Im Gespräch mit Ingo Werth (Sea-Watch)

Ingo Werth
Ingo Werth

Ingo Werth ist 56 Jahre alt, reiste als junger Mann durch Lateinamerika und war von der Ausbeutung der Kaffeebauer erschüttert. Das Elend der Kaffeebauern in Lateinamerika hat ihn damals fürs Leben geprägt. Aus Protest hat er seit 35 Jahren keinen Kaffee mehr getrunken und lebt koffeinfrei.
Ingo hat sich früh politisch engagiert und sieht Europa in der Pflicht, etwas gegen das tägliche Sterben der Flüchtlinge auf dem Mittelemeer zu unternehmen. Er lief bei „Rennen gegen Nazis“ linksherum um die Alster und kündigte Kunden seiner mit seinem Bruder und einem Freund in Hamburg-Lohbrügge betriebenen Auto-Werkstatt, die sich in der AfD engagierten. Aber Ingo ist nicht nur Automechaniker. Er kann auch Schiffe reparieren, hat den Atlantik überquert und im Juli zwei Wochen damit verbracht, vor der Küste Libyens einen Fischkutter zu steuern, um ertrinkende Menschen aus dem Meer zu fischen. Seither gehört er zum Kern von Sea-Watch, einer privaten Initiative, die sich genau das zum Ziel gemacht hat. Er selbst wollte dem Sterben und das Flüchtlings-Drama im Mittelmeer nicht länger zuschauen.

Ingo, was war denn ausschlaggebend für dein Engagement bei Sea-Watch?
Ausschlaggebend für mein Engagement bei Sea-Watch war die Fluchtbewegung aus Afrika, was für mich seit längerer Zeit ein wichtiges Thema ist. Vor 2 Jahren habe ich mit Freunden angefangen, westafrikanische Flüchtlinge zu beherbergen und sie jetzt nach wie vor betreue: mit Deutschunterricht, medizinischen Beistand. Von daher war es für mich nur folgerichtig, bei Sea-Watch einzusteigen.

Quasi ein Fortsetzung deiner aktiven Flüchtlingshilfe...
Ja. Hinzu kommt noch die Affinität zu Wasser und zum Segelschiffsfahren. Ich habe mich aufgrund meiner nebenberuflichen Qualifikation als Bootsführer für Hochsegelyachten mit einem Sporthochseeschifferschein bei Sea-Watch beworben. Ich habe in dem Sinne kein Kapitätspatent, aber den Nachweis, ein Schiff wie die Sea-Watch führen zu dürfen. Da wurden Schiffsführer gesucht, das passte für mich alles gut zusammen. Ich habe mich aber auch als Koch, Mechaniker, Bootsmann beworben...scheißegal, Hauptsache ich bin dabei, aufmerksam zu machen, dass das tägliche Ersaufen gewollt ist und ich nicht tatenlos zuschauen werde.

Wie hat sich die Crew zusammengefunden und wie haben sich die Crew-Mitglieder auf ihre Aufgaben vorbereitet?
Die Bewerbungen liefen bei jemanden, der das Crewing schon mal gemacht hat, zusammen . Das war und ist eine unglaublich zeitintensive Arbeit. Je mehr ich bei Sea-Watch involviert bin, habe ich das seit einiger Zeit übernommen und mache das Crewing seit 10 Wochen. Das heißt, ich kümmere mich um die Auswahl der Crew-Mitglieder. Wir haben viele Bewerbungen für z. B. medizinische Stellen, Stellen für JournalistInnen etc. und wählen dann aus. Es folgen persönliche Treffen und dann werden in allen Einzelheiten die Situationen geschildert, die wir bereits auf See erlebt haben. Bei dieser Schulung sind also immer Leute mit praktischer Erfahrung dabei, die die neue Crewmitglieder einweisen. Auf dem Schiff gibt es dann intensive Einweisungen bezüglich Sicherheit: Beisetzen der Boote, Feuerbekämpfung, Verhalten/Maßnahme bei "Mann über Bord", Handhabung des Schiffes.

