Tierbefreiung #84

Tierbefreiung #84
Tierbefreiung #84

Tierbefreiung #84
104 DIN-A-4-Seiten; €3,00.-
die tierbefreier e.V., Postfach 150325, 44343 Dortmund
www.tierbefreiung.de
Die Redaktion beteiligt sich an die kritische Diskussion zu "Politischer Veganismus und Lifestyle-Veganismus". Im Kern der Kritik geht es darum, dass beim ganzen Vegan-Trend die politischen Aspekte fehlen, wenn es der veganen Bewegung nur um die Ernährung und körperlicher Fitness geht, also unpolitisch ist. So führt Emil Franzinelli im Artikel "Hauptsache vegan?" auf, dass vegan sein hip und populär ist, aber gerade diese Popularität nicht einhergeht "mit der Verurteilung, Aufhebung oder Reduzierung von Tierausbeutung".

Der veganen Bewegung fehle ein Verständnis für ein verändertes Mensch-Tier-Verhältnis und der ethisch/politische Aspekt rückt in den Hintergrund. Am Beispiel von Attila Hildmann wird verdeutlicht, inwieweit in der veganen Ernährung, Fitness und eine von Attila propagierte "ideologische Reinheit" zusammenhängen, die es ihm erlaubt, mit einer egoistischen Sichtweise auf veganes Essen Tierleid und -ausbeutung in Kauf zu nehmen. Emil kommt in seinem Exkurs zum Schluss, dass sich die Tierrechts(-befreiungs)bewegung "als politische und soziale Bewegung vor Augen halten (sollte), dass ihr Hauptfeld ein anderes ist, als den Veganismus zu bewerben, nämlich "die Bekämpfung von Tierausbeutung". 
Markus Kurth beschreibt in "Quo vadis vegan?" den Lifestyle-Trend und die Utopie der veganen Lebensweise mit der Erkenntnis, dass Veganismus für die politische Praxis der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung nur ein Baustein innerhalb eines weiten Spektrums an Aktionen und Bemühungen ist". Dass eine "kompromisslose Einwirkung auf tierausbeutende Industrien" wichtig ist, was eine auf die vegane Ernährung beschränkte Lebensweise nicht kann. In dieser sind auch keinerlei herrschaftsfreie Utopien entwickelt, die laut Markus' Meinung nach wieder verstärkt thematisiert werden sollten.
Maria Schulze sieht "Veganismus als Teil des Problems" und bringt die vegane Ernährungsweise mit der Unterstützung einer kapitalistischen Produktionsweise in Verbindung, die Tierleid produziert. Sie kritisiert das Konsumverhalten der VeganerInnen und die Industrie, die vegane Produkte entwickelt und ihren Profit maximiert. Eine vegane Ernährung verhindert nicht den Anstieg an Massentierhaltung. Im Falle von Rügenwalder Mühle zeigt sich, dass eine erfolgreiche Vermarktungsstrategie die vegane Klientel an die Fleischindustrie bindet, diese Tierleid billigt und sich dadurch der Umsatz von Tierausbeutungsunternehmen erhöht. Nach Marias Meinung wäre es am konsequentesten, ohne Kaufkonsum fruktarisch zu leben, an einer Befreiung aller Ausgebeuteten (Mensch und Tier) zu arbeiten und nicht den veganen Lebensstil zu fördern.
Im Anschluss folgt ein ausführliches Interview mit Antispe Tübingen. Grundlage hierfür ist der Artikel zum Vegan-Hype ("Ursachen und Vereinnahmung aus kämpferischer Perspektive"). Auch die Aktion Tübingen legt offen, inwieweit Veganismus durch das Kapital vereinnahmt wird und führt ebenfalls Attila Hildmann als Beispiel auf, der sich völlig vom politischem Anspruch der Tierbefreiung lossagt und mit seiner egoistischen Ideologie eher die konsumorientierte Klientel anspricht. Wichtiger sei es, politische Bündnisse zu schmieden, die Gesellschaft und Tiere aus ihren Ausbeutungsverhältnissen zu befreien.
Gesamteindruck: Veganismus als gesunde Lebensweise verhindert keine Tierausbeutung. Die verschiedenen Artikel und Diskurse kritisieren den veganen Ernährungstrend als konsumorientierte, unpolitische Haltung und fordern eine mögliche Verknüpfung zu tierrechtsrelevanten Aspekten, die die Ausbeutung und die Befreiung thematisiert. Und gerade, weil der vegane Hype viele Menschen zu einer gesunden vegane Lebensweise führt, bieten sich hier aber auch viele Möglichkeiten, anzuknüpfen und den Tierbefreiungsgedanken stärker in den Fokus zu rücken. Dafür ist Überzeugungsarbeit unerlässlich, bietet der Tierbefreiungsbewegung aber auch die Chance, Veganismus wieder stärker zu politisieren wie dieser es am Anfang auch mal war. Das setzt eine Reflexion des eigenen (Konsum)Verhaltens voraus. Dafür bietet der Schwerpunkt allerlei Denkanstöße und Impulse. Die unterschiedlichen Blickwinkel und Herangehensweise der AutorInnen auf das Schwerpunktthema verhindern allerdings nicht eine sich im Kritikkern wiederholende Argumentationslinie.

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