Punk in der DDR

Punx in der DDR; Foto: Harald Hauswald
Punx in der DDR; Foto: Harald Hauswald

Punk als Kitt zwischen Keller und
Künstleratelier


In der DDR entwickelte sich Ende der 70er Jahre in den Städten Ost-Berlin, Leipzig, Halle und Dresden eine aktive subkulturelle und subversive Szene. Im Westen zeigten sich Die jungen Wilden, KünstlerInnen, begeistert. Nach Dada und Fluxus die erneute Hinwendung zum Dilettantismus, zur absoluten Freiheit, zur Ablehnung des Bürgertums und seiner Werte, das Heraufscheinen einer Massenkultur.

Was hatten DDR-Punks, was die Punks in Düsseldorf nicht hatten? Einen strengeren Staat und kleinere Bürger, eine selbstgerechte, bärtige Systemkritik und ein bedächtiges Hippietum. Der Pop-Aufstand wurde von selbst politisch. Es gab weniger Ideologie und mehr Gewalt. Wer Punk war, strebte nicht nach nobler Distinktion, er grenzte aus.
Dabei ging es zunächst nicht um eine Radikalisierung des Rock'n'Roll, also um eine neue Form der Musik oder um expressivere Ausdrucksformen in der Kunst.
So war der Prenzlauer Berg in Ost-Berlin war Transitraum der DDR-Künstlerszene zwischen Ost und West. Ab den 1970er Jahren tauchen KünstlerInnen aus der „Realität, die versagt hat“, in die Prenzlberger Hinterhoflandschaft ab. Die KünstlerInnenbohème vom Prenzlauer Berg – das waren vor allem junge Menschen, die ihrem wilden, oft zerrissenen Inneren eine Form geben wollten. Sie wollten die Welt  erobern und stießen dabei an Grenzen. Die Grenzen wiederum waren aber auch Impulsgeber für das künstlerische Wirken der Künstlerbohemians. Die Malerin Cornelia Schleime saß nach vier gescheiterten Ausreiseanträgen im Prenzlauer Berg fest. Im Medium Film fand sie neue Ausdrucksformen, um den Zustand des Wartens und der zunehmenden Frustration künstlerisch zu interpretieren. Der Objektkünstler Reinhard Zabka begann nach wiederholten Ausstellungsverboten seine Werke im dadaistischen Stil zu zersägen, expressiv neu zu arrangieren und zu collagieren.
Der Prenzlauer Berg war kreative Spielwiese und Wartezimmer ausreisewilliger KünstlerInnen zugleich und stand unter ständiger Beobachtung der Staatssicherheit.

Ein Konzert der Punkband Rosa Extra, 1985.Foto: Harald Hauswald
Ein Konzert der Punkband Rosa Extra, 1985.Foto: Harald Hauswald

Punk in West-Europa war ein popkulturelles Phänomen mit politischen Ursachen. Punk in der DDR dagegen war ein politisches Phänomen mit popkulturellem Hintergrund. Als 1979 die ersten Punks in Ost-Berlin, Leipzig und Dresden auftauchten, war dies keine Reaktion von sozialen oder künstlerischen Randexistenzen auf eine satte Konsumgesellschaft. Es war die Reaktion auf eine Mangelgesellschaft, welche nicht nur materiell, sondern auch mit elementarsten Freiheiten unterversorgt war. In der DDR war es keine Frage der Herkunft oder des unfreiwilligen sozialen Abstiegs, ein Außenseiter zu sein, vielmehr glich es einem Akt des Widerstandes, sich als Individuum in einer zwangskollektivierten Gesellschaft zu erkennen zu geben und zu behaupten. Die Punks in der DDR versuchten, die Grenzen eines Systems zu überwinden, welches seine Jugend steuern wollte, von dem sie sich aber nicht lenken ließen.
Jahre vor Punk, in den 70er Jahren, existierte in der Stadt eine äußerst agile Szene von Freejazzfreaks, Vertretern der „jungen Wilden“ und allerlei Dichtervolk. Sie befleißigte sich der Subversion des sozialistischen Realismus und seinem Prinzip des „Kunst als Waffe“ durch einen Parallel-Realismus, der seine eigenen Tatsachen in Musik, Bild und Wort schaffte. Die Malerei, die im Umfeld von Punk entstand, in Ost wie West, ist mit Ausnahme seltener surrealistischer Anwandlungen (die letztendlich romantischer Natur waren) nicht zuletzt aus dem Geist des Expressionismus geboren – vereinfacht ausgedrückt. Vielleicht prallten Romantik, Expressionismus und Punk unmittelbar und für einen kurzen Moment in der Dresdner Avantpunkband ZWITSCHERMASCHINE aufeinander. Die Texte der Band waren auf eine sachliche Weise romantisch, die Musik war Punk in einem expressiven Sinne. ZWITSCHERMASCHINE gründeten sich 1979 im Umfeld der hiesigen Kunsthochschule. Die Band steht weniger für die Anfänge von Punk in Dresden, sondern vielmehr für eine erste Vormagnetisierung von Punkrock in der DDR.