Dein erster Einsatz war die 2. Sea-Watch-Rettungsfahrt, wo ihr gerade bei diesem Einsatz sehr viel Menschen helfen konntet...
Wir haben ungefähr 600 Menschen vor dem Ertrinken gerettet. Auf der 5. Fahrt konnten wir aber auch noch mal 800 Menschen retten. Für mich ist es aber vollkommen irrelevant, wie viele Menschen die Crew bergen kann, sondern das Entscheidende ist, dass es zu keinem Zeitpunkt zu einem Wettbewerb unter den Crewmitglieder entsteht. Natürlich will jedeR, der/die draußen auf See unterwegs ist, helfen.
    Wir haben das Bevorstehende in ganz kleine Bauteile zerlegt und uns diese ganz genau angeguckt. Das beginnt schon bei der Sichtung eines Flüchtlingsbootes, die Frage, wie nähere ich mich diesem Boot, wie nehme ich Kontakt auf, wie baue ich Vertrauen zu den Menschen in den Flüchtlingsbooten auf. Denn das ist nicht selbstverständlich, dass dort sofort ein Vertrauensverhältnis besteht. Wer ist auf dem Boot der Gesprächspartner. All diese Überlegungen und Fragen haben wir uns vorher in der Theorie angeschaut, haben das in der Praxis aber ja noch nie gemacht. Ich habe die Crew in der Vorbereitungszeit, parallel zu unseren Treffen, immer wieder mal angeschrieben und gesagt. Wir müssen auch daran denken, dass wir in Situationen kommen, von denen wir jetzt noch nicht wissen, dass es sie gibt. Das ist ein ganz wichtiger Hinweis, den wir vorher nicht im Detail trainieren können, der aber immer präsent sein muss. Natürlich ist die Belastung im Einsatz für den Einzelnen enorm groß. Wenn wir Rettungsinseln aussetzen und ca. 8 Stunden lang in dieser Rettungsinsel für Ruhe sorgen, für Ansprache sorgen, ja, für Disziplin sorgen, dass da nichts schief geht.

Anmerkung:

Bei Ingos erstem Einsatz wird deutlich, dass im Vorfeld kein Training, keine noch so gute Einweisung dabei helfen kann, mit dem Erlebten umzugehen. Denn es gibt im Vorfeld keine Trainingseinheit, die die Crewmitglieder auf das vorbereiten kann, was sie selbst vor Ort mitansehen/miterleben muss, wenn sie auf teils schwer verletzte Menschen treffen, Menschen, die im Sterben liegen oder auf Tote, die die Flucht nicht überlebt haben.
"Es ist keine Situation, die uns überraschen konnte, aber wir müssen es aushalten können und das ist für jede/n von uns unterschiedlich. Unsere Crew, die direkt beteiligt gewesen ist, hat etwas ganz Großes geleistet – äußerlich und innerlich. Denn jede/r agierte in unterschiedlicher Empfindung zu dem, was vor den eigenen Augen passiert."
Vor diesem Hintergrund hat Sea-Watch ein Team von SpezialistInnen des SBE (Bundesvereinigung Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen e. V.) an ihrer Seite, die nicht nur zuverlässig vor Ort auf Lampedusa sind, wenn die Crew zu ihren Einsätzen fahren, sondern auch für sie da ist, wenn sie mit unvergesslichen, schwer zu verarbeitenden Erlebnissen von ihrer individuellen Mission nach Lampedusa zurückkehren und darüber hinaus ihnen allen an den Heimatorten zur Bewältigung des Erlebten zur Seite stehen.

