Empowerment

Empowerment
Empowerment

Mut zum Anderssein, Entschleunigen, Loslassen, neue Wege gehen ist der Spirit. Klar, dass das hier kein gewöhnliches interview ist, sondern die Grundlage des „Kollektiv“s hinterfragt und Empowerment-Prozesse erklärt, die mit Empathie, Kreativität und Kommunikation entwickelt werden. Insofern bietet das „Kollektiv Empowerment“ auch innovatives Potenzial in einer Gemeinschaft, ist demnach weniger produktorientiert, als dass es den Fokus auf integres Denken und Handeln richtet und Werte wie Zusammenhalt, Glaube an die Kraft, Zusammensetzung von Charakter und Wissen aufgreift und Ressourcen optimal managt.

„Empowerment
Furchtlos und Frei
Empowerment
wir bleiben unseren Wurzeln treu
Empowerment
Selbstbestimmt und Frei
Empowerment
Willkommen in unserer Welt“

 

In dem gleichnamigen Song definiert ihr „Empowerment“ mit selbstbestimmt und frei und offenbart eine Verbundenheit mit den Wurzeln, denen ihr treu bleibt, die euch „erden“. Was stellt die Grundlage dar?
    Jogges: Bevor ich mit dem Beantworten deiner Fragen beginne, möchte ich dir zuerst herzlich für die tollen Fragen danken, sie sind nicht von der Stange, sehr hinterfragend und fernab von irgendwelchem oberflächlichem Wortgulasch.
Grundsätzlich handhabe ich es bei unseren Texten so, dass ich Raum zur eigenen Interpretation lasse. Mir ist es wichtig, dass jeder Mensch sich seine eigene „Wahrheit“ aus Texten zieht.
In unserer Welt wird uns zu viel vorgekaut und vorgegaukelt. Lassen uns alles abnehmen von irgendwelchen Apps auf 'm Handy oder den Medien, die für uns denken, lenken und lügen.
Wer übernimmt Verantwortung und geht seinen eigenen Weg fernab irgendwelcher Konventionen, Werte und Normen? I try my best und versuche es Tag für Tag – authentisch und selbstkongruent zu sein(1), mein Ziel, welches ich stets klar vor Augen habe und dabei sicherlich immer wieder scheitere – aufstehe, mich motiviere und von vorne beginne. Mensch sein mit allem Licht und Schatten eben.
An einem Tag scheint die Sonne aus Arsch und Himmel und am nächsten baue ich mir eine Burg aus Decken. Das Leben als ewiger Kreislauf, mal bin ich Narr und dann wieder König.
Meine Texte sind daher authentische Momentaufnahmen. Ich versuche Dinge zu beschreiben die mich zur aktuellen Zeit beschäftigen – oder gar tragende Säulen für mein Leben sind.
Empowerment war einer unserer erster Songs, vielleicht besiegelt er die Marschrichtung in die wir gehen wollten und gehen. Furchtlos und frei von jeglicher Erwartung und den Normen die uns geißeln und einengen. Vielleicht tun wir dies in dem wir „New York Hardcore“ mit deutschen Texten machen die einen gewissen Tiefgang und politischen Anspruch haben?!
Vielleicht tun wir dies indem wir uns Facebook und anderen Sozialenrammelbuden verweigern?! Vielleicht bringen wir einen Oldschool Flava zurück, indem wir entschleunigen und aufzeigen, dass es ohne diese ganzen Marketing tools auch geht?
    Hardcore und Punk hat mich sozialisiert, und ich habe „der Bewegung“ und  allem was dahinter steckt viel zu verdanken. Es hat mich geprägt, gebildet und zu dem gemacht was ich heute bin, hat mir Wurzelwerk gegeben. Meine politische Haltung, ja vielleicht sogar auch meine Berufswahl, habe ich eben diesem „Movement“ zu verdanken. Hardcore ist sicher nicht alles im Leben, aber es ist und war für mich stets die Antithesis zu dieser verfickten Welt da draußen, ein guter Mentor. Question everything, ich vergesse nicht woher ich komme und wer die meinen an meiner Seite sind.
Deshalb bleibe ich diesen Wurzeln treu und sage danke.
Kein Groundhopper – heute hier und morgen dort, sondern „ein Ultra der fest verwurzelt in seiner Kurve steht“.
    Chris: Ausgehend von der Band Empowerment bedeutet für mich der „selbstbestimmt und frei“-Gedanke, dass wir/ich uns von Bauchgefühlen leiten lassen. Vermutlich würden bei der ein oder anderen Sache Hardcore-Image-Berater_innen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sagen „sowas könnt ihr doch nicht machen“. Doch, können wir, und genau darum geht es uns bzw. ist die Grundlage – die Ablehnung von Konformität und Uniformität des Hardcore-Mikrokosmos.    

