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Die soziale Kältewelle

Ich komme gerade vom Gassigang wieder. Und verdammt, war das kalt, ja, nahezu sibirisch. Zumindest für mein Empfinden. Dabei waren es laut Temperaturanzeige gerade mal -1 Grad. Aber die Kälte kroch mir durch die Kleidung, ließ meine Gesichtszüge erstarren. "Was stelle ich mich eigentlich an", ging es mir durch den Kopf, als ich an all jene Menschen denken musste, die der Kälte über einen längeren Zeitraum ausgesetzt sind und die Nächte im Freien verbringen (müssen), warum auch immer. Ich hingegen kann ja froh sein, in absehbare Zeit wieder in die "warme Stube" zu kommen. Wir haben in unserem alten Heuerhaus sogar den Luxus, zwischen Fernwärme-Versorgung (Biogas), konventionelle Fernwärme und/oder Kaminofen zu wählen.

Aber zurück zu meinem Grundgedanken. Kaum wieder zu Hause angelangt, habe ich mal recherchiert und dabei festgestellt, dass - abgesehen von Krieg - winterliche Temperaturen die meisten Opfer fordert, mehr als Hitzewellen. Um es auf den Punkt zu bringen: Den größten Anteil an temperaturbedingten Todesfällen hat die Kälte. Für Deutschland hat die Auswertung der Daten des Statistischen Bundesamtes der Jahre 1950 bis 2013 ergeben, dass in den Monaten Dezember bis Februar im Vergleich zu den Sommermonaten ein Viertel mehr Menschen sterben. Diese Statistik sagt zunächst aber nichts über die Todesursache aus. Ein interessanter Aspekt ist der, dass nicht zwingend die niedrige Temperatur für ein erhöhtes Sterberisiko verantwortlich ist, sondern die Temperaturschwankung, die unser Körper ausgesetzt ist und zu einer stärkeren Belastung führt und und das Risiko erhöht, an einem Herzinfarkt, einer Herzschwäche, Lungenentzündung oder einem Schlaganfall zu sterben.
Was aber ist mit Flüchtlingen und Obdachlosen, die auf der Straße leben? Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sein und wie es sich anfühlen muss, im Freien bei eisigen Temperaturen zu nächtigen. Und was die Gründe dafür sind? Gibt es in Obdachlosenheime nicht genügend Plätze?
Fragt mensch bei den Einrichtungen, die sich um die Betroffenen kümmern, nach den Gründen für den rasanten Anstieg, bekommt man zumeist die gleiche Antwort: "Es ist der Mangel an bezahlbarem Wohnraum, weswegen heute doppelt so viele Menschen in Notunterkünften leben wie noch vor fünf Jahren", sagt Christof Lochner vom evangelischen Hilfswerk München. "Es gibt viel zu wenige günstige Wohnungen und schon jetzt kommt der Neubau nicht wirklich hinterher. Das Problem wird sich daher weiter verschärfen." (Quelle)
Die neue soziale Kälte ist gleichzusetzen mit einer sozialen Ungerechtigkeit. Diese soziale Spaltung impliziert soziale Fragen und schafft dabei neue Qualitäten von oben bis unten, bis hin zu Ausgeschlossenen. Wir sind längst Teil eines sozialen Wandels, die Menschen und Gesellschaften in Krisen stürzt. Ein Verstehen des Geschehens, Analyse und Erkenntnisgewinn sind eigentlich unerlässliche Voraussetzung für eine Verbesserung. Sowohl vermögende Menschen als auch Konzerne müssten ihren Teil dazu beitragen, etwa Bildung, Gesundheitsversorgung und soziale Absicherung zu finanzieren, um die soziale Ungleichheit zu verringern.

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