Wohnpolitische Bewegung in der Schweiz - Im Gespräch mit Thomas Stahel

Ungeachtet der großen Bedeutung der stadt- und wohnpolitischen Bewegungen für den Alltag in der Schweiz, versäumte es die historische Forschung bisher, sich dem Thema anzunehmen. Die Buchpublikation "Wo-Wo-Wonige!" leistet hier Pionierarbeit.
"Wo-wo-wonige" lautete der Slogan der Wohnungsnot - Bewegung Ende der achtziger Jahre in Zürich. Wo sind die Wohnungen? Passender, günstiger Wohnraum ist in den Städten und so auch in Zürich knapp. Seit 1968 sind die Mieterinnen und Mieter aus der anonymen Manövriermasse auf dem Immobilienmarkt herausgetreten und wurden in der Quartierarbeit, im Mieterkampf, als Hausbesetzer oder im genossenschaftlichen Wohnungsbau aktiv. Zehntausende Aktivistinnen und Aktivisten aus zwei Generationen haben an diesem Kampf gegen die Spekulation und für eine lebenswerte Stadt teilgenommen. Mit Erfolg: Seit 1968 haben sich die politischen Rahmenbedingungen drastisch zugunsten des Wohnungsbaus verbessert: Wohnerhaltungsgesetz, PWG, und der 100 Millionenkredit für eine aktive städtische Liegenschaftenpolitik sind Ausdruck des Umdenkens.

Im Zentrum stehen die Lebensformen, Motive und Strategien der unterschiedlichen wohnpolitisch aktiven Gruppierungen: Die Quartierarbeit der revolutionären Avantgardegruppierungen der 1970er Jahre, die Entstehung erster kollektiver Wohnexperimente, die Bemühungen des Mieterverbands um verbesserte Rechte von MieterInnen, die Besetzung des Wohlgroth-Areals oder das aus der Stadtutopie bolo'bolo entstandene Kraftwerk 1 sind nur einige bekannte Bespiele, welche angesprochen werden.
Der Autor dieser Publikation ist Thomas Stahel, 1971 in Zürich geboren, studierte Geschichte, Ethnologie und Soziologie und wurde mit einer Arbeit über "Stadt- und wohnpolitische Bewegungen in Zürich nach 1968" promoviert. Stahel arbeitet neben seiner publizistischen Tätigkeit für eine Umweltorganisation.
„Die normative Kraft des Faktischen ist prägend, solange emanzipatorische Politik, solange Visionen, Utopien, Wünsche nach grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen im öffentlichen (herrschenden) Diskurs nur als Traumtänzerei abgehandelt werden können“

Welche Funktion und Ästhetik sollte deiner Meinung nach der urbane Raum beinhalten?
    Eine Stadt beginnt erst richtig interessant zu werden, wenn es möglichst viele Nischen gibt und nicht nur Einkaufsstraßen mit den immer gleichen Läden von multinationalen Konzernen. Gleichzeitig braucht eine Stadt natürlich gewachsen Strukturen und Netze. Meine Stadt ist eine Stadt der kurzen Wege, wo all meine Bedürfnisse nahe beisammen liegen und ich mit dem Fahrrad in 10 Minuten zur Arbeit fahren kann. In einem neu entwickelten - und damit schlecht durchmischten - Stadtteil wie Zürich West oder in einer totalsanierten Straße, wo niemand länger als drei Jahre wohnt, ist dies nur natürlich nur schwer umsetzbar.

Was war deine Hauptmotivation, den Häuserkampf, die militante Aktion in Verbindung mit andauernden städtischen Krisen zu bringen?
    Die Hauptmotivation für mein Buch war das Anliegen, die Geschichte der stadt- und wohnpolitischen Bewegungen zu dokumentieren und Strategien aufzuzeigen – auch für kommende Generationen. Wichtig war mir auch, dass die vielfältigen Aktivitäten mit viel Fotos lebendig werden, ich habe fast ein Jahr lang Bildmaterial gesucht.