Ich weiß, dass Empowerment musikalisch das Rad nicht neu erfindet, euphemistisch(2). Zu mir hat mal jemand gesagt dass die Band alles richtig macht, „wenn wir doch nur nicht so scheiß Musik machen würden.“ Fand ich gut und kann ich so unterschreiben, wir sind aufrichtig, und ich denke das wird auch von außen wahrgenommen.

Welche konkreten Handlungen ergeben sich aus diesem „Empowerment-“Gefüge?
    Jogges: Mensch sein, einfach Mensch sein mit allem Licht und Schatten.
Nicht irgendwelchen Ansprüchen und Erwartungen hinterherlaufen und sich am Ende noch darin zu verlaufen oder sich seiner selbst zu schämen.
Immer mehr Menschen knallen durch – Volkskrankheit number One, Depression und burn out. 
Ich erlebe die Welt da draußen als skrupelloses Haifischbecken, wo nur darauf gewartet wird das einer blutet und dann wird zugepackt. Sich Fehler erlauben - eher schwierig.
Perfekte Welt, schön angepasst und uniformiert – im Gleichschritt marsch.
Lasst uns da nicht mitmachen!
Ich verweigere mich und gebe mein Herz für die, die mich umgeben.
Menschlichkeit, Wertschätzung, Verständnis, Wärme und Zusammenhalt.
Hardcore und Punk war immer die Gegenkultur zu diesem ganzen Mainstream, und ich finde, wir dürfen nicht vergessen, woher alles kommt, was der Grundgedanke dahinter war und ist – ganz ohne dabei stillzustehen.
Der Dalai Lama bringt es für mich auf den Punkt:
„Öffne deine Arme für Veränderung aber lass niemals deine Werte gehen“.
Kein Geheimnis – New York Hardcore war mein Mentor. und ich feire die ganzen Bands und alles was sie umgibt bis heute so sehr und fühle den Scheiß so abartig.
Cro-Mags, Bad Brains, Madball, AF, Leeway, Skarhead, Underdog, Gorilla Biscuits.
Das Unmögliche verbinden, ich trag das Herz auf der Zunge und pass mich nicht an.
Einfach Du selbst sein.

