· 

PLANLOS - Subkultur in der DDR

Bildquelle: SUBstitut Archiv
Bildquelle: SUBstitut Archiv

Michael „Pankow“ Boehlke  spielte in PLANLOS, einer der ersten Punkbands in der DDR.

Vorläufer der DDR-Punkband war ein schon 1979 existierendes Keller-Projekt namens AFS (Antifaschistischer Schutzwall) mit Bernd Michael Lade (Gesang), Frank Straßburger (Gitarre, später Schlagzeuger bei Cadavre Exquis) und Martin Leeder (Schlagzeug, später u.a. Elektro Artist). Ohne Straßburger und Leeder entstand 1980 daraus zusammen mit Gitarrist Michael Kobs von der zuvor aufgelösten Band Betonromantik und Bassist Daniel Kaiser PLANLOS.

Gemeinsam mit den Bands NAMENLOS und UNERWÜNSCHT nahmen PLANLOS im Juli 1983 an der Blues-Messe in der Berliner Erlöser-Gemeinde teil, die sich in diesem Jahr zum ersten Mal auch den lokalen Punkbands ohne Auftrittsgenehmigung und -möglichkeiten öffnete. Schon 1982 war der Gruppenname den Sicherheitsorganen der DDR so bekannt und suspekt, woraufhin sich das Quartett zunächst in EXZESS umbenannte und 1983 schließlich ganz auflöste. Kaiser wechselte 1984 zu NAMENLOS und FATALE, Lade und Kobs gründeten 1985 mit Straßburger CADAVRE EXQUIS.
Michael arbeitet heute u.a. als Publizist. 2005 war er zusammen mit Henryk Gericke als Kurator für die Berliner Ausstellung „ostPunk! - too much future“ verantwortlich. Hierzu gab es auch einen gleichnamigen Dokumentarfilm(1) mit Interviews, Porträts von sechs ausgewählten Personen und Schicksale des DDR- und Kunstuntergrunds, sowie einen Sampler. Im Film sprechen sechs ehemalige Punks über ihre Motivationen, Utopien und Ernüchterungen. Vier waren zeitweilig inhaftiert, fünf verließen unter dem anhaltenden politischen Druck die DDR Richtung Westen, teilweise leiden sie bis heute unter den traumatischen Folgen der staatlichen Willkür. Die Punks von damals sind heute Hausbesitzer am Müggelsee, Musiker, Filmleute, Handwerker, Künstler oder Frührentner, psychisch gebrochen durch ihre Stasi-Haft.

Bildquelle: Archiv SUBstitut
Bildquelle: Archiv SUBstitut

Die Wander-Ausstellung „Too much future – Punk in der DDR“ tourte erfolgreich durch Ostdeutschland. Der Dokumentarfilm wurde 2009 auch beim Filmfestival in Chicago gezeigt.
Musikalisch gab es eine neue Live-Version des Band-Klassikers „Überall...“ und wurde von einem 2005 initiierten Ostpunk-Allstar-Projekt namens Ex-Cert mit Musikern von Planlos, Namenlos, L'Attentat und Wutanfall auf eine Berliner Bühne gebracht.
Im selben Jahr hat Michael Boehlke mit SUBstitut (2) das weltweit erste und auf absehbare Zeit einzige Archiv für Punkkultur der DDR aufgebaut und damit auch seine eigene Vergangenheit aufgearbeitet. Das Archiv dient aber auch dazu, die Vergangenheit als ein Stück Erinnerungskultur zu bewahren, denn die DDR-Subkultur stand lange im Schatten der westlichen Berichterstattung und historischen Aufarbeitung. Im „Substitut“-Büro in Pankow lagern rund 5000 Stasiakten, Super-8-Filme, Musikmitschnitte und Dias, die von Medien, Museen und Historikern genutzt werden können. Das Büro ist vor allem Firmenzentrale, kein Ort zum Hineinschnuppern in die Jugendkultur des anderen Deutschland. Das geht besser auf der Internetseite des Archivs. SUBstitut ist zudem eine Produktionsfirma für Filme, Inszenierungen, Ausstellungen und Publikationen.

«Wir waren der I-Punkt.»

Michael "Pankow" Boehlke; li.: 1983/re. 2011
Michael "Pankow" Boehlke; li.: 1983/re. 2011

Michael, in der DDR bildete sich in den 80er Jahren ein kultureller Untergrund, in dem alles stattfand, was es offiziell nicht geben durfte. Zur gleichen Zeit entwickelte sich die Subkultur des Punk. Du gehörtest zur ersten Punk-Generation der DDR. Was war ausschlaggebend dafür, dass du dich mit dem Punkvirus infiziert hast und was hat das bei dir bewirkt?
    Ausschlaggebend für mich waren wohl mindestens drei Faktoren. Und weil diese zeitgleich aufeinander trafen, wurde aus mir, dem verhaltensauffälligen Jungen, einer, der plötzlich ernst genommen wurde.
Als richtungsweisende Jugendkultur wurde Punk Ende der siebziger/ Anfang der achtziger Jahre nun auch in der DDR wahrgenommen. Ich selbst war zu dieser Zeit 16 Jahre alt, also genau im richtigen Alter. Die neue Musik, die dazu gehörige Ästhetik und vor allem die (echte und gestellte) Wut trafen genau in mein Gefühlschaos.

