Die Favoritin

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Die Favoritin

Die Favoritin
v. Matthias Lehmann
Ab 16 Jahren
160 Seiten, Hardcover, gebunden
€ (D) 17,99 | € (A) 18,50 | sFr 25,90 
ISBN 978-3-551-72816-6

www.carlsen.de
Inhalt: Eine Großmutter zieht ihren kleinen Enkel wie ein Mädchen auf. Der Großvater ist passiv, hört Mahler und verflucht die Welt. Die Auswirkungen auf den Jungen sind verheerend, er zeigt sich aggressiv gegenüber seiner Umwelt und rebelliert gegen die Regeln, die ihm so fremd sind.
Newcomer Matthias Lehmann zeigt die Auswirkungen auf das Selbstverständnis von Geschlechterrollen, Körper und Identität. Ein intensives und beeindruckendes Leseerlebnis.

Gesamteindruck:

Die Graphic Novel ist geprägt von Gewalt, Missbrauch im Kontext der verantwortungslosen, egoistischen Erziehung der Großmutter, die ihre eigene Vorstellung von Geschlechtervorstellung formt. Zu Beginn der Geschichte ist noch unklar, dass es sich bei Constance eigentlich um einen Jungen handelt, der von der Großmutter genötigt wird, Mädchenkleider zu und lange Haare zu tragen. Offensichtlich und spürbar ist jedoch die Angst und Gewalt, die Constance ausgesetzt ist. Der Opa ist lethargisch und unfähig, dem autoritären Erziehungsstil seiner Frau entgegenzuwirken. Constance wie auch die Großeltern leben völlig isoliert im Haus, ohne Kontakte zur Außenwelt.Und so flüchtet Constance sich in Tagträumen, die geprägt sind von Abenteuerlust und Detektivspiele. Im Lauf der Geschichte wird klar, dass die Großeltern bereits ein Kind, Éléonore, verloren haben. Constance ist sich aufgrund der Tatsache, dass die Großmutter sehr jähzornig und in der Ausübung der Klopfpeitsche nicht zimperlich ist, sicher, dass Éléonore an den Schlägen der „alten Sadistin“ gestorben war. Im Verlauf der Geschichte gibt es 2 einschlägige Erlebnisse, in denen Constance sich ihrer Andersartigkeit bewusst wird. Zum Einen hat Constance eine Begegnung mit Kindern aus dem Dorf. Wohl zum allerersten Mal überhaupt den Garten verlassen dürfend, wird sie von mehreren Jungen als „Prinzessin“ verspottet, verprügelt und dazu gezwungen, dass ein Junge Constance küsst. Im Anschluss wirkt auch die Begegnung mit Opa zum allerersten Mal empathisch, der Constance als „armer Junge“ bezeichnet und erklärt, dass „man Sie (der Opa siezt Constance) für ein Mädchen hält“. Das ist zugleich auch die erste Überraschung, die Matthias Lehmann für die LeserInnen parat hält. Constance ist ein Junge, der von der Großmutter wie ein Mädchen behandelt und anzeigen wird. Nach diesem Konflikt ist Constance gewillt, der Mädchenwelt zu zeigen, dass er ein Junge ist. Doch offenbar ist es ein Junge, der sich in Constance verliebt hat. Ein weiteres Schlüsselerlebnis stellt also der Konflikt mit der Gefühlswelt dar. Constance hat sich in ein Mädchen verliebt. Gleichzeitig hält dieses Constance aber für ein Mädchen, während sich ihr Bruder in ihn verliebt hat. In dieser melodramatischen Situation gelingt es Matthias, die Spannung weiter anzuheben, indem er weitere Überraschungen und Aufklärungen einfügt. Zum Schluss der Geschichte erfahren die LeserInnen die Hintergründe geliefert, warum der Großvater und die Großmutter sind wie sie sind. Matthias zeichnet die Biografie beider Großelternteile nach, die erklären, warum die Großmutter cholerisch und gewaltaffin ist, dass der Großvater schwul ist und nur aufgrund der gesellschaftlichen Rollenvorstellung und auch der sozialen Stellung der Familie eine Frau heiratet. Fortan beginnt eine inhaltliche Talfahrt der moralischen Wertevorstellung. Constance heißt eigentlich Maxime und wurde als 2 ½ jähriges Kind von der „Großmutter“ entführt, weil diese den Verlust des selbst zu verantwortenden Tod ihrer Tochter nicht überwunden hat und wieder ein Mädchen haben wollte. Der „Großvater“ macht mit, weil er selbst Angst vor seiner Frau hat. Nach einem weitere gewaltintensiven Ausbruch seiner Frau ist der „Großvater“ endlich imstande, das Richtige zu tun und zeigt nach über 10 Jahren das Verbrechen bei der Polizei an. Vielleicht ist es die Erziehung, immer das zu tun, was man von ihm verlangt, die „Großvater“ davon abhielt, schon eher etwas zu tun. Viel wichtiger aber ist die Erkenntnis von „Constance“, dass er es schaffen kann, „Maxime“ zu werden: „Lange Zeit habe ich wie ein Junge in einem Mädchenkörper gefühlt. Von nun an würde ich immer ein wenig Mädchen in einem Jungenkörper sein“.

Fazit:

Matthias ist es gelungen, ein gesellschaftliche Tabuthema in einer sehr offenen, drastischen Art zu erzählen, ohne sich an Klischees abzuarbeiten. Er schraffiert seine Figuren und erschafft eine dunkle, düstere und kühle Atmosphäre. Die Stärke liegt in der Darstellung des jeweiligen Charakters und der Darstellung von Gefühlsausdrücken, die z.B. bei der Ausübung von Gewalt förmlich aus dem Panel springt oder mit großflächigen Schwarz verstärkt wird. Gleichzeitig verzichtet Matthias auf klassische Panele und stellt die Figuren auch mal ohne festen Rahmen dar, was die Geschichte auflockert und abwechslungsreich gestaltet. Demgegenüber ist es Matthias sehr eindrucksvoll gelungen, das Thema Geschlechteridentität -und rollenzuschreibungen in einen spannenden Erzählstrang zu binden, der zum Einen wütend macht, zum Ende hin aber auch eine offene Frage bereit hält: Sind es Kultur und Erziehung, die Geschlechtervorstellungen formen? Ein diskursorientierte Geschichte, die schonungslos und offen aus der Sicht eines Kindes das Geschlecht in den Mittelpunkt rückt. Die Suche nach der eigenen Identität ist menschlich, jeder braucht Kriterien, um sich selbst zu definieren. Constance/Maxime hat keine Wahl in ihrer Zuschreibung. Ich denke, dass ist auch die Kernthese in „Die Favoritin“: Andersartigkeit zu verstecken, ist der falsche Weg. Gerade weil es Formen sogenannter Andersartigkeit gibt, die nicht versteckt werden können, sollten wir lernen, damit umzugehen, anstatt von den Betroffenen zu fordern, sich zu maskieren.

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