 „Wir sehen keine Fotos von den Booten, die untergehen! Wir wissen, dass die Dunkelziffer von den Versterbenden, ertrinkenden Menschen um ein Vielfaches höher ist, als das, was wir als Leichen aufgezählt bekommen.“*

Jede*r, die/der auf dem offenen Meer aufgegriffen wird, muss einen Asylantrag stellen können. FRONTEX wird als Seenotretter dargestellt, gleichwohl sie aufgrund ihrer eigentlichen Arbeit (Grenze absichern/abschotten) Flüchtlinge konsequent auf Abstand hält. Trotzdem kommuniziert Sea watch auch mit Frontex oder mit der Bundeswehr...Wie ist das Procedere, wenn ihr ein Flüchtlingsboot seht?Es gibt 2 unterschiedliche Einsatz-Möglichkeiten. Die eine ist, dass ein Notrufsignal von einem Flüchtlings-Boot oder Fischerboot gesendet wird. Dieser geht an das Maritime Rescue Coordination Centre (MRCC) in Rom, die zuständige Seenotzentrale. Es gibt auch Flüchtlingsboote, die haben ein Satellitentelefon, in dem ist die Nummer des MRCC einprogrammiert. Die andere Möglichkeit ist, wir sehen ein Flüchtlingsboot. Das erste, was wir dann machen ist, wir melden das an Rom. Und das MRCC Rom koordiniert die Rettungseinsätze. Wir rufen auch niemand anderes vorher an. Wir bekommen vom MRCC Rom die genaue Position von den Booten, die ein Notrufsignal gesendet haben. Die rufen an und sagen: „Wir haben 13 Seemeilen östlich von euch ein Signal erhalten könnt ihr da bitte hinfahren!“
Wir antworten dann: „Okay in 1 Stunde 40 Minuten sind wir da. Wir setzen unser Beiboot aber gleich ein, das ist in 30 Minuten da.“
Wenn wir das Boot selbst sichten, versuchen wir uns einen Überblick zu verschaffen:

  1. Haben sie schon Schwimmwesten an?
  2. Wie viele Menschen sind auf dem Boot?
  3. Ist das Boot akut am Sinken?

Parallel dazu wird das Schnellboot fertig gemacht und MRCC Rom angerufen, wenn wir die genaue Position wissen und wie viele Menschen sich an Bord befinden. In Rom werden die auf ihren Bildschirm befindenden andere Schiffe/Tanker informiert, die am Nächsten dran sind. Was wir nie erlebt haben, ist, dass der MRCC Rom europäische Kriegsschiffe geschickt hat. Bei all unseren Einsätzen waren im gesamten Seegebiet keinerlei Kriegsschiffe vorhanden. Dafür gibt es die verschiedensten Erklärungen. Tatsächlich ist das Seegebiet ganz klein. Die Boote starten an der libyschen Küste. Wir wissen ganz genau, wo die Schlauchboote eingesetzt werden und wo die Holzboote starten. Das ist im Westen die Stadt Zuwara und weiter östlich Tripolis. 30 km östlich von Tripolis werden die Gummiboote eingesetzt. Und wenn ich diese Spanne nehme, dann habe ich ein Seegebiet von maximal 100 Seemeilen und in der Höhenausdehnung vielleicht 20 Seemeilen. Das ist ein Witz. Wenn ich das gut organisiere, habe ich das schnell abgesucht. Wenn ich das anders mache, erwecke ich den Eindruck, dass mir gar nicht daran gelegen ist, Hilfe zu leisten und widerspricht der Aussage von Ursula von der Leyen, die vor Monaten gesagt hat: Das Überleben einzelner Menschen und die Seenotrettung hat Priorität. Das kann ich nicht glauben. Das widerspricht meinen gesammelten Erfahrungen, die ich vor Ort gemacht habe.
Es ist naiv zu glauben, dass die politische humanitäre Hilfe mit dem Einsatz europäischer Kriegsschiffe funktioniert und wir die Chance haben, dass auf See nicht tausende von Menschen sterben müssen.

