Mit direkten Aktionen gegen Umwelt- und Naturzerstörung

Seit mehr als einem Jahr wohnt Tam mitten im Hambacher Forst auf einem der Baumhäuser. Der Baum, auf dem er anfangs wohnte, wurde von RWE schon abgeholzt. Tam nennt das, was er hier gemeinsam mit 30 anderen Aktivisten macht, einen symbolischen Widerstand - denn der größte Teil des Waldes ist schon längst gefällt worden. Sie könnten den Forst nicht mehr retten, aber ihr Konflikt habe Symbolkraft. Deswegen würden sie hier nicht aufgeben.

Das Camp der Braunkohle-GegnerInnen ist zweigeteilt. Das sogenannte Wiesencamp grenzt im Süden an das Waldstück und dient als Basis. Das Gelände ist in Privatbesitz. Der Eigentümer duldet die Umwelt-AktivistInnen. Auf dem schmalen Streifen, der in Richtung eines Segelflugplatzes führt, haben die BewohnerInnen Hütten aus Lehm gebaut. Die AktivistInnen haben in den vergangenen vier Jahren eine Bücherei aus Lehm gebaut, eine kleine Werkstatt, ein großes Gewächshaus. Das Lebensmittellager soll auch bald fertig werden.Es gibt Wohnwagen, ein Treibhaus, eine Küche mit Keller sowie einen Waschplatz.
Von dort ist es nicht weit nach „Oaktown“. Daneben gibt es „Gallien“ mit drei Baumhäusern und „Beechtown“ mit vier. Weitere einzelne Hütten befinden sich irgendwo im Wald. Jeder der besetzten Bäume trägt einen eigenen Namen.
Ich sprach mit Tam über die widerständigen Aktionen, das Leben im Camp und über Repressionen.

«Es gibt kaum Räume, in denen Menschen in dieser Form tägliche direkte Aktion und Widerstand erleben und lernen.» Tam

Tam lässt sich von seinem Baumhaus herab. | Bildquelle: Philipp Glitz
Tam lässt sich von seinem Baumhaus herab. | Bildquelle: Philipp Glitz

Wir erleben globale und regionale Umwelt- und Naturzerstörung, ökonomisch-ökologische Krisen. Das geplante Freihandelsabkommen TTIP wäre ein weiterer großer Schritt von der Demokratie zur Konzernokratie und brächte massive Rückschritte für Mensch, Natur und Umwelt. Was war für dich der Beweggrund, Widerstand im Wald zu leisten?
    Tam: Der Hambacher Forst ist als Ort des Widerstandes in vieler Hinsicht besonders. Er liegt direkt „vor unserer Haustür“ und trägt einen kleinen Teil der  Auswirkungen der „Konzernotakrie“ wie du sie nennst in den Alltag der Menschen hier in Deutschland und ist damit sehr anschlussfähig und öffentlichkeitswirksam.
Es ist ein Kampf mit viel Symbolik. Aus ganz Europa kommen Menschen an diesen Ort und tragen den Widerstand an die Orte in die sie zurückkehren. Es gibt kaum Räume, in denen Menschen in dieser Form tägliche direkte Aktion und Widerstand erleben und lernen. Für mich persönlich ist es vor allem aber auch ein emotionaler Beweggrund. Im Grunde hatte ich, seit ich die Rodung und das Loch das erste Mal gesehen habe keine Wahl und ich wusste, dass ich hier im Moment am besten für meine Überzeugungen, für das was ich verändern möchte und für das was ich aufbauen will kämpfen kann.

«Widerstand ist die Möglichkeit für mich, meine eigene unabhängige Moral zu vertreten und selbstbestimmt das Leben zu leben wie ich es mir vorstelle.» Tam

Baumbesetzung Oaktown. Aubau der Stromversorgung in Oaktown auf dem Dach von dem Baumhaus Mona. Feb. 2017.
Baumbesetzung Oaktown. Aubau der Stromversorgung in Oaktown auf dem Dach von dem Baumhaus Mona. Feb. 2017.

Ist Widerstand mehr als nur Spaß zum Selbstzweck?
    Tam: Vorweg: Ein Widerstand ohne Spaß ist nichts wert, denn dann geht es nur um destruktives und nicht um die Gesellschaft, die wir versuchen aufzubauen.
Aber Widerstand ist definitiv noch viel mehr. Für mich ist einfach klar, dass ich die Ausbeutung von Lebewesen und Erde durch unsere Gesellschaft nicht hinnehmen kann. Widerstand ist die Möglichkeit für mich, meine eigene unabhängige Moral zu vertreten und selbstbestimmt das Leben zu leben wie ich es mir vorstelle. Und ich denke, wenn mensch sich anschaut was für ein Risiko wir eingehen und was wir dafür an Repression in Kauf nehmen, ist klar, dass wir das nicht „aus Spaß“ machen. Sondern, weil Widerstand die einzige Möglichkeit ist, unsere Freiheit, und die Freiheit und Unversehrtheit all der ausgebeuteten Lebewesen (auch Menschen) einzufordern.