ZWITSCHERMASCHINE
ZWITSCHERMASCHINE

Punk war Anfang der 80er Jahre in der Realität der Ostromantik angekommen, seine Figuren zu Staatsfeinden erklärt. Die Wut und die Radikalität wurde durch staatliche Verhaftungswellen erstickt. Die ungeordneten Verhältnisse durch das Punkertum sollten durch den Gewaltmonopolismus in geregelte Verhältnisse umgewandelt werden. Ein Mittel, die Wut, die Unzufriedenheit, die Tristesse und die Ausweglosigkeit zu kanalisieren, war die Musik. Diese Verhältnisse waren der „Nährboden“ für Bands wie SCHLEIMKEIM, L'ATTENTAT, NAMENLOS, PLANLOS oder PARANOIA. Die Botschaften und Parolen wurden in ungeschönte Texte verwandelt, die in ungeschliffene Musik erklangen.

    Wer in der DDR mit der eigenen Band musizieren wollte, benötigte eine Spielerlaubnis, eine Einstufung. Dass die Bedingungen für die MusikerInnen in der real existierenden DDR nicht zu paradiesisch wurden, dafür sorgten die Kultur-(=Partei-)Funktionäre mit diversen Regularien und Schikanen: Am bekanntesten wohl war die Regelung, dass 60% des Repertoires aus Titeln von DDR- Komponisten bestehen mussten.
Die restlichen 40% durften aus der Zeit vor 1949, dem Jahr der DDR-Gründung oder aus dem Westen stammen.
Letztere aber nur, wenn diese bei DDR Verlagen publiziert wurden. 60% des Repertoires hätte folglich kaum Jemand gekannt, denn mensch orientierte sich fast ausschließlich an westlichen Charts.
Was blieb den Bands übrig? Sie setzten sich über die Vorschriften hinweg. Und das mit dem Risiko, ein Auftrittsverbot einzufangen, wenn sie erwischt wurden. Und Punkmusik war sowieso illegal. PARANOIA aus Dresden erhielten aufgrund fehlender Spielerlaubnis Ordnungsstrafen. Der operative Vorgang der Stasi gipfelte bei ihnen bis zur Verhaftung zweier Mitglieder der Band und die damit zusammenhängende Zerschlagung der „illegalen Punkband“.

PARANOIA, Dresden, 1984
PARANOIA, Dresden, 1984

Jeder Punk riskierte in der DDR alles, daher nicht nur seine Gegenwart, sondern, z.B. mit 16 Jahren, auch seine gesamte Zukunft. Also neben der Familie die Schulausbildung, die Lehrstelle, den Beruf, von einem Studium ganz zu schweigen. Berufslosigkeit aber bedeutete in einem „Arbeiter- und Bauernstaat“ nicht etwa ein geduldetes Leben am Rande der Gesellschaft, sondern die Verfolgung als „asoziales Element“ und nicht selten Haft in einem der DDR-Gefängnisse. In dem Maße, in welchem sich die Repressionen nicht nur auf die unmittelbare Zukunft, sondern lebenslänglich auswirkten, war die Gefährdung der eigenen Person gewissermaßen eine ganzheitliche. Die Freiheit des Einzelnen war im Zweifelsfall nicht einklagbar. In der DDR konnte ein Punkrocker keine Karriere als Popstar machen. Eine DDR-Punkband spielte ohne Aussicht auf größeren, vielleicht auch kommerziellen Erfolg. Sie spielte mit der Gewissheit ihrer Verfolgung und unter Umständen für eine drastische Gefängnisstrafe.