Es scheint, als würdet ihr anderen eure Welt erklären wollen...Siehst du dich mit der Band in der Verantwortung, anderen Menschen ihre  Macht- und Hilflosigkeit zu nehmen? Wäre das ein wichtiger Effekt?
    Jogges: Niemals würde ich mir anmaßen, über irgendwelches Leben und Handeln zu richten oder gar jemand bekehren zu wollen. Zu was soll ich ihn bekehren?
Ich bin keine Sekte oder sonst was und zudem, wer bin ich zu richten?
Kein Fußbreit irgendwelchen Faschisten und Rassisten.
Keine Toleranz für Homophobie und Sexismus.
Natürlich hab ich für vieles Verachtung und Hass und versuche in meinem Radius zu handeln, mein Umfeld zu prägen, Alternativen aufzuzeigen und anzubieten – das wichtigste aber, für mich selbst den ganzen shit anders zu handhaben und zu leben.
Große Worte und leere Worthülsen sind Schall und Rauch und nix wert.
Wie viele zeigen schön mit dem Finger auf andere und prangern an.
Solche Menschen verabscheue ich, in unserer Szene gibt es genügend von diesen Vögeln.
Erst mal schön vor der eigenen Türe kehren.
Daher will ich niemand die Welt erklären – i speak my mind und wenn mich jemand fragt, dann gehe ich in Dialog und erkläre meinen Blickwinkel auf die Dinge die um uns rum passieren.
    Chris: Jogges meinte vorhin, dass seine Texte einen gewissen Interpretationsspielraum haben.
Gibt bestimmt Menschen, die das nicht so sehen, die das als stumpfe Kinderreime sehen. Auf der anderen Seite bekommt er viel Feedback, dass Menschen sich in den Texten wiederfinden beziehungsweise sie dadurch einen Denkanstoß bekommen haben. Das Wort „Verantwortung“ find ich in dem Zusammenhang schwierig, es ist verpflichtend, bindend und in gewisser Weise würden wir den Menschen was vorschreiben. Tu dies oder jenes und deine Hilflosigkeit ist vorbei. Das ist doch Quatsch und nicht das was hinter dem Begriff Empowerment steckt. Durch die sokratische Methode Missstände und Sachverhalte aufzeigen, und die Menschen selbst entscheiden lassen was sie daraus machen. Wenn mensch sich darauf einlässt oder durch die Texte sich in irgendeiner Form verändert, dann ist das natürlich ein positiver Effekt.

Jogges
Jogges

Dafür ist Empathie, Kreativität und Kommunikation notwendig. Wie haben sich deine Fähig- und Fertigkeiten aus diesen Bereichen weiterentwickelt und wie nutzt du diese in Bezug auf die Punk/HC-Subkultur?
    Jogges: Früher war ich in vielem unreflektierter.
Wie ich in dem Song 90er besinge „New York und sonst nix“ und es war wirklich so.
Hauptsache Straße, Hauptsache NYHC, tough, rough, wild and dirty. Scheuklappen aus Beton, die mir für vieles den Blick nicht gewährten. Offiziell natürlich immer open minded.
Als Beispiel: „Hau mir ab mit hot water music, solche Jammerlappen“
Maximal im Vorbeigehen hab ich jedoch mal 'nen Ton gehört, abgewunken und hab mich niemals wirklich mit der Band auseinandergesetzt zu der Zeit, aber fleißig Vorurteile geschürt.
Heiß Wasser Musik, so 'ne Scheiße. Schon mit 'nem Lächeln im Gesicht, aber trotzdem  ignorant.
Zu der Zeit habe ich dies wohl so gebraucht und war Teile meines Ichs und mein Weg damit umzugehen bzw. Dingen zu begegnen. Habe meine Zeit gebraucht, um zu reifen und dies ist auch gut so. Vielleicht entstehen unter Druck Diamanten, aber gewiss keine gefestigten Persönlichkeiten.
So ist die HOT WATER-Geschichte ein Synonym für einen Prozess, der in einem Menschen ablaufen kann und der wichtig ist zum persönlichen Reife Prozess.
Lässt sich sicher auch auf eine innere Haltung adaptieren. Wenn ich meinen Geist öffne, bereichert mich dies und zeigt mir neue Wege und Ideen, die mein Leben bereichern.
So ist also Reflexion wichtig, um zu erkennen, wer oder was ich bin und wohin ich möchte und kann.
Empathie meinem Gegenüber – remember „Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“.
Dann und wann hab ich Raum und Zeit dies zu kommunizieren und vielleicht findet es ja jemand schön. Ich danke dir beispielsweise für die Plattform und bin froh über dieses Interview. Froh bin ich auch jetzt. alle Platten von HOT WATER MUSIC zu besitzen, leider nur Nachpressungen, doch dies ist meine Schuld, und auch das nehme ich mit einem Lächeln.
 
