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Rohrkrepierer

Rohrkrepierer
Rohrkrepierer

Rohrkrepierer
Isabel Kreitz
304 Seiten, € (D) 29,99 | € (A) 30,90 | sFr 40,90
ISBN 978-3-551-78378-3
carlsen.de
Hintergrund: Eine Kindheit und Jugend im Nachkriegsdeutschland: Was Konrad Lorenz in seinem autobiografischen Roman „Rohrkrepierer“ beschreibt, hat Isabel Kreitz nun bildlich in eine Graphic Novel übersetzt. Eine Kindheit "auf St Pauli" in der Nachkriegszeit ist etwas Besonderes: besonders dreckig, hungrig, spießig und jenseits aller üblichen bürgerlichen Moralvorstellungen.
Aber es ist so wie überall in Deutschland: Die Mütter organisieren den Kampf ums Überleben. Die Kinder spielen in den Ruinen. Es fehlen die Väter. Und die, die wieder auftauchen, sind kriegsgeschädigt, vor allem im Kopf.

Es wächst eine "lebenshungrige" junge Generation heran, die sich für Kino und Jazz interessiert, und ihre Sexualität in einer einer Welt entdeckt, in der Unverheiratete kein Hotelzimmer bekommen. Nichtmal auf St. Pauli.
Inhalt: Erzählt wird die Kindheit und Jugend von Kalle. Er wächst im Hamburger Stadtteil St. Pauli auf. Doch hätte sich diese Geschichte sehr ähnlich auch in jeder anderen deutschen Stadt zutragen können: Das Spielen auf den Straßen und in den Ruinen, die Mütter, die mit dem alltäglichen Überleben der Familie beschäftigt sind, die Väter, die gefallen oder verschollen sind, oder schwer traumatisiert aus dem Krieg zurückkehren. All das hat eine ganze Generation von Kindern und Jugendlichen im Deutschland der 50er und 60er Jahre so erlebt. Es ist eine Zeit, in der sie die überlebensnotwendige Härte der Erwachsenen zu spüren bekommen. Sie sind oft auf sich allein gestellt und müssen lernen mit den Nachkriegsfolgen zu leben: Väter, die sich in den Alkohol flüchten, Mütter, die auf dem Schwarzmarkt für das Überleben der Familie sorgen, Beziehungen der Eltern, die in Trümmern liegen. Aber das Alleinsein ist nicht nur eine Bürde, es verschafft Ihnen eine ungeheure Freiheit. Kalle und seine Kumpels ziehen durch St. Pauli und lernen das Leben ganz unverblümt kennen und treffen auf wahre Freundschaft, die erste Liebe und andere Abenteuer.

Gesamteindruck:

Isabel skizziert im wesentlichen die Reise in eine abenteuerliche Kindheits-, Jugend- und Erwachsenenwelt, greift die hierfür typischen Erlebnisse auf: sich messen mit anderen in einer Gruppe, sich auflehnen gegenüber Autoritäten, die Erfahrungen mit der ersten großen Liebe, Unsicherheiten und Ängste. Diese werden bildlich und textlich übertragen in eine Identitätsentwicklung, die gekennzeichnet ist von Freundschaft, Konflikte, Verlust. Kalles Vater kommt als Kriegsheimkehrer nach Hause und damit verändert sich die Familiensituation. Kriegstrauma, Apathie lähmen zum Einen die Handlungsmuster, zum Anderen wird dadurch die elterliche Beziehung belastet. Vorwürfe und Unverständnis beherrschen den gegenseitigen Umgangston. Der Dialogtext unterstützt das Bild um die Geschichte zu erzählen, nicht Andersherum. Isabel zeichnet und zeigt Originalschauplätze (St. Pauli Landungsbrücken, Bahnhof) und liefert viele Details, die die autobiografische Graphic Novel authentisch machen. Es gibt viele Perspektivwechsel und nahe/ferne Objekte, um sich von einer statischen Wiedergabe zu lösen. Rohrkrepierer ist keine besondere Geschichte, aber eine spannende Dokumentation, die einen Reifeprozess reflektiert und dabei sehr detaillierte Erlebnisse wiedergibt. Die hier aufgezeigten Erfahrungen der Freundschaft auch Erfahrungen von Streit, Ausgrenzung und Enttäuschung sind für die LeserInnen nachvollziehbar. Wie gehen wir miteinander um? Wie gestalten wir unsere Freundesbeziehungen, wie viel wert sind uns unsere Freunde, und wie erhalten wir auch schwierige Beziehungen aufrecht? Werden Streitigkeiten zu Handgreiflichkeiten? Am Ende ist es wie es immer ist. Finde deinen Weg und probiere dich aus, bau dir ein starkes Selbstbewusstsein auf! Eine nicht unerhebliche Notiz zum Schluss: Ein Rohrkrepierer ist in vielerlei Hinsicht interpretierbar. Das wird auch immer wieder thematisiert und zieht einschneidende Folgen für Kalle und einiger seiner "Freunde" nach sich!

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