1979/80 war das erste Auftauchen von Punks in der sozialistischen Scheinidylle nur mit der Landung Außerirdischer zu vergleichen und kaum zu übertreiben. Im toten Winkel Mittel-Europas war der DDR-Jugend lediglich die Rolle als „Kampfreserve der Partei“ zugedacht. Punks haben sich schon durch ihr Äußeres als nicht gerade systemtreue Jugendliche zu erkennen gegeben. Da darf es nicht verwundern, wenn sie überall schikaniert wurden. Auch wenn es für viele hauptsächlich darum ging, Spaß zu haben und sich irgendwie kreativ zu betätigen (z.B. Musik machen), wurden sie durch den paranoiden Wahn der Staatsorgane zu Staatsfeinden gestempelt. JedeR, der aus dem gewohnten, durch die Verhältnisse aufgezwungenen Trott ausbrach, war suspekt.
Wer keine Lust zum Arbeiten hatte, war ein Feind des Sozialismus. Offiziell bemühte mensch sich, die ganze Sache totzuschweigen. Keine Ostpunks in den DDR-Medien. Bands durften natürlich auch nicht öffentlich spielen. Da der Staat sie nicht alle internieren konnte, mussten Punks notgedrungen im Straßenbild geduldet werden. Aber auch nur unter häufigen Repressalien wie Ausweiskontrollen, Platzverboten, willkürlichen Mitnahme aufs Polizeirevier etc.

Punks im „real existierenden Sozialismus“ mussten irreal und befremdlich wirken, in einem Sozialismus, der, abgeschottet von der Welt, nichts Fremdes kannte. Durch ihre bizarre Erscheinung im bunten Grau des Ostens, überdreht und unberechenbar, forderten 16- bis 18jährige einen Staat heraus, der in seiner Kontrollwut am Ende völlig überfordert war. In seiner Wut auf die Wut der Jungen ließ der Staat einige unter ihnen mit extremen Biografien zurück. Das schließt nicht nur die Opfer der DDR-Diktatur ein, sondern z.B. auch 17jährige, die sich, von der Brisanz der Situation völlig überfordert, in den Dienst der Staatssicherheit pressen oder zu Spitzeldiensten verführen ließen.

Punk in der DDR gewann durch die Nachstellungen eines Disziplinarregimes eine ungeahnt brisante und gesellschaftsrelevante Dimension und Bedeutung. Die Punks im Osten schrieben ein bewegtes Kapitel der zähen DDR-Geschichte, grell durch die libertäre Überspanntheit ihres Treibens, finster durch das Ausmaß ihrer Verfolgung, wie sie zuvor auf keine Jugendbewegung angewandt wurde. Sie haben sicher nicht den Zusammenbruch des Kulissenstaates DDR herbeigeführt. Doch sie trugen bei zu einer nervösen Balance des Systems, die 1989 nicht mehr zu halten war.
Der Dokumentarfilm zur gleichnamigen Ausstellung „Ostpunk! Too much future“ umfasst die Jahre 1979 bis 1989 und stellt sechs Menschen ins Zentrum seiner filmischen Zeitreise, „die auf unterschiedliche Weise persönlich in das historische Geschehen eingebunden waren.“ Sie drücken die Begeisterung für eine gefährliche, subkulturelle Jugendbewegung in der DDR aus, schildert aber auch die sehr persönlichen, traumatischen Erlebnisse aufgrund staatlicher Repressionen, Verhaftung und Verhöre durch die Sicherheitsorgane. Sie nahmen auch bewusst in Kauf, als AußenseiterInnen stigmatisiert zu werden, indem sie sich durch Kleidung und Auftreten als maximalen Gegensatz zum vom Staat gewünschten Bild inszenierten. Diese radikale Form der Provokation entsprach dem nihilistischen Charakter von Punk, der auch im Westen auf heftige gesellschaftliche Ablehnung traf, allerdings dort als Bestandteil der popkulturellen Industrie auch bald vereinnahmt und um seine Sprengkraft gebracht wurde. Wer jedoch im Osten Deutschlands den Aufruf des Punk zur Selbstermächtigung ernst nahm, hatte bald mit staatlichen Konsequenzen ungeahnter Härte zu rechnen. Obwohl die Punkbewegung quantitativ eher unbedeutend war, wurde sie doch vom MfS sehr ernst genommen. Viele Punks kamen in der Obhut der evangelischen Kirche unter, konnten hier mit ihrer Band proben und auftreteten. Sie kamen hier aber auch in Kontakt mit der DDR-Oppositionsbewegung, mit Menschenrechts-, Umwelt- oder Friedensgruppen.
Einen weiteren wichtigen Brückenschlag stellte die wechselseitige Beeinflussung mit der künstlerischen Opposition dar, die sich spätestens ab Ende der 1970er Jahre mit unabhängigen Zeitschriften und Galerien ein subkulturelles Netz geschaffen hatte. Punkbands spielten auf Ausstellungseröffnungen, KünstlerInnen interessierten sich umgekehrt für das ästhetische Konzept der Punkkultur.
Punk gewann an Einfluss auf die Arbeitsweise und Lebenshaltung werdender KünstlerInnen und suchte auch die Stätten der sozialistischen Hochkultur, die Studenten an Hochschulen und Universitäten, heim.