Was ist für dich die wichtigste Voraussetzung für das Zustandekommen von Empowerment-Prozessen?
    Jogges: Ich ermächtige mich selbst und sage befähigt und selbstbestimmt, dass wir in der Band stets alles demokratisch und in Rücksichtnahme auf die Wünsche und Bedürfnisse  jedes einzelnen Rücksicht nehmen.
Um ehrlich zu sein gibt es da auch gar nicht soviel Prozess, da wir so lausige Typen sind und einfach alles in der Sekunde aus dem Bauch raus entscheiden.
„Instinkt unser Kompass“ heißt es in einem alten Song, der leider nie das Licht der Welt erblickt hat.
Wir vertrauen drauf und lassen uns bei den meisten Dingen von einem Gefühl, einer gewissen Erfahrung lenken und dabei  versuchen wir stets, dass jeder in seinen Stärken agieren kann und sich im Rudel an seinem Platz wohlfühlt und gut einbringen kann.
Stichwort Ressourcen nützen.
Chris ist Grafiker, es liegt daher auf der Hand, dass er unsere Gestaltungssachen macht und nicht Bonzo, Jan oder ich. Wir würden uns nämlich dabei die Synapsen brechen.
Nur um Mal ein Beispiel zu nennen.

Wichtig wäre es, über die Musik Inhalte zu transportieren, um überhaupt eigene Gestaltungsspielräume/Ressourcen wahrzunehmen. Gelingt euch das als Band?
    Chris: Zu einem gewissen Teil. Songs sind keine Essays die komplette Sachverhalte aufzeigen, analysieren und bis ins kleinste Detail aufdröseln. Songtexte sind verkürzte Texte, mit Metaphorik geschwängerte Textpassagen, mit Versmaß oder auch nicht und demnach, so empfinde ich es, schwer, einen Inhalt in seiner kompletten Wichtigkeit darzulegen. Des Weiteren gibt es ja auch immer eine_n Zuhörer_in welche_r einen Text anders interpretiert. Ich hatte zum Glück seither nie das Gefühl, dass wir missverstanden werden, auch wenn es Leute gibt, die Stuttgart asozial(3)nicht als state of mind verstanden haben, sondern davon ausgegangen sind, dass Stuttgart als Stadt ja so unglaublich asozial sei. Stuttgart ist so asozial wie München, nämlich gar nicht. Ich schweife ab. Auch auf der Bühne hat Jogges bei den Ansagen nur wenig Zeit, zu erklären, um was es im Song geht. Vielleicht sollten wir anfangen wie damals  Infoblätter zu verteilen zu den Songs. Sekundärliteratur.

Im Rahmen der LP-Veröffentlichung „Gegen.Kult“ heißt es im Band-Statement „es ist uns wichtig in den Dialog zu gehen und dadurch die Alternative zu bieten.“ Eine Alternative wovon?
    Jogges: Wir bekommen manchmal von Veranstaltern Anfragen nach einer Bandbiografie oder so einer Scheiße. So etwas gibt es bei uns nicht. No nation, no Infosheet, no Bandinfo, no borders!
Ich antworte meist damit, indem ich sage: „mach dir ein eigenes Bild von uns und zitiere uns so wie wir auf dich wirken oder was wir für dich ausstrahlen und repräsentieren – kannst dich gern nochmal melden und wir gehen in Dialog“.
Kein Bock auf vorgekaute Scheiße und codierten  Bullshit vom Fließband.
Zudem sind doch solche „Infos“ meist mega uninteressant und führen zu nix. Selbstbeweihräuchernde Masturbation.
So war es natürlich auch zur Veröffentlichung von „Gegen.Kult“.
Für uns ist es eine Alternative, wenn wir aufzeigen, dass es auch anders geht.
Ganz ohne Vorkoster in den sauren Apfel beißen.
Nicht auf Facebook, nicht auf bandcamp, nicht auf allen anderen Rammelbuden dieser Erde und nicht jeden Freitag geht der Newsletter raus.
ABER, wer bin ich – wer sind wir- zu richten, jeder Mensch und jede Band soll es für sich so gestalten wie er-sie-es möchte und es auch so leben.
Ich persönlich kritisiere diesen „höher-schneller-weiter Lebensstil“ und chill mein fuckin Leben. Für mich ist zu viel Plastik in unserer Szene und zu wenig Punk.
Zu viele brave Schafe, die der Herde folgen und zu wenig Steppenwölfe und Stadtfalken.
„Screaming for change“ steht auf meinem Arm und INSTED haben gesungen „you and me – we make the difference“. Diesem Rat folge ich und hinterlasse meine Spuren in dieser Welt.
Klar dreht sich das Leben weiter und Dinge ändern sich. Wenn wir stehen bleiben und in Pseudonostalgie verfallen, sind wir die Ewiggestrigen und kein Deut besser als die, die wir kritisieren. Das werde ich auf keinen Fall sein, aber dennoch finde ich es wichtig, inne zu halten und zu hinterfragen. Das eigene Leben, die Gesellschaft und natürlich auch „unsere Szene“.