Okay, Thomas. Du schätzt die Bewegung im Nachhinein ein, ihr habe es insgesamt an langfristigen planerischen Utopien gefehlt. Das ist ja geradezu eine Bestätigung der offiziellen Sicht der Dinge, die Bewegung ist mehr am blinden Aktionismus, am Zerstören interessiert, als am Dialog?
    Ein Fazit meiner Arbeit ist, dass die stadt- und wohnpolitischen Bewegungen häufig erst kurz vor dem Abriss aktiv wurden. Dies ist meiner Meinung nach ein Schwäche. Mit einer etwas offensiveren Strategie und v.a. mit einem frühzeitigen Aufgreifen der Umstrukturierungsmechanismen könnte man zweifellos mehr erreichen. Ich betone aber auch, dass die Proteste viel ausgelöst haben und bis heute eine starke Wirkung haben. Es ist für mich immer wieder faszinierend wie viel in kurzer Zeit entstehen kann. Ein aktuelles Beispiel ist der seit September besetzte Autonome Beauty Salon in Zürich-Altstetten (1). Obwohl eine Räumung ansteht, wurde innerhalb von sechs Wochen ein Kulturraum mit Konzertraum, Bar, Kino, Werkstätten und vielem mehr geschaffen, der ein wichtiger Treffpunkt geworden ist.

Wie hieß es dazu so schön in den Analysen der 68er: Die normative Kraft des Faktischen. Und die, so sagt es die Theorie, und so zeigt es die Praxis, ist nun mal prägend, solange emanzipatorische Politik, solange Visionen, Utopien, Wünsche nach grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen im öffentlichen (herrschenden) Diskurs nur als Traumtänzerei abgehandelt werden können - und z.B. der Blick auf Aktienkurse vermeintlich das Glück verheißen kann. Welche Mittel, Möglichkeiten sollten ernsthaft genutzt werden, damit alternative Freiräume gesellschaftlich und öffentlich akzeptiert werden?
Die Vision leben und gegen aussen offen sein – das ist meiner Meinung nach der naheliegendste Weg. Es ist aber eine Gratwanderung gegen Aussen offen zu sein und sich treu zu bleiben.  Insgesamt ist die Szene in Zürich heute durchmischter und weniger dogmatischer, was eine Öffnung sicherlich erleichtert.
Zürich war bis Anfang 1980 ein scheinbar ruhiges Pflaster: Wirtschaftsmetropole der Schweiz, Bankenstadt. Was waren deiner Meinung nach die Gründe für eine starke Jugendbewegung in den 80er Jahren, die auf die Straße geht und Forderungen stellt?
    Es gab in Zürich in den 70er und 80er Jahren kaum kulturelle Freiräume, nach Mitternacht waren nur noch ganz wenige Lokale offen. Zudem herrschte ein sehr biederes Klima. Heute ist die Gesellschaft in mancher Hinsicht toleranter – auch wenn in den letzten Jahren einige Errungenschaften der Jugendbewegung wieder bröckeln.
 
Hat der Staat aus den damaligen Ereignissen gelernt?
    Die Staatsmacht reagierte in den 80er Jahren auf jeden Protest mit größere Repression. Hausbesetzungen waren bis Ende der 80er Jahre nicht mehr als eine Protestaktion, da innert Stunden geräumt wurde. Erst seit 1990 werden Hausbesetzungen mehr oder weniger geduldet und es ist auch möglich, in diesem Häusern zu leben. Dieser Paradigmawechsel ist aber sicherlich auch Kalkül, da so die Konfrontationen stark gemildert werden konnte. Die liberale Räumungspolitik ist so zusagen eine Win-Win-Situation.

Glaubst du, dass es heute noch mal passieren wird, dass die Jugend in der Schweiz bereit ist, für Freiräume auf die Barrikaden zu gehen oder haben sich die politischen Rahmenbedingungen verbessert, dass die Bewegung der Unzufriedenen überflüssig geworden ist?
    Ich bin überzeugt, dass eine solche oder ähnliche Bewegung erneut entstehen kann. Grund für Unzufriedenheit gibt es ja eigentlich genug: die gegenwärtige Stadtentwicklungspolitik richtet sich sehr stark nach den Grossen – mulinationalen Firmen, guten SteuerzahlerInnen, teure Leuchtturmporojekte usw. –, steigende Mieten und eine zunehmende Segregation sind die Folge. Damit es aber eine breite Bewegung gibt, ist der Leidensdruck in der Schweiz wohl zu klein. Wir haben es hier doch sehr gut.

Fußnote:
(1) http://autonomerbeautysalon.wordpress.com/

Infos:
www.wonige.ch
www.stadtlabor.ch

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