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Ratte ist Versuchstier des Jahres 2017

Der Bundesverband Menschen für Tierrechte hat die Ratte zum Versuchstier des Jahres 2017 ernannt. Der Kleinsäuger wird nach der Maus am zweithäufigsten in Tierversuchen eingesetzt. Gemeinsam mit dem diesjährigen Schirmherrn Prof. Dr. Franz Gruber macht der Verband auf das versteckte Leid der Tiere im Labor aufmerksam. Zudem informieren Menschen für Tierrechte über existierende und fehlende tierversuchsfreie Methoden und fordern Politik und Wissenschaftsgemeinschaft auf, endlich effektive Maßnahmen für den Ausstieg aus dem Tierversuch zu ergreifen.

Über 320.000 Ratten mussten 2015 in deutschen Laboren ihr Leben lassen. Über die Hälfte der Tiere starben in gesetzlich vorgeschriebenen Giftigkeits- und Sicherheitstests. Gut 30 Prozent wurden in der zweckfreien Grundlagenforschung und 16 Prozent in der angewandten Forschung eingesetzt. „Ratten sind intelligente, sozial lebende Säugetiere, die Schmerzen und Leiden empfinden. Weil sich aber die meisten Menschen vor Ratten ekeln und fürchten, erfahren sie kein Mitgefühl wie Hunde, Katzen und Kaninchen, wenn sie in den Laboren leiden“,  kritisiert Christina Ledermann, stellvertretende Vorsitzende vom Bundesverband Menschen für Tierrechte.

Problem: Fehlende Tests in der Toxikologie

Schwer wiegt nach Angaben des Verbandes, dass im Bereich der gesetzlich vorgeschriebenen Tests – besonders bei der Reproduktions- und Entwicklungstoxizität – derzeit noch tierversuchsfreie Methoden fehlen. Hier müssen besonders viele Ratten ihr Leben lassen. Erfreulicherweise gibt es aussichtsreiche Entwicklungen in Form von Organmodellen und zukunftsweisenden Chiptechnologien. Da die Verfahren jedoch noch nicht ausgereift und behördlich anerkannt sind,  können sie die Tierversuche noch nicht ersetzen. Die behördlichen Anerkennungsverfahren dauern nach Ansicht des Verbandes mit sechs bis 15 Jahren viel zu lange und müssten drastisch verkürzt werden.

Gentechnische Manipulationen: Anstieg um 80 Prozent

Auch die Grundlagenforschung und angewandte Forschung verwenden zunehmend Ratten. Sie werden immer häufiger gentechnisch manipuliert, damit sie Zivilisations- und Alterskrankheiten des Menschen ausbilden. Unter den Symptomen leiden die Tiere ihr Leben lang. Die Ratte wird zudem seit Jahrzehnten in der Alkoholismus- und Suchtforschung eingesetzt, ohne dass diese Forschung zu einem Rückgang der Suchterkrankungen geführt hat.

In der Pflicht: Politik und Wissenschaftsgemeinschaft

„Politik und Wissenschaftsgemeinschaft sind in der Pflicht, eine humanspezifische tierversuchsfreie Forschung durchzusetzen. Denn alle EU-Staaten haben sich in der Tierversuchsrichtlinie zur langfristigen Abschaffung der Tierexperimente bekannt. Stattdessen drückt sich die Allianz der Wissenschaftsorganisationen um diese gesellschaftliche Verpflichtung und zementiert den Tierversuch. Auch Landwirtschaftsminister Christian Schmidt hat bisher noch keine Gesamtstrategie zum Ausstieg aus dem Tierversuch vorgelegt“, schließt Ledermann.
„Die Ratte verdient es, im Mittelpunkt unserer Gefühle zu stehen“, sagt Prof. Franz Paul Gruber, der diesjährige Schirmherr des Versuchstiers des Jahres. Er beschäftigt sich seit 1982 mit Alternativen zum Tierversuch, ist Präsident der Doerenkamp-Zbinden-Stiftung (1) und war bis 2009 Chefredakteur der Zeitschrift ALTEX (2). Der Bundesverband dankt Prof. Dr. Franz Gruber für die Übernahme der diesjährigen Schirmherrschaft.

Fußnoten:

(1) Die Doerenkamp-Zbinden Stiftung fördert Lehrstühle für tierversuchsfreie Verfahren in Baltimore, Genf, Konstanz, Tiruchirappalli (Indien) und Utrecht. www.doerenkamp.ch
(2) ALTEX (Alternativen zu Tierexperimenten). www.altex-edition.org

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