Ihr wollt möglichst asozial sein und es „anders“ machen. Tatsächlich greift ihr den typischen New-York-Hardcore-Sound auf, der auch im Ruf steht, gewalttätig, sexistisch und teilweise auch rassistisch zu sein, hegemoniale Männlichkeit propagiert.
    Chris: Als wir Empowerment gegründet haben war es nicht so, dass wir zusammen an einem Tisch saßen und uns überlegt haben wie wir klingen wollen. Klar, Jogges’ Stimme ist natürlich prägend und seine Einflüsse hat er ja schon genannt. Ich  höre kein New-York-Hardcore In meiner alltime-favorite bands ist keine einzige New York Hardcore Band, und die Songs, die ich bisher für Empowerment geschrieben habe, klingen für mich nicht danach. Cro Mags – homophob, Skarhead – sexistisch, AF – patriotisch und vermutlich alle tief heterosexistisch mit ausgeprägtem Bild des Patriarchats. Ich bekomme Kopfschmerzen vom Augenrollen. Wir sind nicht aus New York. Wir propagieren genau das Gegenteil, auch wenn uns hin und wieder vorgeworfen wird, dass wir prollig sind. Vom Sound mag ich das nachvollziehen können, aber auf und neben der Bühne verzichten wir auf das typische Männlichkeitsgebahren, Gorilla-Verhalten, weil wir als Menschen das auch einfach nicht sind.

Um eine autonome Lebensgestaltung zu erreichen, ist Motivation wichtig. Welche Prioritäten setzt du dir, um nicht selbst in eine Krise zu geraten?
    Jogges: Ich finde es absolut nicht verwerflich, dann und wann in Krisen zu stecken und zu straucheln.
Gerade in diesen Tagen sehe ich viele „scheitern“ und stolpern.
Da stellt sich mir die Frage an was liegt es? Ich persönlich bin der Überzeugung, dass in unserer Gesellschaft der Druck auf den Einzelnen enorm steigt. Leistung und Perfektion zählt.
Eine Armee Einzelkämpfer die sich bücken, nach oben kriechen und nach unten treten, sich mit Ellenbogen den Weg durch die Menge bahnen und dabei menschliche Wärme total vernachlässigen. Wann sagt dir mal jemand ein nettes Wort und wertschätzt dein Handeln und dein Sein? Kritisiert, gehackt und gemobbt wird hingegen liebend gern. Es zählt das Haben, nicht das Sein. Schön auf die Schwächen der anderen, damit meine eigene Behinderung nicht auffällt.
Erst gestern habe ich von einem alten Freund eine Nachricht bekommen, dass er seit einer Weile krankgeschrieben ist und sich seinen Dämonen stellen muss.
Viel Kraft hab ich ihm gewünscht und sagte ihm, dass er vielen Menschen was voraus hat, da er sich nämlich seinen Ängsten, Schwächen, Dämonen und Sorgen stellt.
In einem neuen Song von uns, der sich Amdusias nennt, geht es im Grunde um dieses Thema.
Was ich im täglichen Sein beobachte ist, der Mensch stellt sich mit Profilneurotischem Stolz seinen Stärken, aber die Schwächen werden völlig negiert.
Um ganz zu sein, unteilbar bei mir selbst zu sein, muss ich jedoch Stärken und Schwächen gleichermaßen annehmen. Licht und Schatten, Tag und Nacht, Sonne und Mond. Dies bewahrt mich vor Krisen. Ich reflektiere mich und versuche zu verstehen.
Wenn ich scheitere, dann schaue ich in den Spiegel, schenke mir selbst ein lächeln und sag
„Malakka, auch dies ist ein Teil von dir und das ist gut so.“

