LOTTA #57

LOTTA #57
LOTTA #57

LOTTA #57
68 DIN-A-4-Seiten; € 3,50.-
Lotta, Am Förderturm 27, 46049 Oberhausen
lotta-magazin.de
Die aktuelle "antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen" thematisiert den organisierten Antifeminismus. Allianzen aus konservativen Lagern, bürgerlichem Milieu, christlich-fundamentalistischen Gruppen und der extremen Rechten machen im Netz und auf der Straße Mobil gegen "Genderismus", "Frühsexualisierung" und "Väterrechte". Juliane Lang untersucht Geschlechterverhältnisse in der "Volksgemeinschaft", Polemik gegen "Gender" innerhalb der NPD und erkennt einen seit etwa 1 1/2 Jahren größer werdenden Populismus gegen die Vielfalt geschlechtlicher Lebensweisen, beschreibt antifeministische Allianzen und heterogene Bündnisse gegen diese reaktionäre Vorstellungen/Forderungen.

Hieran hätte dem Schwerpunkt gut getan, diese breiten Bündnisse ausführlich vorzustellen, denn die Proteste gegen die "1000-Kreuze-Märsche" spiegeln wider, wie mensch erfolgreich feministische Inhalte auf die Straße tragen kann.
Paula Stern durchleuchtet "geschlechterpolitische Standpunkte der AfD". Familienpolitisch sehen die Mitglieder der AfD die traditionelle Familie bedroht. Verantwortlich dafür machen sie unter anderem die „Homolobby“, die das mediale Interesse derart auf sich ziehe, so dass die relevanten Probleme in den Hintergrund träten. Geschlechterpolitisch stellen sich die Mitglieder der AfD gegen jede Form von aktiver Gleichstellungspolitik beziehungsweise lehnen grundsätzlich die Thematisierung von Geschlechterfragen ab – beides wird von der Partei als "Genderismus" abqualifiziert(1).
Hinrich Rosenbrock beschreibt Argumentationsmuster des organisierten Antifeminismus. Auch im Mainstream gibt es Ängste über Benachteiligungen von Jungen an Schulen, Sorge über Verluste der Männlichkeit, die einhergehen mit Bedrohungssituationen. Ein neues Phänomen sind die als antifeministisch und mindestens latent homophob einzuschätzenden Demonstrationen gegen den Bildungsplan 2015 in Stuttgart. Besorgte Eltern, christliche FundamentalistInnen und die extreme Rechte schließen sich auf der Straße zusammen, um gegen Sexualerziehung an Grund-Schulen und einen Bildungsplan in Baden-Württemberg (Verankerung der Akzeptanz sexueller Vielfalt) zu kämpfen.
Bernard Schmidt analysiert die Proteste in Frankreich gegen die Homosexuellenehe und wie bspw. die Front National mit diesem Gesetz umgeht, und dass insbesondere kleinere extrem rechte Orgas von den Massenprotesten profitieren konnten.
Gesamteindruck: Neokonservative sehen die deutsche Familie und den deutschen Staat in Gefahr, weil Mütter und Ehefrauen Heim und Herd verlassen. Der heutige Antifeminismus in Deutschland ist gut organisiert und gut vernetzt und mit einer publizistischen Offensive nicht gekannten Ausmaßes verknüpft. In der Diskussion um den Kachelmann-Prozess wurden bspw. Geschlechterbilder verwendet, die von einem neuen Antifeminismus geprägt sind. Dies geschiaht überwiegend in den Diskussionsforen von „Spiegel Online“, „Zeit Online“ und „Focus Online“, wo Aktivistinnen und Aktivisten gezielt intervenierten. In alarmistischen Tönen wiesen sie auf die Bedrohung „der Männer“ hin. Das antifeministische Wissenschaftsverständnis selbst ist überwiegend instrumentell und rein parteilich. Die Auseinandersetzung mit der Geschlechterforschung findet dagegen – jenseits der Forderung, sie sei ideologisch und sofort abzuschaffen – in der Regel nicht statt. Was im Schwerpunkt fehlt, ist eine ausführliche Analyse zur antifeministischen Männerbewegung. Antifeministische Männer und Frauen melden sich lautstark in der Öffentlichkeit, besonders im Internet. Sie beklagen, vor allem Männer seien heute benachteiligt. Jeder Gleichstellungspolitik, dem Feminismus sowieso und auch emanzipationsorientierten Männern wird die politische Gegnerschaft erklärt. Gefährlich wird es immer dann, wenn Antifeministen in ihrer Argumentation eine Mischung von (Rechts-)Populismus, aus Nationalismus und Frauenfeindlichkeit, mit homophoben und rassistischen Einstellungen einsetzen und Allianzen bilden. Umso wichtiger ist es Interventionsstrategien und Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln, Antifeministen in die Schranken zu weisen.

(1) Weitere Informationen:
Die Studie „Keimzelle der Nation? Familien- und geschlechterpolitische Positionen der AfD - eine Expertise"

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