Anmerkung:

Ende Juni reagierte der EU-Rat auf den zunehmenden Unmut aus den europäischen Mitgliedstaaten über die Flüchtlings-Lage auf See, den damit verbundenen/verantwortlichen Schleuserbanden und beschloss eine "militärische Krisenbewältigungsoperation, die dazu beiträgt, das Geschäftsmodell der Menschenschmuggel- und Menschenhandelsnetze im südlichen zentralen Mittelmeer zu unterbinden". Getauft wurde die Mission "Eunavfor Med".

Das sind deutliche Kritikpunkte an das Verteidigungsministerium, aber auch an Frontex und Triton.
Ich habe mir das abgewöhnt, die einzelnen Missionen zu benennen, weil es spitzfindige Wehrexperten gibt, die es immer besser wissen. Wenn ich Triton sage, sagen die, es ist „Eunavfor Med“ und umgekehrt. Es gibt einen Typen, der regt sich auf, dass ich nicht die richtige Mission benannt habe. Meine Güte, es geht hier um die ca. 30 europäischen Kriegsschiffe im Einsatz auf dem Mittelmeer. Und wenn die nicht zur Menschenrettung eingesetzt werden, frage ich mich: Was ist wichtiger als Menschenrettung? Irgendwas muss wichtiger sein, und dann ist der Ausspruch von von der Leyen, „Menschenrettung hätte absolute Priorität“, schlichtweg gelogen!
Die Seenotrettung hat keine Priorität mehr. Der Krieg gegen die Schlepper ist offenbar wichtiger als Leben zu retten.

Anmerkung:

Im Juli besuchte Ursula von der Leyen die Fregatte "Schleswig-Holstein", die bislang zur Seenotrettung eingesetzt worden ist. Ursula v. der Leyen sprach von einer humanitären Verpflichtung, die Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu retten. Nun aber endete die deutsche Mission. Die Ministerin erklärte die "Deutsche Seenotrettung" für abgeschlossen. Von nun an sollen die beiden deutschen Schiffe (neben der "Schleswig-Holstein" ankert vor Sizilien auch noch der Tender "Werra") als Teil der europäischen Anti-Schleuser-Mission EUNAFVOR MED das Geschäft der Menschenschlepper ins Visier nehmen.

„Es muss legale Wege für Menschen geben, die um Asyl bitten, überleben wollen. Genauso, wie es Wege gegeben hat, als Deutsche geflohen sind und als Deutsche von anderen Ländern aufgenommen wurden.“*

Um das klarzustellen: Ich mache den Kriegsschiffen oder den Soldaten, Seeleuten auf den Schiffen keinen Vorwurf, weil die abhängig sind von den Weisungen aus dem Ministerium. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass wenn die in eine Situation kommen, wo sie mit einem Flüchtlingsboot zu tun haben und nicht nur den Shuttle-Service machen, dann sind die total engagiert. Mein Vorwurf richtet sich an diejenigen, die die Strategie dieser Schiffe bestimmen.

Zum Einen kritisierst du die bewusste unterlassene Hilfeleistung, zum Anderen den militärischen Einsatz....
...der noch kein Status Quo ist, sondern die nächste Stufe von EUNAFVOR MED ist. Nachdem die Schlepperwege sondiert wurden, sehe diese Stufe vor, dass AN LAND Boote zerstört würden. Wir müssen uns vor Augen führen, was das bedeutet. Vor 26 Jahren wurde der Schießbefehl an der deutsch-deutschen Grenze aufgehoben. Jetzt erleben wir, dass europäische Staaten zwar nicht direkt sagen, dass sie auf Flüchtlinge schießen, aber sagen, auf Flüchtlingshilfsmittel schießen und diese zerstören. Wir können uns darunter vorstellen, dass wir dann in Libyen - ähnlich wie im Irak, Syrien, Libanon, Afghanistan - Kollateralschäden haben. Und sie werden, wenn sie mit einer Drohne ein Boot mit 120 Menschen ausgemacht haben, dieses Boot binnen Minuten zerstören. Ich halte das für eine Kriegserklärung. Ich halte das für einen völlig falschen Weg. Es gibt eine Erklärung von der Bundeswehr, die ich hoch interessant finde, wo als Kernproblem der Betrieb der Schleuser dargestellt wird. Wir wissen, dass wer in Notsituation einen Notweg sucht und den von Schleusern angeboten bekommt, ist das nichts anderes, als eine Dienstleistung rein kapitalistischer Weg (Angebot-Nachfrage). Natürlich kann man kritisieren, dass die Boote viel zu voll gemacht werden, und dass sie schlecht ausgerüstet sind.
Ich halte die von der Bundeswehr hervorgebrachte Schleuser-Kritik für einen völlig falschen Ansatz, nämlich die Schleuser für das Kernproblem verantwortlich zu machen. Das geht weg von der Problematik, dass Menschen vor Krieg, Hunger, Not fliehen.

