PLASTIC BOMB #90

PLASTIC BOMB #90
PLASTIC BOMB #90

PLASTIC BOMB #90
80 DIN-A-4-Seiten; € 3,50.- + CD
Plastic Bomb, Postfach 100205, 47002 Duisburg
www.plastic-bomb.de
Micha berichtet von seinen Erfahrungen als Plattenverkäufer auf dem Punk im Pott-Festival, und hinterher froh ist, wieder zu Hause bei Bier, Essen die Einnahmen zu zählen. Punk ist eben ein hartes Geschäft, da muss punk Kompromisse eingehen und auch mal mit der realen Subkultur in Kontakt kommen. Herder hasst den Winter und überhaupt habe ich den Eindruck, dass die übrigen KolumnistInnen bis auf Basti, Micha und Herder eher ihre Pflicht erfüllen, als gehaltvolles zu schreiben, dann bitte ganz verzichten.

Schon wieder NAPALM DEATH? Aber diese Mal gibt es mal wirklich tiefsinnige Antworten, die abseits der "Musik" eher Barneys Gedankenwelt offenbaren, der sehr gute Statements und Ansichten zu ökologischen Themen, zu Ausbeutungs- und Unterdrückungsmechanismen der Industrie abliefert und schlussfolgert, dass es eben nicht die Punk-Attitüde gibt, sondern eine menschliche. Ich würde noch ergänzen: eine soziale. Denn an dem, wie wir handeln, wir wir uns verhalten, lassen sich Werte ableiten wie Vertrauen/gegenseitigem Respekt/Toleranz und eben nicht das Streben nach Leistung und Erfolg. NAPALM DEATH sind aber auch keine "Magier mit Zauberstäben" und Barney ist "einfach ein Mensch" und schätzt die Menschlichkeit. Das Interview entwickelt sich dann auch mehr in eine Sozial- und Gesellschaftsstudie mit mehreren Problemstellungen. Micha ist überrascht von ALARMSIGNAL, hat er doch so einige Klischees über Bord geworfen, konfrontiert die Band aber selbst mit etlichen Deutsch-Punk-Klischees, sodass das Interview eine gewisse Dynamik bekommt und Steff in einen kleinen Rahmen einengt. Kadda konfrontiert Friedemann mit Textinhalten und streitet mit ihm über Begrifflichkeiten. Kadda hat aus ihrer Sicht berechtigte Kritik an Friedemanns (Schimpf)Wörter, die er in seinen Texten benutzt, wenngleich er diese nicht abwertend einsetzt, sondern diese seinem norddeutschen Sprachgebrauch entsprechen und einen anderen Kontext haben, wenn sie nicht für sich im luftleeren Raum stehen. Für Friedemann ist der Zusammenhang wichtig, in dem die von Kadda kritisierten Wörter stehen. Kaddas Kritikpunkte bedürfen durchaus einer Klärung und Friedemann zeigt sich mitunter genervt und missverstanden und kommt zum Schluss, dass Punk auch provoziert und weh tun muss. Ist das eine Entschuldigung, eine Rechtfertigung oder ein allgemeingültiger Persilschein, sich von allen Anschuldigungen frei zu machen???
Und auch schon wieder die DONOTS. Nee, das habe ich nicht mehr gelesen, nachdem ich im OX und im PUNKROCK! bereits alles erfahren habe, warum die Band nun auf deutsch singt und das neue Album das bisher beste ist. Neuerdings werden die Bands auf der CD ausführlich vorgestellt und einige ihrer aktuellen Tonträger sogar im Anschluss rezensiert, was die Bands sicherlich verdient haben, andererseits die CD-Beilage aufwertet. Helge berichtet über norwegischen Punkrock und die aktuelle Musikszene, die er zum Teil während seines Norwegen-Urlaubs kennen gelernt hat. Immer unterwegs in Sachen Punkrock, die alte Spürnase! Der Bericht über "Jugendarbeitslosigkeit in Europa" hat einen Printfehler mit einer gedoppelten Seite, wo ich irgendwie den roten Fade verliere, was schade ist, bei dem wichtigen Thema. Julia schildert ihren Eindruck in Italien, Andrea in Ungarn. Andrea war ungelernte Kraft bei Amazon in Augsburg, hat dann nach einem Bewerbungsmarathon eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin machen können. Igor von WHAT WE FEEL liefert einen politischen Hintergrundbericht zur neonazistischen BORN-Gruppe (Kampforganisation russischer Nationalisten) in Russland, die in den vergangenen Jahren mehrere Menschen ermordete und auch über Kontakte in den Kreml verfügte. Micha entdeckt den Mod und THE RIOTS, die allseits abgefeiert und geliebt werden für einen nostalgischen Retro-Sound Marke THE JAM, was nicht weiter erwähnenswert wäre, käme die Band nicht aus Russland. Micha spielt mit Klischees über Russland, erinnert an die Kultur der Mods und bewirbt denn mehr in Infozettel-Manier die aktuellen Veröffentlichungen der Band.
Bela von DAS FRIVOLE BURGFRÄULEIN sieht sich als ersten Punk Deutschlands und kalauern, wo es nur geht, um lustig rüber zu kommen. Vasco fragt rhetorisch, was das nun alles soll mit PEGIDA und schlussfolgert, dass unterm Strich die soziale Frage übrig bleibt und ist wieder mal bei Kapitalismuskritik und Vermögensverhältnisse angelangt. Zum Schluss bekommt SEKRETSTAU eine Hommage, eine Retrospektive und Gizmo entpuppt sich  als fitter Typ, der was auf die Reihe kriegt.

Gesamteindruck:

Tjaaaa, NAPALM DEATH und DONOTS als Pflichterfüllung, der Rest dümpelt auch nur mehr vor sich hin. Kadda und Friedemann sorgen für kurze Aufregung und Spannung, die die ansonsten zuverlässig-informative "Anders leben"-Rubrik nicht halten kann. Der gehaltvollste Artikel ist dann auch ein "Gastartikel" von Igor. Das ist schon bezeichnend, wenn das eigene Revier abgegrast und das Potenzial nicht genutzt wird, das die besten Inputs von Außen kommen. In der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben kann nicht jede Chance Erfolg versprechen, doch wäre es schade, wenn die kreativen Möglichkeiten nicht kompetent genutzt werden.

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