Wie erlangst du im Alltag Selbstkompetenz, wie managt du deine persönliche Ressourcen optimal?
    Chris: Ich arbeite in der Werbung, was demnach einen großen Teil meines Alltags ausmacht. Durch eine flache Hierarchie ist es mir dadurch möglich, selbstentscheidend zu handeln. Außerhalb davon bin ich natürlich immer selbst für mein Leben verantwortlich. Ich bin straight edge, um mich nicht in Verlegenheit zu bringen, mich vor Entscheidungen zu drücken oder vernebelt Entscheidungen treffen, deren Konsequenzen ich in dem Moment nicht abschätzen kann. Etwas weiter ausgeholt – macht mensch einen Schnitt durch die typischen Berufe von Menschen im Hardcore Punk Bereich, so kommt eine relativ ausgewogene Masse an Kreativberufen und Sozialberufen raus. Woran liegt das? Ich denke, dass hier die Möglichkeit auf Freiheit und persönlicher Handlungsspielraum am größten ist. Durch die Ablehnung von sämtlichen Herrschaftsformen prägt eine_n diese Subkultur, ganz bewusst, sein Leben so zu gestalten, um sich einen möglichst großen Handlungsspielraum auf allen Ebenen zu erarbeiten.

Wie sind diese Fähigkeiten im Punk/HC-Subkultur erfolgreich anwendbar und welche Möglichkeiten ergeben sich „für die Szene“?
    Jogges: Ich arbeite mit Menschen mit geistiger Behinderung und wir machen zusammen Kunst  – funky punky Art und so(4).
Hier versuche ich sehr wohl den Punk und D.I.Y. Gedanken einfließen zu lassen, der mich geprägt hat, und dies gebe ich an die Klienten weiter. Selbstbestimmtes Leben und so.
Bin froh, mich nicht verstellen zu müssen, sondern ganz ich zu sein, ganz Punk, ganz Freigeist, ganz demaskiert.
Arbeit als Kunst – Kunst als Arbeit.
Aus alten Obstkisten bauen wir Rahmen und Möbel und erschaffen kleine Kunstobjekte, die wir dann verkaufen oder auch verschenken. Da zählt nicht der Profit, sondern das Sein.
Also kein blinder Konsum, sondern das optimale Nutzen der Ressourcen, die uns umgeben.
Dies fördert die Kreativität, die Freiheit und das Bewusstsein ungemein.
Wir machen uns die Welt wie sie gefällt und verwirklichen uns selbst.
Ein Riesen Geschenk und die oberste Stufe der Maslowschen Bedürfnispyramide(5).
Haben wir den gejagten da draußen etwa was voraus? Um was geht’s im Leben? Ums Haben oder ums Sein?
Meine Sozialisation fließt also in meine Arbeit ein und irgendwie fließt meine Arbeit auch in die Band ein.
Für die Releaseshow Edition von der „Gegen.kult“ haben wir beispielsweise Rahmen gebaut, die wir dann ganz limitiert verkauft haben. 23 Stück gab es.
Jeder partizipiert und unterm Strich ist dies ja ein ganz kollektiver und einheitlicher Gedanke.