Was könnte/müsste Deutschland tun, um das zu ändern?
Es gibt einen ganz einfachen Weg. Wenn wir uns vorstellen, dass Menschen in ein Flugzeug besteigen, nach Deutschland fliegen können, um hier einen Asylantrag zu stellen zu können oder für Österreich und andere Länder, dann werden Schleuser arbeitslos. Ein Flugticket von Syrien oder vom afrikanischen Kontinent kostet einen Bruchteil von dem, was ein Schleuserweg kostet. Aber es gibt eine EU-Verfügung, die schon ein paar Jahre alt ist, die jede einzelne Fluggesellschaft dafür verantwortlich macht, für jeden Flüchtling, der sich an Bord befindet, der nicht geduldet ist, der keine Aufenthaltserlaubnis besitzt. Die Fluggesellschaft ist für diesen Flüchtling verantwortlich, bis jedwedes Verfahren abgeschlossen ist, verantwortlich für die Unterbringung, für die DolmetscherInnen, Ernährung und gegebenenfalls für die Rückführung. Das ist der Beschluss. Von daher hat kein Mensch die Chance, einen legalen Weg der Flucht vor Hunger, Krieg und Elend nach Europa anzutreten. Wenn die Fluchtwege freigegeben werden, so wie es im 2. Weltkrieg der Fall war, bei der Vertreibung der Menschen aus den Ostgebieten, wie es möglich gewesen ist, dass zu Beginn des Krieges, als Deutsche nach Skandinavien oder Amerika geflohen sind, um dem Krieg zu entgehen, dann hätten Schleuser keine Chance für ihr skrupelloses Geschäft.

Glaubst du, dass das Sea watch-Projekt eine positive Signalwirkung in der Flüchtlings- und Asyldebatte hat?
Wir haben im Traum nicht damit gerechnet, dass wir einen derartigen Fokus in der Öffentlichkeit bekommen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass viele Menschen mitbekommen, dass direkte Hilfe vor Ort von einer so kleinen, so jungen NGO wie Sea-Watch machbar ist. Dass wir Menschenleben retten können. Dass wir in der Lage sind, seit dem 01.07. bis heute, mehr als 2.000 Menschen vor dem Ertrinken gerettet zu haben. Ich kann nachweisen, dass eine Großzahl dieser Menschen tatsächlich ertrunken wäre. Alle Boote, die wir selbst gefunden haben, deren Signale nicht vom MRCC Rom gekommen sind, waren vom Sinken bedroht, entweder darüber, dass Wasser über Heck eingedrungen war oder die Schläuche waren geplatzt. Es waren keine andere Schiffe in Sicht oder in der Nähe. Diese Boote hatten keine Möglichkeit, sich zu verständigen, einen Hilferuf abzusetzen. Das heißt, diese Boote wären untergegangen, ohne, dass das überhaupt jemand mitbekommen hätte.
Ein weiterer Aspekt für die mediale Aufmerksamkeit unserer Arbeit ist sicherlich auch, dass wir davon profitieren, dass der Fokus auf die Flüchtlingsbewegung gerichtet ist, dass wir Möglichkeiten haben, uns in diese Debatte einzuschalten und öffentlich Kritik zu äußern. Unser Ziel ist ja, uns überflüssig zu machen, dass es Flüchtlingsbewegungen in dieser Art nicht mehr geben muss.

