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Projektwerkstatt Saasen - Im Gespräch mit Jörg Bergstedt

Die Projektwerkstatt Saasen
Die Projektwerkstatt Saasen

Die Projektwerkstatt Saasen ist ein Experiment voller kreativer Ideen und auch voller Widersprüche. Die Projektwerkstatt ist 1990 aus den damals noch bestehenden radikalen, d.h. herrschaftskritischen Teilen der Umweltbewegung heraus entstanden. Die Konsequenz im Alltag und das Engagement für eine lebenswerte Umwelt sind bis heute geblieben, auch wenn es längst nicht mehr das einzige Thema ist. Es gab und gibt Momente des Scheiterns und des Wiederauferstehens, weil in einer herrschaftsförmigen, auf Fremdbestimmung, Eigentum, Konkurrenz und Profit orientierten Welt die Befreiung immer nur ein Versuch sein kann.

Das Haus ist ein gegenkultureller Versuch, eine offene Aktionsplattform, die verschiedene Ziele miteinander verbinden will. Im Mittelpunkt steht das politische Zentrum mit den Werkstätten (Holz&Metall, Layout&Druck, Sabotage&Aktion, Theater&Film usw.), den großen Archiven und Bibliotheken sowie mehreren Räumen für Treffen und Veranstaltungen. Um das alles optimal nutzbar zu machen, laden zudem das Tagungshaus (für extra angemeldete Seminare und Gruppen) und das Vorderhaus mit Platz für kleine Gruppen und Einzelpersonen) auch für mehrtägigen Aufenthalt ein.
Das Haus in der Ludwigstr. 11 im kleinen Saasen bietet auf 649 qm2 Grundstück die Chance, der gegenwärtigen Welt zu beweisen, dass es auch anders geht. Und dieses "Anders" zu entwickeln, zu hinterfragen und mit Leben zu füllen. Selbstbestimmung soll den Alltag und das Zusammenleben prägen.
In der Projektwerkstatt sind inzwischen viele Bücher, Broschüren, der regelmäßige Direct-Action-Kalender, Zeitschriften, aber auch CDs und T-Shirts entstanden(1).
Mehr zur Geschichte des Hauses(2).

Zur Person

Jörg Bergstedt
Jörg Bergstedt

Ich sprach mit Jörg Bergstedt, der nicht nur Autor von Fachbüchern zu Ökologie- und Naturschutzthemen, zu gesellschaftspolitischen Fragestellungen und Recherchen in den Eliten dieser Gesellschaft, sondern auch investigativer Journalist und Aktivist ist und in der Projektwerkstatt Saasen lebt. Nach mehreren Werken über die Verflechtungen zwischen Umweltverbänden, Industrie und Parteien, den Geburtsfehlern von Demokratie und Rechtsstaat sowie Fälschungen bei Polizei und Justiz recherchierte er ab 2009 über Seilschaften zwischen Konzernen, Behörden, Forschung und Lobbyverbänden der Agro-Gentechnik. Seine erste Zusammenstellung „Organisierte Unverantwortlichkeit“ erreichte eine Auflage von über 100.000. Der Versuch von GentechniklobbyistInnen, die Veröffentlichung der unangenehmen Fakten verbieten zu lassen, scheiterte in zweiter Instanz. Seit Anfang 2011 liegt das neue Buch „Monsanto auf Deutsch“ vor, in dem Bergstedt eine komplette Darstellung aller Akteure und Verflechtungen in der Agro-Gentechnik versucht. Zusammenfassungen und spezielle Abhandlungen zu Einzelthemen veröffentlichte er in verschiedenen Zeitschriften wie dem „Gen-ethischen Informationsdienst“, „Rabe Ralf“, „Ökologisch wirtschaften“ und anderen.
Sowohl innerhalb einiger Gruppen der Umwelt- als auch der linksradikalen Szene ist Jörg umstritten, da ihn sein zeitweiliger Kontakt zum Verfassungsschutz zu einer "Persona non grata" hat werden lassen. Jedoch ist dieser Kontakt von Jörg gut dokumentiert und öffentlich gemacht worden(3). Jörg bezeichnet den Kontakt im Nachhinein als politischen Fehler, weist aber auch darauf hin, "dass es überhaupt gar keine Gespräche gab, in denen Informationen an den VS weitergegeben wurden"(ebendem).
Wir wollen den Vorgang nicht weiter bewerten und uns an einer Debatte beteiligen, die nicht sachlich verlaufen ist, sondern darauf abzielen, Machtverhältnisse in Frage zu stellen und Jörg zu diskreditieren(4). 2006 wurde Jörg zu Unrecht inhaftiert(5). Der Auslöser der Polizeiaktionen war eine Attacke auf die Kanzlei vom damaligen hessischen Innenmister, Volker Bouffier. Jörg wurde vorgeworfen, "in Gießen ein Loch in die Tür der CDU-Geschäftsstelle gebohrt und Schmierereien nahe Bouffiers Wohnhaus gesprüht zu haben". Bergstedt wurde zur Tatzeit beim Federballspiel beobachtet - und zwar ausgerechnet von observierenden Polizisten. Er konnte also gar nicht der Täter sein, und die Polizei wusste das (5).
Der Staat und Jörg ist sicherlich ein Kapitel für sich. Wir konzentrieren uns auf den Schwerpunkt und befragten ihn zu seinen widerständigen Aktionen, aber auch zu dem von ihm geforderten Konzept der kreativen Antirepression, das nach dem Kontakt und Bekanntwerden zum VS entstanden ist.
Als aktuelles Projekt referiert Jörg in kurzen Vorträgen, Workshops und Diskussionen über die Prinzipien vereinfachter Welterklärungen und stellt dann Beispiele vor, über die jeweils auch kurze Debatten möglich sind. Angelehnt ist der Workshop an von ihm verfasste Texte, die einen einführenden Blick auf die Logiken vereinfachter Welterklärungen werfen(6).