Mita Schamal (li.), Cornelia Schleime
Mita Schamal (li.), Cornelia Schleime

Ein schönes Beispiel für den „Punk als Kitt zwischen Keller und Künstleratelier“ (1) ist die Arbeit der im Film porträtierten Cornelia Schleime. Biografisch passt die 1953 geborene, akademisch ausgebildete Malerin nicht in die Reihe der anderen Punk-AktivistInnen. Sie zeigte sich jedoch nicht nur überaus aufgeschlossen gegenüber den neuen ästhetischen Impulsen, sondern solidarisierte sich auch mit den jüngeren KollegInnen. Sie entwickelte eine unkonventionelle Bildsprache, die sich dem festgelegten Formen-Inventar des sozialistischen Realismus verweigerte. Bereits 1979 begann sie in Ralf Kerbachs Band ZWITSCHERMASCHINE punk-inspirierte Musik (Art-Punk) zu machen und griff nach dem Mikro. Kurz darauf nahm sie ein Kunststudium an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden mit Schwerpunkt Malerei und Grafik auf (1975 bis 1980). Als freie Künstlerin machte es ihr Heimatland Cornelia  jedoch alles andere als leicht: Schon 1981 wurde sie mit Ausstellungsverbot belegt.
Ständig begleitet Cornelia in diesen Jahren ein Gefühl des Ausspioniertwerdens, bis sie nach vier Ausreiseanträgen 1984 endlich in den Westen übersiedeln darf. Ihre Bilder bleiben zurück und verschwinden. Nach der Wende dann erfährt sie aus ihren Stasiakten, wer ihr persönlicher Spitzel war: ihr bester Freund Sascha Anderson. Den Verrat verarbeitet sie künstlerisch, indem sie aus den Stasiberichten Collagen macht. Zunächst, um sich zu befreien, dann, um künstlerisch Funken aus dem Material zu schlagen, begann sie, wie eine Besessene zu schreiben. 2008 erschien ihr Roman „Weit fort“.

Christiane Eisler: Jana, Sängerin von NAMENLOS, Konzert in der Christuskirche-Halle
Christiane Eisler: Jana, Sängerin von NAMENLOS, Konzert in der Christuskirche-Halle

Ein weiteres Beispiel in der Verknüpfung zwischen Punk/Kunst zeigt das Schicksal von Mita Schamal (Jahrgang 1966), die 1983 nach einem Konzert der Gruppe NAMENLOS, vom Schlagzeughocker weg aufgrund ihrer drastischen politischen Texte verhaftet wurde. Der Richter beschuldigte sie der „öffentlichen Herabwürdigung staatlicher Organe“. Als Stein des Anstoßes dienen die Songtexte der Band: „Große Worte, zuviel Macht haben uns nur Scheiße gebracht / Nazis, Nazis, Nazis wieder in Ostberlin“ oder „Selbstschuß und ein Minenfeld, damit es uns hier gut gefällt / in unserem schönen Staat ...“. Es dauert keine 24 Stunden, dann wird das Urteil gesprochen. Infolge der Haft litt Schamal an Verfolgungswahn, Depressionen, Emotionsausbrüchen im öffentlichen Raum und Hilfslosigkeit verbunden mit erhöhtem Alkohol- sowie Tablettenkonsum. Statt im Westen allerdings fand sie sich einsam auf der Straße wieder. Unterstützung fand sie u.a. von Cornelia Schleime, die sie ermutigte, mit der Malerei anzufangen. Punkmusik zu machen kam für sie nicht mehr in Frage. Sie nutzte das Malen zur Aufarbeitung des Erlebten und um ihre beginnende Sexualität und ihre Beziehung zu dem Punk-Musiker Kaisa (Bassist, zuerst bei Planlos und ab 1984 bei Namenlos) zu reflektieren.
Sie gehörte als eine der wenigen Frauen zur ersten Generation der Punks in der DDR. Bis heute hat sie mit den psychischen Folgen ihrer Inhaftierung und ihrer Verzweiflung danach zu kämpfen. Als Mutter eines Kindes versucht sie, Teil einer Gesellschaft zu werden, die auch nach der DDR nicht die ihre ist.