Macht es dich nicht wütend, wenn die von euch geretteten Menschen nach kurzer Zeit auf Land wieder zurück abgeschoben werden?
Es gibt zur akuten Seenotrettung, zur Rettung vor dem Ertrinken von Menschen keinerlei Alternative. Die Rettung von in Seenot geratenen Menschen ist alternativlos. Alle Politiker haben die Flüchtlingsbewegung über Jahrzehnte nicht offen kommuniziert. Dabei gab es in der Vergangenheit einige Beispiele, wo sich dieses Flüchtlingsdrama abgezeichnet hat. Als die Cap Anamur II zwischen dem 18. März und dem 2. April 1986 insgesamt 328 vietnamesische „boat people“ an Bord genommen hat, 2004 vor Lampedusa 37 afrikanische Flüchtlinge aus Seenot gerettet hat und dann wochenlang von Kriegsschiffen eingekreist war(2), gab es bereits eine fünfstellige Zahl an Menschen, die auf dem Weg nach Europa gestorben waren. Schon damals hat man gewusst, was sich entwickelt. Das ist meine Kritik, dass man nicht besser vorbereitet ist. Auf der anderen Seite dürfen wir nicht vergessen, dass Europa ein Armutszeugnis abgibt, dass man Länder wie Griechenland und Italien nicht besser unterstützt.

Können die auf eurer Seite dokumentierten Einsätze und die deutlich geäußerte Kritik in der bestehenden Flüchtlingsdebatte ein Umdenken in der Politik zu einer liberalen Flüchtlingspolitik ermöglichen?
Wir haben Einladungen von verschiedenen Fraktionen und Landtagen an einzelne Crew-Mitglieder gehabt, haben Reden gehalten, machen selbst auch verschiedene Info-Veranstaltungen. Was aber bislang fehlt, ist ein Gespräch an entscheidender Stelle.

Nachtrag:

Mit der Hilfe von vielen engagierten HelferInnen hat die Sea-Watch-Crew es innerhalb von 10 Monaten geschafft, eine Idee in die Tat umzusetzen: "Wir haben in Holland ein Schiff gekauft, dieses mühsam in Hamburg umgebaut, es dann um ganz Europa herum bis nach Lampedusa gefahren, um von dort bis an die libyschen Hoheitsgewässer in 7 Einsätzen insgesamt 2.000 Menschen zu retten." (O-Ton Höppner)

Im November ist die Sea-Watch zu einem neuen Einsatz nach Lesbos aufgebrochen, um die Fluchtroute nach Lesbos zu sichern. Am ersten Tag des “Sea-Watch“ Einsatzes auf Lesbos, führte die Crew in enger und guter Zusammenarbeit mit griechischen und spanischen Rettungskräften bereits mehrere Rettungs- und Hilfseinsätze für Flüchtlingsboote in Seenot durch. Das Ergebnis dieses Tages verdeutlicht, wie wichtig sichere Fluchtrouten sind.

Anmerkungen:

 (1) Als die „Cap Anamur“ am 12. Juli in Sizilien anlegte, wurden Elias Bierdel, Kapitän Stefan Schmitt und der Erste Offizier „wegen Begünstigung illegaler Einwanderung“ verhaftet. Ihr Schiff wurde beschlagnahmt, die Flüchtlinge kamen in Abschiebehaft. 2006 begann der Prozess wegen „bandenmäßiger Schleuserei“. Die Staatsanwaltschaft fordert je vier Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe von 400.000 Euro für Bierdel und Schmitt. Erst 2009 wurden sie freigesprochen.

* Alle Zitate von Ingo Werth aus der Sendung bei Markus Lanz vom 20.08.2015:
http://www.zdf.de/ZDFmediathek#/beitrag/video/2467014/%22Markus-Lanz%22-vom-20-August-2015

zum Artikel: "Sea-Watch"

 

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