«Ich will eine herrschaftsfreie Gesellschaft, weil unter Herrschaft alles nur der Versuch ist, das etwas weniger Falsche im Falschen zu machen.»

Jörg, du lebst in der Projektwerkstatt Saasen, bist Autor, Polit-, Umwelt-Aktivist, hast 2012 den Preis für Zivilcourage für deine konsequenten, mutigen Aktivitäten gegen Weltfirmen wie Monsanto, BASF und Bayer verliehen bekommen. Was waren und sind - grob skizziert - deine politischen Bewegungsfelder?
    Jörg: Ich habe 1978 mit anderen 14jährigen eine Jugendumweltgruppe gegründet. Damals gab es die Grünen noch nicht, auch die Umweltverbände hatten ihr krakiges Netz kontrollierter Naturschutzarbeit noch nicht bis dahin gezogen. Also machten wir alles selbst. Das hat zwei Prägungen gebracht, die bis heute wirken.
Einmal ein besonderes Interesse an Umweltschutzthemen, wo ich neben Aktionserfahrung auch Fachwissen gesammelt und zum Beispiel meine ersten Bücher veröffentlicht habe.
Die andere Sache war die feste Überzeugung, dass es keiner Apparate, Vorsitzenden oder Hierarchien braucht, um gut organisiert und schlagkräftig zu sein. Die stören sogar eher, kanalisieren, halten die Menschen davon ab, selbst wirksame politische Strategien zu erlernen und unterdrücken kreative Ideen.

Was ist die Motivation für deine widerständigen Aktionen?
    Jörg: Schon beim Umweltthema merkte ich, dass Umweltzerstörung mit Herrschaftsstrukturen zusammenhängt. Wer herrscht, kann alles so organisieren, dass andere den Schaden haben. Das – neben anderen Gründen – treibt die großflächigen Zerstörungen an. Ich habe mich dann viel mit Herrschaft auseinandergesetzt. Heute würde ich sagen, dass das immer der Hauptantrieb ist. Ich will eine herrschaftsfreie Gesellschaft, weil unter Herrschaft alles nur der Versuch ist, das etwas weniger Falsche im Falschen zu machen. Das ist auch okay, denn Behauptungen, dass verbesserte Lebensbedingungen für diskriminierte Menschen, für Inhaftierte oder Verfolgte nichts bringen, weil es nur um das große Ganze geht, wären zynisch. Aber das große Ganze auszublenden, geht schief, weil die kleine Aktion und vielleicht Verbesserung dann untergeht im Brei von Ausbeutung, Unterdrückung und Zerstörung. Was bringt ein renaturierter Bach, wenn Deutschland mit dem nächsten Angriffskrieg oder der permanenten Rohstoffjagd weltweit quadratkilometerweise alles in Schutt und Asche versenkt? Wenn aber das Einzelne mit dem Kampf um das Ganze verbunden wird, ist es interessant. Eine Person aus der Psychiatrie raus zuholen und dabei das System von Krank und Gesund, von Einsperren und Zwang anzugreifen, das ist spannend.
Wenn ich ein Genversuchsfeld besetze, will ich immer beides: Gentechnikfreie Lebensmittelproduktion und ein Ende der Herrschaft in der Welt. Meistens bekomme ist beides nicht so einfach. Selten den jeweils ersten Teil (wie bei Genversuchsfelder ja öfter) und hoffentlich irgendwann das zweite.