Weil sich innovatives Potenzial in einer Gemeinschaft verstärkt, lohnt es sich schon allein deshalb, ein Gefühl für seine Mitmenschen zu entwickeln. In eurem Song „Kollektiv“ sind Werte wie Zusammenhalt, Glaube an die Kraft Zusammensetzung von Charakter und Wissen, erfolgreich zu sein. Wie tief sind diese Werte in dir verankert und warum lohnt es sich, diese in das eigene Handeln zu integrieren?
    Jogges: Mir ist so was wie Unity, Freundschaft und Zusammenhalt sehr, sehr wichtig in meinem Leben, und ich bin bedingungslos für die meinen da. Wie heißt es so schön, einen einzelnen Finger kannst du leicht brechen, aber eine geballte Faust nicht. Wenn ich gebe, dann gebe ich von ganzen Herzen und denke dabei nicht dran, ob es sich lohnt oder ob ich gar was zurückbekomme.
Schon von Kindesbeinen an, waren die Jungs draußen auf dem Bolzplatz die zweite Familie.
Jeder aus seinem System, jeder mit seinen Sorgen, seinen Nöten und Ängsten - jeder mit seinem eigenen Lächeln auch ohne Markentreter.
Es hat niemand geschert woher du kommst, was du bist oder nicht bist – wir waren ein Team und hatten nur eins im Kopp – Fußball. Türkische Jungs, Jugos, Pustakartoffeln und Krauts. Wir haben einfach jede freie Minute auf dem Hartplatz gezockt und konnten uns blind aufeinander verlassen, wir haben uns vertraut und jeden genauso sein lassen wie er war, ohne auf Herkunft oder Hautfarbe zu schauen. Sozialisation – Assimilation.
Der Bolzplatz wurde zum Pit, stagedives and highfives.
Der Pit wurde zur Bühne und meine Sozialisation zu meinen Texten.
Etwas vom kindlichen Vertrauen und frei sein wünsche ich vielen meiner Mitmenschen und sage nicht zuletzt, deshalb bewahrt euch stets ein Stück Kind im Herzen und lasst es raus.
Die ganzen materiellen Bürden, die uns als Erwachsene auferlegt werden, hindern uns nur auf dem Weg Richtung Freiheit. Es gibt ein wunderschönes Gedicht von Beuys, welches den Rahmen sprengen würde, es hier reinzuhauen, aber ich zitiere frei ein paar Zeilen:
„werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit“.
„schaukle nachts bei Mondschein so hoch zu kannst“
„Freue dich auf Träume“
„Unterhalte das Kind in dir – du bist unschuldig“
„Baue eine Burg aus decken - werde Nass – umarme Bäume“
Diese Zeilen stehen für sich und jegliches Wort würde nur töten.

Ein Produkt von Empowerment ist sicherlich auch Anti Fascist Rock Action, die für für ein selbstbestimmtes Leben und gegen Ausgrenzung kämpft. Hier steht Empowerment für eine professionelle Praxis, die bereit sein muss, sich auf Prozesse der Konsultation und Zusammenarbeit, eines gemeinsamen Suchens und Entwickelns von Lösungswegen, einzulassen. Wie ist deine Wahrnehmung zu diesem Modell?
    Jogges: Ich sage, dass antifaschistisches Denken und Handeln ganz selbstverständlich in unserem täglichen Leben verankert sein sollte.
Ich erlebe jedoch, dass viele Menschen, auch in unserer „Szene“, ganz schön viele Barrieren im Kopf haben, verbohrt, intolerant und  ignorant sind.
Solange „Boah du Schwuchtel“ oder „Oh, ist das behindert“ in unseren Köpfen schwirrt und unsere Lippen verlässt ist gar nichts frei und gemeinsam, sondern ausgegrenzt und gefangen.
Jeder einzelne Mensch muss Verantwortung für sein Denken und Handeln sowie für die Wahl seiner Worte übernehmen.
Gegen Nazis ist hoffentlich jeder, aber wo ist beispielsweise meine Solidarität gegenüber Flüchtlingen? Wie positioniere ich mich, wenn neben mir eine Familie einzieht, die in ihrer Heimat politisch verfolgt wurde?
Wie begegne ich meinem homosexuellen Kollegen?
Warum horte ich Kapital? Wie gierig und geizig bin ich?
Stelle ich mich vor Schwache, wenn sie auf der Straße attackiert oder beleidigt werden?
Lache ich über jemand, der den Fuß nachzieht und nen Buckel hat?
Das weiche Kätzchen aufm Schoß - „Hab dich so lieb“ -  mit dem Hund Gassi und voller Liebe,  aber Kuh und Schwein aufm Teller. Mahlzeit!
Wo positioniert sich jeder einzelne? Wo bin ich Richter und wo Kläger?
Ich will damit sagen, dass bloßer Antifaschismus alleine die Welt nicht zu einem besseren Ort macht, sondern lediglich ein Grundstein ist.
Da ist soviel mehr wo jeder einzelne für sich hinschauen sollte und Brücken bauen sollte oder Barrieren abreißen sollte.
Who am i to judge, aber mir geht die Selbstgerechtigkeit mancher Leute mega auf den Sack.Ich scheiß auf die Bibel, aber ein guter Satz steht drin – „an ihren Taten werdet ihr sie erkennen“.

