Herzinfarkt - Hörspiel

Herzinfarkt "Hörspiel"
Herzinfarkt "Hörspiel"

Herzinfarkt
"Hörspiel"
v. Jens Rachut
Majorlabel
"Wir sind klüger, nicht vorsichtiger geworden. Ich verachte die Zeit, weil sie sich nicht anhalten lässt."
Im Radio läuft alter Country, das Ende ist da. Der letzte Nerv genießt die Stille und erzählt von der letzten Woche vorm Tod des Percy Rippenbreaker, alternder Musikproduzent, der den schleichenden Ausverkauf seiner selbst ebenso wenig bemerkt hat wie seine Leberprobleme, seine Raucherlunge und sonstige Verfallserscheinungen – bis das System zusammenbricht.
Live-Schaltung direkt aus dem Zentrum der Krise:

Percy leidet unter Depression und Größenwahn, kompensiert den permanenten Stress mit zu viel Kaffee, Alkohol, Zigaretten. Was passiert dann im Körper? Toivo bittet zum Rapport und lässt die Organe sprechen, singen, streiten und kapitulieren, weil das Ende unausweichlich ist. Heinz Strunk (Gallenblase), Bela B. (Die Lunge) und andere regen sich auf und kämpfen zunächst noch auf Hochtouren gegen den Kollaps, aber Percy ignoriert die Anzeichen. Die Dialoge zwischen Psychologin und Percy, Mutter und Percy, aber auch Percys Monologe warten mit philosophischen Weisheiten auf, die Percys schleichenden Verfall in Worte fasst. Spenderniere, Kur...nichts kann das Böse aufhalten, das sich kurz vorm Ende zu Wort meldet, als alles zu spät ist. Und das einläutende Ende zelebriert Rachut mit spannungsgeladenen Dialogen und Tonschnipsel wie Sirenengeheul, das den Zusammenbruch begleitet bis "Erlösung besser als Leiden" scheint. Ein letztes Husten und Röcheln, dann folgt die Aufforderung, den Herzinfarkt "zu machen". Und hier lässt Rachut den Körper wie eine Maschine arbeiten, die Organe arbeiten wie wie Soldaten auf Hochtouren, wobei Strunk als Gallenblase klarstellt, dass wir "ein zusammengewürfelter Haufen Matsch aus Blut und Wasser" sind.

Gesamteindruck:

"Herzinfarkt" ist eine unterhaltsame Veranschaulichung, was im Körper passiert, wenn der Mensch sich selber schadet. Die Organe erhalten einen Charakter und eine unverwechselbare Stimme - teilweise mit Akzent (Jean Jacques Burnel; Bassist der Stranglers, als englischsprechende Spenderniere) - die ihre Sorgen und Nöte haben. Jens Rachut gelingt es so, eine gewisse Seelentiefe der Figuren zu entwickeln, die glaubwürdig porträtiert werden. "Herzinfarkt" ist eine packende Geschichte mit einem Wortwitz, begründet mit vielen Begründungen und Kommentieren eines drohenden Untergangs in einem Milieu, dass uns bislang fremd ist, dank Rachut aber sehr vertraut vorkommt. Subtil, aber wenigstens ehrlich und mit einem klaren Fazit: Ende, Aus, Micky Maus! So einfach ist das!

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