PASCOW - Punk in der Merkel-Jugend

Fotocredit: Christoph Lampe
Fotocredit: Christoph Lampe

Früher war alles anders. Da wollten PASCOW noch nach Norden trampen und die Häuser der Reichen stürmen. Zwischendurch sind all ihre Freude nach Hamburg gezogen, aber Alex, Ollo, Sven und Flo verweilen immer noch im Saarland und basteln Geschichten, die einer schrieb, die wie aus Nixon Discopistole geschossen kommen und immerhin noch ganz schön treffsicher sind. Seit 1998 ist eine Menge passiert.Trotzdem sind sie irgendwie angekommen und die Koffer stehen nicht mehr so oft vor der Haustür. Doch wenn die Wäsche gemacht und die Liebsten versorgt sind, dann kribbelt es in den Fingern und die Zeit ist wieder reif, sein Revier zu markieren. Im Februar 2014 erschien das aktuelle Album "Diene der Party", zusammen mit einem 80-seitigen Buch. Und da war sie wieder. Die Absicht, nach Norden zu trampen. Am 31.10.2014 spielten PASCOW zusammen mit DISCO//OSLO und THE BABOON SHOW im Lagerhaus, Bremen. Eine passende Gelegenheit, die Band nach ihrem schweißtreibenden ausverkauften Konzert u.a. nach einem Dark-Future-Revival und einer Deutsch-Punk-Revolte zu befragen und was der Reiz an Punk noch ausmacht...

Trampen nach Norden. Nun ist das Meer nicht mehr weit weg. Und morgen seid ihr in Hamburg. Seid ihr endlich am Ziel eurer Träume angekommen?
Sven: Wir sind mit der Band angefangen und wollten nur unsere Musik spielen. Was aber jetzt gerade passiert und auf den letzten Konzerten passiert ist, ist schon jenseits dessen, was wir uns jemals erträumt haben. Wir sind schon jenseits von Allem!
Was wir uns erhofft haben, ist schon eingetreten. Und was jetzt noch kommt ist ein Bonus!
Alex: Wir hatten zu Anfang einen schlechten Start, haben keine Leute gefunden, die mit uns Musik machen wollten. Wir hatten einen Bassisten, ansonsten wollte keiner, die wir gefragt haben, mitmachen. Unsere Erwartungen waren sozusagen tief im Keller. Von daher sind wir selbst immer wieder überrascht, was uns an Emotionen und Feedbacks entgegenkommt.

Apropos Träume. Wenn ihr auf die Anfangszeit der Band zurückblickt. Was hattet ihr für Ziele und Pläne? Welche davon sind realisiert und erreicht worden?
Sven: Ein Ziel war immer, eigene Musik zu machen und zu kreieren, die wir gut finden und damit unterwegs zu sein.

...und herauskommen aus Gimbweiler.
Sven: Wir spielen eher selten im Saarland. Das kommt alle Jahre mal vor. Das machen wir auch nicht sooo gerne. Wir sind lieber weit weg von zu Hause.

Ich kenne das von Bands auch eher so, dass diese auswärts spielen wollen, um zu gucken wie ist die Resonanz ohne Heimvorteil.
Alex: Wir haben am Anfang überall gespielt wo im Saarland eine Steckdose war. Den Leuten hat unsere Musik auch gefallen. Aber wenn sie unsere Songs 6, 7 Mal gehört haben, kann es auch schnell Routine oder langweilig werden, weil es nichts Neues mehr ist.

Und heute? Hobbyband und Musik für die Generation Smartphone. Wo ist das "Ungeheuer, das alles abbrennt"?
Alex: Ich bin immer noch aufgeregt vor einem Konzert. Die Leidenschaft ist immer noch da, aber nicht Routine. Und wenn, dann ist es ein Scheiß-Konzert.
Sven: Wenn's mal Routine werden würde, dann sollten wir aufhören! Bei uns ist es immer noch ein Abenteuer und in der Band steckt unser Herzblut drin und es macht einfach Spaß. Erfolg war nie die Antriebsfeder von der Band. Das Ziel war immer, uns selbst glücklich zu machen. Und das haben wir nie abhängig vom Erfolg gemacht(überlegt). Was immer auch Erfolg bedeutet...

Alex, du machst ja mit deinem Bruder, Ollo, Musik in einer Band. Ist das ein anderer Umgang gegenüber Sven und Flo?
Alex: Es ist ja nicht so selten, das Geschwister in einer Band zusammen Musik machen. Wenn einem was nicht passt, dann sagt man das. Wir zanken auch ziemlich oft.
Sven: Das gute, wenn Geschwisterpaare in einer Band sind, ist, dass, egal wie wild gezankt wird, kommen die auch wieder zusammen. Es wird nie so sein, dass es keinen Konsens mehr gibt.

