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Das SO36 - Spielwiese für Kunst, Punk und Wave

Das SO36
Das SO36

Eine Zeitreise durch die Subkulturgeschichte Berlins

 

„So war das SO36“ ist ein Dokumentarfilm von Manfred Jelinski und Jörg Buttgereit(1)über den berühmten Veranstaltungsort in Berlin Kreuzberg, der für die Punk- und Avantgarde-Szene in den 80er Jahren eine wichtige Rolle spielte. Das SO36 liefert auch eine einzigartige Geschichte von Avantgarde, Punk, Schließungen, Neueröffnungen, Besetzung und vielen Besitzern bis zum heutigen Betreiberkollektiv und bietet noch heute die Möglichkeit zur Ekstase, verpflichtet sich der Irritation.

Doch nicht nur am mangelnden Lokal-Kolorit schieden sich die Geister über das „Esso“, auch die Getränke- und Eintrittspreise gerade im Kreuzberger Bezirk waren zum Beispiel für politische Gruppen geradezu eine Provokation. Das ganz große Chaos als beinah schon eingeplantes Happening. Dieser Ruf zog viele Künstler an, die dann später bekannt wurden. Hier traten u.a. Bands in ihrer Frühphase des Bestehens auf wie u.a. SLIME, EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, DEAD KENNEDYS, DIE TOTEN HOSEN, DIE ÄRZTE.
Das SO36 hat aber auch eine sehr lebhafte und wechselhafte Geschichte. Der Kommerzvorwurf vonseiten der Anarcho- und Punkszene mündete auch in Gewalt- und Boykottandrohungen und bezog sich auf die hohen Getränke- und Eintrittspreise. 1979 scheint erst mal alles vorbei. Ein schwarz/weiß kopierter Flyer kündigt die „Letzte Nacht im SO36“ an, der mit dem endgültigen Abschied droht. An diesem Abend spielten Teenage Jesus und Lydia Lunch. Und der Eintritt betrug für damalige Verhältnisse unglaubliche 40 Mark. Die gerade mal 20 Jahre alte Lydia Lunch aus New York macht auf der grell hellen Bühne mit blutrot geschminkten Lippen und ihrer No-Wave-Band Teenage Jesus & The Jerks ordentlich Lärm. Ein Dutzend Songs in zehn Minuten. Mitten im Publikum steht Martin Kippenberger, der Maler, Aktionskünstler, der nach nicht einmal zwei Jahren dem schrillen Kunstraum, den er geschaffen hat, wieder den Rücken kehrt. Nach dieser langen letzten Nacht wird er Berlin verlassen.

SO36- Durchgehalten, überlebt!

Ratten-Jenny
Ratten-Jenny

Ende der 70er-Jahre träumen Achim Schächtele, Klaus-Dieter Brennecke und Andreas Rohè davon, in Berlin einen Musikladen zu eröffnen, wie es der Ratinger Hof in Düsseldorf ist. Oder noch besser: das CBGB's in New York. Einen Raum für revolutionäre Töne, für extreme Ideen, für moderne Musik.
Am 12. August 1978 eröffnen sie mit einem zweitägigen Festival ihr SO36. „Mauerfestival“ nennen sie es provokant, in ironischer Anlehnung auf den 7. Jahrestag der Errichtung der Berliner Mauer.
Punk- und New-Wave-Bands wie The Wall, Mittagspause, Male, S.Y.P.H., DIN A Testbild oder die Stukka Pilots treten auf. Auch Berlins erste Punkband PVC ist dabei, die mit ihrem „Wall City Rock“ gerade einen Szenehit gelandet hat.
Doch schon wenige Monate später wird das Geld knapp. Martin Kippenberger kauft Brennecke seine Anteile ab und macht das „SO36“ zu einem Kunstraum für avantgardistische Experimente.
Die ortsansässige HausbesetzerInnen- und Anarchoszene boykottiert den Schuppen, die das Konzept als „Konsumscheiße“ bzw. „Schickeria-Kunst“ kritisierte. Während eines Konzerts der britischen Band Wire stürmte ein Kommando „Punks gegen Konsumscheiße“ das Lokal und ließ gleich noch die Abendkasse mit 2500 DM mitgehen. Kippenberger machte den Laden schließlich dicht.

