Die Leichtigkeit

Die Leichtigkeit
Die Leichtigkeit

Die Leichtigkeit
von Catherine Meurisse
144 Seiten (Hardcover); D: 19,99 €
ISBN     978-3-551-73424-2
Carlsen
Inhalt: Die Karikaturistin Catherine Meurisse, die 10 Jahre für Charlie Hebdo gearbeitet hat, entkommt dem Attentat auf Charlie Hebdo nur, weil sie an diesem Morgen im Januar 2015 für die Redaktionssitzung zu spät dran ist. Viele ihrer Kollegen und Freunde werden bei dem Anschlag aus dem Leben gerissen. Sie selbst sucht seitdem nach einem Umgang mit der Tragödie und einem neuen Zugang zu ihrem Leben. Meurisse sucht in der Schönheit der Natur und der Künste nach anderen Bildern, macht sich nach Italien auf und beginnt langsam, zu ihrer eigenen Leichtigkeit zurückzufinden.

Mit „Die Leichtigkeit“ hat Catherine Meurisse ein intensives und sehr persönliches Buch geschaffen, das ihrer Trauer Raum gibt und zugleich eine Ermutigung ist, sich die Schönheit des Lebens zurückzuerobern.

Gesamteindruck:

Catherine wurde Opfer eines traumatischen Schocks, verbunden mit gewaltigem Stress, der dazu führt, dass sich das Gehirn als Selbstschutz in den Zustand der Dissoziation versetzt. Das klingt nüchtern und rational, erklärt aber den Gedächtnisverlust nach dem "Massaker", das Catherine nicht selbst erlebt hat, aber ein ständiger Begleiter in ihrem Kopf ist. Sie assoziiert im Alltag banale Kleinigkeiten mit dem Terroranschlag, was mitunter zu obskuren, bizarren Situationen führt, die Catherine mit Sarkasmus und Zynismus skizziert. Catherine ist so in der Lage, das Trauma zu verarbeiten. Sie zeichnet viele Karikaturen und ist mitunter dabei auch herrlich selbstironisch, etwas, wenn sie freudig erregt ist, einen Arbeitsvertrag bekommen zu haben und als "Pressezeichnerin" einen Beruf gefunden hat und "zur gleichen Zeit, irgendwo" 2 Islamisten" freudig erregt sind, einen Arbeitsvertrag bekommen zu haben und als "Pressezeichnermörder" einen Beruf gefunden haben. Das Lachen bleibt im Halse stecken. Geplagt von Albträumen zeichnet und beschreibt sie die Widersprüche, die sie überall begegnen, die sie verrückt machen.
"Was kann mir helfen, wieder zu fühlen, lieben, leben, zu zeichnen? Wer kann mich retten?"

Caravaggio: Die Wahrsagerin (1596/97); Paris, Louvre
Caravaggio: Die Wahrsagerin (1596/97); Paris, Louvre

Eine selbst auferlegte therapeutische Maßnahme ist die Reise nach Rom, wo sie ein Zimmer in der Villa Medici mietet, auf der Suche nach Schönheit, dem Stendhal-Syndrom, das in ihren Augen einzig im Stande ist, das Trauma zu beseitigen. Was folgt sind ganz starke Zeichnungen und Skizzen von Kunstobjekte, die ihre Stimmung aber nicht aufzuhellen vermag, eben weil sie in Allem Tod, Vergänglichkeit, Melancholie und Dramen sieht. Insofern ist es nur folgerichtig, dass sie zum Ende Caravaggios „Wahrsagerin“ aus dem Louvre entdeckt, auswählt und zeichnerisch ausleuchtet, weil dieses uns ein „Alltagsdrama“ zeigt,  in der verschiedene Deutungsoptionen ausgesprochen werden. Diese Erkenntnis hilft Catherine letztendlich, zu erkennen, dass das Verlangen nach Schönheit als solches universell ist, sich nicht konkret bestimmen lässt. In der Graphic Novel wird deutlich, dass Catherine ihre Balance wiederfindet, wenn sie das Panorama vom Meer und Strand betrachtet. "Ist das Chaos erst gewichen, erwacht die Vernunft(...)". In ihrer (verzweifelten) Suche nach Schönheit kommt nicht die Schönheit der Welt zum Ausdruck, sondern wie sie reflektierend zu sehen ist und deren selbstgenerativer Charakter zu Ausdruck. Schönheit ist eine in sich vollziehende Selbsterfahrung. Davon zehrt Catherine und achtet fortan auf die kleinste Anzeichen von Schönheit, "jene Schönheit, die mich rettet, indem sie mir Leichtigkeit zurückgibt". Und wer weiß, vielleicht hilft dieses Vorhaben auch irgendwann, die Welt zu retten oder die Dramen erträglicher zu machen.

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