LOTTA #60

LOTTA #60
LOTTA #60

LOTTA #60
68 DIN-A-4-Seiten; € 3,50.-
Lotta, Am Förderturm 27, 46049 Oberhausen
lotta-magazin.de
Im Editorial wird das Thema "Geflüchtete" aufgegriffen, der öffentliche Diskurs kommentiert und die repressive Politik hervorgehoben. Dennoch wendet sich das LOTTA-AutorInnenkollektiv den "Verschwörungstheorien" zu und beleuchtet "eine praktische Möglichkeit, die komplexe gesellschaftlichen Prozesse" zu erklären. Obwohl es heute immer schwieriger wird, Verschwörungsideologien nachzuweisen, versucht das Kollektiv diese zu erkennen und zu hinterfragen.

Jan Raabe und Klaus Niebuhr erklären die Konstrukte, die so aufgebaut sind, "dass sie eine Behauptung schlüssig erklären" und zeigen historische Ereignisse auf, die im Zusammenhang mit verschwörerischen Ereignissen stehen (Geheimbünde, 11.September, Jakobinerschaft). Verschwörungsfantasien sind sehr alt. Die Autoren erkennen wiederkehrende Muster wie Geheimhaltung, Rhetorik der Wissenschaftlichkeit. Lieferanten für Verschwörungstheorien sind Geheimdienste, die u.a. mit den "Protokolle der Weisen von Zion" eine Fälschung in Umlauf gebracht haben und bis heute einer der "wirkmächtigsten" Dokumente für Neonazi, Islamisten darstellt. Die Autoren schlussfolgern, dass es sich bei Verschwörungstheorien um einen Glauben handelt, bei der es den Gläubigen um eine Bestätigung für ihre Vorstellungen geht.
Johannes Hartwig analysiert die Reichsbürgerbewegung, deren ReichsbürgerInnen die revisionistische Bestrebung der Wiedereinrichtung des Deutschen Reiches in den Grenzen von '37. Die bekanntesten Reichsbürger sind Holocaustleugner Horst Mahler sowie seine Lebenspartnerin Sylvia Stolz. Ihrer Meinung ist die Bundesrepublik Deutschland völker- und verfassungsrechtlich illegal und damit nicht existent. Dieser Theorie nach sind für die Reichsbürger alle Institutionen und Gesetze der Bundesregierung "falsch" und "unrechtmäßig". Welch skurrile Formen die Tätigkeiten der "Reichsbürger" annehmen können, stellen sie meist bei Gerichtsverhandlungen unter Beweis. So verteilten Reichsbürger beim Prozess des Holocaustleugners Ernst Zündel in Mannheim selbst hergestellte Münzen des "Neuen Deutschen Reiches" an Zuschauer und Journalisten. Andere Reichsbürger produzieren eigene Reisepässe und Führerscheine ihres Fantasie-Staates und ernennen sich selbst zu "Ministern" ihrer "Reichsregierung". Ihre offene antisemitische und antidemokratische Reichsidee wird von der Neonazis-Szene belächelt und als obskure Idee abgetan.
Sebastian Hell untersucht das Projekt "Quer-Denken.TV" und die "Quer-Denken-Kongresse" und rückt die verantwortliche Person Michael Vogt und seinen Werdegang in den Fokus.
Amelie Stassen beschäftigt sich mit den NSU-Anschlägen, die im NSU-Prozess immer noch/wieder Raum für Spekulationen lassen. Insbesondere die extrem rechte Szene nutzt die Widersprüche und leitet eine Verschwörungstheorie ab, der Prozess sei "gesteuert", die NSU sogar eine vom Geheimdienst ins Leben gerufene Organisation ("compact") und in der Folge werden die Opfer wieder verdächtigt.

Gesamteindruck:

Verschwörungstheorien werden konstruiert. Interessant ist in diesem Kontext, wie VerschwörungstheoretikerInnen die aktuelle Flüchtlingsdebatte aufgreifen und rassistische Erklärungsmuster herleiten. Diese Verbindung hätte das LOTTA gerne auch aufgreifen können, denn die extrem rechte Szene versucht zum Einen die Presse/Medien als diejenigen hinzustellen, die mit Diffamierung jegliche Zweifel an offiziellen Erklärungsmustern zu politisch brisanten Ereignissen unterdrücken und Kritiker zu Spinnern abstempeln wollen. Insbesondere die sozialen Netzwerke wie Facebook bieten eine Plattform, verschwörerische Konstrukte zu verbreiten. Anstelle historische Verschwörungstheorien oder Randphänomene wie die Reichsbürgerbewegung vorzustellen, gebe es doch aktuelle Beispiele, die eine nähere Betrachtung verdient hätten. Eva Hermann fantasiert von einem "Einwanderungs-Chaos" und vermutet eine "geringe Anzahl von Menschen, die eine Ahnung haben" was wirklich hinter dem "Plan" steckt. Und im Zusammenhang mit Bränden, Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte verbreitet die extrem Rechte die Verschwörungstheorie, dass es "Linksextreme" sind, um Hetze gegen Rechts zu machen. Berichtet wird über Brandanschläge von links natürlich nicht, denn die „Lügenpresse" sitzt mit denen ja im selben Boot. Polizei und Politik natürlich ebenfalls, was quasi als Beweis für die These linker Brandanschläge genommen wird. Die im Zusammenhang mit der Flüchtlingsbewegung hergeleiteten Verschwörungstheorien hätten demnach einen Schwerpunkt und eine genauere Analyse verdient.

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