Nachhaltigkeit und Ökologie ist auch ein präsentes Thema. Denkst du, dass es mehr Unterstützung in der Gesellschaft gibt, wenn es um lokale, kommunale Themen geht, die die Menschen direkt und unmittelbar betreffen? Siehst du da Potential und Kooperationen für deine Protestformen oder lehnst du diese ab?
     Jörg: Ich glaube, dass Motivation ganz anders entsteht. Im Moment ist die Gesellschaft sehr wenig politisch orientiert. Was draußen an Protest auftaucht, ist niveaulose Empörung oder professionelles Politentertainment. Ersteres ist zwar schon mal besser als nichts, aber sowas wie die Friedensmahnwachen oder Unterschriftenlisten sind eher ein Ausdruck von Ohnmacht und Hilflosigkeit. Es wird gejammert, es fehlt schon an guten Analysen über die Hintergründe. Meist werden einfache Feindbilder gemacht, dann eine Runde geschimpft und anschließend nach Hause gegangen. Die andere Art aktueller Proteste sind professionelle Verbände, NGOs, Agenturen usw. Das ist noch schlimmer. Sie produzieren heiße Luft, greifen Themen auf wie Moden und machen daraus gefüllte Spendenkonten. Die Menschen sind beruhigt, weil sie auf den plakativ aufgemachten Internetseiten eine Protestmail angeklickt oder am falschen Tag am falschen Ort La-Ola-Wellen unter professioneller Bühnenshow für eine bessere Welt gemacht haben. Inhaltlich sind flache Sachen in Konjunktur. Nachhaltigkeit ist ein gutes Beispiel. Die alte Umweltbewegung stritt für den Vorrang der Ökologie vor der Ökonomie. So bin ich groß geworden. Dann kam dieses widerliche Nachhaltigkeitsgequatsche auf. Jetzt machen Umweltverbände selbst Werbung damit, dass dort Ökonomie und Ökologie gleichrangig seien – und das ein Fortschritt ist. Das ist einfach eine Lüge. Es ist ein Rückschritt, der von der Umweltbewegung selbst gemacht wurde. Dafür hat die Umweltbewegung Millionen an Fördermitteln bekommen, um zusammen mit staatlichen Stellen Umweltforderungen über Bord zu werfen und dieses inhaltsleere Nachhaltigkeitsgelaber anzufangen: Runde Tische, freundliche Gesten, schöne Worte und jede Menge Fördergelder – das ist Ökologiearbeit heute. Ekelerregend.

© Dietmar Lilienthal
© Dietmar Lilienthal

«Ich neige dazu, dort mitzumischen, wo nicht schon der Mainstream langläuft.»