So war das SO36
So war das SO36

In der Folgezeit gab es wechselnde Pächter. 1984 zog im SO36 eine Internationale Bauausstellung ein, die aber kurze Zeit später von den vertriebenen Besetzer*innen des benachbarten Kunst- und Kulturcentrum Kreuzberg (KuKuck) gestürmt und von ihnen besetzt wurde. Das Zentrum für die Punk- und Alternativ-Szene war mehr und mehr als Ausgangspunkt von Straßenschlachten der Berliner Hausbesetzerszene geworden, die meist auf der Oranienstraße ausgetragen wurden.
1985 machten Manfred Jelinski und Jörg Buttgereit eine Dokumentation „So war das SO36“, die 1997 auch als Video erschien.
„Eine Hommage an den berühmtesten Punk-Schuppen seiner Zeit. Die Kamera dicht am Geschehen, direkt vor der Bühne neben Schlagwerk, Gitarre und schwarzen Lederstiefeln. Die Körnigkeit des hochempfindlichen Filmmaterials (Super 8) im Pogotaumel, fliegende Bierbüchsen im bunten Nebel aus Bühnenlicht, Qualm und verdunsteten Schweiß und die authentische Geräuschkulisse erbitterter Fans. Mit Einstürzenden Neubauten, Lorenz Lorenz, Betoncombo, Die tödliche Doris, Malaria und vielen anderen mehr“; Werkstattkino (2)

Farin Urlaub (Soilent Grün, später DIE ÄRZTE); Screenshot: So war das SO36
Farin Urlaub (Soilent Grün, später DIE ÄRZTE); Screenshot: So war das SO36

Punk- und Avantgarde-Bands spielten einträchtig nebeneinander, aber die zu hohen Bierpreise erregten die Punks und die Sache eskalierte.
Die fliegenden Bierdosen sind legendär. Immer wieder macht das Publikum sich durch gezielte Proteste Luft. Manch eine Band dreht den Spieß um und wirft die Dosen zurück aufs Publikum. An manchen Abenden gibt es regelrechte Saalschlachten. An anderen ist es einfach dunkel. Die Schweizer Performance-Künstlerin Anne Jud lässt sich 1979 von 20 Uhr bis 8 Uhr am nächsten Morgen im verdunkelten „SO36“ einschließen. Mit Selbstauslöser macht sie Fotos von sich. Eine Serie von 36 Bildern entsteht für eine Ausstellung. Für Kippenberger ist das „SO36“ ein großes Experiment. Nimm einen leeren Raum, fülle ihn mit Menschen und sieh zu, was passiert.

Nach Angriff von Ratten-Jenny auf Kippenberger: Punk trifft Kunst im "Dialog mit der Jugend"
Nach Angriff von Ratten-Jenny auf Kippenberger: Punk trifft Kunst im "Dialog mit der Jugend"

Bands wie Soilent Grün traten auf, kurz bevor sie Die Ärzte wurden, Ratten-Jenny krachte durch den Boden und stritt sich handfest mit dem Clubbesitzer Kippenberger, der sie daraufhin rausschmiss. Die Tochter des Kriminalkommissars, die alle immer nur Ratten-Jenny nannten, lag vor dem SO36 auf der Oranienstraße mit einem zerbrochenen Bierglas in der Hand. Ihre Handfläche blutete - aber sie war noch nicht fertig mit dem Clubchef, der in der Punkszene ohnehin unbeliebt war. Plötzlich stand Ratten-Jenny mit dem zerbrochenen Glas auf und „revanchierte“ sich bei ihm. Sie prügelte den Künstler krankenhausreif. Punk trifft Kunst. Kippenberger dokumentierte sein lädiertes Gesicht als Gemälde und nannte die Arbeit „Dialog mit der Jugend“.
Kurz nach diesem Zwischenfall verließ Kippenberger das SO36 und auch Berlin. Diese und andere Geschichten hält Manfred Jelinskis Dokumentation fest, angereichert mit Konzertausschnitten von Einstürzende Neubauten, Carambolage, Malaria!, Der Wahre Heino, Die Tödliche Doris, natürlich Soilent Grün mit einem debil grinsenden Farin Urlaub. Ein sympathisches Chaos der Stimmen und Meinungen, dass die zwischen Kaputtness und Glamour torkelnde Atmosphäre West-Berlins um 1980 einfängt.
Ende März d. Jahres erscheint nach 2 Jahren intensiver Arbeit, Recherche, vielen Stunden Gespräche und Geschichten das Buch über Geschichte und Gegenwart des SO36(3). Der Jubiläumsband versammelt chronologisch die Geschichten und Bilder, die diesem Ort entsprungen sind – eine Zeitreise durch die Punkgeschichte. Doch es geht um weitaus mehr als um eine Revue: Es wird auch die Frage verhandelt, warum der dreckige Punkschuppen oder schillernde Nachtclub das alles eigentlich überlebt hat.

So war das SO36

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