Gibt es neben AFRA weitere Strukturen, die du unter dem Schlüsselbegriff „Empowerment“ mitgestaltest oder unterstützt?
    Jogges: Ich bin ja wie gesagt Gruppenleiter in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung und begleite dort jeden Tag knapp zwanzig Menschen in einem KreativAtelier.
Ein Freund von mir kam mal rein zu uns und meinte:
„Boah geil, bei euch ist es irgendwie wie in nem squat“.
Das fand ich ein schönes Kompliment, weil es mir irgendwie zeigt, dass die Freiheit, die wir leben, zu spüren ist und unsere bunte Vielfalt fasziniert und die Besucher verzaubert.
 Ich versuche die Klienten, die mich jeden Tag umgeben, in die „Freiheit“ zu begleiten und ihnen nicht jede Entscheidung abzunehmen bzw. die Kastanien aus dem Feuer zu holen.
Sie einfach mal ausprobieren lassen, sie mit ihren Stärken und Schwächen zu konfrontieren, aber dabei stets die Stärken pushen. Das Glas ist halb voll nicht halb leer. Mit Kunst etwas zu erschaffen ist daher ein super Medium, denn wir wissen von Beuys: „Jeder ist ein Künstler“.
PMA(6) und selbstbestimmtes Leben für alle.
Gerade bei Menschen, die in irgendeiner Weise Hilfe benötigen, ist oftmals so ein allwissender Erzieher oder Amtsschimmel im Hintergrund, der alles besser weiß und besonders gut im Richten, urteilen, verziehen und Zeigefinger heben ist.
Auch da mach ich auf keinen Fall mit und versuche stets es anders zu leben und Begleiter auf Augenhöhe zu sein. Menschen zu ermächtigen „Anwalt in eigener Sache zu sein“ ist hierbei mein Ziel.
Nix brav und im Gleichschritt marsch, sondern, bunt, wild, frei, authentisch, crazy und ab der Norm. Lass dir nicht alles gefallen, hinterfrag und folge deinen eigenen Bedürfnissen.
So bin ich wie gesagt jeden Tag 24 Stunden ganz und verstelle mich nicht.
Unteilbar bei mir, demaskiert, vegetarisch, durstig, frei - Punk
Empowerment – furchtlos und frei.

Anmerkungen:
(1) Zu einer gereiften Persönlichkeit gehört, dass sie Absichten und Zeile bildet, mit denen sie sich identifizieren kann und die mit ihren eigenen Bedürfnissen und Werten, aber auch mit denen aus ihrer sozialen Umgebung abgeglichen sind. Das ist gemeint, wenn wir sagen wir seien authentisch und selbstkongruent.
(2) beschönigende Umschreibung oder verniedlichendes Wort für etwas Unangenehmes
(3) http://deutschpunk.blogspot.de/2010/02/texte.html
(4) kreativer-dialog.blogspot.com
(5) Die „Maslowsche Bedürfnispyramide“ ist ein Modell zur Beschreibung der Motivationen von Menschen:http://www.pflegewiki.de/wiki/Bed%C3%BCrfnispyramide_nach_Maslow
(6) Positive Mental Attitude

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Kommentare: 1
  • #1

    bla (Dienstag, 16 September 2014 12:35)

    richtig gutes interview - spannende fragen und ebenso spannend zu lesen