Setzt du dir Minimalziele und willst du mehr Akzeptanz für den Inhalt deiner Kritik schaffen?
     Jörg: Ich bin in verschiedenen politischen Themen unterwegs. Thematische Grenzen gibt es nicht, aber ich neige dazu, dort mitzumischen, wo nicht schon der Mainstream langläuft. Beispiel: Es gibt drei Braunkohleabbaureviere in Deutschland. Bei zweien sind schon viele aktiv. Das dritte interessiert niemanden. Das stabilisiert sich, weil Menschen dort einsteigen, wo es schon hipp ist. Die großen Verbände oder Politikonzerne wie Campact oder .ausgestrahlt steigen dort ein, wo viele Menschen und daher auch mehr Konten zu erreichen sind.
Ich engagiere mich mit den kleinen Bürgerinitiativen im dritten, vergessenen Braunkohlerevier. Dort, wo ich aktiv bin, will ich natürlich in der Sache gewinnen. Ich mache das ja nicht, um Spenden oder Mitglieder zu jagen, neue Sozial- oder Bettkontakte anzubaggern oder was sonst noch Motive sein mögen. Ich will gewinnen, also die angegriffene Sache tatsächlich beenden oder das gewünschte Neue tatsächlich da haben – und am liebsten dabei noch eine grundlegende Herrschaftskritik rüberbringen.
Wenn ich jetzt, wie es ja ist, in Antipsychiatrie einsteige, will ich einfach, dass diese Scheiße mit der Zwangspsychiatrie aufhört. Und ich möchte gerne, dass viele Menschen klar haben, dass solche Zwangsstrukturen nicht gut sein können – und deshalb überall weg müssen. Nicht nur Zwangspsychiatrien, sondern auch Knäste, Jobcenter, Ausländer_innenbehörden, Gerichte, Polizei, Armeen usw.

«Wer auf Spenden aus dem Reichensegment der Welt guckt, handelt nach anderen Motiven als nach der Wirksamkeit der Aktion.»

Kurzweilige, öffentlichkeitswirksame Protest-Aktionen mischen sich mit langwierigen Planungsprozessen. Was unterscheidet deine Aktionen von interaktiven, event- und erlebnisorientierte Aktionen?
     Jörg: Viele Aktionen von Profi-Protestler_innen sind gar nicht schlecht. Sie verfolgen nur ein anderes Ziel, nämlich Spenden oder Mitglieder. Das schlägt sich in den konkreten Aktionen natürlich nieder. So sind militante Aktionen weitgehend ausgeschlossen, obwohl vergangene Kampagnen klar zeigten, dass sie regelmäßig ein wichtiges Element waren. Ob die Tomatenwürfe auf die SDS-Macker und der Feminismus, ob die Ohrfeige gegen den Nazikanzler Kiesinger und die sich entwickelnde Antifaschismusdebatte, ob brennende Heuwagen unter der Castortransportstrecke oder das zerstörte Genversuchsfeld: Das war nie alles, aber ohne das wäre alles nicht so wirksam gewesen. Wer auf Spenden aus dem Reichensegment der Welt guckt, handelt nach anderen Motiven als nach der Wirksamkeit der Aktion.


Du vertrittst das Konzept der kreativen Antirepression, die entstanden ist, nachdem der VS die Beziehung zwischen dir und dem Organ öffentlich machte. Kannst du das Konzept bitte mal erläutern?
     Jörg: Nein, das ist da nicht entstanden. Das ist ganz anders miteinander verwoben. Die kreative Antirepression war die logische Konsequenz daraus, dass wir systematisch Ideen des „Direct Action“ entwickelt haben, also öffentlichkeitswirksame Aktionen aller Art. Die Aktion sollte Denken und öffentliche Debatten anregen und beeinflussen, das war zentral. Vielleicht am Beispiel: Wenn Deutschland Krieg führt, ist eine Lichterkette einfach normal. Sie gehört zum Krieg wie der B52-Bomber, Leichenberge und flüchtende Menschen (gegen die in den angreifenden Ländern dann auch noch demonstriert wird). Was wir machen, ruft Polizei und andere Repressionseinrichtungen auf den Plan.
Kennst du das? Du machst eine Aktion, die Cops kommen und selbst dann, wenn du dich nicht einschüchtern lässt, ist die Aktion massiv gestört. Also haben wir angefangen, die Repression in die Aktion reinzudenken. Die links-dogmatische Regelung, mit denen einfach gar nicht zu reden, war uns zu berechenbar und wenig aktionistisch. Tatsächlich schwächt sie Bewegung ja auch und macht den Cops die Arbeit leicht. Wir haben Polizei, Justiz usw. in unsere Aktionen eingebaut. Sie waren Schauspieler_innen in unseren Straßentheaterstücken, waren Aufmerksamserreger_innen bei Blockaden oder haben mit ihren Transportern manch Kreuzung zusätzlich besetzt. In Gerichtssälen waren die Uniformierten oft die nützlicheren Zeug_innen, weil ja wir die Fragen gestellt haben und so einfach auch mal manches ihrer Geheimnisse lüften konnten. Strafprozesse können geniale Bühnen sein, weil alles total verriegelt und damit einerseits kalkulierbar, andererseits gut zu stören ist. Es entstehen Akten, die du angucken kannst. Du kannst Leute vernehmen, die sich sonst niemals mit dir unterhalten würden. Das alles wäre kein Grund, sich extra erwischen zu lassen. Aber du machst Repression zum Teil der Aktion. Typische linke Antirepressionsarbeit ist hingegen, die eigenen Leute für doof zu erklären, sie zum Schweigen zu bringen, Anwält_innen und damit Stellvertretung als Herrschaftsform stark zu machen. Dafür belügen sie die Leute sogar. Fast jede Antirepressionsbroschüre aus linken Kreisen enthält etliche Lügen, z.B. dass Leute ohne Anwält_in keine Akteneinsicht bekommen usw. Da werden mit üblen Methoden politisch Aktive handlungsunfähig gemacht. Frag mich nicht, warum das passiert. Vielleicht wollen Anwält_innen Aufträge bekommen? Oder Apparate sich unersetzbar machen?
Die Anquatschsache mit dem Verfassungsschutz hat dazu einen ganz anderen, aber auch interessanten Bezug. Die haben genau beobachtet, wie Leute wie ich von linken Führer_innen fertig gemacht werden – und dann gehofft, dass ich gegen die auspackte. Die eigentlich Verantwortlichen sind also die, die jetzt über mich herziehen. Und Glück haben, dass ich dem VS einen Korb gegeben habe.

