestellten psychologischen Erklärungen von rechter Gewalt. Bei diesen steht unbegründet fest, dass Nationalismus (der zur Tat schreitet) nur ein unpolitischer, abnormer Fanatismus sein kann. Beim autoritären Charakter steht unbegründet fest, dass patriotisches Mitmachen keiner bewusst begründeten Einstellung folgen kann. Deswegen wird von ihr auch kein einziges Argument genannt, mit dem Leute, die ihre Nation für eine vortreffliche Gemeinschaft halten, vom Gegenteil zu überzeugen wären. Darin kann man einen Mangel sehen. Der Fehler der Theorie des autoritären Charakters besteht darin, die Menschen nicht als vernunftbegabte Subjekte zu nehmen, die nach ihrem Willen handeln.

Gruppen gegen Kapital und Nation

http://oct3.net

Anmerkung:
(1) Dass das ebenso Gewalt ist, die unter die Aggressionstheorien fallen müsste, darin aber überhaupt nicht vorkommt, verrät die Voreingenommenheit der Psychologen_innen für die hiesigen Verhältnisse. Die Gewalt der staatlichen Ordnung interessiert sie offenbar nicht, obwohl sie ja ebenso unter die Abstraktion „Äußerung von Aggression‟ fällt. Damit zeigt sie, dass es ihr um offiziell erwünschtes Verhalten geht.

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