So soll das sein. Ihr  habt im vergangenen Sommer als Gäste der Ärzte und der Toten Hosen vor tausenden Zuschauer*innen gespielt. Ist Pascow im Mainstream angekommen?
Alex: Deswegen haben wir das nicht gemacht. Wir wurden von den Bands ja eingeladen, wie das bei ihnen auch üblich ist, dass die Bands, die sie selber gut finden, einladen, sie auf ihrer Tour zu begleiten. Wäre das vom Veranstalter gekommen, hätten wir das nicht gemacht. Das haben wir mal vor 7, 8 Jahren gemacht, als wir vom Veranstalter gefragt wurden, den Support für DIE ÄRZTE zu machen. Diese Mal war das anders, da haben uns die Bands gefragt und klar, da fühlten wir uns auch geehrt.

Haben die alle Platten von euch?
Alex: Ja, klar, sonst würden die da nicht machen (lacht).

Es gab ja Bands wie MUFF POTTER, BOXHAMSTERS, die sich vom typischen Deutsch-Punk abgenabelt haben. Auch heute gibt es sehr viele Bands, die intelligenten differenzierten Punk spielen...LOVE A, KMPSPRT, KAPUT KRAUTS...
Alex: ...und DISCO//OSLO, unsere "Söhne", die neue Generation.
Sven: Aus denen wird noch wat.

Alex, du hast dich in einem Interview geäußert: "Bands sind ja keine Politiker. Man äußert sich, lässt aber immer noch eine Hintertür, um abzuhauen, wenn es eng wird." Warum denkst du, kann ein Song die Welt nicht verändern?
Alex: Hm, dass habe ich wahrscheinlich mal vor der neuen Platte gesagt. Diese Einstellung habe ich mit der neuen Platte geändert. Die Hintertür haben wir dieses Mal zugemacht, um nicht mehr abhauen zu können.
Ich fand das ein paar Jahre interessant, Songs zu schreiben, die nicht greifbar sind, Interpretationsspielräume zulassen. Das hatte auch seinen Charme, aber jetzt bin ich damit definitiv durch, deswegen ist die neue Platte auch inhaltlich "greifbarer". Und wir werden textlich auch weiter in diese Richtung gehen. Defintitiv. Es ist auch viel schwerer, einen klaren guten Text zu schreiben, als einen verschachtelten. Du kannst ein paar starke Worte aneinanderreihen, die verstehst du nicht so wirklich, klingen aber gut. Wenn du einen einfachen Text schreibst, auf den man "festgenagelt" werden kann, dann überlegst du schon genau, was du schreibst, weil du weißt, man versteht den Text.
Sven: Wie man viel reden kann, nix sagen kann, ist das rhetorische Handwerker eines jeden Politikers...
 
Wo wir wieder in der Politik wären. Heute waren ja auch viele KonzertbesucherInnen in den vordersten Reihen, die "Alerta Antfascista" skandiert haben...
Alex: Ja, das hat viel mit dem Song "Lettre noir" zu tun.
Der Song thematisiert und kritisiert ja den neuen Patriotismus, das Deutschtum und das haben wir dann schon öfter erlebt, dass die Leute "Nazis raus" rufen.

v. li.: Fred, Alex, Sven
v. li.: Fred, Alex, Sven

Der Name der Band stammt aus Stephen Kings Roman Friedhof der Kuscheltiere, in dem ein „Victor Pascow“ vorkommt. Ist der einzig übrig gebliebene Bezug zum Horror und Tod die Farbe schwarz und der Rabe? Diese deutliche Annäherung ist erst mit der aktuellen Platte "Diene der Party" deutlich zu erkennen...
Ollo(ist mittlerweile dazugestoßen): Am Anfang hatten wir bereits Horror-Referenzen. Da waren wir 18, haben viel MISFITS gehört und 3 Akkorde gespielt, gepaart mit düsteren Themen. Aber PASCOW als Bandname hatte Alex schon im Kopf, als wir in den 90er Jahren so Crossover gespielt haben. Da waren wir 15 oder 16. Und Alex hat irgendwann zu mir gesagt...
Black Metal oder PUNK!
Alex: Hahahaha, ja, wenn wir noch mal eine Band gründen, dann nennen wir die PASCOW.
Ollo: Alex konnte einen Akkord spielen und den hoch und runter schieben. Das reichte(lacht).

Ich habe mir gestern noch mal eure frühen Songs angehört und dachte 'Hui, das rumpelt ganz schön, dass ist ja klassischer Deutsch-Punk'.
Ollo: Wenn du vorher unser Tape gehört hättest, dann rumpelt es noch mehr und ist überhaupt kein Deutsch-Punk...