«Was also nötig ist, ist eine Organisierung von unten, ist Unabhängigkeit, Selbstorganisierung und das Niederringen der Hierarchien im eigenen Umfeld.»

Du kritisierst die Arbeiten der NGOs wie ATTAC, die traditionelle Strukturen aufrechterhalten und forderst mehr Basis-Bewegungen und Organisieren von unten im Sinne der Graswurzelrevolution. Warum brauchen die sozialen Bewegungen mehr Radikalität?
     Jörg: Auch hier muss ich zunächst die Frage selbst in Frage stellen. Es ist sehr verständlich, dass sie so gestellt ist und zeigt die Verhältnisse, wie sie nach außen scheinen. Doch die Wirklichkeit ist anders – und leider viel, viel schlimmer. Diesen Gegensatz z.B. von Attac zu Graswurzelrevolution gibt es nicht. Autonome oder anarchistische Strömungen erlebe ich im deutschsprachigen Raum (zu anderen Ecken kann ich mich nicht äußern) als Extremformen von Hierarchie, Kontrolle und Vermachtung. Ich bin in allen drei großen anarchistischen Zeitungen dieses Landes zensiert. Die Graswurzelrevolution hat einen klaren Chefredakteur, den sie dafür bezahlen und Spenden einwerben, um dem ein besseres Honorar zu zahlen, da er sonst lukrativere Jobs annehmen würde. Dass in ihren Statuten ein jährliches Rotationsverfahren steht – scheiß drauf. Das Papier ist soviel wert wie ein Grünenprogramm. Überall geht es um Macht, Kontrolle und vor allem Geld. Politische Aktionen laufen, um damit Geld zu schöpfen. Politische Bewegung ist auf Landes- und Bundesebene Kapitalismus pur. Das gilt nicht für jede Attac-Gruppe oder irgendwelche anarchistischen Splittergruppen. Sie sind aber überregional auch ziemlich unbedeutend. Wenn da mal jemand strategischer agiert, wird er_sie eingekauft von den Apparaten. Was also nötig ist, ist eine Organisierung von unten, ist Unabhängigkeit, Selbstorganisierung und das Niederringen der Hierarchien im eigenen Umfeld. Dann käme Radikalität von selbst. Denn diese flauen Inhalte und Aktionen sind ja die Folge, dass es nicht um die Sache, sondern um Einnahmen geht bei den Kampagnen.