Warum und für wen lohnt es sich, den Hambacher Wald zu besetzen?
    Tam: Es lohnt sich für alle, den Wald zu besetzten, die die Gesellschaft und die Ausbeutung, in der wir leben, nicht einfach hinnehmen wollen. Es lohnt sich für Menschen, die sich ein selbstbestimmtes Leben wünschen und dafür andere Formen des Zusammenlebens ausprobieren wollen. Es lohnt sich für die Menschen, die zwangsumgesiedelt wurden, denen wir eine Plattform bieten. Und es lohnt sich hoffentlich für die Bäume und Lebewesen des Waldes, die wir retten können. Es lohnt sich für die Menschen, die nicht mehr zuschauen wollen.

Über welche Erfolge konntest du dich freuen?
    Tam: Erfolge dieses Projektes sind immer schwer zu fassen. Ich freue mich zum Beispiel jedes mal, wenn ein neuer Mensch den Wald besucht (und das ist im Grunde jeden Tag), und ich sehe, wie dieser Mensch anfängt sich selbst zu organisieren. Oder die zahlreichen Projekte in anderen Orten, die durch den Wald inspiriert wurden. Erfolge sind die vielen Reporter und Cameras, die bei uns auftauchen um unsere Kritik, unsere Ideen und die ignorierte Zerstörung in die Öffentlichkeit zu bringen. Ich freue mich, wenn ich auf Reisen bin und in jeder Stadt in und außerhalb von Deutschland Menschen treffe, die uns unterstützen, uns kennen, oder sogar schon mal da waren.

Im Winterhalbjahr sollen nach RWE-Angaben 70 Hektar gerodet werden. Es gibt unterschiedliche Aktionsgruppen, die sich gegen die Ausweitung des Braunkohle-Tagebaus engagieren. In der jüngsten Vergangenheit wurde das Konzept der direkten Aktionen evaluiert, das die AktivistInnen von Außen zu Kriminelle stigmatisiert, die mit Gewalt gegen Menschen vorgehen...
    Tam: Das ist schon richtig, der Wald ist ein Aktionsraum für viele verschiedene Gruppen mit unterschiedlichsten Aktionsformen. Das schafft eine große Vielfalt an direkten und symbolischen Aktionen, von Kunstausstellung bis Sabotage. Die Gewaltfrage ist da natürlich immer viel diskutiert. Ich kann für mich und die Menschen, die ich aus dem Projekt kenne, sagen, dass wir eine klare Trennlinie ziehen zwischen Gewalt gegen Dinge (Sabotage) und Gewalt gegen Menschen.

Die Küche
Die Küche

Wird es demnach keine Friedensplan-Zugeständnisse mehr geben?
    Tam: Wir ziehen grundsätzlich eine friedliche Lösung vor und würden bei einer gegenseitigen Aktionspause sehr gerne über einen Friedensplan verhandeln. Diese Verhandlungen gab es ja bereits. Mit vielen Initiativen, der Lokalpolitik, RWE und uns. RWE ist im Oktober letzten Jahres jedoch eindrucksvoll mit dem Überschreiten der roten Linie und einem Gesprächsstopp sowie massiven Rodungen und Polizeieinsätzen aus den Verhandlungen ausgetreten. Auch die Grundlage einer gegenseitigen Aktionspause ist nur schwer zu erreichen, da das auch einen vorübergehenden Stopp der Rodungs- und Baggerarbeiten, sowie ein Runterfahren der Kraftwerke bedeuten würde. Denn das Zerstören unseres Lebensraumes und das Töten etlicher Lebewesen ist eine massive ständige Gewaltausübung gegen uns und alles Leben im und um den Wald.

Das Camp wurde mehrfach geräumt, aber auch wieder besetzt. In der Vergangenheit wurden WaldbesetzerInnen vor Gericht freigesprochen, so wurden 2012 alle Verfahren gegen die AktivistInnen eingestellt. Nach einem aktuellen Urteil des OVG Münster ist das „Wiesencamp“ am Hambacher Wald illegal. Was bedeutet dieses Urteil für eure zukünftigen widerständigen Aktionen?
    Tam: Wir haben ein Versprechen gegeben, dass nach jeder Räumung spätestens nach 4 Wochen wieder neu besetzt wird. Dieses Versprechen haben wir bis jetzt immer gehalten, und das werden wir auch weiter tun, jetzt mehr den je. Natürlich ist das Wiesencamp eine wichtige Infrastruktur für den Widerstand und wir werden - so gut es geht - versuchen diesen Ort zu erhalten.

