· 

PLASTIC BOMB #100

PLASTIC BOMB #100
PLASTIC BOMB #100

PLASTIC BOMB #100
96 DIN-A-4-Seiten; € 3,50.- + CD
Plastic Bomb, Postfach 100205, 47002 Duisburg
www.plastic-bomb.de
Ronja erklärt die inhaltliche Ausrichtung, die sich mit der redaktionellen Neubesetzung schleichend aber deutlich sichtbar ausgewirkt hat. Von den konzeptionellen Inhalten wie die Rubriken "Anders Leben" oder "Punk plus", die einen hohen Qualitätsmerkmal und Stellenwert ausmachten, ist zurzeit nichts mehr übrig.

Ronja rechtfertigt damit, einen "eleganten Bogen zu spannen" zwischen Gelegenheits- und GewohnheitsleserInnen. Das ist sachlich betrachtet natürlich nichts anderes als Marktanpassung, eine Produktstrategie, um sich den KundInnenwünschen anzupassen. Die Rechnungen und anfallenden Kosten wollen schließlich bezahlt werden und trotzdem weist Ronja daraufhin, dass sie alle (die Schreiberlinge) ÜberzeugungstäterInnen seien und auch mal unbequeme Fragen stellen und nicht, was das Management einer Band gerne lese würde.
In einer "Denkmalpflege" werden die Plastic Bomb-Gründer Sven Bock und Micha Will inetrviewt, die durchaus selbstkritisch Verhaltens- und Umgangsweisen reflektieren: Mit den "Leuten brechen", die ihre Diskursfähigkeit verloren haben, wenn sie ihre eigene Meinung nicht durchsetzen können. "Vorher war ich Teil des Problems"; Micha.
Peter von den Test Tube Babies ist Englischlehrer, bietet StudentInnen Heimunterricht in englischer Sprache an und kommen zu ihm nach Hause.
Andrea von PESTPOCKEN hat immer noch Spaß, die Band ist ihr Lebensinhalt und kann sich eiN Leben ohne die Band nicht vorsteleln. Das ADICTS- und WOLFBRIGADE-Interview sond belanglos, dafür gibt es gleich 2 G20-Demoberichte von Björn Rosteck und Lars, die im Tenor beide erschrocken sind von der Polizeigewalt, aber beeindruckt waren von der Geschlossenheit der AktivistInnen, aber auch von den Solidarisierungen "normaler" Hamburger. Bäppi interviewt POPPERKLOPPER, die einfach keine fröhlichen oder positiven Songs schreiben können, weil die Welt "einfach schlecht" ist. Valentin von ARRESTED DENIAL möchte sich auf die Frage nach seiner Einschätzung zum G20-Gipfel in Hamburg gar nicht mehr "in größerem Umfang äußern", da "mittlerweile jeder hinterletzte Volltrottel ungefragt seinen Senf dazu abgegeben hat".
Mit Stephan Mahler (u.a. SCREAMER, SLIME, TORPEDO MOSKAU, ANGESCHISSEN, KOMMANDO SONNE-NMILCH) gibt es ein Interview zu einem meiner Lieblings-Schlagzeuger, der menschlich enttäuscht ist von seinen Ex-SLIME-Bandkollegen, die ihn als Egomanen bezeichnet haben, will aber Frieden haben und hat Elf für das neue SLIME-Album einen Song geschrieben, der auch verwendet wurde. Bäppi hat ausgewählte (Ex)-Szenetypen, MitschreiberInnen und FanzinekollegInnen zu Wort kommen lassen, die einerseits Glückwünsche aber auch deutliche Kritikpunkte zum redaktionellen Veränderungsprozess bzw. inhaltlichen Veränderungsmanagement finden. Das von Ronja geführte Interview mit YOK ist ein sehr informativer und qualitativer Hochgenuss, da Yok sehr ehrlich und offen eigene Perspektiven und Enttäuschungen mit politischen Strömungen reflektiert, die Engstirnigkeit und Intoleranz im eigenen "Mikrokosmos" produzieren. Auf beinahe 5 Seiten wird Platz für die Bands zur CD-Beilage verschwendet. Die Wertigkeit dieser stelle ich infrage, scheint für Ronja aber ein verkaufsfördernder Aspekt zu sein.
Der Propagandaminister a.D. wird für diese Ausgabe rehabilitiert. Für Vasco ist das Wirtschaftswachstum in Deutschland Propaganda und fordert mehr alternative Dinge wie bspw. genossenschaftliche Betriebe, mehr fairer Handel, Bio-Landwirtschaft, vegane Ernährung, um Ausbeutungsverhältnisse und Profitdenken etwas zu schmälern. Bäppi seziert die erste P.B.-Ausgabe und schreibt eine Art Liebesbrief. Interessanter hingegen ist der von Basti verfasste Artikel über Trofim Denissowitsch Lyssenko, der mit kruden Thesen und pseudowissenschaftlicher Theorie politischen Einfluss hatte und von Stalin gefördert wurde. Seine Theorie des Lyssenkoismus, nach der die Eigenschaften von Lebewesen nicht durch Gene, sondern durch Umweltbedingungen bestimmt werden, war wissenschaftlich unhaltbar und widersprach den zu Lyssenkos Zeiten bekannten Grundlagen der Genetik. Einige seiner Forschungsergebnisse wurden als Fälschungen entlarvt, Kritiker wurden mundtot gemacht, er selbst konnte sich durch gute Beziehungen innerhalb der Partei und zu Stalin persönlich erhebliche Ressourcen verschaffen. Durch seine Anweisungen kam es zu Missernten und Hungersnöten, die Lehre konnte ohne diktatorische Gewaltherrschaft nicht existieren. Dies war von Lysenko beabsichtigt und Repressalien gegen seine Kritiker programmiert.

Gesamteindruck:

Das PLASTIC BOMB hat einen redaktionellen Wandel vollzogen und ist immer noch in einem nicht abgeschlossenen Prozess des Neuanfangs. Mit Bäppi hat die Redaktion einen Mitarbeiter gewinnen können, der sich vermehrt auf die Rubrik "Fanzine" fokussiert und hierzu gute qualitative Arbeiten abliefert, die die ursprünglichen Aspekte herausbilden, denn es geht auch darum, neue theoretische und methodische Kategorien zu etablieren, die ein strukturell historisches Ereignis zu diesem Thema bezeichnen oder verstärkt den diskursiven Bedingungen mehr Aufmerksamkeit widmet als der standardisierten Quantitätsabfrage zu musikrelevanten Themenfeldern (Musikinterviews). Mir fehlen kontroverse, widersprüchliche Themen und Ideen, die plausibel analysiert werden. Tiefpunkt ist bspw. der Sauerland-Wandertag-Bericht, der kuriose Alltagsnotizen in einem hanebüchenen Artikel widerspiegelt. Das P.B. hat die Chance vertan, ein subkulturelles Projekt mit einem radikalen Neuanfang zu verbinden. Wenn das nicht gewünscht war, dann fehlt heute ein vergleichbares konsensfähiges Projekt, das nicht die Grundorientierung zu Status und die Funktion eines Musikfanzines bedient, sondern weiter gedacht wird und sich von traditionellen Gewohnheiten löst. Ein Fanzine sollte Kommunikationsmittel und milieuförmige, diskursive Inhalte transportieren. Davon ist das P.B. weiter entfernt, als zuvor.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0