Brauchen wir in diesem Zusammenhang mehr AktionstrainerInnen für den kreativen Widerstand, um inhaltliche Aktionsideen in die Praxis umzusetzen und wo erkennst du an heutigen Protestaktionen Anknüpfungspunkte für eine erfolgreiche Widerstandskultur?
     Jörg: Aktionstrainings sind eine wichtige Sache. Denn die Apparate dominieren, weil sie das Knowhow bei sich bunkern. Gute Presseverteiler, Kontakte in die Eliten usw. sind das Kapital der Politkonzerne. Das wird akkumuliert und ausgebaut – ganz so, wie Marx es korrekt als Logik beschrieben hat, wenn etwas kapitalistisch organisiert ist. Die eigene Basis wird systematisch blöd gehalten. Gutes Beispiel: Akteneinsicht. Jeder Mensch hat das Recht, jederzeit und überall in fast alle Behördenakten und bei anderen staatlichen Stellen reinzugucken. Das macht kaum jemand, obwohl es eine scharfe Waffe ist. Davon weiß auch kaum jemand – unter anderem, weil die Apparate gar kein Interesse haben, dass ihre Basis Wissen hat, um selbst aktiv zu werden. Die sollen denken, dass nur ihre Apparate effizient agieren können und es deshalb am wichtigsten ist, für deren Gehälter Geld zu spenden.
Ich mache meine Aktionstrainings eigentlich nur für die Menschen an der Basis und sagen ihnen dabei immer auch, dass sie sich aus dieser selbst mitverschuldeten Ohnmacht befreien müssen.

Deutschland hat eine intensive Protestgeschichte. Im Verhältnis zu den 68er Protesten wirkt die heutige, junge Generation auf den ersten Blick blass. Warum ist es ratsam, die Probleme nicht nur bei der Einstellung der Jugendlichen, sondern im gesellschaftlichen Umfeld zu suchen?
     Jörg: Es ist doch Blödsinn, die Sache an Generationen aufzumachen. Selbst wenn es so wäre – und ich nehme das tatsächlich auch selbst so wahr -, dass viele Jüngere wenig kommunizieren, wenig interessiert sind an der Welt außerhalb ihrer Kleinclique und dem Geschehen auf dem Smartphone-Display, so wäre es doch die Frage, wer dafür verantwortlich ist. Ist das nicht der Ausfluss einer widerlichen Generation, zu der ich auch gehöre, die mal mit dem Anspruch, eine bessere Welt zu schaffen, gestartet ist und heute die Partei wählt, deren Außenminister die ersten Angriffskriege der BRD salonfähig gemacht hat, die mit der dicken Großraumlimousine beim Kolonialwarenladen im Bio-Chic vorfährt und ihre Südamerikaflüge als internationalistisches Interesse verklärt? Wer kann es deren Kindern verdenken, dass sie auf Politik keinen Bock haben?

«Die Projektwerkstatt ist ein Experiment der Idee offener Räume, also sozialer Interaktion ohne Zugangsbeschränkungen und Bedingungen sowie mit aktiver Herstellung von Gleichberechtigung, gleichen Möglichkeiten und Diskriminierungsfreiheit.»

Die Projektwerkstatt Saasen ist ein Ort, an dem Kritik an Herrschaftsverhältnisse und die Diskussion um herrschaftsfreie Gesellschaft diskutiert, aber auch gelebt wird. Was bedeutet der Ort für dich?
     Jörg: Leider die letzte dieser Inseln, an der Politik unabhängig und effizient organisiert werden kann. Es gab mal 50 solche Räume und Häuser, wo Menschen ohne diese ganzen absurden Vorkontrollen, Fragen um Genehmigung usw. aktiv werden können. In der Projektwerkstatt gibt es Theater-, Film-, Sabotage-, Fahrrad-, Metall- und viele weitere Werkstätten, Druckmaschinen, Archive und Seminarräume, frei zugängliche Informationen zu eigenen Gebrauch wie Presseverteiler, Layoutvorlagen, technisches, juristisches und organisatorisches Wissen und vieles mehr. Das ist einfach super und so anders als diese abgeschlossenen Bürotrakte der Verbände oder plenumsverregelten Infoläden. Bis du da mal loslegen kannst, ist der Mensch abgeschoben oder der Castor durchgefahren. Ich wäre lieber mehr unterwegs und mal in dieser und mal in jener offenen Aktionsplattform, weil da in der Region gerade was Spannendes abgeht. Von daher würde ich mir – so ganz persönlich – einfach wünschen, dass mehr so Räume entstehen oder die hierarchisierten und verregelten Räume in frei zugängliche Aktionsplattformen verwandelt werden.