Noch mal zurück zum "Horror". Ich finde schon, dass ihr euch mit der neuen Platte ein Image zugelegt habt.
Sven: Das war aber keine Absicht.
Komm, ihr habt euch alle schwarz gekleidet...
Sven: Ja, aber um auf der Bühne eine Einheit darzustellen.
Und dann ist da der Rabe als Covermotiv...
Ollo: Ich würde sagen, wir nähern uns der Vergänglichkeit an...

Oder der Unsterblichkeit! Hat sich Pascow eingerichtet zwischen Dark-Future-Revival und Deutsch-Punk-Revolte? Im 40-Sekunden-Punkrock-Destillat schreist du, Alex, mit der Wut der Verzweiflung raus. Die Party mag vorbei sein. Aber der Kampf hat gerade erst angefangen oder eher umgekehrt?
Sven: Der 1. Song auf der neuen Platte heißt ja "Die Realität ist schuld, dass ich so bin". Das ist schon ein guter Hinweis. Mit den Jahren hat jeder von uns immer mehr Verantwortung übernehmen müssen. Wenn du jung bist und keine Verpflichtung hast, dann kannst du dir groß "Party" auf die Fahne schreiben. Aber mit der Zeit merkst du, dass das Leben nicht so einfach ist wie du dir das vorgestellt hast und die Ideale, die man im Kopf hatte, nicht immer im Einklang mit dem eigenen Leben zu bringen. Das ganze Leben ist ein Kampf...
Ollo: Mit zunehmenden Alter weißt du ganz genau, was du nicht willst. Es gibt ja Sachen, die auf eine bestimmte Art und Weise machen musst, aber es gibt ganz klare Grenzen wie weit du gehen willst. Du kannst, deine Ablehnung deutlicher formulieren und was du in deinem Leben ausklammern willst.

Mit zunehmenden Alter und dem Bandbestehen verändert sich auch die Sichtweise, was du mit Punk verbindest. Was reizt dich an Punk überhaupt noch?
Ollo: Weniger die Kleidung, als die Lebenseinstellung. Es gibt ja eine ausgeprägte Konsumentenmacht. Also, dass jeder für sich entscheiden kann, wo kauft er ein, was kauft er ein. Wo früher die Rebellion nach Außen getragen war, ist es heute das klare Statement im eigenen Leben. Und ein verändertes Bewusstsein. Also...ich kaufe lieber regionale Produkte auf dem Markt, als zum Discounter zu rennen. Es ist keine Frage des Geschmacks, sondern der Qualität.
Sven: Das ist auch die Macht, die die Gesellschaft hat, aber oft nicht nutzt. Im Internet einkaufen, anstelle die Hersteller vor Ort zu unterstützen. Bewusst konsumieren und bewusst leben! Diese Haltung wird oft nicht genutzt oder ignoriert! Es wird oft darüber gejammert, dass die Löhne nicht hoch genug sind...
Alex (ergänzt): ...aber alles soll trotzdem billig bleiben.

Die Verse könnte man in der Nähe von Gottfried Benn verorten. Dazwischen schwerer Rotwein, stille Reflexion. Molltöne, Bourgeoisie und Alltag. Zu welchen Gelegenheiten sollte PASCOW denn serviert werden?
Ollo: Der beste Zeitpunkt, eine PASCOW-Platte zu hören, ist der, nachdem dich deine Freundin verlassen hat.
Sven: Wenn du 30+ bist und die neue Platte hörst, wirst du dich in jedem Lied und Text wiederfinden. Das ist mir selbst so gegangenen, nachdem ich unsere eigene Platte gehört habe, das vieles von dem, was du da hörst, denkst, es geht um dich selbst.
Alex: Echt, dass hast du in diesem Moment für dich entdeckt?

Das spricht ja auch für die Band, für den Textschreiber, dass du, je öfter du die Platte hörst, immer wieder was "rausziehen" kannst.
Sven: Wir sind ja keine 20 mehr...
Ollo: Zumal viele Texte auch persönlicher sind, als man von Außen denken würde. Als ich Texte von Alex gelesen habe, war mir relativ klar, auf welche Situation, auf welchen Lebensabschnitt er sich da bezieht. Wir legen immer wert auf Authentizität und nicht von etwas singen, wovon wir keine Ahnung haben. Es gibt Songs gegen Nazis, da kann jeder was mit anfangen, aber bei uns gibt es viele, versteckte persönliche Dinge oder Anspielungen.

Da werde ich mal auf Entdeckungstour gehen. Danke für's Gespräch.

http://pascow.org/

Diene der Party:
Review
LP/CD

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