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Berlin, Punk, PVC - Die unzensierte Geschichte

Berlin, Punk, PVC
Berlin, Punk, PVC

Berlin, Punk, PVC
Die unzensierte Geschichte
v. Gerrit Meijer
Neues Leben (Eulenspiegel Verlagsgruppe)
256 Seiten, 19,99 €
Klappenbroschur, mit Abb.
Mit einem Vorwort von Bela B
ISBN 978-3-355-01 849-4
Inhalt: Westberlin, 1977. Kein Drummer in Sicht, der Probenraum steht unter Wasser – doch PVC wollen nur eins: auf die Bühne! Und plötzlich gibt es Punk aus Deutschland. Ihre Songs »Wall City Rock« und »Berlin By Night« prägen die gesamte Szene. Der Absturz folgt prompt, aber Gerrit Meijer bleibt: unangepasst, musikalisch getrieben, mit dem Finger auf der Wunde des Mainstream. Seine Erinnerungen entführen in die wilde Zeit einer rebellierenden Generation … Er erzählt von den ersten Gigs mit Iggy Pop, dem On and Off der Punkszene, der Liaison mit Bela B Ende der 80er, dem Aids-Tod von Gründungsmitglied Knut Schaller. Meijer geht es um Haltung, Kreativität und ein einzigartiges Lebensgefühl, das in jeder Zeile mitschwingt.

Über den Autor: Gerrit Meijer, geboren 1947, macht neben seinen bürgerlichen Broterwerbsberufen als Maschinenschlosser, Gartenbauer, Lagerarbeiter und Kleindarsteller seit 1965 Musik, unter anderem mit der Beat-Band The Voodoos. 1977 gründete er Westberlins erste Punkband PVC mit. Es folgten weitere Bandprojekte sowie zwei Comebacks mit PVC 1988 und 2006. Er lebt in Berlin.

Gesamteindruck:

Die Stärke des Buches ist der Erzähltstrang im 1. Viertel, wo Gerrit ausführlich seine Jugend und Adoleszenz skizziert und stets einen musikalischen Kontext herleitet. Die Musik der STONES, das wilde und rebellische Image wird offenbar, wenn lange Haare und laute Rock and Roll Musik gegen konservative Konventionen verstoßen. Gerrit's Mikrokosmos ist zunehmend ein Schmelztiegel, Musik zu entdecken, Musik zu spielen, sich auf der Arbeit nicht alles gefallen zu lassen und Gleichgesinnte zu treffen. Das erhöht die Konfliktgefahr, dessen Auslöser und Folgen mit seinem sozialen Umfeld (Familie, Arbeitskollegen, Freunde) einige spannende Situationen hervorbringt, die Gerrit bisweilen humorvoll schildert und kommentiert. Eine weitere Stärke des Buches ist das spürbare Abenteuer, etwas Neues auszuprobieren, da Ende der 60er Jahre gerade in Berlin unglaublich viel passiert, sei es auf politischer, gesellschaftlicher und musikalischer Ebene. Es herrscht Aufbruchstimmung und Aufruhr.  Das ist spannend zu lesen und menscht merkt, dass sich nicht nur die Schlagzeilen überschlagen, sondern auch Gerrit's Leben zunehmend durcheinander gerät.
 Die Schwäche des Buches findet sich im letzten Drittel wieder. Hier versäumt es Geirrt, den Spannungsbogen aufrechtzuerhalten und verrennt sich in statische, chronologische Aufzählung von Musikauftritten und Bandneubesetzungen, dass mensch schon mal die Übersicht verliert, welches Musikprojekt Gerrit gerade beschreibt. Der Fokus liegt auf den Bands PVC und WHITE RUSSIA, die immer wieder mit internen Querelen und den beschränkten Möglichkeiten zu kämpfen haben, die dem Insel-Status West-Berlin geschuldet ist, sei es Auftrittsmöglichkeiten oder gescheiterte LP-Veröffentlichungen auf einem Label. Das stärkt aber auch die kreativen Ressourcen und steigert die Experimentierlaune.
  Zum Ende des Buches kommen PVC wieder zusammen, die musikalische Laufbahn wird vom tragischen AIDS-Tod von Knut Schaller überschattet und eigentlich ist dann auch die Luft raus, was sich durch die vielen Besetzungswechsel andeutet. Und ich bin am Ende auch froh, dass Gerrit die Reißleine zieht und einen Schlussakkord und -strich findet, da er mit seinem sachlich-nüchternen Schreibstil wenig Höhepunkte schafft und eher einen analytischen Blick auf den späten musikalische Werdegang wirft. Und so ist es nur folgerichtig, dass Gerrit am Ende heilfroh ist, nicht nur "diese Nummer hinter mich gebracht zu haben", sondern ganz andere Prioritäten setzt. Gesund leben, viel lesen und in der Natur unterwegs sein. Ein x-ter Neuanfang kann auch gequält sein, das merkt mensch dann beim Lesen auch und es ist gut, dass Gerrit nicht wehmütig, sondern konsequent ist, sich bewusst wird, dass Musik mit seinen schönen, eleganten Tönen wertvoll ist und Musik machen ohne Druck und Ziel einfach nur Spaß macht.

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