Offensichtlich gibt es kein/e Plenum oder Gremien, die Infrastruktur zu ordnen, planen. Wie finden sich Konstellationen im gegenkulturellen Wohnen, wo sind Berührungspunkte?
     Jörg: Die Projektwerkstatt ist ein Experiment der Idee offener Räume, also sozialer Interaktion ohne Zugangsbeschränkungen und Bedingungen sowie mit aktiver Herstellung von Gleichberechtigung, gleichen Möglichkeiten und Diskriminierungsfreiheit. Allerdings haben wir festgelegt, dass es eine offene Aktionsplattform sein soll, also nicht dem Wohnen als Selbstzweck dient. Es gibt Betten und alles ist gut ausgestattet, aber wer hier ist, soll das aus Interesse aus politischer Aktivität sein. Was das ist, wie es läuft usw., definiert niemand. Durch ein paar juristische Tricks hoffen wir, dass Hausrecht ausgeschaltet zu haben. Plena sind hochvermachtete Räume, wo entweder das Kollektiv als Ganzes oder, viel häufiger, Einzelne dann im Namen des Plenums Beschlüsse durchsetzen, die einheitlich gelten sollen. Die Idee offener Räume ist der Versuch, Interaktion zwischen Menschen herrschaftsfrei, d.h. jenseits von über den Menschen und ihren freien Vereinbarungen stehenden Regeln und Gremien zu gestalten. Das ist ein Bruch mit der Realität und deshalb sehr schwierig. Eigentlich unmöglich. Die Zurichtung der Menschen, die in die Projektwerkstatt kommen, ist völlig anders. Und ständig wirkt von Draußen das Andere rein. Aber es ist keine Einbahnstraße. Das Experiment wirkt zurück. Wir wollen nicht erstmal uns selbst ändern und dann die Welt. Sondern beides gleichzeitig. Eigene Befreiung bedeutet auch den Kampf gegen die Einflüsse, die Befreiung bedrohen. Daher gehören Selbstorganisierung und Hierarchiefreiheit im Inneren mit dem Kampf für eine andere Welt, d.h. gegen die bestehenden Verhältnisse zusammen.

Im Bild: TeilnehmerInnen eines interantionalen Workcamps
Im Bild: TeilnehmerInnen eines interantionalen Workcamps

Wann und wie können gegenkulturelle Strategien erfolgreich weiter entwickelt werden?
     Jörg: Der Mensch muss in den Mittelpunkt rücken. Emanzipatorische Politik bedeutet einerseits, die Befreiung der Menschen, allein oder in ihren selbstgewählten Zusammenschlüssen, zum Ziel zu haben. Genauso bedeutet sie aber auch, dieses durch die Menschen zu erreichen. Es geht also um Selbstermächtigung, um die Befähigung, dass wir uns selbst gegen die Verhältnisse durchsetzen können. Jeder kleine zusätzliche Gestaltungsfreiraum kann es wert sein, darum zu ringen. Daher ist der Gegensatz von Reform und Revolution auch verkehrt. Falsch wären beide, wenn sie die Menschen nicht befreien, sondern z.B. nur Nationen, Völker, Dörfer, Stämme – gibt ja eine Menge solcher Vorschläge. Falsch wären sowohl Reform als auch Revolution, wenn sie für eine vermeintlich gute Sache die Menschen noch stärker kontrollieren, bestrafen oder anders gängeln. Also: Weg mit den Apparaten, Hierarchien, Labeln, Dogmen und all der Besserwisserei irgendwelcher Politeliten. Und mehr konkretes Handeln mit direkter Wirkung und dem Mut, dabei viel mehr zu fordern. Unter einer herrschaftsfreien Welt sollten wir uns nicht abspeisen lassen.

Wer mehr erfahren will, kann einfach anrufen oder auch vorbeikommen. Es lohnt sich, einfach zu wissen, was in dem Haus steckt, um es selbst bei Bedarf nutzen zu können. Viele Infos über das Haus, seine Einrichtung, die Seminarunterkunft und die vielen Projekte finden sich im Internet.