Der Popstar der Subversion war ein Spitzel

Alexander "Sascha" Anderson, Foto: Susanne Schleyer
Alexander "Sascha" Anderson, Foto: Susanne Schleyer

Kaum eine Independent-Band, so muss man heute ernüchtert bilanzieren, in der nicht irgendein IM spielte oder sang. Und wo der fehlte, stellten die Mittelsmänner der Stasi wenigstens Proberäume oder Instrumente zur Verfügung. Derart involviert, wurde das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) wider Willen zum Mäzen der Szene. Und auch hier war es Sascha Anderson, der Dichter und Denunziant, der diese Perfidie auf die Spitze und damit zugleich ins Absurde trieb. Alexander Anderson, genannt Sascha, auch bekannt als Sascha Arschloch wie Wolf Biermann ihn bezeichnet hatte, als er 1991 aufdeckte, dass Anderson nicht nur Dreh- und Angelpunkt der Prenzlauer Berger Subkultur war, sondern diese auch minutiös an die Stasi verraten hatte.
Anderson schrieb Songtexte, spielte in verschiedenen Untergrundformationen wie ZWITSCHERMASCHINE, FABRIK, vermittelte zwischen Punk- und Kunstszene und sorgte schließlich 1983 dafür, dass die aufmüpfige Musik aus dem Osten auf Vinyl(2) gepresst wurde. Freilich im Westen und freilich mit bösen Folgen für viele der an diesem illegalen Tontransfer Beteiligten.
Aufgrund Andersons Spitzeltätigkeit blieb die Veröffentlichung für ZWITSCHERMASCHINE ohne Folgen. Den arglosen Thüringer Kult-Punx Schleim-Keim aka SAU KERLE hingegen bescherte ihr engagierter Einsatz trotz Pseudonym U-Haft.
Die LP präsentiert die beiden Seiten des musikalischen Untergrunds in der DDR, zum einen die KünstlerInnen mit ihrer Mischung aus Free Jazz und Post-Punk, zum anderen DDR-Punk, simpel und rau in der Musik, direkt und ohne die typischen Umschreibungen, die sonst den staatstragenden DDR-Rock prägten.
Nur wenige Exemplare des Albums gelangten in die DDR. Sascha Anderson konnte drei Exemplare in der Toilette eines Zuges versteckt einschmuggeln. Dieter „Otze“ Ehrlich hatte seine Schallplatte wohl aus dem Besitz von Anderson. Dieser soll ihm angeblich auch im Vorfeld Geld für die Produktion versprochen und vorenthalten haben, so dass Ehrlich bei ihm einbrach und neben der Platte 120 West-Mark stahl. Bei Otzes Verhaftung versteckte seine Mutter die Schallplatte vor dem Zugriff der Stasi.
„Jeder Satellit hat einen Killersatelliten / Jeder Tag hat eine Nacht ...“, brüllte Anderson wenig später in das Mikro seiner Band FABRIK und beschrieb damit wohl selbst am treffendsten den schizophrenen Schwebezustand, in dem sich die DDR-Subkultur befand.

Poesie des Untergrunds
Poesie des Untergrunds

In dem Film „Poesie des Untergrunds“(3), der an die immer wiederkehrende Thematisierung des Phänomens „Ostpunk“ anschließt, blicken altbekannte Gesichter zurück auf ihre Geschichte.
Die Untergrund-Poesie der DDR kam in Misskredit, als Wolf Biermann nach der Enttarnung von Sascha Anderson und Rainer Schedlinski öffentlich erklärte, dass der ganze Dichterkreis um den Prenzlauer Berg eine Erfindung der Stasi gewesen sei. Ausstellungen, Performances, Konzerte und Lesungen in Privatwohnungen sollen nur erlaubt gewesen sein, um die Szene besser kontrollieren zu können.
Matthias Aberles Dokumentarfilm stellt unterschiedliche Schaffens- und Lebenswege dar. In Interviews mit Elke Erb, Uwe Kolbe, Bernd Wagner, Harald Hauswald, Sascha Anderson, Conny Schleime, Alexander Zahn, den Punkbands Rosa Extra und Planlos, dem Ensemble Zinnober und Mitgliedern der „Kirche von Unten“ werden die Künstler und Literaten von Bert Papenfuß und dem Regisseur befragt, wie sie selbst ihre Rolle in der untergehenden DDR beurteilen und wie sie sich in der neuen Ordnung zurechtgefunden haben.

Quellen:
http://www.underdog-fanzine.de/2010/11/05/punk-in-dresden-paranoia/
http://www.toomuchfuture.de/
Galenza / Havemeister „Wir wollen immer artig sein“

Anmerkungen:
(1) Zitat von Christoph Tannert: http://www.goethe.de/kue/bku/kur/kur/sz/trt/deindex.htm
(2) DDR von Unten-eNDe. Split-LP w/ Zwitschermaschine/SAUKERLE (SCHLEIM-KEIM): https://youtu.be/Itjfjfe5c_E
(3) https://absolutmedien.de/bilddatenbank/bilder/983/trailer.mp4

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