Was waren deine Motivationen, Utopien und wie wurden die „gefüttert“?
    Am Anfang gab es für mich nur die diffusen Wünsche nach Freiheit und Selbstbestimmung. Später kamen schnelllebige Gegenentwürfe, Utopien und Verirrungen dazu. Genährt wurde das meiste aus staatlicher Überplanung und eigener Langeweile.

«Die neue Musik, die dazu gehörige Ästhetik und vor allem die (echte und gestellte) Wut trafen genau in mein Gefühlschaos.»

War es nicht naiv, zu glauben, dass punk im Versuch, die Grenzen eines Systems zu überwinden, erfolgreich sein könnte?
    Ausgesprochen naiv. Zum Glück. Ein wirklich gelebter Zustand. Von beiden Seiten. Der Diktatur und der Subkultur.

Punk und Rebellion waren keine Floskeln, sondern gelebter Alltag in der DDR, inklusive Überwachung, Sanktionen und Repressionen. Was hast du mit deiner radikalen Protestform erreicht?
    Das war ja ein überaus komplexes Geschehen. Wir haben uns selbst, aber auch andere Jugendliche erreicht. Einige Menschen mussten sich bloß auf Grund unserer Erscheinungen und öffentlichen Meinungsäußerungen in einem enormen Zeit- und Arbeitsaufwand mit uns auseinandersetzen.
Wir haben viele Reaktionen erzeugt, und uns selbst dabei verändert. Wir waren der I-Punkt.

Welche Risiken bist du eingegangen, um Punk offen leben zu können?
    Anfänglich bewusst keine. Dann wurden mir die Konsequenzen nach und nach durch Alltag, Polizei und Staatssicherheit klar. Jedoch der Moment war immer entscheidend, schnell und echt. Und somit schön.

Welche Kommunikationstechniken wurden entwickelt, um andere Punx aus anderen Städten kennen zu lernen. Hattest du das Bedürfnis, überregionale Kontakte zu knüpfen oder spielte sich Punk bei dir eher im eigenen Umfeld ab...
    Ostberlin war ja schnell klar. Unklar waren Leipzig und Rostock und überhaupt die Randgebiete. Überall fanden wir uns dann, also die anderen.

Was hast du als Punk in der DDR alles auf Spiel gesetzt? Gibt es heute Dinge, die du bereust?
    Ich habe nichts auf Spiel gesetzt. Jedenfalls nicht in der Zeit. Aus heutiger Sicht kann man das vielleicht so betrachten. Da sieht es dann zum Glück gut aus. Dinge haben ihren Preis.

Bildquelle: Archiv SUBstitut
Bildquelle: Archiv SUBstitut

Der DDR-Staatsapparat hat eine Bestandsaufnahme durchgeführt, das MfS (Ministerium für Staatssicherheit) hat Punk als „gefährlich“ eingestuft. Es folgten ausgesprochene Versammlungs- und Aufenthaltsverbote an öffentlichen Plätzen, in Kneipen. Führte das zu Resignation, zu einem verstärkten Aufbegehren oder zum vermehrten Rückzug ins Private?
    Das gehörte für uns alles dazu. Gaststättenverbote, ständige Zuführungen, Inhaftierungen. Es kam immer auf die Situation an. Wenn dein bester Freund in den Knast geht, bist du deprimiert. Aber auch geladen und denkst noch intensiver über deine Mittel nach. In dieser Zeit gab es nur den Weg der Offensive.

Hattest du denn Paranoia, ständig überwacht zu werden, hattest sogar Ahnungen und Vermutungen, dass das jemand aus deinem Freundeskreis sein könnte?
    Sicher gab es Anzeichen von Paranoia. Aber wir haben neben der Ernsthaftigkeit auch alles, also auch dieses Thema mit Humor genommen.

Anders als in der BRD, West-Europa ging es bei Punk in der DDR vordergründig weniger um expressivere Ausdrucksformen in der Kunst oder um eine radikale Form der Musik. Trotzdem wurden z.B. die Symbole des Sozialismus und Kommunismus in einen völlig neuen Kontext gepackt. Kunst spielte also sehr wohl eine Rolle, sich im Punk auszudrücken. Wie und mit welchen Mitteln hast du dich in diesem Kontext ausgedrückt?
    Ich war Sänger in einer Punkband!