Anmerkungen

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Kommentare: 1
  • #1

    Graswurzelrevolution-HerausgeberInnenkreis (Dienstag, 05 Mai 2015 19:38)

    Richtigstellung
    Betr.: underdog-Interview mit Jörg Bergstedt, 20.3.2015, http://www.underdog-fanzine.de/2015/03/20/projektwerkstatt-saasen-im-gespr%C3%A4ch-mit-j%C3%B6rg-bergstedt/

    Liebe Kolleginnen und Kollegen vom underdog-Fanzine,
    leider behauptet Jörg Bergstedt (JB) in o.g. Interview einiges, das wir richtig stellen möchten. JB schreibt, es gebe „keinen Gegensatz zwischen Attac und der Graswurzelrevolution“.
    Das ist falsch. Attac ist eine hierarchisch organisierte Nichtregierungsorganisation, die Graswurzelrevolution (GWR) ein anarchistisches, basisdemokratisch organisiertes Zeitungsprojekt.
    JB beklagt sich: „Ich bin in allen drei großen anarchistischen Zeitungen dieses Landes zensiert.“
    Das ist stimmt nicht. Der Monatszeitung Graswurzelrevolution werden viel mehr Artikel zum Abdruck angeboten, als wir auf monatlich 24 Seiten im Tageszeitungsformat abdrucken können. Wir sind ein redaktionelles Zeitungsprojekt. Alle Artikelangebote werden vorab vom GWR-HerausgeberInnenkreis diskutiert. Die Texte, die wir abdrucken, erscheinen im Konsens der 30 bis 40 GWR-MitherausgeberInnen. Wenn ein Artikel nicht den Qualitätsansprüchen der Redaktion entspricht, erscheint er nicht. Wenn ein Mitglied des GWR-HerausgeberInnenkreises ein gut begründetes Veto gegen einen Artikel einlegt, hat das aufschiebende Wirkung und das Artikelangebot wird beim nächsten GWR-HerausgeberInnenkreis diskutiert. Das hat mit Zensur nichts zu tun. Wir drucken nur Erstveröffentlichungen ab. JBs Artikel erscheinen zum Beispiel in seinen Büchern, auf seiner Homepage und im Grünen Blatt. Wir können nicht für unsere KollegInnen von DA und Contraste sprechen, vermuten aber, dass sie ähnlich verfahren. Die uns von JB angeboten Artikel sind unseren Qualitätsansprüchen nicht gerecht worden. Mit Zensur hat das nichts zu tun.
    Wie u.a. schon in seinem Buch „Anarchie. Kampf und Krampf im deutschen Anarchismus“ diffamiert JB uns auch in Eurer Zeitung: „Die Graswurzelrevolution hat einen klaren Chefredakteur, den sie dafür bezahlen und Spenden einwerben, um dem ein besseres Honorar zu zahlen, da er sonst lukrativere Jobs annehmen würde. Dass in ihren Statuten ein jährliches Rotationsverfahren steht – scheiß drauf.“
    Das ist Quatsch. Die Graswurzelrevolution hat keinen Chefredakteur, sondern einen von den GWR-HerausgeberInnen im Konsens gewählten Koordinationsredakteur, der jederzeit abgewählt werden kann, wenn das ein Mitglied des GWR-HerausgeberInnenkreises fordert. Alle die GWR betreffenden Entscheidungen werden kollektiv und im Konsens getroffen. Die GWR erscheint seit 1972, aber wir haben keine „Statuten“, in denen ein „jährliches Rotationsverfahren steht“. Würde sich der Koordinationsredakteur wie ein Chef aufführen oder wäre der GWR-HerausgeberInnenkreis mit dem Koordinationsredakteur unzufrieden, wäre es sicher schon zur Abwahl des Redakteurs gekommen. Dass sich die GWR-HerausgeberInnen um bessere Honorare für die hauptamtlichen GWR-MitarbeiterInnen bemühen, zeigt wie zufrieden sie mit der Arbeit der Hauptamtlichen sind und wie solidarisch das langlebigste anarchistische Zeitungsprojekt mit seinen MitarbeiterInnen umgeht.
    Mit der Bitte um Veröffentlichung in Eurer Zeitung/Blog.
    Anarchie und Glück,
    der GWR-HerausgeberInnenkreis, 5.5.2015

    Graswurzelrevolution-HerausgeberInnenkreis, c/o GWR, Breul 43, D-48143 Münster,
    www.graswurzel.net