2012 gab es bei der Räumung des Camps zu einer speziellen, öffentlichkeitswirksam Aktion, als sich ein Aktivist in seinem selbst gebauten Erdbunker 4 Tage verschanzte. Jede Aktion muss auch inhaltlich stimmig sein und sollte Sinn machen. Gibt es hierzu Beratungsgespräche, ein Strategie- und ein Vernetzungsplenum?
    Tam: Wir organisieren uns strikt dezentral, spontan und ohne hierarchische Strukturen, das bedeutet: Wenn ich eine Idee für eine Aktion habe, spreche ich mit anderen Menschen darüber und suche mir so eine Gruppe zusammen, mit der ich dann in gemeinsamen Plena an dieser Aktion arbeite.
Genauso kommen auch Bezugsgruppen von außerhalb und führen Aktionen im Wald durch. Natürlich gibt es auch Themen die Alle betreffen, dann rufen wir ein Plenum ein, und alle Menschen, die sich an Entscheidungen oder Planungen beteiligen wollen, erscheinen. Grundsätzlich wird aber natürlich viel und immer über Effizienz und Öffentlichkeitswirksamkeit von Aktionen diskutiert.

Repressionen, Staatsgewalt, Verhaftungen, Inhaftierung. Welche Art der Schikanen sehen sich die Umwelt-AktivistInnen ausgesetzt?
    Tam: In den letzten Jahren haben viele Aktivisten schon einiges ertragen müssen, von Misshandlungen auf der Wache über willkürliche Festnahmen aufgrund von äußeren Merkmalen, ständige Überwachung und das Zerstören unseres Lebensraumes, bis hin zu Untersuchungshaft, Gefängnis, und direkte physische Angriffe war alles dabei. Der Höhepunkt war wohl, als letzte während der letzten Rodungssaison ein Werksschutzarbeiter 4 Menschen mit dem Pickup überfuhr.

Repressionen können zu einer psychischen Belastung werden. Warst du bereits von Repressionen betroffen? Wie bist du damit umgegangen?
    Tam: Ja ich war auch schon von Repression betroffen (die ich hier nicht näher schildern möchte). Der beste Umgang damit ist die gelebte Solidarität, das heißt, aufeinander achten, füreinander da sein, sich gegenseitig bekräftigen und auffangen. Freundschaften und Beziehungen aufbauen und zusammenhalten. Und vor allem, einfach weiter machen, nicht einknicken, nicht nachgeben, sondern noch motivierter für die eigenen Überzeugungen einstehen, denn genau da wirkt Repression, in unseren Köpfen.

Was hilft dir, über einen längeren Zeitraum im Camp durchzuhalten?
    Tam: Warmer Tee, Knoblauch, Musik, meine Freunde, die Hilfe und Bekräftigung der Unterstützer_innen und die ständig anwesende Zerstörung.

Polizeieinsatz am 21.02.2017. RWE und die Polizei.
Polizeieinsatz am 21.02.2017. RWE und die Polizei.

DIE GRÜNEN in NRW fordern einen Stopp der Rodungs-Arbeiten. Es sei ohnehin klar, dass die Hambacher Kohle nicht komplett gebraucht werde in Zukunft. RWE setzt aber trotzdem weiter auf Eskalation. Wer sind eure FürsprecherInnen? Wie könnte eine tragbare Lösung umgesetzt werden?
    Tam: Wir haben Unterstützer_innen in allen Bevölkerungsschichten und in allen Parteien sowie ganze Unternehmen, die hinter uns stehen. Eine für uns tragbare Lösung wäre angesichts des Klimawandels und des sowieso bevorstehenden Ausstiegs aus der Kohle, ein sofortiger Rodungsstopp mit Restförderung der zugänglichen Kohle unterstützt durch die Politik.

Wie sind Praktisches wie Pressearbeit, Moderation und Rechtliches in eure widerständigen Aktionsformen eingebunden?
    Tam: Diese Dinge sind genauso eingebunden wie jede andere Aktionsform auch, denn sie sind genauso notwendig. Ich zum Beispiel sehe Öffentlichkeits- und Pressearbeit als meine wichtigste Aktionsform. Deswegen bin ich im Presseteam mit Menschen, die sich um solche Dinge kümmern. Eine gute direkte Aktion ist nur halb so viel wert, wenn sie ohne Öffentlichkeitsarbeit und Presse abläuft.

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