Punk gewann auch an Einfluss auf die Arbeitsweise und Lebenshaltung werdender KünstlerInnen und suchte auch die Stätten der sozialistischen Hochkultur, die StudentInnen an Hochschulen und Universitäten, heim. Kannst du Beispiele nennen, wo diese Verknüpfung sichtbar wurde?
    Es gab ständig Aktionen, wo sich fachübergreifend Künstler in der Öffentlichkeit darstellten. Igor Tatschke beispielsweise gestaltete komplette Räume für New Wave- oder Punkkonzerte. Mita Schamal war Schlagzeugerin in einer Punkband und gleichzeitig als Malerin an vielen Aktionen mit anderen Künstlern beteiligt. Die Liste ist lang.

Was glaubst du hat Punk für KünstlerInnen so interessant, spannend gemacht, dass sie sich dadurch inspiriert fühlten?
    Punk war neu. Alles andere war alt. Punk war explosiv und hatte eine ungeheure Wucht. Jeder Kreative der wach war, wollte, oder musste sich mit seinen Mitteln mit dieser Energie auseinander setzen.

Umgekehrt gab und gibt es Leute, die in der DDR in Punkbands, als Punk aktiv waren und in der Gegenwart MalerInnen, SchauspielerInnen etc. sind. Was glaubst du macht das ästhetische Konzept der Kunst auch für Punk so reizvoll?
    Ich denke es ist immer erst die eigene Geschichte. Punk ist eine Momentaufnahme. Dann, im besten Falle machst du die Geschichte.

Michael, 2005 warst du zusammen mit Henryk Gericke als Kurator für die Berliner Ausstellung „ostPunk! - too much future“ verantwortlich. Wo siehst du in diesem Zusammenhang die Unterschiede zwischen Nostalgie und Vergangenheitsbewältigung?
    Keine Ahnung, ob Nostalgie irgendwann, irgendwo eine Rolle spielte. Für mich jedenfalls nicht. Aufarbeitung war und ist absolut notwendig. Erst für uns selbst und dann im gesellschaftlichen Kontext.

Im Zuge dessen gab es einen gleichnamigen Dokumentarfilm, um „endlich diesen Teil deutscher Subkultur sichtbar“ zu machen. Der Film ist aber mehr als nur eine Ergänzung, zeigt er doch aufgrund der filmischen Porträts einzelne Schicksale mit der Bewältigung der Repression. War es dir als Co_Regisseur und Autor wichtig, die politischen Verhältnisse anzuklagen und eng mit persönlichen Konflikten zu beschreiben?
    Ich wollte vor allem, dass diese Zeit und damit verbunden die verschiedensten Biografien wahr genommen werden. Film ist für mich die beste Art Geschichten zu erzählen/ zu zeigen. Nun ist diese ja auch meine eigene und somit sehr emotional.
Aber nur am Rande: wir haben die politischen Verhältnisse bekämpft. Klagen war nicht unser Ding.

Was haben die Porträts/Schicksale bei dir bewirkt und ausgelöst?
    Oh ja. Das war während der Dreharbeiten, im Nachhinein und bis heute sehr erstaunlich. Während der Interviews lernte ich die Protagonisten und Freunde (neu) kennen. Einiges am reflektierten hat mich erstaunt und einige Emotionen haben mich erschüttert. In Punkzeiten hat man sich ja nicht unbedingt gezeigt. Gefühle waren ja was für Hippies. Und nun Jahre später wurde mir durch die Gespräche so viel bewusst, was an Schmerzen, Freuden und gelebtem Leben möglich und unmöglich war und ist. Wirklich unglaubliche Menschen und sehr spannende Biografien.

Ist der kreative Impuls, Ostpunk aufzuarbeiten, mit dem Film einer Möglichkeit gewichen, Menschen Genugtuung/Anerkennung wieder zu geben?
    Beides ist richtig.

Heute ist Punk im Museum angekommen. Betrachtest du Punk aus heutiger Sicht auch aus der Perspektive einer formalästhetischen Entwicklung?
    Doppelt Nein.

Punk in der DDR lässt dich nicht los. Mit SUBstitut gibt es ein multimediales Archiv, eine Produktionsfirma und Bildagentur. Ist der Wille der „Andersartigkeit“, das Subversive heute nur noch archiviert oder wird dokumentiert? Was ist davon bei dir übriggeblieben?
    Ich dachte mal, ich werde immer Punk sein. Dann waren es nur einige Jahre. „Anders sein, besser als artig“. Dokumentieren macht mir Heidenspaß. Ich möchte gerne weiter dokumentieren, am liebsten mit Film. Bei mir selbst ist einiges übrig geblieben, neu belebt und dazu gekommen.
Ich fühle mich jung und alt, bin oft wütend und manchmal auch glücklich. Ich weiß nicht genau was Punk ist. Aber ich habe es geschafft, dass ich oft dazu befragt werde.

«Überall wohin's dich führt,
wird dein Ausweis kontrolliert.
Und sagst du einen falschen Ton,
was dann geschieht, du weißt es schon.
Irgendwann muss was gescheh'n,
denn wer will länger Schranke stehn»
(PLANLOS: „Überall...“)

Anmerkungen:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Kommentar schreiben

Kommentare: 0